Der Kindergarten im nationalsozialistischen Deutschland

Inhaltsverzeichnis

  1. Der Kindergarten im nationalsozialistischen Deutschland
  2. Gleichschaltung der öffentlichen Kleinkindererziehung
  3. Körperliche und charakterliche Erziehung
  4. Wehrerziehung und Erziehung in Rollenbildern
  5. Erziehung zur Führerliebe
  6. Die Erziehung zum Rassegedanken
  7. Zusammenfassung
  8. Literatur

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Diese Vergangenheit nicht zu kennen,
heißt sich selbst nicht zu begreifen.
(Paul Hilberg)

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler des Deutschen Reiches ernannt. Mit der Verabschiedung des „Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich“ (Ermächtigungsgesetz) am 24. März 1933 übertrug der Reichstag die gesetzgebende Gewalt der Regierung Hitler und seiner Helfershelfer. Die Ideologie des Nationalsozialismus propagierte die „willensmäßige und geistige Einheit“ der deutschen Nation. Welchen "Anspruch" die Nazis an die öffentliche Kleinkindererziehung – im vorliegenden Beitrag eingegrenzt auf die Institution Kindergarten – hatten, verdeutlicht ausdrucksvoll die Aussage des Pädagogen, SS-Sturmbandführers und NS-Funktionärs Rudolf Benze:

"Jeder deutsche Junge und jedes deutsche Mädchen soll dem Ideal zustreben und nahe kommen, in gesunden und rassisch wohlgebildeten Körper ein reines Herz, einen festen Willen und einen klaren, lebensnahen Verstand zu hegen... Der nationalsozialistische Staat strebt daher vor allem danach, die Jugend zu Willensstärke und Entschlußfähigkeit zu erziehen und in ihr die hohen Charakterwerte zu stärken, die wir an den Besten der deutschen Männer und Frauen in der Vergangenheit und Gegenwart bewundern: Wahrhaftigkeit und Treue, Freiheitsdrang und Ehrliebe, Mannesmut und Frauenwürde, Wehrwille und Opfersinn, Diesseitsfreudigkeit und Lebensernst" (Benze 1943, S. 5 ff.).

MaifeierMaifeier im Seminarkindergarten der Stadt München, (Quelle: Ida-Seele-Archiv)Die neuen Machthaber standen der Institution Kindergarten anfänglich nicht gerade wohlwollend gegenüber. Ihrer Ideologie entsprechend, hatte die deutsche Familie an sich ein Kindergarten zu sein und nur bestimmte Kinder sollten eine öffentliche Vorschuleinrichtung besuchen:

"Unbedingt zu empfehlen ist der Kindergarten für alle einzigen Kinder, die in der Nachbarschaft keine Spielgefährten haben. Es gibt ferner nicht wenige Kinder, deren Mutter einem Erwerb nachgehen muß, für die niemand Zeit hat, für die daheim kein Raum ist, und deren wirtschaftliche Not die wenigen Dinge unmöglich macht, deren das Kind zu seiner richtigen Entwicklung im Spielalter bedarf. Hier wird der Kindergarten eine wahre Zufluchtsstätte und ein Ersatz für das Heim. Auf dem Lande ist es den Müttern vielfach gerade zur Erntezeit unmöglich, sich um ihre kleinen Kinder zu kümmern. Deshalb wird besonders im neuen Deutschland die Errichtung von Dorf- oder Erntekindergärten sehr gefördert... Entbehrlich ist der Kindergarten wohl dann, wenn im Elternhaus geordnete Verhältnisse herrschen, die Mutter Verständnis und etwas Zeit für das Kind hat und Geschwister und Nachbarskinder sich zu gemeinsamem Spiel vereinen. Dann können wir unser Kind daheim lassen, ohne seine kindlichen Rechte und Möglichkeiten dadurch zu verkürzen" (Haarer 1936, S. 232 f).

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Quelle: Ida Seele-Archiv
Krampfhaft bemühten sich die nationalsozialistischen Erziehungstheoretiker um eine eigenständige "Theorie" der Kleinkinderpädagogik, die für sich zu allererst den Führer als "Vorbild" proklamierte. Schließlich ist er "der Seelenkenner der Menschen und folgert aus seinen psychologischen Einsichten heraus seine erzieherischen Maßnahmen" (Braune 1936, S. 170). Demzufolge hatte sich das Erziehungsziel des Kindergartens an den Worten des Führers zu orientieren, der sich ein „hartes Geschlecht“ wünschte, „‘das stark ist, zuverlässig, treu, gehorsam und anständig, so daß wir uns unseres Volkes vor der Geschichte nicht zu schämen brauchen.' Für die Entwicklung dieser Tugenden leistet der Kindergarten eine maßgebliche Vorarbeit. Ist doch der Kindergarten überhaupt die erste nationalsozialistische Entwicklungsstufe, durch die die heranwachsende Generation hineinwächst in die große deutsche Volksgemeinschaft und in die Aufgaben, die diese Gemeinschaft und das Großdeutsche Reich jedem einzelnen stellen wird" (Villnow 1941, S. 134).