Frühkindliche Bildung neu gedacht

Streitschrift des Paritätischen

„‘Bildung‘ neu gedacht“ – unter diesem Titel hat Der Paritätische Gesamtverband eine Streitschrift mit „7 Provokationen zum deutschen Bildungssystem aus Sicht der Elementarpädagogik“ herausgegeben. Ihr Ziel ist es, die Entwicklung der vergangenen Jahre einer kritischen Bestandsaufnahme zu unterziehen und eine Auseinandersetzung darüber zu führen, ob wir uns vor dem Hintergrund der aktuellen bildungspolitischen Herausforderungen die richtigen Fragen stellen.

Grundsätzlich sieht Der Paritätische die gesamte Gesellschaft in der Verantwortung für das gelingende Aufwachsen der Kinder Sorge zu tragen, aber: „bislang mangelt es grundlegend an einer gesellschaftlichen Verständigung über das Bild, das wir uns vom Kind-Sein machen, über unser Bildungsverständnis und die notwendigen gesellschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen für eine gute Bildung“.

 

"Mythos Bildung"


Das erste Kapitel der Streitschrift widmet sich dem „Mythos Bildung“: Bildung werde als Allheilmittel betrachtet und blende zugleich die Ursachen von Bildungsungerechtigkeit und Exklusion – wie z.B. den dramatischen Anstieg prekärer Erwerbsbiographien und der Kinderarmut – aus.  

Vehement kritisiert wird hier eine „erschreckende Pädagogisierung von Kindheit“, die auf verwertbares Wissen und verwertbare Kompetenzen ausgerichtet sei: „Unsere Kinder sollen damit im günstigsten Falle schneller, direkter, effizienter, kognitiv umfassender und zugleich selektiver für den künftigen Arbeitsmarkt und weltweiten Wettbewerb konditioniert werden.“ Einem solchen instrumentalisierten Bildungsbegriff wird das humanistische Bildungsideal entgegen gestellt, das ein „erfülltes Menschsein“ als Maßstab und zugleich einen „emanzipatorisch-aufklärenden Anspruch“ inne hat.

 

Interkulturalität, InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. und Übergang als zentrale Herausforderungen


In den folgenden zwei Kapiteln werden die Interkulturalität und die Inklusion als zentrale Herausforderungen der Elementarpädagogik beschrieben.  Im Hinblick darauf, dass in Deutschland durchschnittlich jedes dritte Kind mittlerweile einen Migrationshintergrund hat, konstatieren die AutorInnen z.B. im Hinblick auf die Bildungspläne und die ErzieherInnen-Ausbildung ein mangelndes „Bewusstsein über die Dimension und Bedeutung von Interkulturalität“ sowie ein „Babylonisches Chaos bei der Sprachförderung“. Als „Skandal“ brandmarkt die Streitschrift, dass „bundesweit immer noch mehr als 50 Prozent der Kinder mit Behinderung in Sondereinrichtungen betreut werden".  Hier gelte es schleunigst Barrieren abzubauen, „statt immer erweiterte ‚sozialpädagogische‘ Förderbedarfe“ zu diagnostizieren.

Die  AutorInnen sehen die Vielfalt als eine Bereicherung für die deutsche Gesellschaft und plädieren entsprechend für eine  ressourcenorientierte „Pädagogik der Vielfalt“, die auf Toleranz, Wertschätzung und Respekt basiert.

Als weitere Herausforderung wird die  „längst überfällige konzeptionelle Verzahnung von Jugendhilfe, Kita und Schule“ im Übergang von der KiTa zu Grundschule beschrieben. Um die Anschlussfähigkeit sicherzustellen, müssten ein gemeinsames Bildungsverständnis entwickelt und verbindliche Kooperationsstrukturen geschaffen werden.


Höhere gesellschaftliche Anerkennung für ErzieherInnen


Angesichts der rasant gestiegenen Anforderungen fordert die Streitschrift auch eine „gesellschaftliche Neubewertung der Arbeit der Fachkräfte im Elementarbereich“ ein: „Die Kindertageseinrichtung ist die erste Bildungsinstitution im Leben eines Kindes und sie ist entscheidend für die weitere Entwicklung.“ Perspektivisch müssten die pädagogischen Fachkräfte daher im Hinblick auf Ansehen, Bezahlung und Ausbildung mit (Grundschul-) LehrerInnen gleichgestellt werden.

Rundweg abgelehnt  wird in der Streitschrift das von der Bundesregierung 2012  beschlossene Betreuungsgeld: „Der Besuch einer Kindertageseinrichtung trägt ganz wesentlich dazu bei, die Bildungschancen der Kinder, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund zu verbessern. Jede Form von Betreuungsgeld würde dies konterkarieren.“