Erika Hoffmann (1902-1995)


Erika Hofmann 200Erika Hofmann (Quelle: Ida Seele-Archiv)Erika Hoffmann hatte einen enormen Einfluss auf die frühkindliche Erziehung und Bildung, insbesondere nach 1945 ausgeübt. Ab den frühen 1930er Jahren begann sie sich intensiv mit Friedrich Fröbel und der Klein-/ Kindergartenpädagogik zu beschäftigen. Dabei setzte sie sich zeitlebens für den Kindergarten als pädagogische Einrichtung mit eigenständigem Bildungsauftrag ein und war stets bemüht, den Kindergarten von der Schule abzugrenzen. Die Erziehungswissenschaftlerin betonte in ihren Publikationen „immer wieder die historische Veränderung von Familie, familiärer Umwelt und Gesellschaft. Aus dieser Sicht entwickelt sie auch die Begründungen für den Kindergarten und seine pädagogischen Aufgaben. Sie löst sich damit von der Vorstellung, daß der Kindergarten eine sozialpädagogische Nothilfeeinrichtung sei“ (Becker-Textor 1993, S. 64), einer Ansicht, die weit bis in die 1960er Jahre verbreitet war.
 

Leben und Wirken


Erika Luise Laura Hoffmann wurde am 28. März 1902 in Neuteicherwalde / Westpreußen geboren. Bis zu ihrem 11. Lebensjahr wurde sie von ihrem Vater unterrichtet, der Dorfschullehrer war. Sie absolvierte das Lyzeum in Marienburg und ließ sich anschließend zur Lehrerin für Volks- und Mittelschulen ausbilden. Folgend studierte die junge Lehrerin Naturwissenschaften an den Universitäten in Freiburg / Brsg. und Göttingen. Doch ihr Interesse wandte sich der Philosophie und Pädagogik zu, angeregt von den jugendbewegten Diskussionskreisen um Herman Nohl, der Professor für „praktische Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Pädagogik“ an der Göttinger Universität war. 1928 schloss Erika Hoffmann ihr Studium mit der Promotion ab. Das Thema ihrer Dissertation lautete: „Das dialektische Denken in der Pädagogik“. Von 1928 bis 1947, mit einer kurzen Unterbrechung, unterrichtete sie u. a. Pädagogik und Psychologie an dem renommierten in Berlin ansässigen „Pestalozzi-Fröbel-Haus“. Auch während der Nazi-Diktatur befasste sich die Pädagogin mit der Kindergartenpädagogik und mit Friedrich Fröbel. Dabei war sie bemüht, den Kindergartenbegründer „’als den deutschen Nationalpädagogen’ anzubieten“ (Hebenstreit 1980, S. 12). Beispielsweise schrieb sie über den „nationalen, volkserzieherischen Wert“ des Kindergartens:

„Auch bei der heutigen allgemeinen Verbreitung des Kindergartens in Deutschland durch die ‚NS.-Volkswohlfahrt’ kommt der kraftvolle Schwung der Arbeit und der opferbereite Einsatz aus dem Bewußtsein, dem Volksganzen zu dienen und Träger des Erziehungswillens zum Deutschtum zu sein. Damit aber berühren wir uns im Tiefsten mit dem Gründer des Kindergartens, mit dem ersten deutschen Erzieher, der sich bewußt der Kinderwelt seines Volkes und der deutschen Familie widmete, der nach Wegen und Mitteln forschte, um durch die erste Pflege und Erziehung im ‚Gottesgarten der Familie’ und im ‚Kindergarten’, dem Garten des Volkes, den festen Grund zu legen, daß der deutsche Mensch zur Entfaltung seines gottgegebenen Wesens gelange“ (Hoffmann 1940, S. 102). 

