Geschlechterbewusste Pädagogik in der Kindheit

Inhaltsverzeichnis

  1. Geschlechterbewusste Pädagogik in der Kindheit
  2. Risiken einer geschlechtstypischen Erziehung und Bildung
  3. Ebenen einer geschlechterbewussten Pädagogik
  4. Geschlecht weder banalisieren noch dramatisieren
  5. Wie die Geschlechtersymbolik die kindliche Entwicklung beeinflusst
  6. Wie Geschlecht als gesellschaftliches Strukturprinzip die kindlichen Lebenswelten beeinflusst
  7. Geschlecht und Bildung
  8. Individuelle Geschlechtsidentitätskonstruktionen
  9. Literaturliste

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Individuelle Geschlechtsidentitätskonstruktionen

Kinder müssen sich die Regeln der Geschlechterunterscheidung erst aneignen. Dies geschieht zunächst über äußere Symbolisierungen, wie etwa Spielmaterialien, Spielvorlieben, Kleidung, Schmuck, Frisuren und Farben. Dabei lernen Kinder zugleich, dass soziale Symbole für „natürliche“ Unterschiede .Die Differenzierung anhand von Geschlechtersymbolen ist dabei typisch für die frühe Kindheit.

Später geschieht dies zunehmend durch verschiedene Verhaltensweisen, Arten der Gefühlsäußerung und Körperpraxen. Neben den gesellschaftlichen Symbolen spielen im weiteren Verlauf der kindlichen Entwicklung vor allem auch vergeschlechtliche soziale Praktiken eine große Rolle bei der Entwicklung von Geschlechtsidentitäten.

Vor allem im Spiel erproben Kinder, was es heißt „männlich“ oder „weiblich“ zu sein. Kinder achten dabei sehr auf ein „geschlechterangemessenes Verhalten“ und zeigen damit auch, dass sie gelernt haben, was in unserer Gesellschaft als weiblich bzw. männlich gilt. Sie imitieren Gesehenes, übertreiben und setzen vor allem auch eigene Impulse. Kinder stellen dabei bewusst im Alltag Geschlechterverhältnisse her, sie probieren und dramatisieren und schauen, was von den Vorgaben ihren eigenen Interessen und Neigungen entspricht und wie die Umwelt reagiert, wenn sie Geschlechterzuweisungen überschreiten. Im Alter von vier bis fünf Jahren inszenieren sie „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ besonders rigide. So wird beispielsweise der Junge, der ein Kleid anzieht und tanzt von den anderen Kindern ausgelacht oder streng darauf hingewiesen, dass Jungen weder Kleider anziehen noch tanzen.

Ein Beispiel: Leo trifft Adam auf dem Klettergerüst. Die beiden Vierjährigen stehen sich gegenüber und keiner von beiden will den anderen vorbeilassen. Sie schauen sich kurz an und Leo sagt: „Du kommst hier nicht durch, ich bin stärker als du.“ Adam antwortet: „Gar nicht, ich bin stärker!“

Mit diesen und anderen sozialen Praktiken, wie Konkurrenz oder dem Messen von körperlicher Kraft zeigen die Kinder, dass sie „richtige Jungen“ sind. Bei diesen „ernsten Spielen des Wettbewerbs“ (Meuser 2002) im Kindesalter spielt die körperliche Kraft – und vor allem die Durchsetzungskraft- eine große Rolle. Zum männlichen Habitus für Jungen gehört gegenwärtig beispielsweise Selbstbehauptung, körperliche Durchsetzungskraft und Wettbewerb. Mit der Orientierung an solchen Männlichkeitspraktiken zeigen Kinder ihre Zugehörigkeit zur Gleichaltrigengruppe und dass sie ein „richtiger Junge“ sind. Gleichzeitig gibt es mit dieser „Jungenkultur“ starke Passungsprobleme mit der Kultur der meisten Kindertageseinrichtungen und Schulen (vgl. Budde 2011, S.13ff).

