Der jüdische Kindergarten in Deutschland

Friedrich Fröbel, der 1840 in (seit 1911 Bad) Blankenburg den Kindergarten "stiftete", hatte selbst noch einflussreiche Persönlichkeiten für seine Pädagogik und seiner Idee des Kindergartens gewinnen können. Nach seinem Tod fand der Fröbel'sche Kindergarten speziell unter jüdischen Pädagogen und Pädagoginnen (vor allem aus dem Bürgertum) "schnell begeisterte Anhänger. Hierfür war besonders die ursprünglich nichtkonfessionelle Ausrichtung dieser Einrichtungen entscheidend... Durch ihre nichtkonfessionelle Ausrichtung boten die Fröbelschen Kindergärten zudem die Möglichkeit, jüdische Kinder zusammen mit nichtjüdischen betreuen zu lassen. Besonders die zweite Generation der Maskilim (Vertreter der jüdischen Aufklärung zwischen 1770 und 1880; M. B.) förderte die gemeinsame Erziehung und Bildung christlicher Kinder, um 'die jüdische Jugend an ein 'Zusammenleben mit der nichtjüdischen frühzeitig zu gewöhnen und am gemeinsamen deutschen Kulturgut zu erziehen'" (Dietrich 2013, S. 14 f).

 

Im Banne Fröbels

In allen Teilen Deutschlands engagierten sich Jüdinnen für Fröbel und den Kindergarten. Dazu gehören neben den sozusagen im Stillen vor Ort wirkenden und darum unbekannten Kindergärtnerinnen noch - neben die im vorliegenden Beitrag näher erwähnten Pädagoginnen -: Marie Bloch (Rostock), Marie Coppius (Heidelberg), Lotte Geppert (Nürnberg), Gertrud Pappenheim (Berlin) und Anna Wiener Pappenheim (Berlin), um nur einige der vielen zu nennen.  PappenheimEugen Pappenheim (1831-1901). (Quelle: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen) Diese Pädagoginnen gründeten und leiteten Kindergärten, die nicht nur jüdische Kinder aufnahmen, sie veröffentlichten auch Beiträge über Theorie und Praxis des Kindergartens und unterrichteten an bzw. leiteten teilweise Ausbildungsstätten für Kindergärtnerinnen als auch für Kinderpflegerinnen.

 Nicht zu vergessen ist Prof. Eugen Pappenheim (Berlin), der zum "christlich-konservativen Kreis getaufter Juden" (Voß 1937, S. 9) zählte. Er war u.a. Gründungsmitglied und Vorsitzender des "Deutschen Fröbel Vereins", ferner Mitbegründer des "Berliner Fröbelvereins", Gründer und Vorsitzender des "Vereins für den "Fichte-Kindergarten" und seit 1892 für neun Jahre Schriftleiterder renommierten Fachzeitschrift "Kinder-Garten Bewahr-Anstalt und Elementar-Klasse". Außerdem hat er eine beachtliche Anzahl Fachliteratur (Aufsätze, Bücher, Rezensionen etc.) veröffentlicht.

 Johanna Goldmidt, geb. Schwabe (vgl. Berger 1995a, S. 55 ff.), war eine der ersten Jüdinnen, der Fröbel noch persönlich ermöglichte, 1850 in Hamburg einen "Bürgerkindergarten" für rund 70 Kinder zu errichten, der jedoch nicht in irgendeiner Form an die jüdische Religion gebunden war. Weitere acht Einrichtungen folgten. Die wohlhabende Kaufmannsgattin und Schwiegermutter der weltberühmten schwedischen Opernsängerin Jenny Lind, setzte sich mit erstaunlicher Zivilcourage für die Verbreitung der Kindergärten und der Fröbel'schen Pädagogik ein. In ihrer Streitschrift "Zur Sache Friedrich Fröbel's" verteidigte sie ihr pädagogisches Vorbild gegen unbillige Vorwürfe, die ein gewisser Herr Dr. Gutzkow verkündete. Genannter diskriminierte den Kindergärtnerinnenberuf als "Taglöhnerei". Dagegen verwehte sich Goldschmidt mit folgender Argumentation:

"Könnte man nicht mit demselben Rechte jeden Beruf also herabsetzen, der neben innerer Befriedigung Lebensunterhalt bietet? Wir glauben nicht, daß Herr Dr. G. den Beruf der Lehrer, Erzieher, Künstler und Schriftsteller mit dem Namen 'Taglöhner' zu brandmarken versuchen wird; protestieren gegen jede herabwürdigende Bezeichnung für die Beschäftigung der Kindergärtner oder Kindergärtnerinnen. Noblesse der Gesinnung werden wir immer nur da erkennen, wo die Sache frei von jeder Parteilichkeit beurteilt wird" (zit. n. ebd., S. 57 f).

Die erste "reine" jüdische, noch „Spielschule" genannte vorschulische Einrichtung, die zudem die Fröbelpädagogik verwirklichte, nahm am 4. November 1839 am Frankfurter Philanthropin seinen Betrieb auf. Ihr Initiator war Jesaias Hochstaedter, der mit Fröbel im regelmäßigen Briefkontakt stand. Ein halbes Jahr später wurde die Anstalt verlegt und nach dem Tod Hochstaedters im August 1841 aufgrund geringer Auslastung geschlossen (vgl. Gebel 1999, S. 139 ff.).

Obwohl jüdischerseits die Gründung von Kindergärten nicht unbedingt als Notwendigkeit gesehen wurde, entstanden dennoch Einrichtungen wie der Kindergarten in Berlin, der 1863 vom "Verein für Volkskindergärten im Osten thumb Liste KindergärtenBerlins" gegründet worden war. Folgend wurden in den in nächsten Jahrzehnten, bedingt durch die verstärkte Zuwanderung ostjüdischer Familien, in allen großen Städten "Kindergärten für Israeliten" gegründet (siehe nebenstehende Tabelle), in welchen überwiegend Kinder unbemittelter Familien Aufnahme fanden. In den Einrichtungen mussten alle Erziehende der jüdischen Konfession angehören. Das Konzept orientierte sich an der der Fröbel'schen Pädagogik. Den zumeist noch orthodox erzogenen Kindern wurde ihren Bedürfnissen entsprechendes Umfeld geboten, geprägt von den ihnen vertrauten religiösen und traditionellen Werten (vgl. Dietrich 2013, S. 37 f).

