Trauma: Definition - Symptome - Pädagogik

Inhaltsverzeichnis

  1. Trauma: Definition - Symptome - Pädagogik
  2. Welche möglichen Symptome können als Folge von Traumata entstehen?
  3. Welche traumapädagogischen Ansätze können für die Arbeit mit Kindern in der Praxis hilfreich sein?

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Der folgende Text gibt einen ersten Einblick in das komplexe Thema „Trauma“. Es werden zunächst Definitionen vorgestellt und Hintergründe für Traumatisierung aufgezeigt. Dann werden mögliche Symptome nach einer Traumatisierung und schließlich pädagogische Herangehensweisen aufgezeigt.

Definitionen von Traumata

Laut Duden ist die Bedeutung von Trauma in der Psychologie zunächst eine „starke psychische Erschütterung, die [im Unterbewusstsein] noch lange wirksam ist“ (1).

Wissenschaftlich definiert bedeutet ein Trauma nach der internationalen Klassifikation von Krankheiten der Weltgesundheitsorganisationen (ICD-10), einem „belastenden Ereignis oder einer Situation mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß ausgesetzt zu sein, die bei fast jedem eine tiefe Verstörung hervorrufen würde.“ (ICD-10, F 43.1). Die Symptome des Traumas treten nach dieser klinischen Definition mindestens innerhalb eines halben Jahres auf. (2)

Das DSM-V, ein Manual psychischer Störungen, beschreibt, dass ein Trauma auf verschiedenen Ebenen ausgelöst werden kann. Die Betroffenen sind zum Beispiel durch einen oder mehrere der unten genannten Aspekte mit dem (tatsächlichen oder angedrohten) Tod, schwerwiegenden Verletzungen oder (sexualisierter) Gewalt konfrontiert:
  • Sie haben eine außergewöhnliche Bedrohung am eigenen Leibe erfahren müssen,
  • sie waren als Zeugin oder Zeuge unmittelbar betroffen, als einem anderen Menschen etwas sehr Belastendes zugestoßen ist,
  • sie erfahren aus zweiter Hand, dass einem nahestehenden Menschen etwas Lebensbedrohendes widerfahren ist,
  • sie werden im Kontakt mit Menschen immer wieder mit Details traumatisierender Ereignisse konfrontiert. Das kann auch Traumafolgestörungen auslösen. Dabei geht es nicht um Medienberichte, sondern um den kontinuierlichen direkten Kontakt mit traumatisierten Menschen und deren Schilderungen ihrer Erlebnisse (3).

Die Reaktionen auf überfordernde und traumatische Ereignisse können bei Erwachsenen und Kindern ähnlich oder auch ganz verschieden sein. Die Auswirkungen bei Kindern können gravierender sein, da ihre Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Ein Erwachsener, der ein traumatisches Ereignis erlebt, hat bereits eine gereifte Persönlichkeit und ein gewachsenes Selbst- und Weltbild, in das er das Trauma integrieren kann (4) Ein in der Kindheit erlebtes Trauma kann die gesamte Persönlichkeitsentwicklung prägen:

„Ein Kind, das früh auf Überleben trainiert ist, wird sich zu einem perfekten Überlebenskämpfer entwickeln. Das heißt, dass seine Notfallprogramme Flüchten, Kämpfen, Dissoziieren und Vermeiden in die Pole-Position des individuellen Verhaltensrepertoires aufgenommen werden und so eine zentrale Grundlage für die Strukturierung der Gesamtpersönlichkeit bilden.“ (5)

Auch Definitionen von Traumata aus der Hirnforschung heben die langfristigen Störungen der neuronalen Hirnstruktur hervor und verdeutlichen, dass ein biografisch erlebtes Trauma nicht einfach vorbei geht, sondern neuronal verankert wird und so seine Spuren tief in der Persönlichkeitsentwicklung hinterlässt (5).



