Archiv zur Geschichte des Kindergartens

Ida-Seele-Archiv leistet ehrenamtliche Pionierarbeit

Ida-Seele-ArchivLogo des Ida-Seele-ArchivsDas Ida-Seele-Archiv wurde am 15. Oktober 1993 in Dillingen an der Donau unter der vollständigen Bezeichnung „Ida-Seele-Archiv zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens“ ins Leben gerufen. Seine Gründung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit mehreren historisch interessierten Personen aus den unterschiedlichsten sozialen Berufsfeldern und Institutionen der Sozialarbeit/ -pädagogik. Die „Gründungsmütter und –väter“ waren der Überzeugung, dass die heutigen ErzieherInnen auch einer „historischen Identität“ bedürfen. Darum sollte eine Institution errichtet werden, die die geschichtliche Entwicklung des Kindergartens, dem früheren Praxisfeld der ErzieherInnen der Gegenwart, bewahrt und erforscht.

Ausgangssziel: Würdigung verborgener und vergessener  Pionierinnen des Kindergartens


Aufgabe des Archivs sollte vordergründig die Sammlung und Auswertung von Materialen und Dokumenten zum Kindergarten und seiner Vorgängereinrichtungen, wie Kleinkinderbewahranstalten, Christliche Kinderschulen, Bewahranstalten, Warteschulen etc. (das 19. Jahrhundert kennt mehr als zehn Bezeichnungen), als auch zur Entwicklung des Kindergärtnerinnenberufs sein. Bewusst wurde der Archivschwerpunkt auf die feminine Komponente gelegt, da der Anteil des weiblichen Geschlechts an der Entwicklung des Kindergartenwesens exorbitant ist. Der Anteil der Frauen, die rund um den Kindergarten (und Vorgängereinrichtungen) Großes geleistet haben, wurde bisher nur ungenügend bis gar nicht gewürdigt. Ihre Leistungen verschwanden im Dunkel der Geschichte – denn wer kennt schon Johanna Goldschmidt? Hanna Mecke? Doris Lütkens? Adele von Portugall? Henny Schumacher? Julie Traberth? Anna Wiener-Pappenheim? Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen (vgl. Berger 1995). Diesem historischen Desiderat wollte das Ida-Seele-Archiv entgegenwirken und die verborgenen weiblichen Leistungen kundtun. Und so wurde wohlüberlegt und nach langer Entscheidungsfindung für einen geeigneten Archivnamen der Name Ida Seele gewählt - war sie doch die erste Fröbelkindergärtnerin der Welt (ein Tatbestand, der heute wohl nur noch wenigen bekannt ist).

 

Ausweitung des Feldes

Bald stellte sich heraus, dass die Eingrenzung auf die Institution Kindergarten zu eng gegriffen war. Beispielsweise waren einige Kindergärtnerinnen nicht nur in der Kleinkindererziehung tätig, sondern auch im weiten Bereich der damaligen Wohlfahrtspflege / Fürsorge (heute Sozialarbeit/ -pädagogik) oder der Hort- und Schulpädagogik. Eine beachtliche Anzahl von ausgebildeten Kindergärtnerinnen absolvierte später noch ein Lehrerinnenseminar. Und als endlich 1908 die preußischen Universitäten ihre Tore für ein reguläres Frauenstudium öffneten, nachdem das Großherzogtum Baden bereits 1900 den Anfang gemacht hatte, ergriffen auch Kindergärtnerinnen diese Chance und studierten Nationalökonomie. Mit diesem Studium eröffneten sich für das weibliche Geschlecht neue Berufsmöglichkeiten, verbunden mit gehobenen Positionen in der Wohlfahrtspflege / Fürsorge. Mit der Gründung Sozialer Frauenschulen, Anfang des 20. Jahrhunderts, ergab sich für die Kindergärtnerinnen eine weitere interessante und begehrte berufliche Perspektive. So besuchten z. B. Frauen nach mehreren Berufsjahren als Kindergärtnerin die seinerzeit wohl renommierteste „Soziale Frauenschule“ in Berlin, die 1906 von der Frauenrechtlerin und Nationalökonomin Alice Salomon, die allgemein als Begründerin des sozialen Frauenberufs in Deutschland gilt, gegründet wurde (vgl. Berger 2011). Demzufolge erweiterte sich das Konvolut des Archivs erneut um ein Wesentliches, da in den Nachlässen der ausgebildeten Kindergärtnerinnen und späteren Wohlfahrtspflegerinnen / Fürsorgerinnen wertvolle Dokumente überlassen wurden, die für die Entstehung und Entwicklung der heutigen Sozialarbeit/- pädagogik von hohem Interesse sind. Hier, neben Alice Salomon, einige klangvolle Namen von Frauen, die für die Geschichte letztgenannter Profession von Bedeutung waren und über die im Ida-Seele-Archiv Dossiers vorhanden sind: Marie Baum, Frieda Duensing, Anna von Gierke, Maria Gräfin Graimberg-Bellau, Hanna Karminski, Hertha Kraus, Hilde Lion, Bertha Gräfin Schulenburg, Siddy Wronsky und Frieda Wunderlich (vgl. Maier 1998).