Im Jahre 1947 übersiedelte Erika Hoffmann in die sowjetisch besetzte Zone, um in Weimar eine Fröbelforschungsstelle aufzubauen. Ferner unterrichtete sie Psychologie am dortigen Kindergärtnerinnenseminar, geleitet von Mintje Bostedt. Noch im gleichen Jahr übernahm die Erziehungswissenschaftlerin eine außerordentliche Professor für Kleinkind- und Grundschulpädagogik an der Universität Jena. Im Herbst des Jahres 1949 beging sie „Republikflucht“ und setzte sich in den „Westen“ ab. Bis 1951 lehrte sie an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg. Anschließend übernahm Erika Hoffmann die Verantwortung für das  „Evangelische Fröbelseminar“ in Kassel, das sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1966 leitete. Noch viele Jahre befasste sich die Pensionärin in Wort und Schrift mit ihrem Lebensthema: Friedrich Fröbel und seiner Idee des Kindergartens.

Erika Hoffmann, die vielen wichtigen Gremien, Ausschüssen und Verbänden angehörte (z. B. „PestalozziPestalozzi||||| Johann Heinrich Pestalozzi`s (1746 - 1827) pädagogisches Ziel war es eine ganzheitliche Volksbildung zu erreichen, und die Menschen in ihrem selbstständigen und kooperativen Wirken in einem demokratischen Gemeinwesen zu stärken. Er legte Wert auf eine harmonische und ganzheitliche Förderung von Kindern in Bezug auf intellektulle, sittlich-religiöse und handwerkliche Fähigkeiten. Grundidee ist dabei, ähnlich wie in der Montessori-Pädagogik, dass die Menschen die Fähigkeit entwickeln, sich selbst zu helfen.   -Fröbel-Verband“ oder „Berufsverband evangelischer Kinderpflege“), starb am 5. Februar 1995 im Alter von fast 93 Jahren in Göttingen.
 

Eigenständiger Bildung- und Erziehungsauftrag des Kindergartens


Erika Hoffmann grenzte strikt die frühkindliche Bildung von der vorschulischen ab. Dabei ist an ihrer Argumentation bemerkenswert, „ihre sozial-kulturromantische Sichtweise, mit der sie immer wieder – neben stufentheoretischen Argumenten – ‚die Bewahrung der frühen Kinderwelt’ begründete“ (Franke-Meyer 2001, S. 223). Demzufolge hat der Kindergarten seine „eigene Bildungsformen“ zu entwickeln, die sich eindeutig von den schulischen Bildungs- / Lernformen distanzieren sollten:

„Mit anderen Worten: wir bemühen uns, den Kindergarten keine Vorschule werden zu lassen, sondern hier einen Ort frühkindlichen Lebens schützend zu erhalten. Wir suchen nicht erleichterte Lernformen, sondern treiben Spielpflege ohne versteckte Unterrichtsabsichten“ (Hoffmann 1954, S. 347).

Die Spielpflege interpretierte Erika Hoffmann viel umfassender, als der Begriff zunächst erwarten lässt. Darunter ist nicht nur die Vermittlung von Freispiel und gelenktem Spiel oder die richtige Auswahl des Spielzeugs zu verstehen. Vielmehr bedeutet Spielpflege u. a. das „gesamte erziehende Umgehen mit der Kindergruppe dieses Alters […] die beachtet, daß das Kind bereit ist, sich die Welt erschließen zu lassen, und die die ihm eigene Form der geistigen Arbeit ermöglicht. Dazu gehört die Pflege des Bilderschaffens, des darstellenden Ausdrucks und Stehgreifspiels, die Übung der Sammlung in hörenden aufnehmenden und beobachtenden Schauen, die Lenkung zum rücksichtsvollen Umgehen miteinander, auch Blumen- und Tierpflege und das Helfen und Schenken. Das Herauslocken der eigenen Frage, die jedes Kind hat, gehört dazu; nur müßten wir es besser lernen, mit dem Kinde zu sprechen“ (Hoffmann 1967, S.27).

Spielpflege im Zentrum


Im Zuge der allgemeinen bildungspolitischen Auseinandersetzungen in den 1960er entstand ein „Streit um die Fünfjährigen“. Damit rückte der Kindergarten in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Er wurde in den oft unsachlich geführten Debatten als „Rückständig“ abgewertet, der eifrig bemüht wäre, „alles, was mit gesteuertem Lernen, Unterricht und Schule zusammenhängen könnte, aus der [alltäglichen; M. B.] Arbeit fernzuhalten“ (zit. n. Berger 1990, S. 84).