Empfehlung für Fachkräfte:
Wenn Sie sich mitfühlend anhören, was ein anderer Mensch erlebt hat und Sie sich bildlich vorstellen, was er oder sie schildert und Sie dabei emotional mitfühlen, kann sich das Erleben auf Sie übertragen (Gefahr einer sekundären Traumatisierung). Deshalb ist es besonders wichtig in der Arbeit mit traumatisierten Menschen, gut auf sich zu achten und für Selbstschutz und Entlastung zu sorgen



Bewältigungsstrategien variieren
Eine weitere Trauma-Definition stammt von Fischer und Riedesser: „Ein Trauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, welches mit dem Gefühl der Hilflosigkeit und schutzlosen Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ (5)

Es geht also um ein Missverhältnis zwischen
  • dem was ein Mensch erlebt (Situationsfaktoren),
  • dem, wie er das Erlebte bewältigen kann (individuelle Bewältigungsmöglichkeiten),
  • und den Konsequenzen dieses Missverhältnisses (Traumafolgestörungen basierend auf Stress-/ Traumareaktionen).
Das erklärt, warum bspw. nicht jeder Mensch, der eine Flucht erlebt hat, eine Traumatisierung aufweist. Selbst wenn es bei allen Menschen exakt die gleichen Situationsfaktoren gegeben hätte, weist doch jeder Mensch unterschiedliche Bewältigungsmöglichkeiten auf. Diese sind ganz entscheidend dafür, ob ein Trauma entsteht oder nicht (6).

Unterschiedliche Traumatisierungshintergründe
Von zentraler Bedeutung ist die von Terr (1991) eingeführte Unterscheidung zwischen Typ-1- und Typ-2-Trauma:

Typ-1-Trauma bezeichnet einmalige, unvorhersehbare Ereignisse, sogenannte Monotrauma. Darunter werden Folgen von Traumatisierungen verstanden, die einmal geschehen und einen Anfang und ein Ende haben, innerhalb eines sonst relativ normal verlaufenden Lebens. Dazu gehören z. B. Unfälle, Operationen, Naturkatastrophen, einmalige Misshandlungen, Überfälle, Vergewaltigungen.

Typ-2-Trauma dagegen bezeichnet Erfahrungen chronischer (und in der Regel früh einsetzender) Traumatisierung. Es gibt oft keinen eindeutigen Anfang und kein wirkliches Ende. Traumatisierende Entwicklungsbedingungen in der Kindheit, wie körperliche und seelische Misshandlungen, Vernachlässigungen, sexueller Missbrauch, häufige Wechsel der Beziehungspersonen und der Lebensmittelpunkte, Überleben mit misshandelnden und/ oder chronisch kranken Eltern, Flucht und Vertreibung aus Heimatländern sind deshalb Teile von Komplextraumatisierungen (Typ-2). In der Regel sind die Folgen von Typ-2-Traumata deutlich gravierender (7).



Welche möglichen Symptome können als Folge von Traumata entstehen?


Die Reaktionen von Menschen auf schwere Belastungen und Traumata unterscheiden sich je nach Art, Schwere und Dauer des traumatisierenden Ereignisses, dem Alter, der Person und dem zeitlichen Abstand zu dem traumatischen Ereignis. Entsprechend gibt es sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen eine sehr große Bandbreite an Symptomen.

In den psychiatrischen Klassifikationssystemen werden typische Symptome der Traumafolgestörungen für die Praxis benannt. Viele der aktiven Traumatherapeutinnen und -therapeuten sind sich jedoch einig, dass die Klassifizierungen längst nicht die Spannbreite der durch Traumatisierungen verursachten Symptome und Phänomene erfassen (8).

Posttraumatische Belastungsstörungen
Grundsätzlich wird zwischen einer akuten Belastungsreaktion, die während des traumatischen Ereignisses eintritt und nach wenigen Stunden oder Tagen wieder verschwindet, und einer ausgeprägten sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) unterschieden. Typische und ganz normale Belastungsreaktionen wie Verstörung, sich betäubt fühlen, Unruhe, Schlafstörungen oder kurzfristige Gedächtnisstörungen unterscheiden sich im Wesentlichen nicht von den Reaktionsbildungen der PTBS. Sie sind lediglich von vorüberge-hender Dauer und können im Rahmen eines Selbstheilungsprozesses des Organismus überwunden werden.