 

IMG 20150421 0001 150In Berlin, Gipsstr 3 wurde 1895 der erste "Israelitische Volks-Kindergarten und Kinderhort" eröffnet, der "150 armen Kindern im Altervon 3-14 Jahren, deren Väter und Mütter auf Arbeit gehen müssen, den Tag über Unterkunft und Speisung, den älteren Kindern außerdem Beaufsichtigung bei den Schularbeiten" gewährt. Die Kinder erhalten Unterricht im Turnen, Handfertigkeit, Handarbeit, Kochen sowie in jedem Zweige des Haushalts. Bei den kleineren Kindern wird auf Fröbelsche Beschäftigung, Spiel und Gesang das Haptgewicht gelegt. Für die Bekleidung der Kinder wird gesorgt... Die Kinder stehen unter ständiger Aufsicht des Anstaltsarztes. Ein Zahnarzt untersucht und behandelt in bestimmten Zeiträumen die Zähne der Kinder" (zit. n. Prospekt).

Die meisten Kindergärten in Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Rostock oder anderen Städten wurden von gutsituierten Familien protegiert. So erhielt z. B. der 1890 in Frankfurt/Main ins Leben gerufene "Moritz und Johanna Oppenheimersche Kindergarten" eine "Schenkung der Familie Rothschild in Höhe von 45.000 Mark sowie ein Geldgeschenk der Familie Oppenheimer über 100.000 Mark" (Jüdisches Museum/Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V. 1992, S. 273), die der Einrichtung einen Umzug in schönere und größere Räumlichkeiten ermöglichte. Die 1881 in München geborene Elisabeth Rahel Merzbacher, später verheiratete Kitzinger, hatte zusammen mit ihrer Schwester in ihrem Elternhaus in der vornehmen Münchener Residenzstraße einen Kindergarten für die unbeaufsichtigten Straßenkinder der Ostjuden gegründet. Die Einrichtung erfreute sich bald großer Beliebtheit und so konnte bereits im Herbst 1904 eine Verlegung des Kindergartens in die Baaderstraße 32 erfolgen. Der Privatkindergarten wurde später vom "Verein Israelitische Frauenhilfe e. V." übernommen, zu dessen 1. Vorsitzenden Elisabeth Kitzinger gewählt wurde. Der jüdische Kindergarten musste öfter umziehen, da er sich stetig vergrößerte. Bis zu 150 Kinder besuchten die Einrichtung, die mit Beginn der Nazi-Diktatur schweren Zeiten entgegenging und schließlich aufgelöst wurde (vgl. Berger 1995b S. 57 ff.).

 

"Verein für Familien- und Volkserziehung"

Jüdischer Kindergarten MünchenJüdischer Kindergarten in München (Quelle: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen)

Die Jüdinnen Henriette Goldschmidt, geb. Benas (vgl. Berger 1995a, S. 50 ff.) und Lina Morgenstern, geb. Bauer (vgl. ebd., S. 142 ff.), hatten besonders das Kindergartenwesen im Sinne Fröbels gefördert. Erstgenannte wirkte in Leipzig, wo sie 1871 den "Verein für Familien- und Volkserziehung" initiierte. Unter dessen Verantwortung entstanden vier Volkskindergärten, ein Kindergärtnerinnenseminar sowie eine "Hochschule für Frauen", die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Goldschmidt plädierte für die Notwendigkeit zur Errichtung von Volkskindergärten, da diese in "bedeutsamerer Weise als die Volksschule" (Goldschmidt 1904, S. 167) auch das Familienleben beeinflussen würden. Für sie verbanden sich mit dem Volkskindergarten "sowohl Aspekte gesellschaftlicher Erziehungsprozesse als auch der Frauenemanzipation. Entsprechend der zeittypischen geschlechtsspezifischen Rollenzuweisung und dem bürgerlichen Normenkodex wurde der Volkskindergarten als Ort definiert, an dem Frauen Versöhnungsarbeit leisten und den negativen Auswirkungen des Industrialisierungsprozesses auf die Unterschichten entgegenwirken" (Rapp 2011, S. 77). Darum wurde in den Anstalten Eigenschaften wie "Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnung" (ebd.) gefördert, aber auch "der Sinn für das Schöne, Edle" (ebd.). Diese positiven Befähigungen werden "durch die Kleinen unbewußt auf die Familien übertragen. Die Liedchen aus dem Kindergarten verdrängen die rohen Gassenhauer, die das Kind sonst hört. Die zierlichen Arbeiten der Kleinen schmücken das bescheidene Heim des Hauses und lenken auch den Sinn der Mutter auf das Formschöne, das so billig sich herstellen läßt" (ebd.).

 

"Frauen-Verein zur Beförderung der Fröbelschen Kindergärten"

Lina MorgensternLina Morgenstern (Mitte) im Kreise von Müttern und Kindergartenkindern (Quelle: Ida-Seele-Archiv)

Die Fröbelepigonin Bertha von Marenholtz-Bülow konnte die in Breslau geborene jüdische Schriftstellerin Lina Morgenstern, geb. Bauer für die Pädagogik Fröbels begeistern. Die Mutter von fünf Kindern engagierte sich sozial und stand dem radikalen Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung nahe. Auf Initiative der beiden "literarischen Vorkämpferinnen... der unverfälschten Fröbellehre" (Kopp 1881, S. 69) sowie des Sozialpolitikers Wilhelm Adolf Lette wurde 1859 der Berliner "Frauen-Verein zur Beförderung der Fröbelschen Kindergärten" (später "Berliner Fröbel-Verein"), ins Leben gerufen. Ihn unterstützten viele jüdische Mitbürger der Stadt, neben Lina Morgenstern: Professor Adler, Herr Levinsohn, Frau Olga Löwenherz, Dr. Pappenheim, Frau Therese Rathenau, Dr. Rosenberg, Dr. Rosenstein, Frau Geheimrat R. Simonson, Frl, Salomon, Herr Wolffenstein etc. (vgl. Bericht o. J., S. 23

Der Verein war Träger von neun Volkskindergärten, die von Kindern der verschiedensten Stände, Klassen und Religionen besucht wurden, sowie eines Kindergärtnerinnenseminars. Sofort nach seiner Gründung bemühte er sich in zahlreichen Aktionen um die Aufhebung des preußischen Kindergartenverbots.

