"Je größer die Vielfalt, umso leichter gelingt Inklusion"

Entwicklungen & Erfahrungen aus der Praxis

Im Integrativen Montessori-Kinderhaus und Familienzentrum St. Martin in Gießen werden Kinder mit und ohne Behinderungen und mit besonderen Begabungen in ihrer Entwicklung begleitet. Mechtild von Niebelschütz, Leiterin der Kindertageseinrichtung, berichtet im Gespräch mit Sybille Münnich, Chefredakteurin von klein&groß, über die Entwicklung von und wichtigen Komponenten für eine gelebte Inklusion.



"Umsetzbar ist Inklusion nur, wenn alle sich mit auf den Weg machen – Leitung und Träger eine entsprechende Haltung vorleben, von Mitarbeitern einfordern und entsprechende Fortbildungen ermöglichen. Nur im gemeinsamen Miteinander (Pädagogen, Kind und Eltern) ist eine gelingende Inklusion möglich."


  • klein&groß: Wie entstand in Ihrer Kindertageseinrichtung gelebte Inklusion?

Mechtild von Niebelschütz: Unser Integratives Montessori-Kinderhaus und Familienzentrum St. Martin in Trägerschaft des Sozialdienstes katholischer Frauen e.V. Gießen war zunächst eine heilpädagogische Einrichtung, die Kinder mit Sprach- und Wahrnehmungsstörungen aus einem großen Einzugsgebiet (ca. 40 km Umkreis) betreute und interdisziplinärinterdisziplinär|||||Unter Interdisziplinarität versteht man das Zusammenwirken von verschiedenen Fachdisziplinen. Dies kann auch als „fächerübergreifende Arbeitsweise“ verstanden werden, z.B wenn Psychologen, KinderärztInnen, ErzieherInnen und Lehrende zusammen an einer Fragestellung arbeiten. förderte. Vor 23 Jahren wurde dem Träger eine 100 Jahre alte Villa vom Bistum Mainz zur Verfügung gestellt. Wir haben sie umbauen lassen und dann in den heilpädagogischen Bereich Regelkinder aufgenommen. Seither war es auch möglich, alle Kinder aufzunehmen (unabhängig von ihrer spezifischen Behinderung). Finanziert wird die Einrichtung von der Stadt Gießen, so dass die Beiträge dieselben sind wie in jeder städtischen Einrichtung auch.

Bedingung für die Aufnahme eines Kindes ist der Erstwohnsitz in der Stadt Gießen, das Interesse der Eltern an unserer Arbeit und die entsprechende Haltung, dass jedes Kind (auch schwerstbehinderte Kinder) willkommen ist.

Durch die große Divergenz der Kinder war es für uns von Anfang an eine Selbstverständlichkeit, dass alle Kinder sehr unterschiedlich sind. Auch im Regelbereich war die Sauberkeitserziehung noch lange nicht bei allen Kindern abgeschlossen – auch im Regelbereich wird mit jeder Familie ein intensives Aufnahmegespräch geführt, um das Kind im Vorfeld bestmöglich kennen lernen zu können. Nicht alle dreijährigen Kinder müssen schlafen – es malen nicht alle Kinder dasselbe Bild.

  • Wie gestalten Sie die Aufnahme der Kinder?

Mit jedem Kind nehmen wir eine Familie auf: Eltern und Kinder stehen Paten als Unterstützung für die Eingewöhnung zur Seite, der Bezugserzieher begleitet die Eingewöhnung. Am Ende der Eingewöhnung wird jedes Kind zu Hause besucht, um das Kind auch in seinem familiären Umfeld kennen lernen zu können.

Der Hausbesuch findet bei Kindern, die einen hohen Pflegaufwand haben, vor der Aufnahme statt, um die Umgebung im Kinderhaus im Vorfeld bestmöglich für den Bedarf des Kindes vorzubereiten.

Für die Kinder bedeutet die große Divergenz, dass Verschiedenheit normal ist, da so viele Kinder irgendwie anders sind. Dieses breite Entwicklungsfeld bietet allen Kindern eine sehr gute Möglichkeit, in ihren jeweiligen Kompetenzen ernst genommen zu werden – auffallend ist außerdem eine hohe soziale Kompetenz der Kinder.

  • Was fordert Inklusion von den pädagogischen Fachkräften?