Über die geforderte verstärkte Intelligenzförderung noch nicht schulpflichtiger Kinder konstatierte Klara Stoevesandt:

"Professor Heinz-Rolf Lückert hatte (im Anschluß an den Amerikaner Doman) herausgefunden, daß es möglich ist, bereits sehr kleinen Kindern gleichzeitig mit dem Sprechenlernen auch das Lesen beizubringen. Lückert meinte, diese Fähigkeit müsse unbedingt gezielt gefördert werden. Der Begriff 'Begabung' verlagerte sich: Sie sei keine Sache der Veranlagung, sondern ausschließlich der Umwelt... Diese Fordeung sehr früher und einseitiger Intelligenzförderung führte zu einer ‚fast blutigen‘ öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Professor Lückert und Professor Erika Hoffmann, der außergewöhnlichen kenntnisreichen und klugen Fröbel-Forscherin und feurigen Vertreterin einer intensiven, vielseitigen Spielpflege im Kindergarten. Sie wies nach, daß Lückert Fröbel mißverstand, weil er dessen Vergleich zwischen Kind und Pflanze nicht als Analogie, sondern als Übereinstimmung auffaßte und deswegen den herkömmlichen Kindergarten, wie er ihn sah, als einen Raum unbeeinflußten Wachsenlassen mißdeutete. Während Lückert kleinkindliches Spielverhalten für eine Durchgangsphase hielt, die mit Hilfe des Erwachsenen möglichst früh zu überwinden sei, betonte Hoffmann den eigentümlichen Sinn der frühen Kindheit und die Notwendigkeit, das Erleben und Sich-Äußern in dieser Phase durch Entwicklungsreize zu stärken, d. h. die kindlichen Ausdrucksformen vor allem des Spielens, Singens und Zeichnens aufmerksam zu beobachten und zu pflegen. In einer gesunden Entwicklung werde die frühe Phase nicht ‚überwunden‘, sondern bleibe als Pol zur späteren Selbst- und Weltauffassung bestehen und mache so die Menschlichkeit mit aus. Werde aber die einseitige rationale Bildung verfrüht, dann werde die Entwicklung in die Tiefendimension gestört, stellte Hoffmann den Vertretern des Frühlesens entgegen“ (Stoevesandt 1989 S. 69 f).

Erika Hoffmann setzte sich erneut vehement dafür ein, dass der Kindergarten ja nicht „verschult“ wird. Er ist und bleibt vordergründig eine Einrichtung für die Drei- bis Sechsjährigen. Sein pädagogischer Auftrag lautet, die Eigenart der Kinder zu berücksichtigen, zu unterstützen und zu fördern. Somit hat die vorschulische Einrichtung, wie Erika Hoffmann bereits schon vorher immer wieder in ihren Veröffentlichungen betonte, einen eigenständigen Bildungs- und Erziehungsauftrag, nämlich „durch Spielpflege die Bild- und Gestaltungskräfte des Kindes zu intensivieren, ehe es in der Schule die geistigen Mittel kennen und handhaben lernen wird, mit denen das heutige Leben rational beherrscht und gemeistert werden muß“ (Hoffmann 1968a, S. 348).

Demzufolge sollte die Bildungsarbeit des Kindergartens keinesfalls der Schule vorgreifen, vielmehr „die Gruppenatmosphäre einer Kleinkindwelt entstehen lassen und vornehmlich das gestaltende Spiel pflegen“ (ebd., S. 354). Den Kritikern der Kindergartenpädagogik warf sie vor, nicht wahrnehmen zu wollen, dass Friedrich Fröbel sehr wohl mit seinem „Gabensystem“ einen „Bildungsplan“ entworfen hatte. Darum, so die streitbare Erziehungswissenschaftlerin, „können wir uns nicht begnügen mit einer Vorschulerziehung, die sich mit einem Vorgriff der Schule auf die Fünfjährigen erledigen wollte und nicht die Verpflichtung auf sich nähme, gleicherweise für die Ermöglichung einer bildenden Spielatmosphäre in den Kindergärten zu sorgen“(Hoffmann 1968b, S. 149).

