Der für den Schulbereich schon seit längerem hoch gehandelte Begriff der individuellen Förderung bekommt im Zuge der aktuellen Diskussion um Bildungsteilhabe und Chancengerechtigkeit auch in der Elementarpädagogik zunehmende Bedeutung. Trotz der Aktualität bleibt oftmals unklar, was genau mit „individueller Förderung“ gemeint ist und wie diese in den Kindertageseinrichtungen umgesetzt wird. Die Forschungsstelle Begabungsförderung des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) hat sich dieser Frage in einer umfangreichen Studie gewidmet, die unter Beteiligung eines repräsentativen Querschnitts niedersächsischer Kindertagesstätten (Kitas) durchgeführt wurde. Neben einigen theoretischen und praxisorientierten Beiträgen zum Thema lassen sich die Ergebnisse dieser Studie in dem aktuell erschienen Buch des nifbe nachlesen. Damit leistet das Institut einen Beitrag zur öffentlichen Diskussion, der erstmalig in dieser Form im deutschsprachigen Raum zu finden ist.

 

Im Auftakt des Buches befindet sich eine Zusammenstellung verschiedener Aussagen zur individuellen Förderung, die als theoretische Annäherung in das Thema einführen. Dabei sind die Autorinnen bemüht, einen Konsens zu formulieren, der unter Berücksichtigung pädagogischer, bildungspolitischer sowie gesellschaftlicher Stimmen eine angemessene und verständliche Definition des Begriffes liefert und damit als Orientierungshilfe für die praktische Umsetzung in den Kitas dienen kann.

Die zweiteilige Studie, die den Schwerpunkt des folgenden Buchabschnittes ausmacht, besteht einerseits aus einer auf Quantität ausgerichteten Online-Befragung und andererseits aus persönlichen Interviews, die in ausgewählten Kitas in Niedersachsen durchgeführt wurden. Die Ergebnisse der Befragungen werden am Ende eines jeweiligen Kapitels in speziell markierten Textstellen zusammengefasst. Das hat den Vorteil, dass sich der/die LeserIn einen Überblick verschaffen und sich je nach Interesse in die dazugehörigen Zusammenhänge und Details vertiefen kann.


Individuelle Förderung als pädagogische Grundhaltung
In der Online-Befragung wird beispielsweise deutlich, dass individuelle Förderung eher als pädagogische Grundhaltung und weniger als didaktische Methode verstanden wird. Überraschend ist, dass besonders Erzieherinnen aus größeren Ganztageseinrichtungen zuversichtlich von einer praktischen Umsetzung der individuellen Förderung berichten. Im Gegensatz zu den kleinen, nur vormittags geöffneten Kitas scheinen sich die besser organisierten Strukturen der größeren Einrichtungen positiv auf die Förderqualität auszuwirken. So gehören dort regelmäßig festgelegte Zeiten für Teamsitzungen oder Entwicklungsgespräche mit den Eltern sowie eine enge Zusammenarbeit mit den Grundschulen zum festen Bestandteil der Arbeitszeit im Kita-Alltag.


Für die 36 persönlichen Interviews wurden die TeilnehmerInnen nach Kriterien ausgewählt, die zu einem möglichst aussagekräftigen Ergebnis führen. Die TeilnehmerInnen sind beispielsweise in unterschiedlich großen Kitas tätig, die mit abweichenden pädagogischen Ansätzen arbeiten oder deren Einzugsgebiet soziale und kulturelle Unterschiede erfasst. In wörtlich übernommenen Auszügen aus den Interviews kommen die Befragten ganz direkt zu Wort. So wird unter anderem von den Befragten begrüßt, dass sich die Eltern zunehmend für die pädagogische Arbeit in den Kitas interessieren. Allerdings bekommen die ErzieherInnen auch die gesellschaftliche Verunsicherung der Eltern zu spüren, die von den Kitas Bildungsleistungen erwarten, die den Kindern Vorteile für den Schulanfang verschaffen sollen. Eine gewisse Brisanz liegt darin, dass sich die ErzieherInnen mehr als Entwicklungsbegleiterinnen, denn als Bildungsvermittlerinnen sehen. Hier wird individuelle Förderung auch dahingehend umgesetzt, dass vorwiegend die emotionale und soziale Reife der Kinder als „Schlüsselqualifikation“ für den Schulbeginn angestrebt und damit das individuelle Entwicklungstempo der Kinder respektiert wird.

In den KiTas findet schon vielfältige Individuelle Förderung statt
Soweit ein kleiner Einblick in die Ergebnisse der durchgeführten Studie. An dieser Stelle wird zusätzlich deutlich, dass individuelle Förderung in Kitas aller Größen und pädagogischen Ausrichtungen möglich ist. Die oftmals unterschätzte Arbeit vieler hoch engagierter ErzieherInnen führt dazu, dass die Förderqualität in den Kitas höher einzuschätzen ist, als die öffentliche Debatte vermuten lässt. Dennoch zeigt sich, dass es anscheinend noch keine zufrieden stellenden Kompromisse zwischen den gesellschaftlichen Anforderungen in jüngster Zeit, den entsprechenden Ansprüchen vieler Eltern und den bestehenden Konzepten der Kitas gibt.


Ergänzend zu den aufschlussreichen Ergebnissen der Studie konnten die Autorinnen einige KollegInnen aus verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern gewinnen, die sich im dritten Teil des Buches mit theoretischen Gedanken und vielfältigen Erfahrungen zur individuellen Förderung äußern sowie eigene Ansätze vorstellen und weiterführende Vorschläge machen. Vertiefend und zugleich inspirierend wirkt besonders der inhaltlich unterschiedliche Umgang dieser zusätzlichen Beiträge mit dem Thema, der die Förderbedürfnisse des einzelnen Kindes aus verschiedenen Richtungen in den Blick nimmt.

Im Ganzen gesehen vermittelt das gelungen strukturierte Buch eine aktuelle Bestandsaufnahme der individuellen Förderung in den niedersächsischen Kitas. Der/die interessierte LeserIn wird umfassend informiert und gleichzeitig angeregt, die aktuelle Situation mit Hilfe der vorliegenden Fakten zu hinterfragen, um gut gerüstet in eine Diskussion einsteigen zu können.

Die offenen Fragen, die sich vorwiegend auf noch verbesserungswürdige Zustände und zukünftige Entwicklungen beziehen, machen deutlich, dass dieses Buch keine fertigen Antworten liefert, sondern als Grundlage mit klaren Fakten Raum schaffen möchte für neue oder weitere Ansätze, die eine durchgängigere Umsetzung individueller Förderung ermöglichen.

Das Buch ist für alle interessant, die sich einen Überblick über das unübersichtliche Feld der individuellen Förderung in Wissenschaft und Praxis von Kitas verschaffen möchten und an den Auffassungen und Positionen der Erzieherinnen Interesse haben.
 


Natascha Rothert-Reimann

  • Birgit Behrensen / Meike Sauerhering / Claudia Solzbacher / Wiebke Warnecke: Das einzelne Kind im Blick. Individuelle Förderung in der KiTa. Herder, 180 S., 19,95 Euro.