Für die pädagogischen Fachkräfte bedeutet die Inklusion ein stetiges Weiterlernen mit jedem Kind und seiner Familie – unabhängig von dessen Entwicklungsstand und Förderbedarf. Je nach Behinderungsart und Notwendigkeit eines Spezialwissens bilden sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fort. So verfügt das Personal zurzeit über Erfahrungen mit Sprachbehinderungen, Wahrnehmungsstörungen, körperlichen und geistigen Behinderungen, Hör- und Sehbehinderungen, ADHS und unterschiedlichsten Syndromen, Mutismus, Autismusspektrumsstörungen, Sondieren, Sauerstoffversorgung, Diabetesversorgung (überwachen und Werte messen, Essen abwiegen, Insulin zuführen). Auch gebärdenunterstützte Kommunikation ist ein fester Bestandteil der täglichen Arbeit.

  • Stichwort Erziehungspartnerschaft: Was ist Ihnen hier wichtig? Und wie gehen Sie mit Unsicherheiten von Eltern um?

Zu Beginn gab es schon eine große Verunsicherung bei den Eltern. Würde ihr Kind auch in der Sprache beeinträchtigt werden, wenn so viele Kinder Sprachprobleme haben? Kämen die eigenen Kinder zu kurz, wenn es Kinder mit einem hohen Pflegeaufwand gibt? Für viele Familien war es die erste Begegnung mit Menschen mit Behinderung im realen Alltag. Die Unsicherheiten haben sich schnell gelegt, inzwischen ist das gemeinsame Miteinander der Hauptgrund für die Anmeldung bei uns im Haus.

Um Eltern mit auf den Weg zu nehmen laden wir seit ca.15 Jahren einmal im Jahr zu einem Elternabend „Eltern als Experten ihrer Kinder” ein. An diesem Abend stellen Eltern aus dem Integrationsbereich ihr Kind mit seiner jeweiligen Geschichte vor. Was bedeutet es, wenn ein Kind in der 24. Woche geboren wird, schon oftmals operiert wurde, lange sondiert und beatmet wurde, die Eltern immer wieder Angst um die weitere Entwicklung hatten? An diesem Abend werden in großer Offenheit Sorgen und Nöte, aber auch die Bereicherungen durch das Kind ausgetauscht – es gibt sehr wertschätzende Rückfragen der Eltern, für die dieses Thema eigentlich oft fremd ist.

Die Zusammenarbeit mit der Familie erleben wir zum einen als Bereicherung unserer Arbeit und zum anderen als fundamentale Grundlage für eine bestmögliche Förderung des Kindes sowie die Chance, jahrelange gemeinsame Wegbegleiter zu sein. Aus diesem Grund möchten wir uns auch gegenseitig in die Verantwortung nehmen.

  • Wie gelingt es, bei so vielen verschiedenen Entwicklungswegen, dass alle Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt werden?

Die pädagogischen Fachkräfte haben die einzelnen Kinder gut im Blick, dokumentieren für alle Kinder deren Entwicklung in einem von uns konzipierten Beobachtungsbogen. Sowohl in den Gruppenbesprechungen als auch In den großen Teamsitzungen ist das einzelne Kind im Blick, werden Beobachtungen und Erfahrungen ausgetauscht, unterschiedliche Sichtweisen abgeglichen.

In regelmäßigen Einzelfallbesprechungen, an der alle an der Förderung des Kindes teilnehmenden Personen (natürlich auch die Eltern) eingebunden sind, werden die Entwicklungsfortschritte des Kindes besprochen und für die nächsten Schritte der Kompetenzerweiterung ein entsprechender Förderplan erstellt. Zu diesen interdisziplinären Konferenzen können auch Kinderärzte, Frühförderstellen oder andere Therapeuten, die mit dem Kind arbeiten, eingeladen werden.

Um allen Kindern eine umfassende und mehrdimensionale Förderung anbieten zu können, arbeiten im Kinderhaus neben den pädagogischen Fachkräften auch zwei Logopädinnen, eine Ergotherapeutin und eine Physiotherapeutin. Durch die eng vernetzte Arbeit im Kinderhaus, die lange Anwesenheit der Therapeuten auch im Alltag, erfährt das Kind diese als verlässliche Bezugspersonen, zu denen es ein Vertrauensverhältnis aufbauen kann.

Die meisten Kinder können nach kurzer Zeit eigenständig ihre Wege zur Therapie gehen (dafür müssen viele Treppenstufen erklommen werden), oftmals nehmen sie ihre Freunde mit. Die neuen Fähigkeiten und Lernansätze aus der Therapie können durch kurze Absprachen im Alltag unterstützt fortgesetzt werden und somit zur positiven Gesamtentwicklung beitragen.

