nifbe-Tagung zur inklusiven Haltung und Beziehungsgestaltung

Der Umgang mit Vielfalt in ihrer ganzen Bandbreite ist eine der zentralen Herausforderungen in der Gesellschaft wie auch in den KiTas – denn hier kommen wie in einem Mikrokosmos schon häufig Kinder aus ganz unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten und mit ganz unterschiedlichen individuellen Eigenschaften zusammen. Doch wie kann im KiTa-Alltag eine inklusive Haltung entwickelt und eine inklusive Beziehungsgestaltung konkret umgesetzt werden? Diese Frage beantworteten auf dem nifbe-Fachtag „Vielfalt leben und erleben“ unter anderem Annedore Prengel und Gabriele Haug-Schnabel in ihren Hauptvorträgen.

erhornIn seiner Begrüßung unterstrich der neue nifbe-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Jan Erhorn, dass Vielfalt heute zugleich Normalfall sei wie Herausforderung in der pädagogischen Praxis. Das nifbe trage mit seiner Qualifizierungsinitiative dazu bei, „Wissen aufzubauen, Einstellungen zu verändern und Handlungskompetenzen zu entwickeln“. Im Verbund des nifbe mit dem frühkindlichen Forschungszentrum CEDER der Universität Osnabrück biete sich „die einmalige Chance eine durchgängige Kette von der Grundlagenforschung über die Begleitforschung bis zum Transfer in die Praxis und auch wieder zurück“ zu realisieren. Letztlich entscheidend sei, was in der KiTa ankomme.

lammDie neue nifbe-Geschäftsführerin Dr. Bettina Lamm nahm in ihrer Einführung die unterschiedlichen Kulturen in der KiTa in den Blick. Sie seien insbesondere geprägt durch sozioökonomische Aspekte und führten zu ganz unterschiedlichen Werthaltungen und zu ganz unterschiedlichen Erziehungs- und Sozialisationszielen.

„Es gilt, die Vielfalt in der KiTa sensibel wahrzunehmen und für jedes Kind unterschiedliche Anerkennungs- und Unterstützungsformen zu finden“ sagte Bettina Lamm und pointierte: „Normierung führt immer zu einer Form der Exklusion“.

„Auf der Beziehungsebene kann jede und jeder im Hier und Jetzt mit der Inklusion beginnen!“

prengelAls „Mutter der Vielfaltspädagogik“ nahm Annedore Prengel in ihrem Eröffnungsvortrag die „Ethik pädagogischer Beziehungen“ in den Fokus. Grundsätzlich stellte sie heraus: „Wir Menschen gehen aus einer Beziehung hervor und entwickeln uns in den frühen Jahren nur in der Beziehung zu unseren Bindungspersonen“. Und so sei auch für die pädagogische Praxis die Qualität der intersubjektiven Beziehungen von zentraler Bedeutung für die Entwicklung und das Lernen des Kindes. Und: „Ob und wie Inklusion gelingt, hängt von der Qualität der persönlichen Beziehungen ab.“ Professionell zu handeln bedeute, eine anerkennende und wertschätzende Resonanz zu geben und integrierende Beziehungen zu realisieren. Aber noch immer seien seelische Verletzungen „die häufigste und am meisten ignorierte Form der Gewalt gegen Kinder“. Nach einer großen Untersuchung von 12.000 Vignetten aus dem KiTa-Alltag musste die Forscherin feststellen, dass 25 Prozent aller pädagogischen Interaktionen verletzend sind. Bei einzelnen KiTas steige diese Quote auf bis zu 60 Prozent.Kinder bräuchten jedoch „eine verlässliche Anerkennung für ihre Selbstachtung und die Anerkennung der anderen“ und pädagogische Fachkräfte müssten sich gleichsam „um das Vertrauen der Kinder bewerben“.

Als Handwerkszeug für wertschätzende inklusive Beziehungen stellte Annedore Prengel die „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ vor. Sie sind in einem fünfjährigen Entwicklungsprozess von einer interdisziplinärinterdisziplinär|||||Unter Interdisziplinarität versteht man das Zusammenwirken von verschiedenen Fachdisziplinen. Dies kann auch als „fächerübergreifende Arbeitsweise“ verstanden werden, z.B wenn Psychologen, KinderärztInnen, ErzieherInnen und Lehrende zusammen an einer Fragestellung arbeiten.en Expertenkonferenz erarbeitet worden. Im Kern stehen hier folgende Forderungen:
  • Kinder wertschätzend ansprechen und behandeln; Kinder nicht diskriminierend, respektlos, demütigend oder übergriffig behandeln
  • Anleitung zur Selbstachtung der Kinder und Anerkennung der anderen

Abschließend unterstrich Annedore Prengel: „Auf der Beziehungsebene kann jede und jeder im Hier und Jetzt mit der InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. beginnen!“
 

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In zwei Workshoppanels mit jeweils sechs Workshops konnten sich die TagungsteilnehmerInnen in der Folge intensiv mit einzelnen Aspekten der inklusiven Haltung und Beziehungsgestaltung auseinandersetzen – neben einer Vertiefung der Ethik pädagogischer Beziehungen z.B. auch im Hinblick auf die Interaktion mit Kindern, den Eltern oder dem Team oder im Hinblick auf die eigenen Werte.

 

Der ungehobene Schatz der Vielfalt

haugEin leidenschaftliches Plädoyer für die Vielfalt hielt zum Abschluss der Tagung die Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel. Sie zeigte grundsätzlich die individuelle Ausgangslage von Kindern und ihren Herkunftsfamilien sowie unter dem entwicklungspsychologischen Fokus die „riesigen Unterschiede bei der Bewältigung der anstehenden Entwicklungsaufgaben durch die Kinder“ auf. So seien Eigenschaften und Fähigkeiten der Kinder wie zum Beispiel Gewicht, Bewegung oder Sprache ganz unterschiedlich angelegt und reiften ganz unterschiedlich. Ein Ausrichten der Pädagogik an einer vermeintlichen „Normalität“ sei daher nicht nur falsch, sondern diskriminierend und „alle nicht-individualisierten Angebote drohen zu scheitern“. Sie unterstrich: „Es ist nicht gerecht, alles für alle gleich zu machen und es ist nicht gerecht, von allen dasselbe zu erwarten. „Gerechtigkeit lebt vom Differenzieren und nicht vom Vergleichen!“

Im Hinblick auf Routinen im KiTa-Alltag wie den Morgenkreis wies sie darauf hin, dass hier auch „Abweichungen von der Regel wichtig sind, da Routinen auf Dauer für Kinder zu wenig fordernd sind.“ Kinder bräuchten einerseits Routinen für die Sicherheit und andereseits aber auch immer wieder Veränderungen für ihre Entwicklung.

Grundsätzlich gelte es im KiTa-Alltag die Kommunikation vorurteilsbewusst zu gestalten und Kinder als „gleichwertig, aber nicht gleichartig“ anzusehen. Es gelte immer bei der Gemeinsamkeit anzufangen und gleichzeitig Stereotypen und Barrieren im Kopf abzubauen. Abschließend bezeichnete Haug-Schnabel die Vielfalt als „ein Schatz, den wir noch sehr unzureichend heben.“
 
Karsten Herrmann