Henriette Schrader-Breymann (1827-1899)


Die Pfarrerstochter Henriette Schrader-Breymann war eine Großnichte und Schülerin des Kindergartenbegründers Friedrich Fröbel. Sie zählt neben Bertha von Marenholtz-Bülow oder August Köhler zweifellos zu den herausragenden Persönlichkeiten aus dem Kreis der Fröbelbewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Von ihr sind so starke Anregungen ausgegangen, dass, so Lili Droescher, „das Kindergarten- und Ausbildungswesen für sozialpädagogische Berufe in den meisten Kulturländern davon beeinflußt wurden“ (zit. n. Berger 1999, S. 12). Und Helge Wasmuth (2011, S. 216 f) resümiert, dass die Pädagogin „neue praktische Akzente“ setzte, insbesondere die „praktische Gestaltung“ diverser sozialpädagogischer Einrichtungen betreffend.

Leben und Wirken


schraderHenriette Schrader-Breymann (Quelle: Ida Seele-Archiv)Geboren wurde Henriette am 14. September 1827 als ältestes von zehn Kindern des Pfarrers Ferdinand Breymann und seiner Ehefrau Luise, geb. Hoffmann. Bei der Taufe erhielt sie die Namen Johanne Juliane Henriette. Nach schwierigen Kinder- und Jugendjahren ging sie 1848 an die von Friedrich Fröbel gegründete Erziehungs- und Bildungsinstitution in Keilhau. Zuerst war sie Schülerin des Kindergartenbegründers, später seine enge Mitarbeiterin. Nach anfänglicher Begeisterung für ihren „Oheim“,  kam es bald zu einem Bruch. Einerseits verehrte Breymann den großen Pädagogen, anderseits hatte sie „Schwierigkeiten mit seiner Persönlichkeit und seiner Art der Spielpflegeregie“ (ebd., S. 216).

Nach kurzen Aufenthalten als Kindergarten-Leiterin bzw. –Gärtner in Schweinfurt und Baden-Baden, eröffnete die Fröbelkindergärtnerin 1854 in Watzum, wohin ihre Familie inzwischen übersiedelt war, im elterlichen Pfarrhof eine Mädchenschule mit Pensionat. Zehn Jahre später verlegte die Pädagogin ihr Institut nach Wolfenbüttel. Dort wurden u. a. auch Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen ausgebildet. Der Erziehungs- und Bildungseinrichtung, die sich „Neu-Watzum“ nannte, wurde ein Kindergarten und eine Elementarklasse angeschlossen.

Am 30. April 1872 heiratete Breymann Karl Schrader. Als dieser Direktor der Anhalter Bahn in Berlin wurde, übersiedelt das Ehepaar in die Hauptstadt des deutschen Kaiserreiches. Dort begann sie Pestalozzi zu studieren und entdeckte ihn als den Erzieher der ersten Kindheit.

„Wichtig wird Henriette für die Erfahrung des Kindergartenkindes die Familienatmosphäre, die Einfachheit und Natürlichkeit der PestalozziPestalozzi||||| Johann Heinrich Pestalozzi`s (1746 - 1827) pädagogisches Ziel war es eine ganzheitliche Volksbildung zu erreichen, und die Menschen in ihrem selbstständigen und kooperativen Wirken in einem demokratischen Gemeinwesen zu stärken. Er legte Wert auf eine harmonische und ganzheitliche Förderung von Kindern in Bezug auf intellektulle, sittlich-religiöse und handwerkliche Fähigkeiten. Grundidee ist dabei, ähnlich wie in der Montessori-Pädagogik, dass die Menschen die Fähigkeit entwickeln, sich selbst zu helfen.   schen ‚Wohnstubenkraft, die die häuslichen Tätigkeiten und die Gartenpflege einschließt“ (Moltmann-Wendel 2003, S. 148).

In Berlin baute Schrader-Breymann ab1874 das Pestalozzi-Fröbel-Haus auf, das sich in kürzester Zeit zu einer der führenden Bildungs-/Ausbildungsinstitutionen für junge Mädchen und Frauen sowie Erziehungsstätte für Vorschul- und Schulkinder in Deutschland entwickelte. Keine geringere als die verwitwete „Kaiserin Friedrich“ übernahm das Protektorat über die allumfassende Ausbildungs- und Erziehungsstätte. Die Namensgebung der Anstalt war wohl überlegt. Es „sollte zum Ausdruck gebracht werden, daß sich die Institution an den pädagogischen Konzepten dieser beiden großen Pädagogen orientiere“ (Berger 1999, S. 56). 1898 bezog die Institution, bestehend aus Kindergarten, Arbeitsschule, Vermittlungs- Elementarklasse, Arbeitsschule (Hort), Koch- und Haushaltsschule, Mädchenheim, Mittagstisch für Kinder sowie Kindergärtnerinnenseminar, neue Räume in einem stattlichen Gebäude in Schöneberg, das damals noch nicht zu Berlin gehörte. Breymann-Schrader war bis zu ihrem Tode an der Vervollkommnung des PFH’s tätig, welches noch heute sich ihrem geistigen Vermächtnis verpflichtet fühlt.

Die Pädagogin starb am 25. August 1899 in Schlachtensee, heute zu Berlin gehörend. Sie wurde vier Tage später in Wolfenbüttel beigesetzt.
 

