Hans Volkelt (1886 - 1964)

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Hans Volkelt (Quelle: Ditfurth 2016, S, 40)
Hans Volkelt, ein Vertreter der „Leipziger (genetischen) Ganzheitspsychologie (1), hat im Deutschen Reich von Anfang 1934 bis Ende 1938 an verantwortlicher Stelle des Kindergartenwesens gewirkt. In dieser kurzen Zeit ist es ihm gelungen, den Kindergarten, seine Entwicklung und Pädagogik, die Ausbildungssituation der Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen und Jugendleiterinnen sowie Friedrich Fröbel und seine Pädagogik der frühen Kindheit „völkisch“ zu instrumentalisieren, d. h. gleichzuschalten (vgl. Ditfurth 2016, S. 40 ff.). Der seit 1912 an der Universität Leipzig Lehrende und Forschende hatte sich bereits „im Ersten Weltkrieg als Kriegstreiber (2) profiliert“ (Wagner-Hasel 2011, S. 141). Hans Volkelt war ein überzeugter Nazi, der auf dem 13. Psychologiekongress der „Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ (Mitte Oktober 1933 in Leipzi) in brauner SA-Uniform erschien, angeblich sogar mit „Feldflasche am Koppel“ (Geuter 1979, S. 9). Da er schon vor 1933 Mitglied der NSDAP war, erhielt „den Ehrentitel ‚Alt-PG.‘ [Altparteigenosse; M. B.]...womit einige Privilegien verknüpft waren“ (Friedrich 2009, S. 164). Die „Machtübernahme“ begrüßte er als „Erlösung von der bedrohlichen zunehmenden Erkaltung und Verfinsterung, der Erschlaffung und Vergiftung der deutschen Seele“ (Volkelt 1934a, S. 1). Er war Ortsgruppenschulungsleiter der NSDAP, Mitglied im „Nationalsozialistischen Lehrerbund“ (NSLB), als auch der Sturmabteilung (SA). Ferner setzte er sich für die Belange des 1926 von der NSDAP gegründeten „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes“ (NSDStB) ein, der sich immer mehr als bestimmende Kraft innerhalb der Studentenschaft etablierte (vgl. Seifert 2007, S. 78). Für den 10 Mai 1933, den Tag der Bücherverbrennung, erarbeiteten Mitglieder der Universität Leipzig eine „Verbotsliste für psychologische Literatur für ganz Deutschland... Den Kommissionsvorsitz hatte Prof. Dr. Volkelt, Alt Nazi und Zuarbeiter für den SD [Sicherheitsdienst des Reichsführers SS; M. B.]“ (Seifert 2007, S. 78). Auch gehörte er zu den Unterzeichnenden (November 1933) für das Bekenntnis der universitären Elite Deutschlands zu Adolf Hitler unter dem Titel „Mit Adolf Hitler für des deutschen Volkes Ehre, Freiheit und Recht!“ (vgl. Heinze 2001, S. 135 ff.). Nachdem Ende Juni 1945 die amerikanischen Truppen Leipzig verließen, entließ die Sowjetische Militär-Administration Hans Volkelt sofort aus dem Hochschuldienst und nahm ihn für kurze Zeit in Haft (vgl. Lichtenstern/Müller 2006, S. 83). Seine Schrift „Die Umgestaltung der sächsischen akademischen Volksschullehrerbildung“ wurde auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt. Die Spruchkammer in Ludwigsburg war der Ansicht, dass Hans Volkelt „ein ‚wirklich überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus‘ sei, der ‚seine nationalsozialistische Gesinnung und Haltung unzählige Male bewiesen‘ habe“ (Wolfradt 2017, S. 459).

Leben und Wirken

Hugo Hans erblickte am 4. Juni 1886 als Sohn des hochangesehenen Philosophieprofessors Johannes Immanuel Volkelt (vgl. Schmidt 1923, S. 215 ff.) und dessen Ehefrau Meta, geb. Seeliger, in Basel das Licht der Welt. Die akademische Karriere führte die Familie 1889 nach Würzburg und 1894 nach Leipzig. In letztgenannter Stadt befreundete sich Hans Volkelt mit Friedrich Bücher, Sohn des bekannten Nationalökonomen Karl Bücher (vgl. Wagner-Hasel 2011, S. 141). Nach dem Abitur, das er in Leipzig am „König-Albert-Gymnasium“ ablegte, studierte Hans Volkelt Mathematik und Naturwissenschaften an den Universitäten von Jena, München und Tübingen. Schließlich wechselte er an die Leipziger Universität, wo der Student Vorlesungen und Seminare in Philosophie, Psychologie, Völkerkunde und vor allem Völkerpsychologie belegte.

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Dissertation von Hans Volkelt (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
1912 promovierte er mit einer Arbeit „Über die Vorstellungen der Tiere. Ein Beitrag zur Entwicklungspsychologie“. In seiner wissenschaftlichen Abhandlung wendet der Promovend schon den strukturpsychologischen Ansatz der sog. „Zweiten Leipziger Psychologieschule“(3) auf die Tierwelt und das Denken der Naturvölker sowie des kindlichen Gedächtnisses an, indem er ein „primitives Bewußtsein“ mit diffusen Komplexqualitäten präsumiert:

„Ich glaube, es ist möglich, die oft staunenswert hohen Leistungen des tierischen Gedächtnisses mit einem Schlag verständlich zu machen, wenn man nur wieder bedenkt, daß jeweils der Eindruck der Umwelt für das Tier keine Summe von Teilen ist, sondern eine Komplexqualität. Das Tier braucht sich nicht, wie wir es brauchen, mühsam in seinem Gedächtnis von Glied zu Glied weitertasten, denn sein Gedächtnis bewahrt ihm treue das Ganze auf und nicht die Teile. Und in der gleichen Richtung liegt die Erklärung der oft wunderbar treuen Erinnerung des Naturmenschen und ebenso der oft merkwürdig hohen Leistungen des kindlichen Gedächtnisses“ (Volkelt 1914, S. 125).