Zahlreiche Kindergärtnerinnen betätigten sich auch noch als Jugendschriftstellerinnen. Sie gestalteten Bilderbücher, schrieben Gedichte, Erzählungen, kleine „Plaudereien“ oder publizierten Spiel- und Liederbücher. Beispiele für jugendschriftstellerisch tätige Kindergärtnerinnen, die als solche noch einer Entdeckung harren, sind: Marie Coppius, Anna Borchers, Angelika Hartmann, Eleonore Heerwart, Johanna Huber, Hanna Mecke, Thekla Naveau, Gertrud Pappenheim und Ida Seele, um nur einige der vielen zu nennen (vgl. Berger 1995). Überdies gab es ausgebildete Kindergärtnerinnen, die ihren Beruf aufgaben, um sich nur noch als Jugendschriftstellerinnen zu betätigen (z. B. Sophie Reinheimer). Ebenso engagierten sich Jugendschriftstellerinnen, die keine ausgebildeten Kindergärtnerinnen waren -  wie beispielsweise Thekla von Gumpert oder Lina Morgenstern - für Friedrich Fröbel und seine Idee des Kindergartens. Da viele Kindergärtnerinnen auch intensive Kontakte zu bedeutenden Männern der Theologie, Philosophie, der Pädagogik etc. pflegten, konnte schließlich dieser Personenkreis nicht mehr negiert werden, schon gar nicht mehr Friedrich Fröbel, der am 28. Juni 1840 den Kindergarten in (heute Bad) Blankenburg stiftete. 

Dementsprechend unterschiedlich und vielfältig waren die Dokumente, die dem Ida-Seele-Archiv im Laufe der Jahre übereignet wurden. Sie umfassten nicht nur den Kindergarten und die Ausbildung von Kindergärtnerinnen, sondern gingen weit darüber hinaus. Bedingt durch die geschilderten Sachverhalte wurde einerseits die geschlechtsspezifische und andererseits die thematische Eingrenzung, als auch die ursprüngliche Titulierung des Archivs aufgehoben. Seit 1995 lautet der vollständige Name der Institution: „Ida-Seele-Archiv zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens, der Sozialpädagogik/-arbeit und ihrer Bezugswissenschaften“. Mit der hinzugekommenen Wortwahl „und ihre Bezugswissenschaften“ sind gemeint: Heilpädagogik, Hortpädagogik, Kinder- und Jugendliteratur, Pädagogik, Psychologie, Philosophie, Recht, Religion, Soziologie u. a. m.
 

Aktueller Bestand und Aufgaben des Archivs


Eine beachtliche Anzahl von historischen Dokumenten ist inzwischen Grundstock des verhältnismäßig noch jungen Ida-Seele-Archivs. Durch Übereignung von Nachlässen und mühevolles Sammeln konnten bisher Dossiers von immerhin über 1.000 Frauen und 67 Männern des Kindergartens, der Sozialarbeit/-pädagogik und ihrer Bezugswissenschaften angelegt werden. Zum Archivbereich gehören auch Fachbücher, Diplom-, Magister-, Bachelor- und Masterarbeiten, ferner Dissertationen, Broschüren, Aufsätze, Skripten, Fachzeitschriften, Korrespondenzen, Tagebücher, antiquarische Bilder- und Kinderbücher u.v.m. Daneben existiert noch eine Fotothek mit inzwischen über 5.000 Bildmotiven. Neben Bilderbüchern aus den Jahren ca. 1875 bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, ist die Sammlung von gedruckten Adventskalendern von den Anfängen (1908) bis zur Gegenwart eine besonderer Schwerpunkt des Ida-Seele-Archivs.

Die Arbeit des Archivs erfolgt in Kooperation zu Wissenschaftlern und Einrichtungen (die der Frauenforschung, sozialen Ausbildungs-, Sozial-, Diakonie-, Caritas-, Kindheits-, Familien- und Jugendliteraturgeschichte verpflichtet sind) hinsichtlich der Sichtung, Systematisierung und Katalogisierung der archivierenden Materialien sowie ihrer historischen Aufarbeitung. Dabei liegt der Schwerpunkt nach wie vor darauf, die Leistungen von Frauen, wobei, wie schon deutlich angesprochen wurde, Männer nicht mehr ausgeschlossen sind, herauszuarbeiten und zu würdigen.