Lina Morgenstern protegierte die Verbreitung von Kindergärten, weil sie zu tiefst davon überzeugt war, dass diese dazu beitragen würden, die sozialen und religiösen Spannungen innerhalb der Gesellschaft zu vermindern. Sie schrieb dazu, dass im Kindergarten "die Kinder von Reich und Arm, von Vornehm und Gering, von Protestant, Katholik und Jude glücklich und gesegnet nebeneinander sein (können; M. B.), eins durch das andere sich bildend, eins nach dem anderen sich entwickelnd, daß jeder, der es vorurteilsfrei beobachtet, unwillkürlich ausrufen muß: 'Fürwahr hier sieht man, es sind Kinder eines Vaters, einer menschlichen Familie'" (Morgenstern 1878, S. 28). Da das Spiel des Kindes ureigenste Tätigkeit ist, sollte es Pflicht und Aufgabe des Kindergartens sein, das Spiel der Kleinen zu fördern und zu unterstützen. Darum durfte für Lina Morgenstern der Kindergarten nicht der Schule vorgreifen, da sonst nicht mehr das Kind die Hauptsache, sondern der Lehrgegenstand ist. 1861 veröffentlichte die engagierte Frau ihr erstes pädagogisches Werk mit dem romantisierenden Titel "Das Paradies der Kindheit". Es ist eines der ersten Fachbücher zur Kindergartenpädagogik im Sinne Fröbels. Darin ist über den Kindergarten nachzulesen, dass dieser das Familienleben ergänzt und die Kinder "auf die spätere Schule und das Leben" vorbereitet. Ferner wird in der vorschulischen Einrichtung der kindliche "Thätigkeitstrieb genährt", der "Forschungstrieb geweckt und befriedigt", das Kind wird "hier gemeinschaftlich mit anderen Kindern unter ein Gesetz der Ordnung, unter Obhut einer gebildeten Leiterin gestellt, um auf diese Weise früh zum Gehorsam und auf seine spätere Bestimmung hingewiesen zu werden, sich als Glied eines geordneten Ganzen, als Theil der menschlichen Gesellschaft zu fühlen und zu betragen... Aber der Kindergarten bringt seine reichsten Früchte nicht allein den Kleinen, sondern er ist eine Bildungsanstalt für das ganze weibliche Geschlecht. Hier haben Jungfrauen aus allen Ständen Gelegenheit, den Umgang mit Kindern zu lernen, hier mag jede Mutter beobachten, was ihrem Kinde Noth tuth, hier wird ihnen der Segen wohlorganisierter Spielbeschäftigung klar" (Morgenstern 1861, S. 30 ff.).

 

Montessori-Einfluss

Neben der konservativen Ausrichtung der öffentlichen Kleinkindererziehung entstanden auch alternative Gedanken, Konzepte, Theorien und Einrichtungen. Schon 1914 nahmen italienisch sprechende jüdische Pädagoginnen - aus Berlin beispielsweise Elsa Ochs (vgl. Berger 2001, S. 88 ff.) - am "2. Internationalen Montessori-Kurs" in Rom teil. Nach ihrer Ausbildung versuchten die "Montessorianerinnen" die "neue Methode" aus Italien in Deutschland zu verbreiten. Der Erste Weltkrieg verhinderte dieses Vorhaben jedoch, da Deutschland seit August 1916 mit Italien verfeindet war und damit alles, was aus dem Feindesland kam, einer strengen Zensur und öffentlichen Verleumdung unterlag. Jedoch gleich nach Kriegsende begann die in Reydt geborene Jüdin Clara Grunwald (vgl. Berger 1995a, S. 64 ff.), eine Freundin von Elsa Ochs, mit Unterstützung des "Bundes entschiedener Schulreformer" mit dem Auf- und Ausbau von Montessori-Kinderhäusern. Im Mai 1919 konnte in Lankwitz das erste "Haus der Kinder" eröffnet werden, dem leider keine lange Lebensdauer beschieden war. Doch die in Rheydt geborene Lehrerin kämpfte weiter. Und so konnten bald Montessori-Kinderhäuser in fast allen größeren Städten Deutschlands ins Leben gerufen werden, in Berlin, Hamburg, Jena, Freiburg, Nürnberg, Düsseldorf etc. Auch publizistisch setzte sich die Nestorin der Montessoripädagogik für die "neue Methode" ein. Sie forderte:

"Unsere vereinten Bestrebungen müssen darauf gerichtet sein, daß immer mehr Montessori-Kinderhäuser entstehen, bis ihre Zahl groß genug ist, daß jedem Kinde sein Recht wird auf diese bestmögliche Erziehung und Pflege in den Jahren der zartesten Kindheit, die die entscheidenden für das ganze Leben sind" (zit. n. Berger 2000, S. 60).

Leider musste Clara Grunwald als die Nazis an die Macht kamen, ihr Wirken für die Montessoripädagogik einstellen. Ihr Leben endete im Inferno von Auschwitz.

