Emy Gordon of Ellon (1848-1909)

Helge Wasmuth hat in seiner Publikation "Kindertageseinrichtungen als Bildungseinrichtungen. Zur Bedeutung von Bildung und Erziehung in der Geschichte der öffentlichen Kleinkinderziehung in Deutschland bis 1945" unter der Rubrik "Die katholische Kleinkinderpädagogik" (vgl. Wasmuth 2011, S. 274 ff.) mehrere bedeutende katholische Pädagoginnen und Pädagogen, wie beispielsweise Franz Xaver Gutbrod, die Ordensschwestern Athanasia und Eusebia sowie die Kindergärtnerin und Seminarlehrerin Regine Strobel, ausführlich gewürdigt. Auf Emy Gordon of Ellon verweist er nicht, obwohl die der englischen Hocharistokratie angehörende Katholikin mit zu den ersten Frauen und Männern gehört, die eine eigenständige "Konzeption" der katholischen Kleinkinderpädagogik zu entwickeln versuchten. Dabei wurde Erziehung "in diesem Kontext jedoch geradezu auf eine sittlich-religiöse Erziehung reduziert, der als Aufgabe die Vermittlung der gewünschten Tugenden zugewiesen wurde" (ebd., S. 282). Das kindliche Betragen betreffend, rät beispielsweise Gordon of Ellon kleine Verschen zu lernen und aufzusagen:

"Z. B. man fragt: 'Wie verhält sich ein gutes Kind bei Tisch?' Die einzulernende Antwort lautet:

'Ein braves Kind muß artig sein
Und seine Suppe essen fein,
Schön auf seinen Teller seh'n
Und nicht von seinem Platze geh'n.'" (Gordon 1902, S. 23).


Leben und Wirken

Gordon 150Emy Gordon of Ellon (Quelle: Ida Seele-Archiv)Emilie Caroline Albertine Anna, von frühester Kindheit an Emy gerufen, wurde am Mittwoch, den 6. März 1841 in (heute: Bad) Cannstatt geboren. Ihre Eltern waren der Gutsbesitzer und im Militärdienst des Königreichs Württemberg stehende Hartmund August Ludwig Albert Siegfried Freiherr von Beulwitz und seiner Ehefrau Anna Maria (geb. Riedlinger). Das ursprünglich schwarzburgische und voigtländische Geschlecht Beulwitz, stammt von den alten Sorben ab, die sich an der Saale niedergelassen hatten und 1820 in die Klasse der königlich bayerischen Freiherrn immatrikuliert wurde. Im Alter von 22 Jahren heiratete sie den um 36 Jahre älteren englischen Gesandten am württembergischen Königshof, Exzellenz George Gordon of Ellon. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. 1884 übersiedelte die adelige Familie, die mehrere Jahre auf dem Familiensitz Ellon im schottischen Aberdeen lebte, zuerst nach Brügge, dann nach Würzburg. In der Stadt am Main engagierte sich die Adelige im sozial-karitativen Bereich. Die Notwendigkeit erkennend, dass Frauen in einem Verbund stärker sind als alleine zu Hause, beteiligte sie sich aktiv an der Gründung (1903) des "Katholischen Deutschen Frauenbundes" und seines Würzburger Zweigvereins, der 1904 ins Leben gerufen wurde. Zudem initiierte sie 1905 den "Verband katholischer Vereine erwerbstätiger Frauen und Mädchen" und war aktives Mitglied im "Marianischen Mädchenschutzverein", gegründet 1895. Unterstützt von genannten Vereinen rief Gordon of Ellon Krippen und Kinderbewahranstalten /-schulen ins Leben, um die Kinder der auf Erwerb angewiesenen Mütter vor sittlicher Verwahrlosung und Verrohung sowie vor leiblichen und geistigen Gefahren zu bewahren. Daneben war sie rege als Mitarbeiterin katholischer Zeitungen und Zeitschriften tätig, wie beispielsweise für das seinerzeit sehr beliebte Frauenperiodikum "Monika. Zeitschrift für die häusliche Erziehung".

Emy Gordon of Ellon starb überraschend nach einer schweren Erkältung am 2. Februar 1909. Drei Tage später wurde die Verstorbene auf dem Würzburger Hauptfriedhof beigesetzt.


Zur Ausbildung der  katholischen Kindergärtnerin

Emy Gordon of Ellon beklagte seinerzeit, dass es vor allem in Bayern zu wenige katholisch ausgebildete Kindergärtnerinnen gäbe. Demzufolge waren die vorschulischen Einrichtungen der katholischen Kirche auf die Anstellung von Kindergärtnerinnen "hauptsächlich aus Norddeutschland" angewiesen, die jedoch meistens evangelisch und nach dem "irreligiösen System Fröbels" ausgebildet waren. Um dieses gravierende Defizit zu beseitigen, unterstützte sie die Gründung  von Kindergärtnerinnenseminaren, die ihrer Ansicht nach am besten von "klösterlichen Genossenschaften" oder katholischen Vereinen errichtet und geleitet werden sollten. Über die beklagenswerte Situation des katholischen Kindergartenwesens schrieb sie:

"Die Kindergärtnerin ist eine Errungenschaft der Neuzeit. Der im Jahre 1782 geborene Pädagog Fr. Aug. Wilhelm Fröbel war es, welcher die Kindergärten in der Erziehungslehre eingebürgert hat. Zwar wurden und werden gegen diese Schöpfung Fröbels mit Recht mannigfaltige Bedenken erhoben; denn der irreligiöse Standpunkt ihres Urhebers, die verschiedenen pädagogischen Mißgriffe in der Methode verdienen Widerspruch. Jedoch der Grundgedanke, daß den Kindern auch im vorschulpflichtigen Alter eine große Aufmerksamkeit zu schenken sei, ist gesund und von großen Pädagogen bereits früher des öftern ausgesprochen. Ebenso muß jeden einleuchten, daß es besser ist, wenn solche nicht schulpflichtigen  Kinder von einem weiblichen Wesen in verschiedenartigen Bewegungsspielen und den ihrem Alter entsprechenden Beschäftigungen nach einer sicheren Methode unterrichtet werden, in welcher geregelte Thätigkeit, Scherz und Ernst gleich berechtigt sind, als wenn die kleine Welt der Beaufsichtigung von planlos zu Werk gehenden, ungeschulten Kindermädchen überlassen wird. Darum hat man auf kathol. Seite, zwar nicht den Namen, aber die Sache alsbald aufgegriffen, und unsere Kinderbewahranstalten haben längst die wesentlichen Gedanken der Kindergärten auf religiöser Grundlage durchgeführt. Jedoch auch der Name hat immer mehr seinen bedenklichen Klang verloren und es ist Thatsache, daß manche katholische Mütter ihre Kinder einer nach dem System Fröbel herangebildeten Kindergärtnerin in den zahlreich bestehenden Kindergärten anvertrauen, oder sich eine solche im eigenen Hause halten, wenn ihnen die Verhältnisse einen solchen Luxus gestatten. Es ist deshalb dringend geboten, auch unsererseits der Ausbildung von kathol. Kindergärtnerinnen näher zu treten, umsomehr, als aus diesem neu geschaffenen Beruf nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwerb suchenden Mädchen Vortheil erwächst, indem er vielen unter ihnen ein entsprechendes Feld der Thätigkeit eröffnet" (Gordon 1898, S. 149).

Folglich regte Emy Gordon of Ellon in Würzburg die Gründung von vierteljährlichen Kursen zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen an, die vom "Marianischen Mädchenschutzverein" 1897 im hiesigen "Marienheim" eröffnet wurden. Der theoretische Unterricht umfasste:

"1. Erziehungslehre, wobei besonders Gewicht gelegt wird auf Beschäftigung und Unterhaltung der Kinder (wozu Arm-, Hand- und Fingerspielen nach dem System Fröbel gehört), Anleitung zum Erzählen, Redeform und Gesprächston, Belohnung und Bestrafung kleiner Kinder.

2. Einige Kenntniß auf dem Gebiete der populären Medicin, sich erstreckend auf die Pflege der Hauptorgane des Menschen: Auge, Ohr u.s.w.; den Unterricht über Achtsamkeit auf Knochen, Muskeln, Nerven, Rückenmark etc., die Athmungsorgane, über die Verdauung, die am meisten vorkömmlichen Gesundheitsstörungen der Kinder u.a.m. Die hierbei nothwendigen Belehrungen oder Ergänzungen sind durch den Anstaltsarzt zu geben" (ebd., S. 150).


Die katholische Kindergärtnerin in Schule und Haus

Gordon2 150Emy Gordons of Ellon 50 Seiten umfassende Schrift "Die katholische Kindergärtnerin in Schule und Haus" fand damals hohe Anerkennung. Es sollte "durch ein genau entworfenes Bild des Lehrgangs zeigen, welch' fruchtbringender Boden für das spätere, jetzt so komplizierte Erziehungswerk im Kindergarten gelegt zu werden vermag. Die Kindergärtnerin aber soll die Verantwortlichkeit und Bedeutung ihres schönen Berufs in vollem Umfang ermessen lernen und sich an seinen hohen Zielen begeistern" (Gordon 1902, S. VII.). In ihrem "Fachbuch" beklagte die Verfassern, dass der "idealen Kindergärtnerin, wie sie Fröbel ausgebildet, die wir auf katholischen Boden verpflanzt zu sehen wünschen, begegnet man leider nur vereinzelt auf deutschem Boden, wo sie doch die meiste Berechtigung hätte!" (ebd., S. 9).

Vordergründig sollte die Aufgabe der frühkindlichen Erziehung sein, die Kinder "in den ersten sechs Jahren zu üben: 1. im Verstande, 2. in der Arbeit und in den Künsten, 3. in der Sprache, 4. in Sitten und Tugenden, 5. in der Geselligkeit" (ebd., S. 14). Beispielsweise erachtete sie das seinerzeit übliche Marschieren als gute Möglichkeit bestimmte Tugenden und Eigenschaften zu erlernen:

"Die Kleinen gehen einzeln, zu zweien, dreien u.s.f. in geraden oder gebogenen Linien, einige Schritte rechts, einige links, 'Füßchen geschlossen, Füßchen auswärts, das ist schön, so laßt uns im Kriese gehn'. Sie gehen im militärischen Schritt, gewöhnen sich eine gute Haltung an und sind sich ihrer Handlung durch das erklärende (gesprochene oder gesungene) Wort genau bewußt.