Anfang November 1921 habilitierte sich Hans Volkelt für Philosophie, mit einer Schrift über „Die tolerante Geisteshaltung der antiken Skepsis“.

Von 1919 bis 1922 arbeitete er als Volontärassistent, dann acht Jahre als Assistent am „Institut für experimentelle Psychologie“ der Universität Leipzig. 1926 erhielt er eine nichtplanmäßige außerordentliche Professur für Philosophie und Pädagogik, 1930 eine planmäßige außerordentliche Professur für Kindes- und Pädagogische Psychologie, „die im Juni 1934 in einen Lehrauftrag für Entwicklungspsychologie und politische Pädagogik umgewandelt wurde“ (Heinze 2001, S. 59). Seit Ende April 1933 leitete Hans Volkelt zuerst für neun Monate kommissarisch, das „Pädagogische Institut der Universität Leipzig“. Dieses wurde schließlich 1936 zu einer Hochschule für Lehrerbildung umgewandelt. Nach den Vorstellungen des „Sächsischen Ministeriums für Volksbildung“ sollte er „der künftige Direktor werden... hatte es doch in [ihm; M. B.] für die Umgestaltung und den Ausbau der Lehrerbildung ‚im Sinne des Nationalsozialismus‘ einen von den Zeilen des ‚neuen‘ Staates überzeugten ‚alten Kämpfer‘ gefunden, der noch dazu ‚gute Arbeit‘ leistete“ (ebd., S. 60).

Im Jahre 1939 wurde an der Universität Leipzig eigens für ihn ein „Psychologisch-Pädagogisches Institut“ eingerichtet, „dessen Notwendigkeit weder wissenschaftlich noch strukturell zu begründen war“ (Heinze 2001, S. 67). Dadurch konnte Hans Volkelt seine Stellung als planmäßiger außerordentlicher Professor an der Universität wesentlich stärken. Trotzdem erhielt er keine ordentliche Professur, da „Fakultät und NSD („Nationalsozialistischer Dozentenbund“; M. B.) ihn wissenschaftlich für nicht geeignet“ (Geuter 1988, S. 367) hielten. Der neu ernannte Institutsdirektor plante eine großangelegte rassenpsychologische Forschung in verschiedenen Regionen des Deutschen Reiches, einschließlich der besetzten Ostgebiete, in dessen Zentrum eine empirische Langzeitstudie stehen sollte:

„Es gilt, eine große Zahl von Menschen, von ihrer Geburt planmäßig in bestimmten Abständen... planmäßig bis zum 20. Lebensjahr auf alle leiblichen und seelischen Merkmale zu untersuchen, die für die Rasse-, Konstitutions- und Charaktertypen wesentlich sein könnten“ (zit. n. Friedrich 2009, S. 169).

Neben seiner Hochschultätigkeit übernahm Hans Volkelt am 27. Januar 1934 die Leitung des „Deutschen Fröbel-Verbandes“ (DFV) und im Oktober 1935 die Schriftleitung der verbandseigenen Fachzeitschrift „Kindergarten“ (vgl. Berger 2015, S. 26). Im DFV war er als Fröbelkenner längst bekannt, da er u.a. 1928 „auf einem Lehrgang des Friedrich-Fröbel-Hauses in Bad Blankenburg zum Thema Kinderpsychologie gesprochen und Kontakte zum DFV geknüpft [hatte; M. B.]. Volkelt schien der ideale Mann zu sein, die Verbandstradition und das Fröbelerbe mit der ‚neuen Zeit‘ verbinden zu können“ (Wolters 1998, S. 92). Außerdem zeichnete er ab Juli 1935 für die Gesamtleitung der „Reichfachschaftsgruppe VII Sozialpädagogische Berufe“ im „Nationalsozialistischen Lehrerbund“ (NSLB) verantwortlich. Über die ideologische Gleichschaltung des DFV‘s und des Fachperiodikums „Kindergarten“, das unter seiner Ägide „zunehmend niveauloser und ideologischer wurde“ (Wasmuth2011, S. 437), resümierte Hans Volkelt:

„Denn nun ist die Zeit angebrochen, die von vielen unter uns heiß ersehnte, die noch anbrechen zu sehen ihr höchster Lebenswunsch war: die Zeit, in der sich das, was wir an deutschem Gemüt und deutschem Willen im Schoße der Familie noch bargen, was wir in Kindergärten und Kinderheimen, in Horten und anderen Stätten der Jugendbetreuung oft scheu oder heimlich nur, verbotener Wiese – nicht selten gerügt, ja gestraft – in die Seelen der Kinder und Jugendlichen flößten, nun frei und öffentlich, unter dem starken Schutze des neuen Staates, entfalten und auswirken darf und soll... Ungleich näher und unmittelbarer, als es zumeist bisher war, brennt uns das Schicksal unseres Volkes auf der Seele, und alles Erziehen und soziale Helfen gilt in allererster Linie – und eben stets gleichsam und unmittelbar – dem Ganzen der durch Rasse, Land, Geschichte und völkische Gegenwartsnot verbundenen Volksgenossen. So ist im nationalsozialistischen Staate Dienst an der Menschheit fast ohne Ausnahme allein durch Dienst am eigenen Volke möglich und zugelassen. Die gesamte bisherige Pflicht- und Liebestätigkeit, die von einer vorwiegend individualistisch und zugleich menschheitlich gerichteten Humanität getragen war, muß also von der neuen, das heißt: von der völkischen Humanität durchdrungen, von ihr aus neu durchdacht, von ihr aus umgeprägt werden. Diese völkische Menschlichkeit ist eine teilweise sehr andere als die frühere, aber sie ist darum nicht weniger ‚human‘, ja wir behaupten: ihre Liebe ist heißer als die bisherige Menschlichkeit, und darum herber und härter in ihrem Handeln – hart aus Liebe! – und deshalb heilsamer als jene für Volk und Menschheit. Die nationalsozialistische Humanität wird sich, sofern sie sich wahrhaft zu entfalten vermag, letztlich als menschlicher erweisen als alle bisherige Menschlichkeit“ (Volkelt 1934a, S. 1 f).

