Grundlagen der Frühkindlichen Bildung

Entwicklungspsychologische, pädagogische und soziologische Perspektiven

Inhaltsverzeichnis

  1. Grundlagen der Frühkindlichen Bildung
  2. Entwicklungspsychologische und pädagogische Grundlagen
  3. Soziologische Perspektiven
  4. Zusammenfassung und Fazit

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In folgendem Beitrag führen Susanne Viernickel und Kirsten Fuchs-Rechlin grundlegend in die frühkindliche Bildung ein - sowohl unter entwicklungspsychologischer wie auch pädagogischer und soziologischer Perspektive. Das Spektrum reicht so von Bindungs- und Beziehungsaufbau über Sprachentwicklung, Beobachtung und Dokumentation bis hin zur Zusammenarbeit mit Eltern sowie zu einer grundsätzlichen Veränderung familiärer Lebenswelten  und einen entsprechenden Funktionswandel der institutionellen Bildung, Betreuung und Erziehung.

 

Hintergrund des Beitrages

Nach der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem vollendeten 1. Lebensjahr und dem entsprechenden quantitativen Ausbau kommt nun die Qualitätsentwicklung in den Fokus. Im November 2014 haben sich so die Bundesfamilienministerin und die zuständigen Fachministerinnen und Fachminister der Länder im Rahmen einer Konferenz zur frühen Bildung auf einen Prozess zur Entwicklung gemeinsamer Qualitätsziele in der Kindertagesbetreuung geeinigt. Hierzu wurde ein gemeinsames Communiqué unterzeichnet. Dieser Qualitätsprozess soll unter Einbeziehung der kommunalen Spitzenverbände und im Dialog mit den Verbänden und Organisationen erfolgen.

Im Rahmen dieses Prozesses hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) fünf Expertisen zu zentralen Qualitätsthemen gefördert, die von Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft erarbeitet wurden. Die Expertinnen und Experten leiteten Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität in unterschiedlichen Bereichen der Kindertagesbetreuung ab – von der Fachkraft-Kind-Relation über die Leitungsfunktionen in KiTas bis zum Raum und. Die Expertisen basieren auf einer Analyse der aktuellen Situation anhand empirischempirisch|||||Empirie bezeichnet wissenschaftlich durchgeführte Untersuchungen und Erhebung, die gezielt und systematisch im Forschungsfeld oder im Labor durchgeführt werden. Empirische Forschungen können durch verschiedene Methoden praktisch angewendet werden.er Daten und der vorhandenen (rechtlichen) Rahmenbedingungen auf Bundes- und Landesebene (Ist-Zustand) sowie der Definition von wissenschaftlich begründeten und empirisch abgesicherten Qualitätsstandards (Soll-Zustand). Der Vergleich von Ist- und Soll-Zustand erlaubt die Bestimmung steuerungsrelevanter Konsequenzen für die einzelnen Bereiche. Damit sollen die Expertisen einen Impuls und wissenschaftlichen Beitrag für die Debatte rund um das Thema Qualität in der Kindertagesbetreuung geben.

Qualität für alleDie fünf verschiedenen Expertisen sind in dem Sammelband „Qualität für alle. Wissenschaftlich begründete Standards in der Kindertagesbetreuung" im Herder-Verlag erschienen.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages und des BMFSFJ präsentieren wir Ihnen hiereine grundlegende Einführung in die frühkindliche Bildung von Susanne Vienickel und Kirsten Fuchs-Rechlin, die ihrer Expertise zu Fachkraft - Kind - Relationen undGruppengrößen in Kindertageseinrichtungen vorangestellt ist.

 

 

Einführung

Tageseinrichtungen für Kinder und Kindertagespflege sollen gemäß ihres gesetzlichen Auftrags (§22 Abs. 3 iVm §1 SGB VIII) die Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit fördern, die Erziehung und Bildung in der Familie unterstützen und ergänzen sowie die Eltern darin unterstützen, Erwerbstätigkeit und Kindererziehung besser miteinander vereinbaren zu können. Diese Trias von Erziehungs-, Bildungs-, und Betreuungsauftrag bildet den Bezugsrahmen für die vorzuhaltende Angebotsstruktur, die Ausgestaltung der pädagogischen Arbeit mit den Kindern und die Formen und Inhalte der Zusammenarbeit mit den Familien.


Als Grundlage für Empfehlungen zur Allokation von personellen Ressourcen, zur Einschätzung von Zeitanteilen für direkte und mittelbare pädagogische Arbeitsaufgaben und zu Gruppengrößen und Gruppenorganisationsformen dienen empirische Daten über Zusammenhänge zwischen diesen Merkmalen und der Erfüllung des Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsauftrags, aber ebenso theoretische Erkenntnisse über zentrale Entwicklungsbedürfnisse von Kindern in den ersten sechs Lebensjahren, über die Art und Weise, wie Kinder sich bilden und darüber, welche Rolle Interaktionen und Beziehungen zwischen pädagogisch Tätigen und Kindern für diese Lern- und Bildungsprozesse spielen (Kap. 1.1).


Im Kontext gesellschaftlicher Wandlungsprozesse hat sich das Verhältnis von Familien und frühpädagogischen Institutionen in den vergangenen Jahren im Sinne einer steigenden Bedeutsamkeit familienergänzender Erziehung, Bildung und Betreuung verändert. Dies impliziert, dass die Erfahrungen, die Kinder in Kindertageseinrichtungen bzw. Kindertagespflege machen, heute einen stärkeren Einfluss auf kindliche Entwicklung und kindliche Bildungsbiografien haben als früher. Damit erhöht sich die gesellschaftliche bzw. politische Verantwortung für eine möglichst optimale Qualität dieser Angebote. Schließlich können durch eine Analyse des Funktionswandels von Kindertageseinrichtungen damit einhergehende Komplexitätszuwächse und Veränderungen in der pädagogischen Alltagspraxis sowie die zunehmende Verdichtung von Arbeitsanforderungen aufgezeigt werden, was ebenfalls Rückschlüsse auf vorzuhaltende strukturelle Rahmenbedingungen ermöglicht (vgl. Kap. 1.2).