  • Auch die Aufnahme hochbegabter Kinder gehört bei Ihnen zum Inklusionskonzept. Wie hat sich das entwickelt?

Durch die langjährigen Erfahrungen im heilpädagogischen Bereich, in dem eine wichtige Grundlage die differenzierte Beobachtung und individuelle Förderung des einzelnen Kindes ist, fielen uns immer wieder Kinder auf, die irgendwie „anders“ waren. Seit ca. 10 Jahren sind wir auch für die Aufnahme hochbegabter Kinder qualifiziert, so dass das Spektrum der Kinder, die in uns die in unserem Hause betreut werden, inzwischen sehr vielfältig ist.

Frühzeitig interessiert an Zahlen und Buchstaben, ein großes Symbolverständnis, frühes Philosophieren, aber auch eine ausgeprägte Neugierde und ein großer Wortschatz führen dazu, „irgendwie aus dem Rahmen zu fallen“.

Häufige Elterngespräche, in denen es um fehlende Sozialkontakte dieser Kinder, aber auch um Probleme im feinmotorischen und grobmotorischen Bereich ging, Verhaltensauffälligkeiten und trotzdem eine deutliche Unterforderung in vielen Bereichen, waren der Ausgangspunkt zum Ausbau dieses neuen Schwerpunktes.

Bei uns ist es eine Selbstverständlichkeit, dass in einer Gruppe zeitgleich gemalt, Schach gespielt, bis 100 gerechnet, geschrieben, gekrabbelt oder auch gebärdenunterstützt kommuniziert wird. Unsere Erfahrungen zeigen, dass besonders entwicklungsschnelle Kinder häufig einen sehr guten Zugang zu Kindern aus dem Integrationsbereich haben.


  • Wie werden hochbegabte Kinder im Kita-Alltag unterstützt?

Bedingt durch die Montessori-PädagogikMontessori-Pädagogik|||||Montessoripädagogik wurde von Maria Montessori ab 1907 als pädagogisches Bildungskonzept vom Kleinkind bis zum jungen Heranwachsenden entwickelt. Leitspruch der Pädagogik ist "Hilf mir es selbst zu tun" und arbeitet mit offenem Unterricht und freien Verfügungsphasen, in dem der Lehrende dazu angehalten ist die Lernprozesse angemessen anzuregen.  gibt es im Kinderhaus in jeder Gruppe Material zum Lesen, Schreiben, Rechnen und der frühen Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Themen; trotzdem musste das Angebot erweitert werden.

Für alle Kinder (unabhängig von ihrem Alter) gibt es die Möglichkeit, ein Musikinstrument zu erlernen (Flöten mit Notenlehre), Schach zu spielen, einmal pro Woche spielerisch Englisch zu lernen, aber auch in den Wald zu gehen (gerade, um die wenigen Erfahrungen im motorischen Bereich zu kompensieren), die Natur kennen zu lernen und Sozialerfahrungen zu sammeln. Auch diese Kinder benötigen oft eine enge Begleitung, Zeit um „Existenzfragen“ zu besprechen... - leider gibt es dafür keine extra Personalstunden.


  • Was hat sich im Laufe Ihrer Erfahrung bezüglich Inklusion verändert?

Verändert hat sich, dass inzwischen auch die Kinder aus dem Integrationsbereich (bis auf sehr wenige Ausnahmen) genau wie die anderen Kinder auch von ihren Eltern am Morgen gebracht und nachmittags wieder abgeholt werden. Früher gab es für alle Kinder mit Behinderung einen Fahrdienst – die Eltern waren oft nur wenig im Haus präsent. Aus Integration wurde Inklusion – im Bereich der Integration wurden Kinder mit besonderem Bedarf in eine bestehende Gruppe „integriert“.

Inklusion bedeutet, den Bedarf des Kindes zu sehen, die Umgebung entsprechend vorzubereiten, damit das Kind sich seiner individuellen Situation entsprechend bestmöglich entwickeln kann.

Zwei Beispiele aus unserem Alltag: Wir haben vor 13 Jahren einen kleinen Jungen aufgenommen, der wegen massiver Herzprobleme von einem großen Sauerstoffgerät abhängig war und auch noch nicht laufen konnte. Er liebte es, Bobbycarzu fahren. In dieser Situation musste immer ein Erwachsener an seiner Seite sein, um das Sauerstoffgerät zu tragen – er konnte keine eigenen Wege „gehen“, sich z. B. nicht verstecken. Wir ließen vom Hausmeister einen Anhänger für das Bobbycar bauen, auf dem das Sauerstoffgerät befestigt wurde. Nun konnte der Junge eigenständig seine Wege bestimmen.