Aufgrund von Unstimmigkeiten, die ab März 1938 durch einen Streit um die Herausgabe der Werke Friedrich Fröbels, anlässlich zum 100. Geburtstag des Kindergartens (1940), kumulierten, zog er sich Ende des Jahres 1938 von seinen Positionen im DFV und NSLB zurück. Auch legte er die Schriftleitung des Fachperiodikums „Kindergarten“ nieder (vgl. Wolters 1998, S. 95 ff.). Fortan widmete er sich seiner universitären Karriere und zeigte kein Interesse mehr am Kindergartenwesen, mit einer Ausnahme im Jahre 1952, anlässlich des 100. Todestages von Friedrich Fröbel.

Nach 1945 veröffentlichte Hans Volkelt, neben kleineren Beiträgen, noch: „Ganzheitspsychologie“ (1962), „Grundfragen der Psychologie“ (1963) und „Die Prinzipien der Raumdarstellung des Kindes“ (1968). Die Publikationen wurden von der Fachwelt kaum zur Kenntnis genommen. Zuletzt lebte er als Professor i.R. in Bietigheim.

Hans Volkelt, der am 18. Januar 1964 in Göppingen starb, war mit Gertrud Hantzsch, Tochter des Chemieprofessors Arthur Rudolf Hantzsch, verheiratet. Aus der Ehe ging Sohn Peter Johannes hervor, der ein bekannte Kunsthistoriker war (vgl. Lichtenstern/Müller 2006, S. 83 ff.).

„Gestaltungsspiele der Neuen Leipziger Spielgaben und Lernspiele"

Vor 1933 hatte Hans Volkelt mit seinen in vieljähriger Arbeit im Psychologischen Institut der Universität Leipzig entwickelten „Gestaltungsspiele der Neuen Leipziger Spielgaben und Lernspiele“ den Spielemarkt bereichert. Das sich an den Fröbelschen Spiel- und Beschäftigungsmittel orientierende Spielmaterial besteht aus den Lernspielen Zahlendomino und Zahlensteckbrett, aus Holzbaukästen (Nr. 1-4), dem Ordnungs-, Gestaltungs- und Phantasiespiel „Fafog“ (Farben, Formen, Größen) sowie dem Gestaltwandelspiel „Bald so – bald so“ (farbiges Lege- und Zusammensetzspiel). Innerhalb der verschiedenen Arten des Spielmaterials nehmen die Baukästen „den ersten Platz ein, denn im Bauen, d. h. ‚im fügenden Gestalten stehender Gebilde, die irgendwelche Räume erfüllen oder zugleich umschließen, betätigt sich der Mensch in seinen bedeutsamsten seelischen Kräften: im Gestalten fester überdauernder Formen. Deshalb kommt dem Bauspiel nicht nur für die Herausbildung der geistigen Funktionen, sondern auch für die Entwicklung und Festigung des Charakters hohe Bedeutung zu. Durch das Baumaterial, das die Leipziger Spielgaben dem Kinde bieten, ... wird schon das Kleinkind kräftig zum Bauspiel angeregt“ (Lippert 1936, S. 237).

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Begleitheft „Gestaltungsspiele der Neuen Leipziger Spielgaben“ und die dazugehörenden vier Baukästen (Quelle: Ida-Seele-Archiv)




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Bauen mit den ersten beiden Baukästen (Quelle: Ida-Seele-Archiv)

Neben dem Würfel befinden sich in den vier Baukästen „Quader und längere quadratische Prismen, Geviertplatten und rechteckige Platten, von den Proportionen der Fröbelschen sog. ‚Längen‘, aber auch solche, die bis sechsmal so lang als breit sind, usw. Alle Baustücke unserer Kästen sind in ihrer Form und Größe unmittelbar oder mittelbar aus dem Würfel abgeleitet, passen also nach Formen und Größen präzise zueinander. Wie Fröbel wählten wir Holz als Baumaterial. Auch die neutrale, dem Kinde möglichst wenig vorgreifende Naturholzfarbe der Fröbelschen Bauspiele behielten wir bei. Doch haben unsere Bauklötze ein erheblich größeres Grundmaß als die Fröbelschen Spiel- und Beschäftigungsmittel (Würfelkante 4 statt 21/2 cm) und wie mannigfaltigere, darunter auch gekrümmte Formen, freilich nur einfach gekrümmte, d. h. solche, die mit Hilfe des Kreises konstruierbar sind, z. B. Zylinder, Halbzylinder, Bogen, Halbbogen, konische Säule. Denn wir haben gefunden, daß das Kleinkind nicht zum wenigsten gerade den gerundeten und geschwungenen Formen als den besonderen lebendigen oder doch besonders lebensadäquaten so vielerlei Umgangs- und Tunslust, so viel motorische und dynamische Freude abzugewinnen und gerade solchen lebendigen Formen so mannigfache wertvolle Bedeutungen zu verleihen mag, daß wir diese teilweise gekrümmten Formen selbst beim Bauen in der Hauptsache ein Fügen und Schichten von geradlinig begrenzten Baustücken ist sein soll... Bei alledem sollen unsere verschiedenen und teilweise verhältnismäßig reich geformten Baustücke der freien Sinngebung des Kindes im allgemeinen ebenso wenig vorgreifen wie die vorwiegend einfacher und durchgängig geradlinig begrenzten Klötzchen der 3. Und 6. Gabe Fröbels“ (Volkelt 1932, S. 8).