Clara Grunwalds Schülerin, die promovierte jüdische Physikerin Käthe Stern (geb. Brieger), versuchte die Montessoripädagogik mit den neuesten Erkenntnissen der akademischen Kinderpsychologie sowie der Fröbel-Pädagogik zu ergänzen bzw. zu erweitern. Ihr Konzept des "erweiteten Montessori-Systems" entwickelte und erprobte sie in dem von ihr gegründeten und geleiteten Montessori-Kinderhaus in Breslau. Bezüglich der Bedeutung Fröbels für die "neue Methode" konstatierte sie:

"Wir mußten uns dort von Montessori trennen, wo die eigene psychologische Beobachtung oder die Ergebnisse der entwicklungspsychologischen Forschungen zum Ausbau zwangen. Da nun die heutige Psychologie in vielen Punkten bestätigt, was Fröbel intuitiv erfaßt hatte, so ist allein dadurch unsere Verbindung zu Fröbel gegeben... Fröbel hat mit genialem Blick die charakteristischen Züge der kindlichen Entwicklung erkannt, und nur dort können wir ihm folgen, wo er anstatt 'nachzugehen und zu behüten' den Kindergarten ganz auf die primitive Denkart des Kindes zuschneidet und das 'Phantasiespiel' organisiert. Montessori wieder betont allzu sehr, das die 'Phantasie' ein Übergangsstadium kennzeichnet, und um der nächst höheren Stufe willen - die in der Tat jedes Kind erklimmt - unterdrückt sie die primitiven Äußerungen. Dadurch droht tatsächlich die Gefahr, daß das Kind sich wie ein kleiner, zielstrebiger Erwachsene verhält, der ebenso wie er den Finger nicht mehr in den Mund steckt - auch zu 'groß' ist, um Schaffner zu spielen... In unserem Kinderhause sehen wir das Kind mit Fröbels Augen und freuen uns an seinem Spiel. Wir helfen ihm aber vorwärts mit Montessoris klar durchdachten 'Entfaltungsmitteln' und erleben seine Fortentwicklung zur Leistung" (Stern 1933, S. 94 ff.).

1938 emigrierte Stern mit ihrer Familie in die USA. Und so blieben ihre ingeniösen Anregen bis auf den heutigen Tag und nur von wenigen Ausnahmen abgesehen ungehört (vgl. Berger 2011, S. 37 ff.).

Montessori-LehrmittelWerbung für das Montessori-Lehrmaterial (Quelle: Ida-Seele-Archiv)

In der Zeit der Weimarer Republik nahm die Kinder- und Jugendpsychologie (Entwicklungspsychologie) einen enormen Aufschwung. Damit verbunden waren erste Ansätze einer akademischen Aufwertung der öffentlichen Kleinkinderpädagogik. Das Psychologenehepaar David und Rosa Katz, die aus Nazi-Deutschland nach Schweden emigrierten, hatten vor allem mit ihren gemeinsamen Werken "Die Erziehung im vorschulpflichtigen Alter" (1925) und "Gespräche mit Kindern" (1928) innerhalb der (öffentlichen) Kleinkindererziehung wegweisende Impulse gesetzt. In letztgenannter Publikation beschreiben sie eindrucksvoll das "magische Weltbild" des Kleinkindes, das mit zunehmenden Alter deutlich abnimmt, jedoch nie ganz verloren geht:

"Nach unseren bisherigen Beobachtungen scheint die straffere Zucht des Denkens, wie sie mit dem Schuleintritt beginnt, dem magischen Denken des Kindes Abbruch zu tun und soll es auch, aber das magische Denken weiß dann schon neue Schlupfwinkel in der Seele zu finden; schließlich: wer weiß sich selbst als gebildeter Kulturmensch von einem letzten Rest magischen Denkens frei?" (Katz/Katz 1928, S. 255).


Das Psychologenehepaar befürwortete die Montessoripädagogik, insbesondere die Übungen der Sinne, die "eine Verfeinerung in der Wahrnehmung der Unterschiede der Sinnesreize" (Katz/Katz 1925, S. 83) herbeiführen. Rosa Katz (vgl. Berger 2001, S. 88 ff.) gründete 1926 im Ostseebad Warnemünde eine "neue Form des Kindergartens, den "wandernden Kindergarten", wie sie ihn bezeichnete. Dieser siedelte sich dort an, "wo infolge einer vorübergehenden Ansammlung von Kindern ein Bedürfnis nach ihm vorhanden" (Katz 1927, S. 492) war. Diese einzigartige Einrichtung arbeitete nach den Prinzipien der Montessoripädagogik:


"Weniger Spielcharakter hatten gewisse Gleichgewichtsübungen, die wir auch zuweilen auf der Veranda veranstalteten. Es wurde einfach auf dem Boden ein Strich mit Kreide gezogen, und die Kinder hatten dann genau mit diesem Strich zu gehen, ohne ihn zu verlasen. Um die Übung zu erschweren, bekamen die Kinder einen Löffel mit Wasser in die Hand, wobei kein Tropfen vorbeifließen durfte, oder, was ihnen noch weit mehr Spaß machte, es wurde auf den Löffel ein Ei - natürlich hart gekocht oder nur die leere Schale - gelegt, und das Kind hatte die Balance zu halten, das Ei durfte nicht vom Löffel herunterfallen ... Es wurden schließlich auf der Veranda auch praktische Arbeiten ausgeführt wie Staubwischen, Ausfegen, Teller und Tassen waschen, Metall putzen ... Die Kinder wurden unterwiesen, wie sie sich die Hände zu waschen hatten und wie man sich an- und auskleidet ... Die zuletzt beschriebenen Beschäftigungsarten sind den Übungen aus Montessori-Kindergärten entnommen. Es entsprach auch deren Grundsätzen, wenn wir uns bemühten, die Kinder nicht zum Arbeiten oder Spielen zu zwingen, sondern ihnen selbst nach Möglichkeit die Wahl der Beschäftigung zu überlassen" (Katz 1927, S. 498).