Erst wenn die unter traumatischem Stress entstandenen Symptome weiter bestehen, sogar noch intensiver werden und nach vier Wochen keine deutliche Linderung eintritt, kann von einer PTBS ausgegangen werden.

Alle Traumafolgestörungen gehen mit folgenden zwei Hauptsymptomen einher, wenn auch in unter-schiedlicher Qualität:
  • wiedererlebende Symptome: Zum einen in Form von sog. „Intrusionen“, womit ganz allgemein Erinnerungen an die Vergangenheit gemeint sind, die als störend oder belastend empfunden werden. Zum anderen in Form von „Flashbacks“, bei denen der Mensch von Gefühlen und Gedanken überflutet wird, die im Zusammenhang mit dem Trauma stehen. Der Betroffene hat das Gefühl, alles noch einmal zu durchleben. Auslöser sind sogenannte „Trigger“. Das können zum Beispiel Gerüche, Gefühle, Körperreaktionen oder Geräusche sein.
  • Vermeidung jeglicher Erinnerung an das Trauma (Konstriktion): Das Spektrum reicht von Lust- und Freudlosigkeit, Empfindungs- und Gefühllosigkeit über das Vermeiden von Situationen und Begegnungen, die an das Trauma erinnern könnten, bis hin zur Dissoziation („Auseinanderfallen von psychischen Funktionen, die normalerweise zusammenhängen“) (9).

Die körperlichen Symptome haben aufgrund des Stresses viel mit den Stresshormonen zu tun, darunter Adrenalin und Norardenalin, die den Sympa-thikus aktivieren. Dadurch verändern sich einige Körperfunktionen, wie zum Beispiel:
  • Das Herz schlägt schneller und kräftiger.
  • Die Bronchien erweitern sich, um die Atmung zu erleichtern.
  • Die Schweißproduktion nimmt zu, um die Körpertemperatur zu regulieren usw.
Alles ist auf Bewegung (Flucht, Angriff) ausgerichtet und nicht auf Ausruhen, Schlafen, Nachdenken oder Konzentrieren. Das spiegelt sich in den Symptomen der Traumafolgestörungen wider (10)



Reflexion für die Praxis:

Die hier beschriebenen Symptome können auch ganz andere Hintergründe und Ursachen haben. Wesentlich ist, dass Fachkräfte die vorhandenen Symptome beobachtend beschreiben und möglichst nicht selbstständig interpretieren oder gar diagnostizieren.

Gemeinsam mit den Betroffenen oder deren Eltern und/ oder im Team kann entschieden werden, ob eine professionelle Diagnostik bei einem ausgebildeten Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin erfolgen soll.

Wenn das zunächst aufgrund äußerer Umstände schwierig ist, können sich die zuständigen Bezugspersonen auch andere vorübergehende Unterstützer, wie z. B. Ärztinnen oder Ärzte und Beratungsstellen in ihrer Region suchen




Kinder zeigen andere Symptome
Kinder entwickeln nach traumatischen Erfahrungen meist andere Symptome und Störungsbilder als Erwachsene. Sie weisen beispielsweise häufig regressives Verhalten auf, indem sie z. B. einnässen, am Daumen lutschen und/oder extrem trennungsängstlich sind. Dann kann es sein, dass sie schon Gelerntes vergessen und z. B. plötzlich zurück in die Babysprache verfallen. Hinzu kommen manchmal aggressive Verhaltensweisen, die durch Übererregung bedingt sein können oder der verinnerlichten Vorannahme entsprechen: „Angriff ist die beste Verteidigung“.