Trotz seines Formenreichtums beinhaltet das Baumaterial völlige Freiheit, ist so gut wie „unvorgreiflich“ und ermöglicht die verschiedensten Umgangsarten. Das Kind kann die mannigfachen Formen des Materials ordnen, es kann sich „im entstaltlichen Schaffen, d. h. in reinen Formspielen ohne Sachbedeutung des aus den Baustücken Gelegten oder Gebauten, oder im Bauen von gegenständlich Sinnvollem, d. h. von Gebilden mit Sachsinn, schließlich in den verschiedensten, in früher Kindheit so häufigen Mischungen und Durchdringungen dieser hauptsächlichen Beschäftigungsarten ergehen. Sie ermöglichen dies alles und regen je nach der Einstellung des Kindes bald zu dieser, bald zu jener Umgangsart mehr oder minder kräftig an, aber sie schreiben durch ihre Form oder Farbe keine dieser Verwendungsarten vor. Sie wollen dem Kinde möglichst volle Spielbreite – im eigentlichen Sinn des Wortes – gewähren: sie geben der unermeßlichen Fülle der Umgangs- und Gestaltensweisen der Kinder verschiedenster Altersstufen, vom 4. Lebensjahr bis in Jugendalter hinauf, nahezu unbegrenzte Entfaltungsmöglichkeiten“ (ebd., S. 8 f). Für Vorschulkinder ab den 3. Lebensjahr eignet sich Baukasten N. 1, wobei Teile seines Inhalts dem Kinde schon vorher gegeben werden können. Den Baukasten Nr. 2 „fügt man je nach der Entwicklungshöhe des betr. Kindes im 5. oder 6. Jahr hinzu... Die ersten Nummern des Satzes können demnach von frühe an durch die ganze Kindheit hin beibehalten werden, ihre Entwicklungstreue mach sie zu bleibenden Begleitern durch die Kindheit“ (ebd., S. 12).

Zur Ausbildung der Kindergärtnerin

Die Kindergärtnerin war für Hans Volkelt die „berufenste Helferin des Führers“ (Volkelt 1938c, S. 69):

„Die Kindergärtnerin... hat das Glück, mit ihrer Arbeit mitten im Volk zu stehen... Sie ist in ihrem Kreise... die Treuhänderin der Bewegung im Alltag ihres erziehlichen Wirkens“ (ebd.).

Demzufolge geriet die Kindergärtnerinnenausbildung „unter das Primat der weltanschaulichen Schulung und der ‚Völkisch-politischen Menschenbildung‘“ (Konrad 2004, S. 165). Hans Volkelts „Vorstellungen über Erziehung im nationalsozialistischen Staat lassen sich vor allem anhand seiner Konzeption zur Kameradschaftserziehung der Kindergärtnerinnen nachvollziehen“ (Heinze 2001, S. 139). Erziehung strukturierte er als ein Gefolgschaftsverhältnis. Demzufolge wurde besonderer Wert auf das Gemeinschaftsleben gelegt, das „ganz und gar von den Richtkräften der nationalsozialistischen Kinder- und Volkserziehung durchdrungen“ (Volkelt 1936, S. 105) zu sein hatte. Darum wurden die Klassen "in straff geführte Kameradschaften" (ebd.) gegliedert, deren Führung denjenigen Seminaristinnen übertragen wurde, „die sich einerseits im BDM bzw. Arbeitsdienst am besten bewährt haben, andererseits zugleich in ihrem Berufe Bestes zu leisten versprechen“ (ebd.). Im Zentrum der Kameradschaftserziehung stand die „bekenntnismäßige und willensmäßige Bejahung [der; M. B.] vom Führer und seiner Bewegung wachgerufenen arteigenen Volkstumswerte, [welche die; M. B.] unbewußte Tiefe der Seele beherrschen“ (ebd. S. 108) müssten.

Um die „arteigenen Volkstumswerte“ voll zu erfahren und zu erleben, d. h. „gemeinschaftlich ‚darzuleben‘, wie Fröbel sagt“ (ebd., S. 107), wurden Lageraufenthalte empfohlen, welche durch „ihre einfache und natürliche Lebensgemeinschaft“, durch ihre „seelisch-geistige Gesammeltheit und durch selbstverständliche Ordnung und Zucht von grundlegendem Werte für Erziehung und Lehre, besonders für die Einheit von Erziehung und Lehre, von Schule und Leben ist“ (ebd., S. 106). In den „Ausbildungslagern“ sollte nur das „Allerwesentlichste... durchgearbeitet werden“ (ebd.), und dies mit „denkbar leidenschaftlicher Vertiefung in die innersten Grundlagen unserer Weltanschauung“ (ebd.). Folgende vier inhaltliche Schwerpunkte bestimmten den Unterricht:

„1. Körperschulung, Leibesübungen, Bewegungsspiele. 2. Volkstumspflege und Volkstumsarbeit, wie sie aus den Bedürfnissen des Lagerlebens selbst und aus der Aufgabe, Dorfabende, Spielnachmittage u. dgl. zu gestalten, erwachsen, also Lebensgestaltung aus lebendigster Versenkung in überliefertes wertvollstes Volkstumsgut, Bräuche, Sitten, Sprüche, Märchen, Sagen, Lieder, Tänze usw. wie aus dem neuen nationalsozialistischen Brauchtum. 3. Eindringliche, Gemüt und Willen entzündende Darstellung der Verwirklichung der Grundsätze der Partei in der Geschichte der Bewegung und im neuen Staat. Steigerung des Gemeinschaftserlebens bis zum freudigen Bekenntnis zur Formung unseres Lebens bis in Familie und Kindergarten durch die neuen Gesetze und Volksverordnungen. 4. Gemeinschaftliche Vertiefung in die tragenden Grundsätze der nationalsozialistischen Erziehung. Herleitung dieser erzieherischen Ausrichtung aus der Bewegung und aus den vom Führer erweckten Richtungskräften der Rasse. Durchdringung der sozialpädagogischen Berufsarbeit von diesen Richtkräften her“ (ebd., S. 106 f.).

Die Kameradschaftserziehung in der Ausbildung ist aber nur dann erfolgreich, wenn sich die Lehrenden ebenfalls „zu einer fest geformten Erzieherkameradschaft von mindestens der gleichen Zucht und Haltung zusammenschließt, wie sie von den Kameradschaften der Schülerinnen verlangt werden. Jeder Lehrkörper ist dies dem Führerstaate, dem er dienen will, wie der Schülerinnenschaft seiner Schule schlechthin schuldig... Erst das organische Ganze dieser beiden Kameradschaften – der Kameradschaft der Lehrenden – macht das erzieherische Wesensgefüge der sozialpädagogischen Lehranstalt... aus“ (ebd., S. 108 f).

Fröbel der „ganzheitschauende und ganzheitsuchende“ Pädagoge

Hans Volkelt sah in der Ganzheitspsychologie die Möglichkeit einer Neuordnung des „nationalsozialistischen Erziehungswesens“:

„So ist uns heute nichts Geringeres aufgegeben, als die nationalsozialistische Ganzheitspsychologie sich wechselseitig durchdringen zu lassen und zu der großen Erziehungslehre zu vereinigen, deren das nationalsozialistische Erziehungswesen bedarf“ (Volkelt 1934c, S. 8).

In der Übertragung der Begrifflichkeit der Ganzheitspsychologie auf soziale Strukturen suggerierte er, wie Carsten Heinze in seiner Dissertation treffsicher formuliert, „die wissenschaftliche Fundierung seiner weltanschaulichen Aussagen und lieferte somit die Wissenschaft der nazistischen Weltanschauung aus“ (Heinze 2001, S. 141), wie folgendes Zitat über das „Ganze“ und die „Volksgemeinschaft“ veranschaulicht: „Gewiß, auch für diese Staatsführung und Volksgestaltung hat jedes Ganze seine Teile und Unterteile. Aber die Teile sind eben hier stets Glieder, nämlich Glieder im Ganzen. Sie sind organische Glieder im organischen Ganzen. Das Ganze ist ein Gliederganzes, d. h. ein Ganzes aus Gliedern, und jedes Glied ist Ganzglied, d. h. ein Glied im Ganzen, dazu jeder wieder ganzheitlich und vor allem: Auswirkung des Ganzen, dessen Glied es ist. Jeder Deutsche ist sowohl ein Geschöpf als auch zu seinem Teile ein Mitträger der Volksgemeinschaft. Jedes Kind einer Familie ist Geschöpf des Blutes und des Geistes der Eltern und wird, je mehr es heranwächst, zum Mitträger der Familiengemeinschaft. Jedes echte Ganze also lebt und wirkt in jedem seiner Glieder, und jedes echte Glied wirkt mit am und im Leben des Ganzen. Das Wir lebt und wirkt in jedem Ich und jedes Ich lebt und wirkt im Wir“ (Volkelt 1934b, S. 117).