Die in der Tradition Fröbels ausgebildete jüdische Kindergärtnerin Nelly Wolffheim (vgl. Berger 1995, S. 194 ff.) hatte 1914 in Berlin einen Privatkindergarten gegründet. Rückblickend schrieb sie über die Zusammensetzung ihrer Kindergartengruppe:

"Jüdische und nicht-jüdische Kinder trafen sich bei mir, letztere machten vielleicht den dritten Teil aus. Es war eine interessante Mischung. Mehrere Künstlerkinder, in deren Familien die Rassenfrage für gewöhnlich keine Rolle spielt, dann Kinder von Offizieren und aus Mischehen und jüdische Kinder aus Kaufmannskreisen und studierten Berufen, später auch viele Kinder von Ausländern. Ich pflegte bei der Anmeldung stets auf mein Jüdischsein hinzuweisen und stieß dabei nie auf Widerstand" (Wolffheim 1959, S. 138).

 

Einfluss von Psychoanalyse und Entwicklungspsychologie

Lebensparktische ÜbungenLebenspraktische Arbeiten im Kindergarten von Nelly Wolffheim (Quelle: Ida-Seele-Archiv)

1922 begann Wolffheim ihre Einrichtung "in das Licht einer psychoanalytischen Pädagogik zu rücken" (Wolffheim 1930, S. 3). In ihren Veröffentlichungen zur Relevanz des Spielens und der Spielfreiheit schilderte sie in vielen Praxisbeispielen aus dem Alltag ihres Kindergartens "wie Kinder ihre Spielfreiheit nutzten und dadurch Unbewußtes und Unterdrücktes ausleben, verarbeiten und überwanden, ohne dabei Unerlaubtes und Unerwünschtes oder das Gewissen, das Über-Ich des Kindes, zu äußern" (Kerl-Wienecke 2000, S. 149). Für die Kindergartenpädagogin zeigt das Spiel immer nur, "was in der Seele des Kindes vorgeht, wird jedoch niemals Ursache seelischer Veränderung sein" (Wolffheim 1930, S. 23). Das Spiel dient der Sublimierung, d. h., dass die "Komplexe des Kindes, also das, was seine Psyche erfüllt, was sie, vorherrschend unbewußt, beunruhigt, was innere Kämpfe auslöst, aber auch was Lust bringt, lebt im Spiele auf" (ebd., S. 56). Beispielsweise beobachtete Wolffheim beim so beliebten kindlichen Familienspiel, dass "sich das Kind mit Vater oder Mutter identifiziert und dabei die in ihm wirksamen Ödipus-Wünsche in der Phantasie zu befriedigen vermag. Die in diesem Spiel auftretenden 'Kinder' versinnbildlichen sicher in sehr vielen Fällen die Geschwister, die man hier aufs beste beherrschen, bestrafen, quälen kann. Der Machtwille und das Geltungsbedürfnis können sich dabei ausleben, und es ist anzunehmen, daß sich gerade Kinder, die im realen Leben bedrückt sind und unter Angst, Minderwertigkeitsgefühlen und unter Hemmungen zu leiden haben, im Spiele Machtphantasien hingeben und sich groß und überlegen fühlen" (ebd., S. 54). Entsprechend der psychoanalytischen Pädagogik plädierte Wolffheim für völlige "Offenheit dem Kinde gegenüber, denn das Vertuschen natürlicher Tatsachen sehen wir als schädlich an... Nie soll etwa einem Jungen, - wie unüberlegte Erzieher es oft tun, - gedroht werden, daß man ihm etwas abschneiden wolle, seien es die Ohren bei Ungehorsam, die Hand, wenn das Kind schlägt, oder gar das Glied zur Verhinderung der Onanie. Aus den soeben kurz angedeuteten Hinweisen wird man erkennen, wie eine derartige Drohung den Kastrationskomplex verstärken kann" (ebd., S. 22 f).

 

Zäsur durch Nazi-Dikatur

Die Nazi-Diktatur brachte entscheidende strukturelle und pädagogische Veränderungen im Bereich der öffentlichen Kleinkindererziehung mit sich. Sie versuchte im Zuge der Gleichschaltung alle bestehenden vorschulischen Einrichtungen und ihre Träger in die "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt" ( NSV) einzugliedern. Die rassistischen Gesetze aus dem Jahre 1935 schlossen endgültig jüdische Kinder aus den "deutschen Kindergärten" aus, d. h. aus denen, die der NSV unterstellt waren. Davon betroffen waren nicht die evangelischen und katholischen Einrichtungen, da diese, wie sie versicherten, schon immer nur ihrer Religionsgemeinschaft zugehörende Kinder aufnahmen. Diese Behauptung scheint nicht ganz stimmig zu sein, zumindest für die evangelischen vorschulischen Institutionen, denn Pastor Johannes Hübener wies darauf hin, dass die evangelische Kleinkinderpflege bereits sehr früh den Auftrag zu erfüllen hatte, "indirekt Judenmission" (Hübener 1888, S. 11) zu betreiben, sollten jüdische Kinder evangelische Einrichtungen besuchen.

Allgemein stand für die Nazis das "gesunde und arische Kind" im Fokus der öffentlichen Kleinkinderpädagogik. Jüdische und erbkranke Kinder galt nicht, wie eine Kindergartenleiterin vermerkte, "unserer Fürsorge, sondern den gesunden, tüchtigen und wertvollen deutschen Kindern. Ihnen soll der Kindergarten zur Blutsheimat werden. Somit ist unsere Arbeit Dienst am Kinde und zugleich Dienst an deutscher Familie und am deutschen Volk. Darum hüten und fordern wir: Ordnung, Zuverlässigkeit, Pflichttreue, äußere und innere Sauberkeit, Gewissenhaftigkeit, Sinn für Wagemut und eine gewisse Härte" (zit. n. Schlesinger 1992, S. 83). Die gemeinsame Betreuung von "arischen" und jüdischen Kindern war für die Nazis von Anfang ein äußerst unangenehmer Störfaktor, der von den einzelnen Städten und Gemeinden unterschiedlich gelöst wurde. In Augsburg durften bereits schon ein Jahr vor den "Nürnberger Rassengesetzen" arische Kinder nicht mehr zusammen mit jüdischen Kindern einen Kindergarten besuchen. Jüdischen Kindergärtnerinnen wurde von der hiesigen "NSV-Gauamtsleitung Schwaben" strengstens verboten arische Kinder zu betreuen, da ihr schlechter jüdischer Einfluss diese verderben würde.