Säuglinge und Kleinkinder leiden besonders unter den Folgen einer Traumatisierung. Die belastenden Ereignisse können sie noch nicht verstehen und verarbeiten. Eine Bedrohung ist zeitlich nicht begrenzbar, weil noch kein Zeitbegriff besteht (11). Sie entwickeln dann eher Probleme beim Schlafen, Essen, in Trennungssituationen und im Bindungsverhalten.

Kleine Kinder äußern ihre emotionalen Befindlichkeiten häufig im Spiel und/oder über Körpersymptome. Sie haben eine höhere Anpassungsfähigkeit und passen sich oft schneller an neue Menschen und Umgebungen an als ältere Kinder. So empfinden z. B. kleinere Kinder den Verlust der Heimat meist nicht so stark wie ältere.

Je nach Herkunftsland können Mädchen angesichts von erlebten Traumata eher Rückzugsverhalten zeigen und Schmerz und Trauer vornehmlich inter-nalisierend verarbeiten. Jungen hingegen neigen häufig dazu, ihre Symptome nach außen auszuagieren und zeigen externalisiertes Verhalten. Das Vorbild der Eltern spielt dabei meist eine entscheidende Rolle (12).

Weitere Symptome nach Traumata von Erwachsenen und Kindern können sein:
  • innere und/oder äußere „Erstarrung“, Empathieverlust, Übererregung
  • Selbstabwertungen und Schuldzuschreibungen
  • selbstverletzendes Verhalten
  • Empfinden von Sinn- und Hoffnungslosigkeit verbunden mit Suizidgedanken oder Suizidalität


Welche traumapädagogischen Ansätze können für die Arbeit mit Kindern in der Praxis hilfreich sein?

Traumatisierte Kinder fordern pädagogische Fachkräfte oft heraus, sehr genau hinzusehen und entsprechend zu handeln. Hier stellt sich in der Praxis häufig die Frage, wie das Wissen über Ursachen und Folgen von Traumatisierung für die eigene pädagogische Arbeit genutzt werden kann. Traumapädagogische Ansätze beschäftigen sich mit diesen Fragen. Sie sind auch für KindertagespflegeKindertagespflege|||||Kindertagespflege oder Tagespflege umfasst eine zeitweilige Betreuung von Jungen und Mädchen bei Tagesmüttern oder Tagesvätern. Nach dem Tagesbetreuungsausbaugesetz von 2004 ist die Tagespflege neben der Tagesbetreuung in Kindertageseinrichtungen eine gleichwertige Form der Kindertagesbetreuung.  und Kita bedeutsam. Denn als Orte der täglichen Begleitung von Kindern können Fachkräfte die individuelle Entwicklung positiv beeinflussen und zur Stabilisierung der Kinder und Familien beitragen.

Eine grundlegende Voraussetzung für traumapädagogische Arbeit ist eine allgemeine Grundhaltung, die unter anderem folgende Kennzeichen aufweist:
  • das Verstehen der Überlebensstrategien und das Wissen um Folgen von Traumatisierung und biografischen Belastungen
  • Respekt vor der (Über-)Lebensleistung der Kinder
  • ein Schwerpunkt auf Ressourcen und ResilienzResilienz|||||Resilienz kann als "seelische Widerstandsfähigkeit" verstanden werden mit der Fähigkeit Krisen zu meistern und diese als Anlass für Selbstentwicklungen zu nutzen. In der Resilienzförderung geht es speziell darum die Widerstandsfähigkeit von Kindern und Erwachsenen in belasteten und risikobehafteten Lebenssituationen durch schützende Faktoren zu entwicklen, zu ermutigen und zu stärken. Ein verwandter Begriff ist der der Salutogenese. 
  • das Verständnis, dass die gezeigten Verhaltensweisen normale Reaktionen auf eine extreme Stressbelastung sind (13)

Jegodtka und Luitjens gehen davon aus, dass die Folgen von Trauma und Gewalt nicht auf das Individuum beschränkt bleiben, sondern sich auf verschiedenen Systemebenen manifestieren und entsprechend auf das Individuum zurückwirken (14).

