Her mit den Eltern!

Zusammenarbeit mit Familien und Partizipation

  • Ko-Autorin: Martina Ernst

Kindertagesstätten sind nicht nur Orte für Kinder, sondern auch Orte für Familien. Eine kindgerechte Frühpädagogik kann nur dann gelingen, wenn Eltern und pädagogische Fachkräfte an einem Strang ziehen. Die frühkindliche Entwicklung wird auch bei zusätzlich außerfamiliär betreuten Kindern am stärksten durch die Familie beeinflusst.

Eltern werden von den Erzieher/-innen unterschiedlich wahrgenommen: als Verbündete, als Vertrauenspersonen, als Störende, als Anspruchsvolle, als Desinteressierte, als gleichgültige Eltern oder als (über-)behütende. Elternarbeit gilt als aufwendig und anstrengend.

DiversitätDiversität|||||siehe Diversity

Obwohl es keine Kita-Pflicht gibt, liegt die Besuchsquote der Drei- bis Sechsjährigen bundesweit bei 93 Prozent (Bertelsmann-Länderreport 2011). Dabei ist die Entscheidung für eine außerfamiliäre Betreuung in Kindertagesstätten nicht allein dem Wunsch geschuldet, Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können. Die Kita bietet den Kindern die Möglichkeit, in einer Gemeinschaft mit anderen Kindern aufzuwachsen und in allen Phasen der frühkindlichen Entwicklung durch Fachkräfte begleitet zu werden. Auch für die Familien entstehen hier Kontakte zu anderen Familien, Eltern können sich ehrenamtlich einbringen und sich über die Erziehung ihrer Kinder austauschen. Dadurch werden Kitas zu Orten der Vielfalt, an denen sich eine große Bandbreite an Familien wiederfindet. Diversität ist in Kitas akzeptierter und willkommener Alltag. Selektion und Bewertung stehen im Widerspruch zur Elementarpädagogik. Die Einrichtungen leisten damit einen unverzichtbaren Beitrag zur Ermöglichung von gesellschaftlicher Teilhabe und gehören zu den wenigen Orten, an denen InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. bereits heute zur Alltagspraxis gehört. Kinder mit und ohne Behinderung, Kinder unterschiedlicher ethnischer und sprachlicher Herkunft, unterschiedlicher Religion, unterschiedlicher sozio-ökonomischer Lage und unterschiedlichen Geschlechts werden in Kitas gemeinsam groß. Inklusion versteht diese Heterogenität als gesellschaftliche Normalität. Die Kinder müssen nicht in entsprechende Gruppen unterteilt und an ein homogenes Ideal angepasst werden, sondern werden in ihrer Individualität wahrgenommen und akzeptiert. Im Gegensatz zur Schule ist die Elementarpädagogik nicht an normierte Lehrpläne gebunden und muss die Kinder nicht danach bewerten und benoten, wie passgenau sie den gesellschaftlichen Ansprüchen und Leistungserwartungen genügen. Kita-Kinder können in ihren ersten sechs Lebensjahren erfahren, dass Verschiedenheit normal ist und jeder Mensch das gleiche Recht auf Teilhabe besitzt.

Die Elementarpädagogik greift damit die zunächst vorurteilsfreien Herangehensweisen sehr kleiner Kinder auf und versucht diese in demokratische Grundwerte und Handlungskompetenzen zu überführen.
 

Benachteiligung hat viele Gesichter

In der öffentlichen Diskussion scheinen diese inklusiven Aspekte der Elementarpädagogik nur wenig Beachtung zu finden. Immer wieder liest man von dem zu geringen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in Kindertageseinrichtungen und dass dieser vor allem im Krippenbereich zu niedrig sei, um den Erfolg der Kinder im Bildungssystem zu gewährleisten. Ohne Zweifel ist es wichtig, durch gezielte Maßnahmen unterstützend einzugreifen und Bildungsbenachteiligungen möglichst früh entgegenzuwirken. Es wäre jedoch falsch, diese Notwendigkeit für bestimmte Bevölkerungsgruppen pauschal festzuschreiben. Das Leben in Familien mit Migrationshintergrund ist ebenso vielfältig wie der Alltag deutscher Familien. Verallgemeinerungen werden dieser Vielfalt nicht gerecht und versperren den Blick auf die tatsächlichen Ursachen gesellschaftlicher Benachteiligung. Ein geringes Familieneinkommen, ein niedriger Bildungsstand der Eltern, ein unsicherer Aufenthaltsstatus und andere belastende Lebenssituationen können gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten einschränken. Aber auch dort, wo diese Merkmale nicht vorliegen, können Kinder schwierigen Verhältnissen ausgesetzt sein, die besondere Unterstützungsleistungen erforderlich machen. Gerade in der sogenannten »Mittelschicht« und in bildungsbürgerlich geprägten Familien führt die Sorge vor einem sozialen Abstieg nicht selten zu hohen Erwartungen an den eigenen Nachwuchs und zu immer ausdifferenzierten Maßnahmen der frühen Förderung. Ebenso wie bei bildungsbenachteiligten Kindern müssen Kindertagesstätten auch in diesen Fällen kompensatorisch tätig werden und entstehende Überforderungen abmildern.