Privatkindergarten DannPrivatkindergarten von Gertrud Dann (Quelle: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen)So musste z. B. die in Augsburg geborene Jüdin Gertrud Dann, die seit 1932 einen gemischt konfessionellen Privatkindergarten in der Hochfeldstraße 15 1/6 leitete, zwei Jahre später die Betreuung arischer Kinder einstellen - trotz reger Nachfrage nichtjüdischer Eltern. Die im "Seminar für Frauenbildung" in Hellerau bei Dresden ausgebildete Kindergärtnerin wurde gezwungen, ihren Kindergarten in einem Nebenraum der Augsburger Synagoge unterbringen, der schließlich 1937 aufgelöst wurde (vgl. Dann 1998, S. 109 ff.). Nach ihrer Emigration arbeitete Dann in London mit Anna Freud und Dorothy Burlingham zusammen (siehe auch Brief Gertrud Dann).

Der in Berlin ansässige Verein "Deutsch-Ausländisches Jugendhilfswerk", welcher im Mai 1933 von Erna Corte, Edith Hart, Lotte Lemke und Ruth Weiland gegründet wurde (eine Tarnorganisation der Elsa Brandström und Jeanne Marie de Morsier von der Internationalen Kindervereinigung in Genf vorstanden), konnte immerhin bis Mitte der 1930er Jahre in Berlin-Reinickendorf einen Kindergarten unterhalten, der überwiegend von jüdischen Kindern besucht und von den englischen Quäkern unterstützt wurde (vgl. Erna Corte). Ein weiteres Beispiel: Die der bedeutenden jüdischen Familie Warburg angehörende Anna Beata Warburg engagierte sich in Hamburg auf vielfältige Weise sozial, insbesondere für die Belange der Fröbelkindergärten. Mit Beginn der Nazi-Gewaltherrschaft musste sie ihr segenreiches Wirken einstellen. Da die jüdischen Kinder Hamburgs keine offiziellen Einrichtungen mehr besuchen durften, gründete sie kurzerhand einen jüdischen Kindergarten auf dem mondänen Familienstammsitz, gelegen auf dem vornehmen Kösterberg in Blankenese (dort traf sich alles, was in Hamburg Namen, Geld oder Geist hatte). Da Warburg selbst ausgebildete Kindergärtnerin war, arbeitete sie auch im Erziehungsdienst mit. Großer Wert wurde hier auf die das Fröbel'schen Beschäftigungen und Bewegungsspiele gelegt. Ein weiterer Schwerpunkt war die Vermittlung der jüdischen Tradition, insbesondere durch Fest- und Feiergestaltung, und hatte zum Ziel die jüdische Identität der Kinder zu fördern und stärken (vgl. Thorun 1997, S. 14 ff.).

Jüdischer Kindergarten Anna WarburgIm jüdischen Kindergarten Anna Warburgs (Quelle: Ida-Seele-Archiv)

Die Diskriminierung und Ausgrenzung von jüdischen Kindern in nichtjüdischen vorschulischen Einrichtungen ließ allgemein die Kinderzahlen in jüdischen Kindergärten "deutlich ansteigen. Die jüdischen Kindergärten sahen sich aufgrund dieser Entwicklungen zum Umdenken gezwungen, besonders was ihre pädagogischen Zielsetzungen betraf. Die [1933 gegründete; M. B.] 'Reichsvertretung' [der deutschen Juden, mit Sitz in Berlin; M. B.] strebte die Betonung der jüdischen Elemente in den Einrichtungen an..., um das von den Nazis auf die Juden projizierte Minderwertigkeitsklischee von den Kindern abzuwenden, sie im Sinne ihrer Bedeutsamkeit für die jüdische Gemeinschaft zu erziehen und auf diese Weise ihr Selbstwertgefühl zu stärken" (Dietrich 2013, S. 82).

 

Erziehung zum Rassenhass durch Bilderbücher

Trau keinem FuchsDeckblatt (Rückseite) von "Trau keinem Fuchs..." (Quelle: Ida-Seele-Archiv)Die Erziehung zum Rassenhass, insbesondere zur Judenfeindlichkeit, gehörte zur Alltagsrealität der NSV-Kindergärten. Diesbezüglich bediente man sich überwiegend des Bilderbuchs. Parteigenosse Hugo Wippler, die Fachautorität auf dem Sektor der Kinder- und Jugendliteratur, kritisierte mit scharfen Worten die vorherrschende Bilderbuchproduktion und rief auf "zur Reinigung von schädigenden Tendenzen überkommener Anschauungen, die sich zäh bis ins Kinderbilderbuch hinein erhalten haben. Weltbürgerliche Toleranz will unseren Kindern noch immer das 'Negerlein' und Andersrassige aller Art als Spielkameraden aufdrängen obwohl das gesunde Empfinden des Kindes sich dagegen sträubt, sie als Brüder anzuerkennen und für diese Zumutung zunächst nur ein entsetzliches Lachen aufbringt" (Wippler 1936, S. 155). Vor allem sollten die Kinder vor den Juden gemahnt werden, die als Verbrecher, Erbschleicher, Verführer... durch die Welt marschieren. In dem Bilderbuch der damals 18jährigen Elvira Bauer "Trau keinem Fuchs auf grüner Heid, trau keinem Jud bei seinem Eid" (1936) heißt es:

"Als Gott der Herr die Welt gemacht,
Hat er die Rassen sich erdacht:
Indianer, Neger und Chinesen
Und Juden auch, die bösen Wesen" (zit. n. Berger 1985, S. 68).

 

GiftpilzDeckblatt(Vorderseite) von "Der Giftpilz" (Quelle: Ida-Seele-Archiv)In dem Bilderbuch "Der Giftpilz" wird der Jude wie folgt charakterisiert:

"Der Blick des Juden ist lauernd und stechend. Die Judennase ist an der Spitze gebogen. Sie sieht aus wie ein Sechser... Man sieht ihm schon an seinen Augen an, daß er ein falscher Mensch ist" (ebd., S. 69).