Entsprechend der „genetischen Ganzheitspsychologie“ würdigte Hans Volkelt Friedrich Fröbel 1932 sowie 20 Jahre später als „ganzheitschauenden und ganzheitsuchen deutschen Grübler“, für den jedwede Entwicklung „zuvörderst ein Ganzes“ darstellt. Demnach muss „jede Phase jeder Entwicklung letztlich im Ganzen der Gesamtentwicklung, der sie eingehört, betrachtet werden. So ist die Entwicklung jedes einzelnen Menschen in sich [wie Fröbel in seinem Hauptwerk „Die Menschenerziehung“ vermerkt; M. B.] ein ‚unzerstücktes Ganzes‘... Wir pflegen Fröbel als einen Philosophen der frühen Kindheit und des ‚Knabenalters‘ zu würdigen, der sowohl den Seelenzustand des Kleinkindes wie den des Schulkindes (‚Knabe‘ heiß bei Fröbel meist Schulknabe) als etwas in sich Geschlossenes und Vollkommenes ansieht und bewertet, also als ein in sich Ganzes von Eigenwert... Darüber aber darf nicht unbetont bleiben, daß Fröbel die frühe Kindheit (bei ihm meist schlichtweg ‚Kindheit‘ genannt) und ebenso die spätere Kindheit (bei ihm: das ‚Knabenalter‘) und jedes andere Lebensalter des Menschen je als ein Glied im Ganzen der seelischen Entwicklung des Menschen gewürdigt wissen wollte. Er hätte sicher dem zugestimmt, die Kindheit als ein selber ganzheitliches Glied im Gesamtganzen der Entwicklung mit einem seiner liebsten Begriffe als ‚Gliedganzes‘ in diesem Gesamtganzen zu bezeichnen. Es ist dem Sinne nach ein Hauptzug seiner Philosophie und Psychologie des Kindertuns, daß die Kindheit ebenso Ganzglied, d. h. Glied im Ganzen der Entwicklung, wie Gliedganzes, d. h. ein selber ganzheitliches Glied im Entwicklungsganzen ist... Seelische Entwicklung ist sonach bei Fröbel stets Entfaltung, Entfaltung aber ist ihm nicht bloße Differenzierung, sondern vor allem ‚Gliederung‘. An einer sehr bedeutsamen Stelle der ‚Menschenerziehung‘ ist das besonders klar ausgesprochen, einer Stelle, die sich nicht nur inhaltlich, sondern sogar auch terminologisch einer Hauptlehre der genetischen Ganzheitspsychologie der Gegenwart überraschend nähert. Es heißt dort: Auf der frühesten Stufe der menschlichen Entwicklung, der ‚Säuglingsstufe‘, ist das Innere des Menschen noch eine ungegliederte, mannigfaltigkeitslose Einheit‘. Erst dann, mit dem Auftreten der Sprache, ‚beginnt Gliederung‘. Es gliedert, es bricht sich das Innere des Menschen‘“ (Volkelt 1932, S. 118 ff.).

Zum 100. Todestag Friedrich Fröbels würdigte Hans Volkelt diesen erneut als den „bedeutendsten Ganzheitspädagogen aller Zeiten“ (Volkelt 1952, S. 6), dabei das Attribut „genetisch“ vermeidend. Das schwere Schicksal das, wie bekannt, Friedrich Fröbel in seiner frühen Kindheit widerfuhr, ihn in seiner Entwicklung gefährdete, „machte ihn so sehr zum Erzieher zur Ganzheit wie die von ihm als Kind erlittene Unganzheit“ (ebd., S. 19). Und weiter:

„Ganzheitlich war das Fühlen, das Wollen, das Denken, aus dem heraus Friedrich Fröbel sein Leben lebte, sein Leben und sein erzieherisches Werk gestaltete. Zudem waren in ihm diese drei Seelenkräfte, von denen jede schon so ganzheitlicher Artung war, auch miteinander besonders eng verwoben und drängten sein Leben lang nach größerer Harmonie ihres Zusammenwirkens, nach der innigsten Dreieinigkeit von Gemüt, Geist und Wille. Fröbel hatte viele – fast ausnahmslos deutsche – Namen für die sei es vorgefundene, sei es erstrebte Ganzheit. Voran steht der Begriff des Ganzen selbst (vereinzelt auch Ganzheit) und der der Einheit. Andere Begriffe, auch Beiwörter und Zeitwörter darunter, betonen bald die eine, bald die andere Seite am jeweils gemeinten Individual- oder Gemeinschaftsganzen“ (ebd., S. 3.).

Während den Jahren 1933 – 1945 wurden alle liberal- demokratischen frühkindlichen Erziehungskonzepte „ausgemerzt“ (vgl. Berger 2016, S. 103 ff.). Dazu gehörten neben der WaldorfpädagogikWaldorfpädagogik|||||Die Waldorfpädagogik wird der Reformpädagogik zugeordnet und wurde von Rudolf Steiner begründet (1861–1925). Seine Pädagogik basiert auf einer von ihm entwickelten Menschenkunde, die spirituelle Weltanschauung, fernöstlicher Lehren sowie naturwissenschaftlichen Erkenntnisse benhaltet. In Waldorfkindergärten sollen ErzieherInnen den Kindern durch Tun und schaffen ein Vorbild geben. Naturmaterialien sind häufig Bestandteil der Einrichtung und dienen als Lern- und Spielanreiz. und der Psychoanalytischen Pädagogik auch die Montessoripädagogik. 1939 verkündete Hans Volkelt im Vorwort der von ihm betreuten und von Richard Cappeller gefertigten Dissertation „Montessori-Erziehung und zur Psychologie des gestalterischen Spiels“, dass das „geschlossene System der Montessori-Erziehung in der Erziehungswirklichkeit des neuen Deutschlands nicht mehr anzutreffen“ (ist; M. B.): Seit mehreren Jahren hat man sich in Deutschland gegen die praktische Verbreitung dieses Systems entschieden“ (Volkelt 1939, o. S.). Bereits 1934 hatte sich der Vertreter der Ganzheitspsychologie äußerst negativ über die „künstlichen Maßnahmen des Montessori-Systems“ ausgelassen, da dieses durch seine „Unganzheitlichkeit“ das „frühkindliche Ganzleben“ gefährden würde:

„Die zusammengehörigen Funktionen der Seele werden hierbei nicht nur zerspellt, sondern zudem treten einzelne von ihnen hier so übermäßig hervor, daß andere verkümmern oder ganz absterben, wenn sie nicht gar planmäßig abgetötet werden. Eine bloße Zerspellung z. B. ist es, wenn Frau Montessori die einzelnen Sinne des Kindes künstlich isoliert, um sie möglichst getrennt zu üben. Eine Fülle von Gestaltungsmöglichkeiten des Kindes läßt sie verkümmern, wenn sie jeweils nur eine oder wenige Möglichkeiten der Anordnung des ‚didaktischen Materials‘ zuläßt. Absichtlich abgetötet wird in der Montessori-Erziehung bekanntlich die freie Entfaltung von Spiel und Phantasie. Daß die Montessori-Erziehung während der beiden Jahrzehnte in Deutschland eindringen und verhältnismäßig viel Boden gewinnen konnte, zeigt, daß man besonders in gewissen intellektuellen Kreisen nicht fähig war, das Unganzheitliche dieser Kinderführung zu erkennen. Nicht einmal also dort, wo uns seelisches Ganzleben am offenbarsten entgegentritt: nicht einmal in der frühen Kindheit ließ man das Ganzleben unzerstückt“ (Volkelt 1934b, S. 129).