Helmut Heiland fügt kritisch an, dass Hoffmanns "rigide, von Fröbels Selbstverständnis aus nicht haltbare Unterscheidung bzw. Abschottung der pädagogischen Institution 'Kindergarten' und 'Schule', von Spielpflege und Unterricht letztlich die Ursache für eine scharfe Kritik der Vorschulbewegung für kognitive Frühförderung (Lückert) in den 1960er Jahren gegenüber dem Kindergarten ist" (Heiland 2012, S. 345). Für die Fröbelforscherin, so Heiland, ist der Kindergarten im Endeffekt "doch der Ort der individullen Bildung durch 'freies Spiel' und 'Nachreife'" (ebd.). Immerhin äußerte Hoffmann später, dass eine Vorschulerziehung nicht genügen dürfte, "'der das Spiel nur noch interessant ist als methodische Form der planmäßigen Steigerung der kognitiven Fähigkeiten. [...] Die Pflege des freien und gelenkten Spiels festzuhalten als eine verpflichtende Bildungsaufgabe neben der neu zu bedenkenden Aufgabe, in der Vermittlungsgruppe des Kindergartens durch Angebot von Lernspielen der Vermittlungsklasse der Schule entgegenzuarbeiten - das würde heißen: den Beitrag Fröbels für eine moderne Vorschulerziehung [zu] bewahren'... Diese Überlegungen Hoffmanns zu Fröbels Pädagogik und zur Spielpraxis des Kindergartens lassen die Dialektik von Freiheit und Gesetz anklingen, die ja für Fröbels Spielpflege begründend ist" (ebd., S. 346). Demnach hat sie unübersehbar die "von ihr gesetzte Polarität der Entgegensetzung von Kindergarten und Schule, von Spielpflege und Unterricht, relativiert, die bei Fröbel prinzipiell sphärengesetzlich in der 'entgegengesetztgleichen Menschenerziehung' von Schule und Kindergarten aufgehoben ist" (ebd., S. 346).



Literatur

 

  • Becker-Textor, I.: Kindergarten. In: Becker-Textor, I./Textor, M. R. (Hrsg.):Handbuch der Kinder- und Jugendbetreuung, Neuwied 1993, S. 47-77

 

  • Berger, M.: Erika Hoffmann. Eine Wegbereiterin der modernen Erlebnispädagogik?, Lüneburg 1995

 

  • Ders.: 150 Jahre Kindergarten. Ein Brief an Friedrich Fröbel, Frankfurt/Main 1990

 

  •  Ders.: Hoffmann, Erika Luise Laura. In: Bautz, T. (Hrsg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Nordhausen 2003, Sp. 550-569

 

  • Franke-Meyer, D.: Kleinkindererziehung und Kindergarten im historischen Prozess. Ihre Rolle im Spannungsfeld zwischen Bildungspolitik, Familie und Schule, Bad Heilbrunn 2011

 

  • Hebenstreit, S.: Einführung in die Kindergartenpädagogik, Stuttgart 1980

 

  • Dies.: Der Ursprung der Kindergartenidee bei Fröbel. In: Internationale Zeitschrift für Erziehung 1940, S. 100-107

 

  • Heiland, H.: Fröbels Pädagogik der Kindheit. Didaktische Überlegungen zu seiner Spielpflege. in: Heiland H. : Fröbelforschung aktuell. Aufsätze 2001-2010, Würzburg 2012, S. 317-349

     

  • Hoffmann, E.: Der deutsche Kindergarten. Nicht vorschulische – sondern frühkindliche Bildung. In: Unsere Jugend 1954, S. 354-350

 

  • Dies.: Frühkindliche Bildung und Schulanfang. In: Bittner, G./Schmidt-Cords, E. (Hrsg.) Erziehung in früher Kindheit, München 1968a, S. 344-363

 

  • Dies.: Die Bedeutung der Erziehung des Kleinkindes. In: Bittner, G./Schmidt-Cords, E. (Hrsg.): Erziehung in früher Kindheit, München 1968b, S. 17-33

  • Stoevesandt, K.: Aus der Geschichte der Evangelischen Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen, für Erzieherinnen und Erzieher, Osnabrück 1989


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