 

Ob und inwieweit genannte Bilderbücher, die mehr über die Verfasser verraten als über die Menschen, die sie diffamieren, in die Hände der Kinder gerieten ist heute nicht mehr zu eruieren. Wenn man aber bedenkt, dass damals die "meisten Kinder über keinerlei sonstiges kontrastives, vor allem kein natürliches Anschauungsmittel verfügten, kann man die Wirkung derartiger Machwerke wohl nachempfinden" (Konrad 2012, S. 163).

 

Jüdische Kindergärten nach Kriegsende

Bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten waren "jüdische Kindergärten in Deutschland ausschließlich auf dem Gebiet der BRD vorhanden. In der DDR gab es weder jüdische Kindergärten noch jüdische Schulen" (Dietrich 2012, S. 325). Ein Grund dafür könnte sein, dass viele in der DDR lebende Juden "sich bewusst für den SED-Statt entschieden" haben und ihre "quasi-erzwungene Assimilation mit der Zielstellung einer freien und gleichgesinnten sozialistischen Gesellschaft" rechtfertigten. Denn nur "mit der Annerkennung der Gleichheit aller Mensch sollte und konnte ihrer Meinung nach die neue, gerechte Gesellschaft funktionieren. Die meisten Juden in der DDR betrachteten sich daher nicht als Juden... sondern 'in erster Linie als deutsche Kommunisten'... und verweigerten aus diesen Gründen oft auch die Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde... Ihre Identität als Kommunisten besaß für sie eine weitaus höhere Bedeutung als ihr Judentum" (ebd., S. 242). Die nicht vorhandene Versorgung der jüdischen Gemeinden mit vorschulischen Einrichtungen begründete Herbert Lappe von der jüdischen Gemeinde Dresden so:


"Da die DDR für alle Kinder ausreichend Kindergartenplätze zur Verfügung standen und alle auf gleichen Niveau ihre Schulbildung erfuhren, dabei das Interesse an religiöser Bildung kaum oder nicht vorhanden war, dachten wir vor der Vereinigung nie an entsprechende Einrichtungen" (zit. n. ebd., S. 266).


Der erste jüdische Kindergarten im westlichen Nachkriegsdeutschland, wurde am 9. Dezember 1946 in Berlin im ersten Stock des Vorderhauses Joachimsthaler Straße 13 in einem ehemaligen Büro der britisch-jüdischen Hilfsorganisation "Jewish Relief Unit" eröffnet. Die meisten Kinder die diese Einrichtung besuchten, "stammten aus jüdischen Familien, die die Nazi-Zeit in der Illegalität überlebt hatten oder aus dem Exil zurückgekehrt waren" (ebd., S. 181). Die Anfangssituation gestaltete sich schwierig, zumal "viele Kinder aufgrund der Kriegsauswirkungen und den Entbehrungen während der Verfolgungszeit an Mangelerscheinungen litten" (ebd., S. 182) und zuallererst einmal physisch sowie psychisch stabilisiert werden mussten. Auch die äußerlichen Gegebenheiten des Kindergartens waren sehr beschränkt. Für Spiele im Freien "stand der asphaltierte Hof zur Verfügung. Hier schufen die Erzieherinnen für die Kleinen Sommervergnügen, stellten Plantschbecken auf und spielten Kreisspiele. Die Kastanie spendete ihre Früchte für Bastelarbeiten, und auch Freuden im Schnee gab es. Oder man ging auf den Spielplatz am Rankeplatz. Auf den Weg dorthin mußte man die damals schon stark befahrene, aber nicht durch Ampel gesicherte Lietzenburger Straße überquert werden, was die höchste Aufmerksamkeit der Erzieherinnen forderte. Alternativ konnte man mit den Kindern auf dem Kurfürstendamm spazieren gehen" (Reuben-Shemia 1996, S. 14).

Jüdischer Kindergarten WestberlinJüdischer Kindergarten in West-Berlin 1960 (Quelle:Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen)

Neben der physischen und psychischen Stabilisierung waren die Kindergärtnerinnen bemüht, die ihnen anvertrauten "Kinder jüdisch zu erziehen. So sollten das Begehen der jüdischen Feste und das Singen hebräischer und jiddischer Lieder zum Aufbau und zur Festigung ihrer jüdischen Identität beitragen... Der Festtagsschmuck wurde gemeinsam mit den Kindern gebastelt. Lieder und Gedichte wurden von den Erzieherinnen auswendig vorgetragen und anschließend mit den Kindern einstudiert. Auch wurde versucht, die Eltern aktiv in Vorbereitung und Durchführung der Feiern mit einzubeziehen. Familien, die vom Judentum entfremdet waren, sollten auf diese Weise vom Wissen der Erzieher und der traditionell-jüdisch lebenden Familien profitieren, wodurch die Kinder schließlich auf natürliche Weise mit den Grundzügen jüdischen Lebens in Berührung kamen. Um den Wissensstand der Kinder zusätzlich abzusichern, wurde ihnen, ebenso wie bei der traditionellen jüdischen Erziehung, frühzeitig die Möglichkeit gegeben, sich an der Ausgestaltung der religiösen Zeremonien zu beteiligen. So erlebten sie von Anfang an spielerisch die Praxis ihrer Religion und begeisterten sich schnell für die mitunter streng festgelegten Feiertagsabläufe, was positiv zu ihrer jüdischen Prägung beitrug. Darüber hinaus erfuhren sie auf diese Weise feste Tages- und Jahresrhythmen, die ihrerseits wiederum die geistige Stabilisierung der Kinder begünstigten" (Dietrich 2013, S. 181).