In der Arbeit mit traumatisierten Kindern bedeutet das, ihre evtl. schwierigen Verhaltensweisen im gesamten Kontext des Zusammenspiels von Familie, Institutionen, Gesellschaft und Kultur zu sehen. Die betroffenen Kinder haben einen guten Grund für ihre Annahmen, Reaktionen und Verhaltensweisen und sind nicht verantwortlich für das, was ihnen widerfahren ist. Im Gegenteil, sie haben in ihrem Leben schon viel geleistet.



Allgemeine methodische Ansätze traumapädagogischen Handelns:

  • Sicherheit und Stabilität herstellen
  • Fähigkeit zur Stressregulation durch Entspannungs- und Aktivierungsmethoden fördern
  • Entwicklung von Kontaktfreudigkeit, Beziehungsfähigkeit, sicheren Bindungen durch Interaktions- und Kommunikationsspiele und Beziehungsangebote unterstützen
  • positives Selbstbild und eine konsistente Identitätsentwicklung ermöglichen
  • Problemlösung, Ressourcenorientierung, Potenziale und einen gesundheitsbewussten Lebensstil fördern



Kindertagespflege und Kita als sicherer Ort
Die Kindertagesbetreuung kann für traumatisierte Kinder ein sicherer Ort sein, in dem die Fachkräfte sie unterstützen, Fähigkeiten und Ressourcen zu entwickeln und aufzubauen. Dabei geht es vor allem um einen Ort, in dem Kindern geholfen werden kann, ihre Beeinträchtigungen zu akzeptieren. Wenn Fachkräfte die Kinder als Expertinnen und Experten für ihr eigenes Leben betrachten, können die Fachkräfte den Kindern ihr Wissen und eine sensible und empathische Haltung zur Verfügung stellen und sie in diesem Raum entsprechend begleiten.

Ein ganz wesentlicher Ansatz einer traumapädagogischen Haltung ist, dass Fachkräfte den Kindern helfen, Vertrauen aufzubauen und sichere Bindungen einzugehen.

Das Zentrum für Traumapädagogik in Hanau benennt wichtige Aspekte für pädagogische Fachkräfte zur Förderung der Selbstregulation bei den Betroffenen (15):
  • den physiologischen Auswirkungen von Stress gerecht werden
  • Warnsignale, Trigger und Stimuli kennen und identifizieren lernen
  • Abreaktion der belastenden Gefühle und der eingefrorenen Energie ermöglichen
  • Methoden der Selbstregulation entwickeln
  • Körpergewahrsein und Körperfürsorge entwickeln.

Klare Regeln und Strukturen
Kinder, die Traumatisches erlebt haben, brauchen verständliche Regeln und Strukturen sowie klare Konsequenzen und Orientierung, damit Vorhersehbarkeit als Erfahrung möglich wird. Verlässliche Tagesabläufe unterstützen dieses Bedürfnis nach Halt.

In einem gut strukturierten Gruppenalltag hilft es den Kindern, wenn sich die Fachkräfte trotz aller Schwierigkeiten immer wieder auf eine wohlwollende und wertschätzende Haltung fokussieren. Wesentlich dabei ist, jedes Kind individuell zu betrachten und die jeweiligen Bedürfnisse und inneren Bilder und Vorstellungen zu differenzieren, um bei der Symptom- und Stressregulation hilfreich sein zu können.

Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung
Bei der Arbeit mit traumatisiserten Kindern ist das Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung zusätzlich von zentraler Bedeutung.