Das Pestalozzi-Fröbel-Haus als pädagogisches Modell

Schrader-Breymanns innovative Leistung war das von ihr entworfene Konzept des „Monatsgegenstandes“. Die Kindergartenkinder sollten sich mit etwas Bekannten als auch Unbekannten, nicht analytisch, auseinandersetzen. Konkret: Im regelmäßigen vierwöchigem Turnus standen Dinge und Erscheinungen des alltäglichen Lebens im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit, der dem „Charakteristischen der jeweiligen Jahreszeit“ (Schrader 1893, S. 84) entsprechen sollte, wobei „eindeutig die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten [dominierten]“ (Wasmuth 2011, S. 221).:

„Mit dieser konzeptionellen Neuerung suchte Schrader-Breymann den Kindern eine Sachbegegnung zu ermöglichen die sie zu einem Verstehen und Wertschätzen der hauswirtschaftlichen Tätigkeit als der grundlegenden Versorgungsweise befähigen sollte. Jungen und Mädchen waren daran gleichermaßen beteiligt. Ein Thema, etwa Haustiere, ihre Lebensweise und ihr Nutzen für den Menschen, wurde im Monatsturnus in das Interesse der Kinder gerückt und mit Informationen und praktischen Tätigkeiten, z. B. Butter, Quark und Käse aus Milch herstellen, Liedversen, Märchen und Erzählungen, Bastelarbeiten oder mit Baugaben aus dem Fröbelbaukasten, z. B. einen Kuhstall bauen, den Kindern nahegebracht“(Erning 1987, S. 69).

PF-PanoramaMusikunterricht und "Große Wäsche" im Pestalozzi-Fröbel-Haus (Quelle: Ida-Seele-Archiv, Dillingen)Durch die Ausrichtung der pädagogischen Arbeit im Sinne des „Monatsgegenstandes“, den die Pädagogin bereits in „Neu-Watzum“ entwickelt hatte, sammelt das Kind, so Henriette Schrader-Breymann, u. a. „Erfahrungen, die zum Verständniß des Lebens führen, es lernt sich bethätigen und sich vorbereiten, das Leben und dessen Verhältnisse zu beherrschen, nicht nur zum Nutzen und Frommen der eigenen Person, nein, in schöner Selbstvergessenheit und Hingabe für Andere, und was das Kind erlebt, erfahren, geübt hat im wirklichen Leben, das findet seine Verklärung durch die Kunst. Ein wirklich schönes Bild in Beziehung auf den Monatsgegenstand, eine poetische Erzählung, ein Lied, ein Spiel erfreuen das Herz der Kleinen, nähren ihre Phantasie in gesunder Weise und was sie so empfangen, dürfen sie auch wieder aus eigener Kraft gestalten“ (zit. n. Berger 1999, S. 64).

Wichtig war Schrader-Breymann die Schaffung einer familiären Atmosphäre, um dadurch der Individualität der Kinder mehr Rechnung zu tragen. Demzufolge plädierte sie für kleinere und altersgemischte Gruppen, denn nur so kann sich eine „Wohnstubenkraft“, d. h. eine intime Beziehung unter den Kindern sowie zur Kindergärtnerin entwickeln.

Die Pädagogin plädierte dafür, dass der Kindergarten sich nicht an der Schule orientiert. Er sollte vielmehr an dem „gesunden, sittlich religiösem Familienleben“ ausgerichtet sein, denn hier finden die den Kindergartengarten besuchenden Kinder, wie Pestalozzi schon verlangte, „alle Anreize, ihre Anlagen und Kräfte durch den Gebrauch derselben zu entwickeln, aber nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern auch im liebevollen Dienste für andere. Die Leitung der Kinder ist weniger eine schulmäßige, als eine wahrhaft mütterliche“ (zit. n. Krecker 1979, S. 189).

Mit der Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen wollte Schrader-Breymann einen Beitrag zur Förderung der „geistigen Mütterlichkeit“ leisten. Demnach sind auch diejenigen Frauen dazu berechtigt einen sozialen Beruf zu erlernen, die physisch keine Mütter sind. Doch diese müssen erst erzogen und gebildet werden, hin zu „geistiger Mütterlichkeit“:

„Damit wird die ‚geistige Mütterlichkeit’ zu einem sozialpädagogischen Programm, und als tätiger Ausdruck dieser ‚geistigen Mütterlichkeit’ entsteht der soziale Beruf der Frau als ein bürgerlicher Frauenberuf […] Zugleich jedoch hat sie (Schrader-Breymann; M. B.) eine erweiterte Emanzipation der Frau verhindert“ (Denner 1988, S. 100).

 

Literatur

 

  • Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt/Main 1995, S. 162-167

 

  • Ders.: Schrader-Breymann. Leben und Wirken einer Pionierin der Mädchenbildung und des Kindergartens, Frankfurt/Main 1999

 

  • Denner, E.: Das Fröbelverständnis der Fröbelianer. Studien zur Fröbelrezeption im 19. Jahrhundert, Bad Heilbrunn 1988

     

  • Erning, G.. Bilder aus dem Kindergarten. Bilddokumente zur geschichtlichen Entwicklung der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland, Freiburg/Brg. 1987

 

  •   Krecker, M.: Quellen zur Geschichte der Vorschulerziehung, Berlin 1979

 

  •  Lyschinska, M.: Henriette Schrader-Breymann. Ihr Leben aus Briefen und Tagebüchern. In zwei Bänden, Leipzig 1927

 

  • Schrader, H.: Häusliche Beschäftigungen und Gartenarbeit als Erziehungsmittel im Pestalozzi-Fröbel-Haus, Berlin 1893

 

  • Moltmann-Wendel, E.: Macht der Mütterlichkeit. Die Geschichte der HenrietteSchrader-Breymann, Berlin 2003

 

  • Wasmuth, H.: Kindertageseinrichtungen als Bildungseinrichtungen. Zur Bedeutung von Bildung und Erziehung in der Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland bis 1945, Bad Heilbrunn 2011, S. 216-222


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