Statt wild herumzutollen, erlangen die Kinder die Fähigkeit, sich anmutig zu bewegen; statt zu schreien, gewöhnen sie sich an melodischen Gesang" (ebd., S. 21 f). 

In ihrer Publikation  hatte Emy Gordon of Ellon auch Elemente der Fröbel'schen Pädagogik aufgenommen, allerdings nicht die politischen und pädagogischen Intentionen des Kindergartenbegründers berücksichtigend. Sie betrachtete Fröbels System der Spiel- und Beschäftigungsmittel mehr als Lehrmaterial bzw. Programm und nicht das Spiel als solches in seiner Bedeutung für die kindliche Entwicklung. Das "reiche Material der Fröbelschen Erziehungsmittel" besteht, wie die Autorin vermerkte, "in Uebungen, welche das religiöse und moralische Gefühl wecken und entwickeln, Gemüt und Verstand zur Entfaltung anregen, das Sprachvermögen ausbilden und den Sinn für Musik (das Lied) wachrufen. Der körperlichen Entfaltung wird teilweise durch Benützung der Gaben, die verschiedenen Bewegungsspiele, die Gartenarbeit, Tierpflege u.s.w. Vorschub geleistet (ebd., S. 15).


"Zehn Gebote für die Kindergärtnerin"

Die überzeugte Katholikin beschloss ihr "Fachbuch" mit Ratschlägen (solche waren damals sehr erwünscht), die sie in Form der "Zehn Gebote für die Kindergärtnerin" in Schule und Haus  präsentierte:

"1. Sie soll Herr über sich selbst sein, um Herr des Kindes zu werden.

2. Sie soll den kurzen Hinweis auf Gott bei den verschiedenen, sich bietenden Gelegenheiten nicht versäumen.

3. Sie soll nicht vorschnell im Guten wie im Schlimmen über das Kind urteilen.

4. Sie soll kein Kind dem anderen bevorzugen.

5. Sie soll nicht die Ausbildung einer Fähigkeit des Kindes mehr Aufmerksamkeit zuwenden als der einer anderen...

6. Sie soll nicht Neues (unter die gleiche Kategorie Kommendes) lehren, ehe das Vorhergehende gut eingeübt oder verstanden worden ist.

7. Sie soll fest an ihren Befehlen halten, aber freundlich und liebevoll sein, um das Vertrauen der Kinder, die in ihr die wahrhaft mütterliche Freundin sehen müssen, zu gewinnen.

8. Sie soll nur selten strafen und die Bestrafungen auf 'in die Ecke stellen', gelinde Verweise u.s.f. beschränken. Findet sich ein wirklich schwarzes Schäfchen unter ihrer Herde - ein seltenes Vorkommnis - so erteile sie ernste Mahnungen unter vier Augen, spreche mit den Eltern etc.

9. Sie hat streng auf Ordnung zu sehen, hält die Kleinen an, das Spielzeug wieder an den bestimmten Ort räumen zu helfen, läßt die größeren und gewandteren beim Austeilen der Gaben, beim Abnehmen der Kleider u.s.f. behilflich sein, erzieht sie zu Gehilfinnen, was von ihnen als Ehrenamt zu erachten ist.

10. Als Vorstehrein eines Kindergartens soll sie bedacht auf Aufrechterhaltung aller hygienischen Vorschriften, über die sie in ihrer Lehrzeit unterrichtet wurde. Es liegt ihr ferner ob, verschiedene Bücher zu halten. Sie hat zu führen: 1. ein chronologisch geordnetes Verzeichnis der Kinder (Name, Alter, Stand der Eltern, Ein- und Austritt); 2. ein Verzeichnis über die bezahlten Beiträge; 3. ein Verzeichnis über den Besuch der Kinder (Ausfälle desselben). An die Eltern teilt sie Anmeldescheine und womöglich die Satzungen des Vereins aus. Bei Erkrankungen richtet sie sich nach den in anderen Schulen geltenden Vorschriften" (ebd., S. 42 f).

 

Literatur

  • Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Emy Gordon of Ellon (abrufbar: http://www.kindergartenpaedagogik.de/204.html)
  • Braun, H.: Emy Gordon. Ihr Leben und ihre Arbeit für die Frauenbewegung, Würzburg o. J
  • Gordon, E.: Die Kindergärtnerin, in: Charitas 1898, S. 149-150
  • Dies.: Die katholische Kindergärtnerin in Schule und Haus. Angehenden Kindergärtnerinnen und Müttern gewidmet, Stuttgart 1902
  • Wasmuth, H.: Kindertageseinrichtungen als Bildungseinrichtungen. Zur Bedeutung von Bildung und Erziehung in der Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland bis 1945, Bad Heilbrunn 2011.



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