Inzwischen sind schon über 900 Veröffentlichungen in Form von Aufsätzen und einigen Monographien erschienen, ebenso Ausstellungen / Dokumentationen konzipiert und durchgeführt worden, die im Wesentlichen auf Dokumenten des Ida-Seele-Archivs beruhen, wie beispielsweise:


* Ida Seele – die erste Fröbelkindergärtnerin der Welt (1994)

* Psychoanalyse und Kindergarten (1994)

* Frauen im Dienste Friedrich Fröbel, dem Begründer des Kindergartens 1840 in Blankenburg/Thüringen (1995)

* Das Bilderbuch: Geschichte und Entwicklung in Deutschland  mit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart (1996)

* Frauen im Dienste der Montessori-PädagogikMontessori-Pädagogik|||||Montessoripädagogik wurde von Maria Montessori ab 1907 als pädagogisches Bildungskonzept vom Kleinkind bis zum jungen Heranwachsenden entwickelt. Leitspruch der Pädagogik ist "Hilf mir es selbst zu tun" und arbeitet mit offenem Unterricht und freien Verfügungsphasen, in dem der Lehrende dazu angehalten ist die Lernprozesse angemessen anzuregen.  (1997)

* Psychoanalyse und Montessori-Pädagogik (1997)

* Bertha von Marenholtz-Bülow. Eine in Vergessenheit geratene Fröbel- und Kindergartenpädagogin (1999)

* Der Kindergarten – Hauptlinien seiner Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert (1999)

* „Fröbels Ida“. Zum 100. Todestag von Ida Seele, der ersten Fröbelkindergärtnerin der Welt (2001)

* Clara Grunwald und Emmy Bergmann. Zwei jüdische Schwestern im Dienste der Montessori-Pädagogik (2002)

* Henriette Schrader-Breymann: Ein Leben im Dienste der Mädchenbildung und des Kindergartens (2003)

* „Erziehung zum einsatzbereiten Gemeinschaftsglied sowie zum rassisch gesunden und tüchtigen Einzelmenschen“. Betreuung, Erziehung und Bildung in der öffentlichen Kleinkindererziehung in den Jahren 1933 bis 1945 (2003)

* Bildungsort Kindergarten in Vergangenheit und Gegenwart (2004)

* Erziehung in Familie und Kindergarten während der Nazi-Diktatur (2005)

* Der Kindergarten ein Bund des weiblichen Geschlechts. Frauen im Dienste des Kindergartens (2006)

* 100 Jahre Montessori-Pädagogik (2007)

* Zur Geschichte der Erzieherinnen-/Erzieherausbildung in Bayern (2009)

* Eleonore Heerwart (1835-1911). Zum 100. Todestag der Fröbelpädagogin (2011)

* Leben und Wirken jüdischer Pädagoginnen vor und nach 1933 (2012)

* Friedrich Fröbels Spielgaben und Beschäftigungsmaterialien (2012)

* Clara Grunwald (1877-1943): Ein Leben für die Kinder und Montessoripädagogik (2013)


Ehrenamtliches Engagement


Auch wurden / werden inzwischen eine beachtliche Anzahl von  Beiträgen, insbesondere von Frauen und Männern in der Geschichte des Kindergartens, im Internet veröffentlicht, so auch in diesem Portal.

Die MitarbeiterInnen des Ida-Seele-Archivs sind ehrenamtlich tätig. Da die Einrichtung keinerlei Zuschüsse in irgendeiner Form erhält und nur über eine dünne finanzielle Basis verfügt, können (gewünschte) Übereignungen (Bücher, Zeitschriften, Manuskripte, Diplomarbeiten, Fotos, Kindergartenbroschüren, -Festzeitschriften etc.) die den Bestand erweitern und ergänzen, nur unentgeltlich angenommen werden. Ebenso sind erwünschte Recherchearbeiten, Dokumentationen bzw. Ausstellungen nur begrenzt möglich.

Leiter (ehrenamtlich) des Ida-Seele-Archivs ist gegenwärtig Manfred Berger.



Literatur


  • Berger, Manfred: Ida-Seele-Archiv, in: Handbuch für ErzieherInnen in Krippe, Kindergarten, Kita und Hort, München Ausgabe 72, 04/2013, S. 1-8

  • Ders.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens, Frankfurt/Main 1995

  • Maier, Hugo (Hrsg.): Who is who der Sozialen Arbeit, Freiburg/Brsg. 1998


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