Übertragungen sind unbewältigte Beziehungserfahrungen, die in andere Beziehungskontexte hineingetragen werden und den Teufelskreis des Wiederholungszwanges beschreiben. Die meisten traumatisierten Kinder beleben und inszenieren Situationen neu, wenn sie eine unbewusste Erinnerung daran haben. Dann wird die aktuelle Bezugsperson zu einer Reaktion gebracht, die zu der unbewältigten Situation gehört. Sie wird zur Vertreterin oder zum Vertreter der inneren negativ besetzen Figur gemacht. Die Wiederholung des Unglücks, verbunden mit Gefühlen der Angst und Not löst im Gegenüber eine Gegenübertragung aus. Diese kann dann unbewusst dazu führen, dass eine Retraumatisierung des Kindes stattfindet. Es ist wichtig, dass Bezugspersonen von traumatisierten Kindern lernen, diese Situationen zu identifizieren, damit sie feinfühlig auf das Kind reagieren und den unbewussten negativen Wünschen und Rollenerwartungen nicht entsprechen. Regelmäßige Supervisionen helfen den Fachkräften in der Praxis, eigene Verhaltensweisen und Reaktionen so zu gestalten, dass positive Erfahrungen für jedes Kind individuell möglich sind (16).

Literaturhinweise

(1) https:// www.duden.de/rechtschreibung/Trauma [23.01.2018].
(2) Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M. H. & Schulte-Markwort, E. (Hrsg.). (2006). Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V(F) – Diagnostische Kriterien für Forschung und Praxis (4. Aufl.). Bern: Hans Huber.
(3) Falkai, P. & Wittchen, H.-U. (Hrsg.). (2014). Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-V. Göttingen: Hofgrefe.
(4) Zito, D. & Martin, E. (2016). Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen. Weinheim: Beltz Juventa.
(5) Scherwarth, C. & Friedrich, S. (2014). Soziale und pädagogische Arbeit bei Traumatisierung (2.Aufl.). München: Ernst Reinhardt. Zitat S. 32.
(6) zit. nach Imm-Bazlen, U. & Schmieg, A.-K. (2017). Begleitung von Flüchtlingen mit traumatischen Erfahrungen. Berlin: Springer. Zitat S. 36.
(7) Terr, L. (1991). Childhood trauma: An outline and overview. American Journal of Psychiatry, 148, 10-20
(8) Scherwarth, C. & Friedrich, S. (2014). Soziale und päda-gogische Arbeit bei Traumatisierung (2. Aufl.). München: Ernst Reinhardt.
(9) https://de.wikipedia.org/wiki/Dissoziation_(Psychologie)
(10) Imm-Bazlen, U. & Schmieg, A.-K. (2017). Begleitung von Flüchtlingen mit traumatischen Erfahrungen. Berlin: Sprin-ger.
(11) Krüger, A. (2015). Erste Hilfe für traumatisierte Kinder. Ostfildern: Patmos.
(12) Präventionsnetzwerk Ortenaukreis (PNO) (Hrsg.). (2016). Stärkung von Kita-Teams in der Begegnung mit Kindern und Familien mit Fluchterfahrung [Handreichung für pädagogische Fachkräfte]. Freiburg: FEL.
(13) Weiß, W. (2006). Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen (3. aktualisierte Auflage). Weinheim: Juventa
(14) Jegodtka, R. & Luitjens, P. (2016). Systemische Traumapädagogik. Traumasensible Begleitung und Beratung in psychosozialen Arbeitsfeldern. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht.
(15) Kessler, T. (2015). Flucht und Trauma. Unveröffentlichtes Handout zum Vortrag am 07.12.2015 in Osnabrück.
(16) Reekers, H. & Gloger-Wendland, K. (2016). Traumata und ihre Folgen. Stärkende Ansätze aus der Traumapädagogik. (nifbe-Themenheft Nr. 29). Osnabrück. Download: https://www.nifbe .de/images/nifbe/Infoservice/Downloads/Traumaonline.pdf


Hinweis:

Dieser Text ist in drei Teilen im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des vom Bundesfamilienministerium geförderten Programms „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“ durch das nifbe entstanden. Er ist ein Teil des digitalen Sammelordners "Kita-Einstieg Wissen kompakt" mit knappen prägnanten Texten zu diesem Themenbereich und einer Einführung zum Hintergrund.

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AdmirorFrames 2.0, author/s Vasiljevski & Kekeljevic.




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