Demgegenüber wurde von ihm Friedrich Fröbel als der „völkisch-politische Erzieher“ (Volkelt 1938a, S. 190 ff.) großmundig gepriesen. Hatte der Altparteigenosse in seinen Aufsatz aus dem Jahre 1932 noch den Fröbelschen Begriff der Entwicklung als „freitätige Selbstentfaltung... und Selbstbestimmung [als; M. B.] die einzige Bestimmung des Menschen“ (Volkelt 1932, S. 126) hervorgehoben, so konstatierte er zwei Jahre später, dass „kein Denker früherer Jahrhunderte... dem organischen Gemeinschaftsbilde des Nationalsozialismus... so nahe [komme; M. B.] wie Fröbel“ (Volkelt 1934b, S. 118). Was bis 1933 über den „Gründer des Kindergartens und... Klassiker der Kindergartenpädagogik“ (Volkelt 1938b, S. III) kolportiert wurde und „von seinem Werke weiterlebte, war meistens nicht seines Geistes, sondern ein veräußerlichtes, verflachtes, verschultes Fröbeltum. Nur eine eng begrenzte Schar von Frauen und Männern der Erziehungsarbeit und der Forschung, zumeist im Deutschen Fröbel-Verband zusammengeschlossen, bewahrte die Kindergartenlehren Fröbels rein und verstand sie aus dem Ganzen und der Tiefe seines gesamten Schaffens. Sie trugen Fröbels Erbe treulich durch den Krieg [1. Weltkrieg; M. B.] und durch die Zeit des Zwischenreiches [Weimarer Republik; M. B.], in der dieses Erbgut neu bewährte als Rüstzeug bei der Abwehr gegen das Einbrechen volks- und rassenfremder Erziehungsweisen in den deutschen Kindergarten wie in die deutsche Familie... Jetzt war auch die Zeit gekommen, daß man unter vielen Verschüttungen wieder freilegte, daß Fröbel den Kindergarten zuvörderst zum Dienste an der deutschen Familie geschaffen und beides, die Kindergarten- wie Familienerziehung, mitten ins Ganze der deutschen Erziehung gestellt und als Dienst an Volk und Staat angesehen hatte. So entstand uns neu in den Zeiten größter deutscher Not die Gestalt Friedrich Fröbels als deutschen Volkserziehers, Seitdem gilt: Fröbel der Menschheitserzieher schließt in sich Fröbel den Volkserzieher“ (ebd.). Schließlich entdeckte man in Fröbel den Volkserzieher den völkischen Erzieher, der das „blutseigene, ‚gleichlebige‘ Volk, den völkischen Staat, die volks-, erd- und staatsverbundene Familie und - zuvörderst durch Familie, Volk und Staat hindurch – auch den Einzelnen als ‚Lebensoffenbarung‘, ja als ‚Tatoffenbarung‘ des göttlichen Weltgrundes an... sieht“ (ebd., S. IV).


Anmerkungen
1) Die an der Universität Leipzig entwickelte (genetische) Ganzheitspsychologie (vgl. Volkelt 1943, S. 207 ff.; Friedrich 2009, S. 116 ff.) stellt, im Gegensatz zur Elementen- und Assoziationspsychologie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Annahme ausging, das Ganze sei nicht durch die Summe seiner Teile beschreibbar oder durch die Zergliederung in seine Elemente erklärbar, den ganzen Menschen, das „jeweilige seelische Ganze“ (Volkelt 1932, S. 110) in den Vordergrund. Des Weiteren lehrt diese Forschungsrichtung, dass „alles Erleben nur ein Unterganzes in dem auch Nichterlebtes umspannenden Gesamtganzen des Seelischen ist. Denn dieses umgreift neben den Erlebnisbeständen (den früher sogenannten Bewußtseinsinhalten) stets auch das zugehörige Unerlebt-Seelische. An diesem erkennt diese Forschungsrichtung als das Wesentlichste sein ganzheitliches Gefüge, das wiederum als durchaus unmechanisch-ganzheitlich zu denken ist. Die wichtigsten unter den Arten dieses unbewußten Gefüges sind diejenigen, die wir... Strukturen nennen... Bei alledem denkt und forscht [die Ganzheitspsychologie; M. B.]... genetisch. Sie findet dabei, daß primitive Stufen des Seelenlebens besonders reich an eigentümlichen übergreifenden Ganzen sind, und zwar sind diese Primitivganzen meist von gefühlsartiger Beschaffenheit (genetischer Primat des Ganzen, d. h. genetischer Primat der stets mehr oder minder gefühlsartigen Primitivganzen)“ (ebd., S. 111). Diese genetischen Strukturen erweisen sich als die stärksten Verflechtungen „im weiten Reiche der Seelenkunde. Sie führen durch das Seelenleben von der Psychologie des Embryo bis in die des Greisenalters, von den tiefen primär-primitiven Stämmen in unermesslicher Verzweigung und Verästelung zu den höchsten Kulturvölkern, von der Pflanze durch das Tierreich bis zum Menschen hinauf“ (zit. n. Friedrich 2009, S. 162).
Trotz aller Bemühungen, insbesondere während der Zeit der Nazi-Gewaltherrschaft, konnte die „Leipziger Ganzheitspsychologie“ den methodologischen Normativen einer Wissenschaft nur beschränkt genügen und verlor daher „schon Jahre vor dem Ende des 2. Weltkrieges stark an Bedeutung“ (ebd., S. 9). Noch 1943 verteidigte Hans Volkelt vehement „Angriffe auf die genetische Ganzheitspsychologie“, dessen großer Verdienst u. a. die „Überwindung der Elementen- und Assoziationspsychologie“ (Volkelt 1943, S. 215) war. Bis in die 1970er Jahre hinein äußerten sich in der BRD noch Vertreter der „Leipziger Ganzheitspsychologie“, vermochten „es jedoch nicht, dem allmählichen Vergessen Einhalt zu bieten“ (Loosch 2008, S. 115).