 

Nach der Wiedervereinigung

In Deutschland bestehen zur Zeit über 20 jüdische Kindergärten bzw. Kitas, Tendenz steigend (vgl. Dietrich 2013, S. 433 ff.). Es gibt Einrichtungen in Berlin, Bremen, Chemnitz, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hannover, Köln, Leipzig, Mönchengladbach, München, Offenbach und Stuttgart. Die Kindergärten betreffend, findet "keine einheitliche Konzeptentwicklung und flächendeckende Netzwerkarbeit... statt, sondern einzelne Organisationen und jüdische Gemeinden versuchen sich daran, etwas eigenes zu konstruieren und vor Ort zu etablieren, was jedoch aufgrund fehlender finanzieller und personeller Mittel meist nur sehr niederschwellig angelegt sein kann" (Seidler 2012, S. 88). Trotz fehlender Richtlinien und Offenheit der Einrichtungen für Kinder verschiedener Religionen und Kulturen, ist allen Kindergärten gemeinsam, die Vermittlung einer jüdischen Identität. Das bedeutet, die jüdische Tradition und Religion den Kindern vorzuleben. Demzufolge nehmen die jüdischen Feiertage einen wichtigen Stellenwert ein und wichtige Inhalte der jüdischen Geschichte werden den Kindern vermittelt. Ferner steht das Einhalten der jüdischen Speisegesetze im Focus der Einrichtungen (vgl. Dietrich 2013, S. 326 ff.).

 

Literatur

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  • Ders.: 150 Jahre Kindergarten. Ein Brief an Friedrich Fröbel, Frankfurt/Main 1990
  • Ders.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt/Main 1995a
  • Ders.: Elisabeth Kitzinger (1881-1966) und die jüdische Wohlfahrtspflege in München (1904-1943), in: Landeshauptstadt München (Hrsg.): Jüdisches Leben in München. Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags, Buchendorf 1995, S. 57-63
  • Ders.: Jüdische Förderinnen der Pädagogik Maria Montessoris - Ein Beitrag zur Geschichte der Montessori-PädagogikMontessori-Pädagogik|||||Montessoripädagogik wurde von Maria Montessori ab 1907 als pädagogisches Bildungskonzept vom Kleinkind bis zum jungen Heranwachsenden entwickelt. Leitspruch der Pädagogik ist "Hilf mir es selbst zu tun" und arbeitet mit offenem Unterricht und freien Verfügungsphasen, in dem der Lehrende dazu angehalten ist die Lernprozesse angemessen anzuregen.  im deutschsprachigen Raum (Deutschland und Österreich) unter besonderer Berücksichtigung von Leben und Werk vier ausgewählter Frauen jüdischer Herkunft. In: Das Kind, H. 29/30, 2001, S. 88-131
  • Ders.: Clara Grunwald. Wegbereiterin der Montessori-Pädagoogik, Frankfurt/Main 2000
  • Ders.: Jüdische Förderinnen der Pädagogik Maria Montessoris - Ein Beitrag zur Geschichte der Montessori-Pädagogik im deutschsprachigen Raum (Deutschland und Österreich) unter besonderer Berücksichtigung von Leben und Werk vier ausgewählter Frauen jüdischer Herkunft. In: Das Kind, H. 29/30, 2001, S. 88-131
  • Ders.: Erinnerung an eine in Vergessenheit geratene Montessori-Pädagogin: Käthe Stern (1894-1973), in: Montessori 2011/H. 2, S. 37-44
  • Bericht des Berliner Fröbel-Vereins 1874 und 1878, o. O., o.J.
  • Dann, G.: Ich war die rote Prinzessin..., in: Römer G. (Hrsg.): Vier Schwestern. Lebenserinnerungen von Elisabeth, Lotte, Sophie und Gertrud Dann aus Augsburg, Augsburg 1998, S. 105-134
  • Dietrich, K.: Institutionelle Erziehung und Bildung jüdischer Kinder in Deutschland, Dresden 2013 (unveröffentl. Dissertation)
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  • Goldschmidt, H.: Die internationale Bedeutung Friedrich Fröbels für Familien- und Volkserziehung, in: Kindergarten Bewahranstalt und Elementar-Klasse 1904, S. 161-171
  • Hübener , J.: Die christliche Kleinkinderschule, ihre Geschichte und ihr gegenwärtiger Stand, Gotha 1888
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  • Kerl-Wienecke, A.: Nelly Wolffheim. Leben und Werk, Frankfurt/Main 2000
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  • Muchow, M.: Psychologische Probleme der frühen Erziehung, Erfurt 1929
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  • H./Muchow, M. (Hrsg.): Friedrich Fröbel und Maria Montessori, Leipzig 1927, S. 57-188
  • Rapp, J.: Von Jüdin für Jüdin. Die soziale Arbeit der Leipziger Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes und ihrer Mitgliederorganisationen bis zum Ende der Weimarer Republik, Leipzig 2011 (unveröffentl. Dissertation)
  • Reuben-Shemia, H.: Ein Ort der Verläßlichkeit und der Integration, in: Förderverein der Freunde der jüdischen Kindertagesstätte Berlin e.V. (Hrsg.): Der jüdische Kindergarten in Berlin 1946 - 1996. Festschrift anläßlich des 50jährigen Bestehens des jüdischen Kindergartens in Berlin, Berlin 1996, S. 13-17
  • Schlesinger, J.: Die Entwicklung der Münchener Kindergärten in den Jahren 1933-1945, München 1992 (unveröffentl. Diplomarbeit)
  • Seidler, R.: Frühkindliche jüdische Erziehung: eine progressive Perspektive - ein Beitrag zur interkulturellen Pädagogik, Berlin 2012
  • Stern, K.: Wille, Phantasie und Werkgestaltung in einem erweiterten Montessori-System, Leipzig 1932
  • Thorun, W. (Hrsg.): Die Fröbelbewegung in Hamburg, Hamburg 1997
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  • Wippler, H.: Kleinkind und Bilderbuch, in: Kindergarten 1936, S. 143-157
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  • Dies.: Jüdische Beziehungen zu Nichtjuden -Autobiographische Notizen, in: Die Sammlung 1959, S. 133-144

     

  • Webseite http://nifbe.de/component/themensammlung/item/37-themensammlung/grundlagen-a-grundfragen/bild-vom-kind-und-fachwissenschaftliche-perspektiven/paedagogik/495-erna-corte-1892-1975