Dein zweites Beispiel: Ein schwerst mehrfach-behindertes Mädchen, das nicht laufen konnte und sich nur rollend fortbewegte, hatte zusätzlich noch das Handycap, sehr stark sehbeeinträchtigt zu sein. Die Gruppentüren haben jeweils einen Glasausschnitt. Das Mädchen rollte sich immer wieder direkt an die Tür, so dass es die permanente Gefahr gab, dass man über sie stolpert, wenn man den Raum betritt. Zunächst hängten wir „Stopp-Schilder“ auf, um auf die Gefahr hinzuweisen. Dann gestalteten wir für dieses Mädchen die Umgebung anders, indem in der Tür zum Nebenraum der Gruppe ebenfalls ein Glasausschnitt eingesetzt wurde – dieses Mal aber auf Bodenhöhe, so dass sie in diese Richtung rollte und wir sie nicht mehr daran hindern mussten.


  • Welche Rahmenbedingungen für Inklusion erleben Sie?

In Hessen gibt es im Vorschulbereich seit 1999 keine Sondereinrichtungen mehr – alle Kinder mit Behinderung werden möglichst wohnortnah in der Kindertagesstätte integriert. Allerdings gab es früher fest eingestelltes Personal, die jeweils für eine Gruppe zuständig waren. Grundlage der Personalbemessung ist in Hessen das „KifoeG”, in dem eine Berechnung pro betreutes Kind zugrunde gelegt und nicht mehr nach Gruppen abgerechnet wird. Das macht die Personalplanung schwierig. Hinzu kommt die „Rahmenvereinbarung Integration”, die den Rahmen für die Integration festschreibt. Für jedes Kind, für das ein Integrationsplatz beantragt und genehmigt wird, werden in der Regel 15 zusätzliche Fachkraftstunden genehmigt, die allerdings für die Dauer der Integrationsmaßnahme befristet werden, so dass die Mitarbeiter nur befristete Verträge bekommen können.

Zweimal im Jahr müssen umfangreiche Förderpläne geschrieben, die Begleitung und Förderung in der Gruppe umfassend beschrieben werden. So ist der Anteil der Dokumentation im pädagogischen Alltag deutlich gestiegen.

Hinzu kommt eine jährlich notwendige Vorstellung im Sozialpädiatrischen Zentrum oder bei einem entsprechenden Facharzt, der die notwendige Fortführung der Integrationsmaßnahme bescheinigt. Dies ist eine schwierige Hürde.

Zum einen bedeutet dies, dass wir mit den Eltern klären müssen, was ihr Kind noch nicht kann, obwohl wir sonst ressourcenorientiert arbeiten, zum anderen dauert die Terminvergabe oft bis zu einem halben Jahr und dann die Fertigstellung des Berichtes nochmals einige Monate. Hier müssen Familien oft unterstützt und begleitet werden.

Umsetzbar ist Inklusion nur, wenn alle sich mit auf den Weg machen – Leitung und Träger eine entsprechende Haltung vorleben, von Mitarbeitern einfordern und entsprechende Fortbildungen ermöglichen. Nur im gemeinsamen Miteinander (Pädagogen, Kind und Eltern) ist eine gelingende Inklusion möglich.

Allerdings ist Inklusion erst dann wirklich gelungen, wenn wir für die Kinder nicht mehr Unterstützungsbedarfe nachweisen, nicht alle Defizite benannt werden müssen – wenn die Gruppen grundsätzlich Personell so ausgestattet sind, dass die Pädagogen jedem Kind gerecht werden können – dann ist Inklusion gelungen.

  • Welchen Impuls geben Sie unseren Leserinnen und Lesern zur Inklusion mit?

Je größer die Vielfalt, umso leichter gelingt Inklusion. Man muss sich etwas zutrauen, um auch dem Kind Zutrauen zu vermitteln. Wenn wir als Pädagogen nicht Wegbereiter für Kinder und deren Familien sind, wer dann?

Herzlichen Dank für das Gespräch!


Mechtild von Niebelschütz, seit 27 Jahren Leitung beim Sozialdienstes katholischer Frauen e. V. Gießen.
Gesprächsführung: Sibylle Münnich, Redakteurin klein&groß.


Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus klein&groß, 1-2019, S. 10-13




Verwandte Themen und Schlagworte