2) vgl. dazu seine Publikation, die noch gegen Ende des bereits voraussehbaren verlorenen Krieges erschien: „Demobilisierung der Geister? Eine Auseinandersetzung vornehmlich mit Ernst Troeltsch“. Darin lobte Hans Volkelt das deutsche Volk als das „kosmopolitischeste... und weltbürgerlichste Großvolk der Erde“ (Volkelt 1918, S. 16). Der damaligen Reichsregierung warf er „schwerste Unterlassungssünden“ vor, da sie den „Willen zum Siege“, diesen „wichtigsten, allerechtesten Garant des Sieges“, nicht mit „Sorgfalt und psychologischem Durchblick“ pflegen würde (ebd., S. 40).

3) Dazu gehörten neben Hans Volkelt u. a. Karlfried Graf Dürckheim, August Kirschmann, Otto Klemm, Felix Krüger sowie Friedrich Sander (vgl. Friedrich 2009, S. 111).

Literatur

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  • Geuter, U.: Der Leipziger Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1933, in: Psychologie- und Gesellschaftskritik 1979, S. 6-25
  • Ders.: Die ProfessionalisierungProfessionalisierung|||||Eine Professionalisierung findet im weiteren Sinne statt wenn die Entwicklung einer privat oder ehrenamtlich ausgeübten Tätigkeit zu einem  Beruf wird. Im Rahmen der Professionalisierung werden häufig Qualitätsverbesserungen und Standardisierungen erreicht. Professionalisierung bedeutet auch die Entwicklung eines Berufs zu einer Profession, darunter wird meist ein akademischer Beruf mit hohem Prestige und Anerkennung verstanden.   der deutschen Psychologie im Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1988
  • Heinze, C.: Die Pädagogik an der Universität Leipzig in der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945, Bad Heilbrunn 2001
  • Ders.: Die Pädagogik an der Universität Leipzig in der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945. Zur regionalen „Verfallsgeschichte“ einer Wissenschaftsdisziplin, in: Heul, U. v. (Hrsg.): Sachsens Landesuniversität in Monarchie, Republik und Diktatur, Leipzig 2005, S. 385-409
  • Friedrich, W.: Das erste Psychologieinstitut der Welt. Die Leipziger Universitätspsychologie 1879-1980, Berlin 2009
  • Konrad, F.-M.: Der Kindergarten. Seine Geschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart, Freiburg/Brsg. 2004
  • Lichtenstern, Ch./Müller, W. (Hrsg.): Das Kunstgeschichtliche Insitut der Universität des Saarlandes. Lebensbilder, St. Ingbert 2006, S. 83-92
  • Lippert, E.: Die Neuen Leipziger Spielgaben, in: Kindergarten 1936, S. 235-246
  • Loosch, E.: Otto Klemm (1884-1939) und das Psychologische Institut in Leipzig, Berlin 2008
  • Schmidt, R. (Hrsg.): Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig 1923
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  • Volkelt, H.: Demobilisierung der Geister? Eine Auseinandersetzung vornehmlich mit Ernst Troeltsch, München 1918
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  • Ders.: Unser Weg, in: Kindergarten 1934a, S. 1-5
  • Ders.: Die Erziehung im nationalsozialistischen Staate und die Aufgabe der sozialpädagogischen Berufe, in: Kindergarten 1934b, S. 117-130
  • Ders.: Lehrerbildung und Universität, München 1934c
  • Ders.: Kameradschaftserziehung in der Ausbildung der Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen und Jugendleiterinnen, in: Kindergarten 1936, S. 104-109
  • Ders.: Friedrich Fröbel als völkisch-politischer Erzieher, in: Kindergarten 1938a, S. 190-192
  • Ders.: Vorwort, in: Goeldel, P.: Friedrich Fröbel als Vorkämpfer deutscher Leibeserziehung, Leipzig 1938b, S. III-X
  • Ders.: Ratschläge, in: Kindergarten 1938c, S. 69.
  • Ders.: Vorwort, in: Cappeller, R.: Freier Umgang drei- bis sechsjähriger Kinder mit dem Montessori-Material. Ein Beitrag zur Kritik der Montessori-Erziehung und zur Psychologie des gestalterischen Spiels, Nördlingen 1939, o. S.
  • Ders.: Abwehr eines Angriffes auf die genetische Ganzheitspsychologie, in: Archiv für die gesamte Psychologie 1943, S. 207-215
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