Die gegenwärtige Diskussion verengt Problemlagen auf einzelne Merkmale wie zum Beispiel den Migrationshintergrund und spricht bestimmten Bevölkerungsgruppen Erziehungskompetenzen pauschal ab. Gesellschaftliche Teilhabe wird auf diesem Weg nicht gefördert, sondern sogar verhindert. Die Kompensation benachteiligender oder belastender Faktoren ist nur dort möglich, wo jedes Kind in seiner Individualität wahrgenommen wird und die Familien in Unterstützungsangebote einbezogen werden. Dass dies nur mit genügend Zeit und Personal gelingen kann, steht außer Frage, denn Diversität bedeutet auch, dass jede Kita-Fachkraft immer wieder mit Eltern zu tun hat, deren Verhalten oder Ansichten ihr möglicherweise fremd sind. Trotzdem muss es ihr gelingen, diese Eltern einzubeziehen und eine Basis für eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zu schaffen. Die Verschiedenheit von Lebenswelten und Einstellungen muss dabei nicht zu Konflikten führen. Wichtig sind die Kenntnis und ein Verstehen der jeweils anderen Position. Die gegenseitige Akzeptanz und Empathie sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine funktionierende Erziehungspartnerschaft.

»Ohne Eltern geht’s nicht«

Viele Eltern nehmen die Möglichkeit zu einem gemeinsamen Gespräch erst dann wahr, wenn sie Hilfe bei der Lösung eines Problems benötigen, wenn sie verunsichert sind und selber nicht mehr weiter wissen. Vor allem Familien, die nur über eine geringe formale Bildung und ein knappes finanzielles Budget verfügen, sind für eine kontinuierliche, präventiv wirksame Elternarbeit nicht immer leicht zu gewinnen. Es sollte daher das Ziel jeder Einrichtung sein, eine funktionierende Erziehungspartnerschaft mit allen Eltern aufzubauen. Denn »ohne Eltern geht es nicht« – das weiß im Grunde jede/r Erzieher/-in und doch wird die Anstrengung und mitunter konfliktreiche Auseinandersetzung auch gescheut. Eltern als Experten/-innen ihrer Kinder ernst zu nehmen und in den Kita-Alltag einzubinden ist in den Elterninitiativen ebenso wie in Early-Excellence-Centern (das englische Vorbild aller Familienzentren) eine wichtige Tradition und ein zentraler Anspruch an die eigene Arbeit.

Das Eingebunden sein in das Gemeinwesen zeigt sich bei den Familienzentren ebenso wie bei den Elterninitiativen. So mancher Stadtteil wird geprägt durch die umher spazierenden Kindergruppen oder durch große Kinderwagen, die Platz für acht Kinder bieten. In der Präsenz zeigt sich die Niedrigschwelligkeit des Angebots und bietet den Eltern einen allerersten Blick auf die Elementarpädagogik.

»Eltern sind die Lösung – nicht das Problem«1 könnte auch das Credo der Elterninitiativen seit ihrer Gründungszeit sein. Wenn Kitas personell besser ausgestattet werden, bieten sie den idealen Ort, um auch weitere Hilfen für Familien zu vermitteln oder selbst vorzuhalten. Im besten Fall kommen andere Einrichtungen regelmäßig in die Kita und veranstalten in den Räumen Kurse, bieten Beratung an, nehmen ärztliche Untersuchungen vor oder arbeiten therapeutisch.

Kitas sind Orte gegenseitigen Vertrauens. Die soziale Nähe macht sie aber auch zu Orten sozialer Kontrolle. Hier wird gesehen, wenn ein Kind oft hungrig ist, wenn die Kleidung nicht mehr passt, wenn es sich auffällig verhält oder wenn die Eltern unzuverlässig sind. Die Erzieher/-innen können Unterstützungen vermitteln oder aber im Falle von Kindeswohlverletzungen oder -vernachlässigungen das Jugendamt hinzuziehen.


Hinweis:
Das Zitat "Ohne Eltern geht es nicht" entstammt einem Vortrag von Dr. Margy Whalley (Begründerin der Early Excellence Center) während der Tagung »Von der Kita zum Familienzentrum«, veranstaltet vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) in Kooperation mit dem Niedersächsischen Kultusministerium am 14. Februar 2011 in Hannover.





Zum Weiterlesen:

Familie

Auf dem Weg zum Familienzentrum

Familienzentren liegen im Trend (nifbe-Befragung)

Early Excellence Centre - von der englischen Idee bis zur Umsetzung