Dagegen sind die herrschenden Weiblichkeitspraktiken gegenwärtig gut mit den meisten Bildungsinstitutionen vereinbar: Anpassungsfähigkeit, Kompromissbereitschaft, Streben nach Anerkennung von anderen, Körper- und Bewegungskontrolle und eine Orientierung an Schönheitsidealen (figurbetonte Kleidung, Schlankheit). Wenn Kinder versuchen diesem Habitus zu entsprechen, besteht jedoch die Gefahr einer vorweggenommenen Korrektur der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Körpers am Maßstab von anderen.

Der jeweilige Habitus ist kultur- und zeittypisch. Er wird zunächst in der Familie konstruiert und weitergegeben, von den Kindern erprobt oder verworfen, durch Erfahrungen mit anderen Kindern manifestiert oder dekonstruiert und durch die Erwartungen der Peergroups verfestigt oder modifiziert (vgl. auch Mannopoly 2012, S.20). Diese vergeschlechtlichten sozialen Praktiken geben Kindern Orientierung und beinhalten Entwicklungschancen in bestimmten Bereichen und Einschränkungen in anderen Bereichen und führen zur Ausgrenzung von Kindern, die diesen nicht entsprechen können oder wollen.

Gerade in der pädagogischen Arbeit mit Kindern ist es wichtig, „vergeschlechtlichte“ soziale Praktiken falls möglich zu vermeiden bzw. bewusst mit diesen umzugehen -beispielsweise werden handwerkliche, technische oder sportliche Tätigkeiten nicht automatisch dem Kollegen oder Vätern oder Jungen in der Gruppe zugewiesen.

Es geht darum geschlechtstypische soziale Praktiken, die die Entwicklung von Kindern einengen als solche zu rekonstruieren, zu vermeiden und neue Erfahrungen jenseits von Geschlechterklischees zu ermöglichen. Auf diese Weise werden Kindern regelmäßig Möglichkeiten geboten mit geschlechtsuntypischen Spielen und Verhaltensweisen experimentieren zu können.Es geht dabei nicht um Rollentausch, sondern darum viele Bereiche auszuprobieren und dann zu erfahren, was dem jeweiligen Kind entspricht.
Um Kinder in ihrer Vielfalt zu fördern, ist es wichtig, Verallgemeinerungen, wie „die Mädchen“ bzw. „die Jungen“ oder auch „typisch weiblich“ bzw. „typisch männlich“, die meist unreflektiert verwendet werden, zu hinterfragen bzw. zu vermeiden. Beispielsweise: Statt: „Ich brauche drei starke Jungen, die mir helfen...“ besser: „Wer kann mir helfen...“ oder statt: „Wer von den Mädchen hilft den Kleinen ...?“ besser: „Wer möchte helfen...?“ und Formulierungen wie: „Für ein Mädchen spielst du sehr gut Fußball.“ meiden.).

Der Blick in die Geschichte und in andere Kulturen zeigt, wie sich die Vorstellungen und Diskurse um Geschlecht immer wieder verändern (vgl. Focks 2016, S. 67-89) und die kindliche Entwicklung maßgeblich beeinflussen (ebd. S.89-97). Um Kinder in ihrer individuellen Entwicklung zu fördern und Inklusion zu ermöglichen, ist es notwendig, dass wir uns bewusst und reflektiert mit Geschlechterkonstruktionen auseinandersetzten (ebd. S. 97-111). Dabei ist es wichtig alle Ebenen einzubeziehen und geschlechterbewusste Pädagogik in unterschiedlichen Bereichen umzusetzen (u.a. Konfliktlernen, Partizipation, Sexualitäten, Körper und Bewegung, Mathematik, Naturwissenschaften und Technik) (ebd. S.125-137).

Wir übernehmen ihn mit freundlicher Genehmigung aus frühe kindheit 04-2016, S. 36 - 42


Der Artikel wurde bereits in ähnlicher Weise veröffentlicht in:

Petra Focks
Starke Mädchen, starke Jungen
Genderbewusste Pädagogik in der Kita.
Verlag Herder, 2016



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