Das reformpädagogisch orientierte Konzept des Offenen Kindergartens (OK) kann auf eine mittlerweile zwanzig Jahre alte Geschichte zurückblicken. Mit welcher Vielfalt und Innovationskraft sich das Konzept in der Praxis weiter entwickelt hat und welche Antworten es auf die komplexen neuen Herausforderungen in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung bietet, zeigen die OK-Pioniere Gerhard Regel und Uwe Santjer in dem von ihnen herausgegebenen Buch „Offener Kindergarten konkret in seiner Weiterentwicklung“


Unter dem Motto „Aus der Praxis für die Praxis“ werden die Weiterentwicklungen und innovativen Ansätze durch PraktikerInnen nahe am Alltag und seinen Erfordernissen vorgestellt – von der professionellen Haltung und Handlungsforschung über Partizipation und Inklusion bis hin zur sozialräumlichen Vernetzung und zum Familienzentrum.


In einer grundlegenden Einführung markiert Gerhard Regel den Offenen Kindergarten in seinem Kern zunächst aber als „Beziehungsansatz“ und als konsequent kindzentriert. In diesem Sinne sei der Entwicklungsprozess zum Offenen Kindergarten der Weg zum Kind, und dieses wird als „einmalig und unverwechselbar und kompetent von Anfang an“ angesehen; seinen „Spuren und Impulsen“ gelte es zu folgen. Entscheidend auf dem Weg zum Kind ist dabei, wie Riegel unterstreicht, die Teamarbeit und Teamentwicklung. Als Grundbedingungen der Entwicklung und Bildung im Kindergarten führt Regel folgende an:

 

  • Eine Sicherheit gebende Bindung bzw. Beziehung
  • Die Anerkennung der Einzigartigkeit jeden Kindes
  • Die Feinfühlige Begleitung und Achtsamkeit

 

Entwicklung eines Möglichkeitsraumes

Wie Regel weiter ausführt, versteht sich der Offene Kindergarten als ein Lebens- und Möglichkeitsraum für Kinder, in dem sich eine Kultur des Miteinanders, der Individuellen Entfaltung und der Selbstbildung der Kinder gegenseitig ergänzen und verstärken. Eine zentrale Rolle nehmen dabei die Bewegung und Psychomotorik sowie das Freispiel ein. Ergänzt werden sie durch offene (Lern-) Werkstätten und kooperative Lernangebote wie zum Beispiel Projekte: „Kinder und Erwachsenen begeben sich gemeinsam in einen offenen Lernprozess und kooperieren miteinander.“


Grundsätzlich sollen in diesem Möglichkeitsraum Kinder Kinder sein können: „durch Freiheit, selbstbestimmte Zeit, Spontanität, Bewegung und Selbstwirksamkeit, Spielen und Lernen in eigener Regie und durch die Chance, sich auf das Abenteuer Leben einzulassen, wie es ihnen in einem offenen sozialen System entgegenkommt.“ Für die pädagogischen Fachkräfte bedeutet dies „gemeinsam für Kinder da zu sein, sich auf sie einzulassen und ihnen eine eigenständige Entwicklung ihrer Potenziale zuzutrauen und zu ermöglichen.“

 

„Kinderstube der Demokratie“

Das Offene Konzept basiert entscheidend auf einem Dialog auf Augenhöhe zwischen Erwachsenen und Kindern und der Partizipaton, d.h., der „Teilhabe durch Mitentscheidung“. Konkrete Formen nimmt die Partizipation im morgendlichen Stuhlkreis, in Vollversammlungen, Kinderkonferenzen oder Kinderräten ein. Hier erfahren die Kinder Selbstkompetenz, Soziale Verantwortung und lernen in der Praxis demokratische Werte kennen. So versteht sich der Offene Kindergarten auch als „Kinderstube der Demokratie.“ Mit seinem partizipativen Ansatz, der Vielfalt als Chance begreift, ist dem Offenen Konzept dabei von Anfang an auch der Grundgedanke der InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. eingeschrieben.

 

Freiheit in Verantwortung

Als eine der herausfordernsten Entwicklungsaufgaben beschreibt Gerhard Regel den Umgang mit der Freiheit als ein Zusammenführen von Eigen- und Gemeinsinn abseits jeder Beliebigkeit. Er beruft sich dabei auf das „Gefüge der Verantwortung“ von Maria Montessori, das sich über drei Fragen definiert:

 

  • Selbstverantwortung – Ist das, was ich tue, mir gemäß?
  • Sozialverantwortung – Berührt oder beschränkt das, was ich tue, die Freiheit anderer?
  • Weltverantwortung – Berührt oder beschränkt das, was ich tue, andere Lebewesen, Pflanzen, Gegenstände?

 

Entschleunigung und Erwägungskultur

Zum Abschluss des Buches setzt Gerhard Regel sich kritisch mit der gegenwärtigen pädagogischen Arbeit im „Kontext unzureichender Rahmenbedingungen mit ausbeuterischer Tendenz“ auseinander. Immer weiter vergrößere sich die Schere zwischen (Bildungs-) Anspruch und den Ressourcen mit der Konsequenz von Stress, Überforderung und Orientierungslosigkeit auf einem sich explosiv vergrößernden „Markt der Möglichkeiten“. Als Gegenmittel schlägt er eine „Entschleunigung“ und eine „Erwägungskultur“ vor, mit der jeder Kindergarten sich in autonomautonom|||||Autonomes Handeln beinhaltet den Zustand der Selbstständigkeit, Unabhängigkeit Selbstbestimmung, Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit.er Entscheidungsfindung bewusst auf das Wesentliche beschränke: „Fortschritt unter den jetzigen Bedingungen ist Rückbesinnung auf das, was Kinder brauchen.“

 

Karsten Herrmann

 

  • Gerhard Regel / Uwe Santjer: Offener Kindergarten konkret in seiner Weiterentwicklung. EBVerlag, 315 S., 23,80 Euro