Bilderbuch zur Arbeit mit traumatisierten Kindern

trauma-bilderbuch1 Seite 01 250Viele Flüchtlingskinder kommen heute mit traumatischen Erfahrungen nach Deutschland und damit auch in Bildungseinrichtungen wie KiTa oder Grundschule. Ein mehrsprachiges, kostenlos zum Download angebotenes „Trauma-Bilderbuch" kann Kindern, Eltern, UnterstützerInnen und pädagogischen Fachkräften helfen, die ebenso unsichtbare wie lebenseinschränkende Belastung gemeinsam zu verstehen. Das Trauma-Bilderbuch versucht, ein schweres Thema auf zugleich plastisch-kindgerechte und dennoch von ganz konkreten Erlebnissen abstrahierende Weise, darzustellen: Ein Kind erlebt kriegsbedingt eine überwältigende Angstsituation, der „Schatten dieser Angst" verfolgt das Kind auch längst noch, wenn die schreckliche Situation bereits eine ferne Vergangenheit geworden ist. Es versucht aufzuzeigen, was das Kind jetzt braucht: praktische Hilfen im Alltag, tröstende Botschaften des Umfeldes und eventuell auch den Weg in eine professionelle Therapie. Das Buch hat in der Fachwelt eine intensive Debatte darüber ausgelöst,  ob es sich wirklich auch für den Einsatz in der KiTa eignet. Beachten Sie daher bitte auch den Punkt "In der Diskussion" am Ende des Beitrags!


Entwickelt wurde das Trauma-Bilderbuch unter dem Titel „Das Kind und seine Befreiung vom Schatten der großen, großen Angst" von der Organisations- und Personalberaterin Susanne Stein. Wie sie berichtet, war der Anlass ein ganz persönliches Erlebnis mit Flüchtlingen: „Wir haben wunderbare Menschen mit sehr schweren Schicksalen kennen gelernt. Wir konnten sehen, wie begabte Kinder offen oder versteckt leiden und liebevolle Eltern nicht wissen, wie sie ihnen helfen sollen. Das hat mich dazu gebracht, meine pädagogischen Kenntnisse und meine Freude an Kreativität für diese Bilderbuch einzusetzen." Unterstützt wurde Susanne Stein dabei unter anderem von einer Psychologin, einem Mediziner und zwei Traumatherapeutinnen.

 

Bilder-, Mal- und Ratgeberbuch in einem


trauma-bilderbuch1 Seite 13 250Das Bilderbuch besteht aus vier Teilen: Zunächst wird eine stark symbolisierte Bildergeschichte über ein Kind in einem Krieg erzählt, in dem es nicht näher beschriebene, schlimme Erfahrungen macht, von denen deutlich wird, dass sie die kindlichen Fähigkeiten zur Verarbeitung übersteigen . Es flieht mit seinen Eltern in ein sicheres Land und wird doch noch vom Schatten der Angst weiter verfolgt – bis es sich - mit Unterstützung durch seine Eltern und andere daraus befreien kann (was vielleicht als allzu klischeehaft-optimistisch kritisiert werden könnte). Es folgt ein auch unabhängig vom Bilderbuch zu verwendender, sehr praxisnaher Ratgeber für Eltern und BegleiterInnen von traumatisierten Kindern und schließlich gibt es für die Kinder Raum, um zu verschiedenen Themen selber Bilder zu malen. Abgerundet wird das Buch mit Informationen über die Autorin und das zahlreiche „Unterstützerteam".

 

Viele Ansatzpunkte für die pädagogische (Trauma-) Arbeit


Das Buch kann – in ganz unterschiedlicher Form – von allen genutzt werden, die mit traumatisierten Kindern zu tun haben – neben den Eltern sind das die vielen ehrenamtlichen HelferInnen und natürlich auch die pädagogischen Fachkräfte in KiTas und Grundschulen. Ihnen gibt das Buch ein Hilfsmittel zur Hand, mit dem diese Kinder sich und ihre ängstigenden Gefühle besser verstehen können. „Sie erfahren", so Susanne Stein, „Erleichterung, weil es für ihre andauernden Ängste oder Körpersymptome Erklärungen gibt. Eventuelle Scham- und Schuldgefühle werden verringert. Ihre Zuversicht wird gestärkt." Das Trauma-Bilderbuch kann andererseits auch der von Eltern und HelferInnen oftmals empfundenen Ohnmacht und Hilflosigkeit im Umgang begegnen – im gemeinsamen Schauen und Lesen wächst das Verständnis und werden Lösungsansätze deutlich. Dabei kommt es, wie Susanne Stein erläutert, auch auf die richtige Haltung der Erwachsenen an: „Sie begleiten die Kinder freundlich, bescheiden und anteilnehmend bei der Lektüre, sie nehmen ihre Gefühle wahr und antworten auf ihre Fragen. Sie wissen nichts besser, sie stellen keine Diagnose. Sie zeigen Hilfsmöglichkeiten auf. Wenn es hilft, ist es gut. Wenn die Betroffenen es ablehnen, ist es ihr gutes und wichtiges Recht."

 

Grenzen bewusst machen


Zu Recht betont die Autorin auch, dass das Trauma-Bilderbuch selbstverständlich keine psychologische Therapie ersetzen kann. In diesem Sinne sind ErzieherInnen, LehrerInnen oder andere pädagogische Fachkräfte in der Arbeit mit diesem Trauma-Bilderbuch auch dazu aufgerufen, sehr sensibel und selbstkritisch darauf zu achten, ob sie das Kind tatsächlich noch erreichen können oder ob sie doch besser psychologische Hilfe in Anspruch nehmen bzw. das Kind weiter verweisen sollten. In vielen Fällen bietet das Buch aber sicherlich gute Ansätze für den Aufbau einer Kommunikations- und Vertrauensbasis und kann allen Beteiligten Mut machen – frei nach dem von Susanne Stein zitierten chinesischen Sprichwort: „Lieber eine Kerze anzünden, als über die Finsternis klagen".

Das Traum-Bilderbuch liegt in den Sprachen Deutsch, Englisch, Arabisch und Farsi vor und steht unter dem Link unten zum freien Download zur Verfügung.

 


 

In der Diskussion:

 

Die Vorstellung des Bilderbuches auf unserem Portal hat eine intensive Diskussion darüber ausgelöst, in welchem therapeutischen und / oder pädagogischen Rahmen es eingesetzt werden sollte. So wird davor gewarnt, dass es im schlimmsten Fall zur Retraumatisierung oder zu emotionalen Reaktionen führen könne, die in der KiTa nicht aufgefangen werden könnten. In diesem Sinne schreibt uns Ute Kühne, Diplom- Medizinpädagogin, Kunsttherapeutin und seit 20 Jahren Fachberaterin für KiTas folgendes:

„Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass TherapeutInnen wiederholt geäußert haben, dass das von Ihnen für Kindertageseinrichtungen empfohlene Kinderbuch lediglich von dafür geschulten Fachkräften in Therapien genutzt werden sollte. Das Buch hat eine mögliche „Auslöse-funktion" für traumatisierte Menschen. Das könnte bedeuten, dass gerade durch die Nutzung dieses Buches, Traumasymptome ausgelöst werden können, die durch PädagogInnen im Rahmen von Kindertageseinrichtungen nicht aufgefangen werden können.
ErzieherInnen sollten ihre Kompetenzen nutzen und sichere Bindungen ermöglichen. Sie haben keinen therapeutischen Auftrag und das ist im Interesse der Flüchtlingskinder auch gut so!"

 

 

 

 



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