Kongress Bewegte Kindheit zeigt Perspektiven auf

 

Schon lange ist die Bewegung als Motor der frühkindlichen Entwicklung anerkannt. Welchen Beitrag die Bewegung und die Psychomotorik nun auch für das gesellschaftspolitisch brennende Thema der InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. leisten kann, zeigte der Kongress „Bewegte Kindheit" den 3.000 TeilnehmerInnen auf facettenreiche Weise in Theorie und Praxis – von bewegenden (Peer-) Interaktionen über bewegte Sprachförderung und Entwicklungsdiagnostik bis hin zur umfassenden Organisationsentwicklung nach psychomotorischen Prinzipien.

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Plädoyer für Chancengerechtigkeit


referenten-11Im Sinne der Inklusion und der entsprechenden Chancengerechtigkeit rief Prof. Dr. Ina Hunger zum Abschluss des Kongresses sowohl Wissenschaft wie Praxis dazu auf, nicht nur das einzelne Kind, sondern verstärkt auch gesellschaftliche und soziale Strukturen in den Blick zu nehmen, aus denen Unterschiede resultierten. „Kinder sind nicht nur verschieden, sie werden vor allem auch unterschiedlich gefördert und begrenzt, ermutigt und enttäuscht." Chancengerechtigkeit könne daher nicht meinen, allen das gleiche zu geben, sondern „diejenigen, die von ihrem sozialen Umfeld nicht die besten Chancen mitbekommen, gezielt anzusprechen und zusätzlich zu fördern."

 

Grundsätzliche Anerkennung von Vielfalt und Teilhabe


Während der drei vorausgegangenen Kongresstage war von Inklusion-ExpertInnen wie Prof. Dr. Timm Albers, Prof. Dr. Ulrike Lüdtke oder Prof. Dr. Simone Seitz zuvor bereits sehr deutlich herausgestellt worden, dass Inklusion nach der UN-Behindertenrechtskonvention die „grundsätzliche Anerkennung von Vielfalt" und die „gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder" bedeute. Inklusion erfordere vor allen Dingen einen „Perspektivwechsel in den Köpfen aller Beteiligten", um die Ressourcen und Kompetenzen von Kindern vorurteilsfrei erkennen und fördern zu können.

 

Das „Glück der gelungenen Tat" fördern


Renate 1 150Kongressleiterin und nifbe-Direktorin Prof. Dr. Renate Zimmer unterstrich in ihrem Vortrag, dass Bewegung und Psychomotorik in besonderem Maße geeignet sei, einen Zugang zu allen Kinder unabhängig von ihren individuellen Entwicklungs- und Lernvoraussetzungen zu finden. So eroberten Kinder voller Neugier von Anfang an aktiv die Welt und die sinnliche Wahrnehmung sei der Grundstein aller Erkenntnis. Kinder bildeten in der tätigen Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt Theorien, die sie stetig überprüfen, bestätigen, modifizieren oder auch verwerfen würden. Entscheidend sei, dass Kinder Handlungskompetenzen entwickeln und Selbstwirksamkeit erfahren könnten. „Das Glück der gelungenen Tat", so Zimmer, „gibt Selbstvertrauen und führt Schritt für Schritt zu einem positiven Selbstkonzept". Diese Erkenntnis liege auch der Psychomotorik als einer inklusiven Methode zugrunde. Hier wie in der frühkindlichen Bildung allgemein komme es darauf an, „das Selbstbildungspotenzial der Kinder anzuregen und herauszukitzeln" – und das gelte ganz besonders auch für Kinder mit Handicaps oder für Kinder, die von Ausschluss oder Diskriminierung bedroht seien.

 

Vorurteilsfreies Erkennen von Stärken bei allen Kindern


seitz 150Prof. Dr. Simone Seitz von der Universität Paderborn unterstrich in ihrem Vortrag, dass „Kinder in unserer Gesellschaft beständig von Ausschluss bedroht seien, insbesondere auch an den Übergängen im Bildungssystem" – dies gelte nicht nur für Kinder mit Behinderungen, sondern auch für Kinder aus anderen Kulturen und sozial prekären Lagen sowie im Hinblick auf das Geschlecht. Sie kritisierte: „Das Sortieren von Kindern verstellt uns den Blick und macht uns das vorurteilsfreie Erkennen von Stärken bei allen Kindern schwer."


Inklusive Praxis, so Seitz, müsse die Teilhabe und Mitbestimmung aller Kinder im Blick haben und nach ihren jeweils ganz individuellen Begabungen, Talenten und Interessen fragen. Statt vorgegebener Funktionstrainings gelte es an der konkreten Biographie des Kindes, an seinem Körper und seinen Gefühlen anzusetzen und individuell bedeutungsvolle Erfahrungen zu ermöglichen. Gerade Kinder mit Handicaps sollten auch vermehrt als Kinder unter Kindern und nicht nur als Gegenüber von Erwachsenen gesehen werden. In der Peer-Group entstünden eine besonders intensive Motivation und die Möglichkeit voneinander zu lernen. „Kinder stärken Kinder" hob Seitz entsprechend hervor.

 

Eine KiTa auf dem Weg zur Inklusion


schache„Ja, natürlich wollen wir Inklusion, aber..." – mit diesem Satz umriss Prof. Dr. Stefan Schache von der Ev. Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe die zögerliche Einstellung vieler Einrichtungen zur Inklusion. Und selbstverständlich seien die großen Fragen zu Strukturen und Ressourcen verständlich und berechtigt. Dennoch plädierte er dafür, die Initiative zu ergreifen und sich mit kleinen Schritten auf den Weg zu machen. Als Mut machendes Beispiel stellte er einen vom nifbe begleiteten Organisationsentwicklungsprozess hin zu einer inklusiven KiTa nach den Grundprinzipien der Psychomotorik vor.


„Grundsätzlich", so Schache, „trifft Veränderung immer erst einmal auf Widerstand und erzeugt Unsicherheit". Die Herausforderung sei es, insbesondere die unbewussten Barrieren aufzulösen. Hierzu reiche die rational-sprachliche Ebene nicht aus und diese müsse durch körper- und gefühlsbetonte Selbsterfahrungen erweitert werden. Analog zur psychomotorischen Arbeit mit Kindern sei die Organisationsentwicklung mit dem KiTa-Team nach folgenden „ebenso einfachen wie grundlegenden" Prinzipien erfolgt:

  • Sicheren Rahmen und Halt geben
  • Zutrauen in Fähigkeiten und Kompetenzen haben
  • Ängste und Unsicherheiten annehmen
  • Selbstwirksamkeit ermöglichen


Als zentrale Aspekte auch der Organisationsentwicklung stellte Schache die „Beziehungsarbeit" und eine „Haltung" heraus, „durch die das zugrundeliegende Menschenbild in Handlung überführt wird". Untermalt von Bildern eines „Silly Walks" schloss er: „Auch wenn es vielleicht erst einmal unbeholfen oder unprofessionell wirkt – machen Sie sich ‚einfach' auf den Weg zur Inklusion."

 

Internationale Perspektive und Praxis-Transfer


Neben der Inklusion stand auf diesem Kongress auch die internationale Arbeit in Kindergärten wie z.B. in Skandinavien, Südeuropa sowie in China, Japan und Südkorea im Fokus. Entsprechend kamen die 3.000 TeilnehmerInnen aus fast ganz Europa, aus Asien und Australien nach Osnabrück. Neben breit gefächerten neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen rund um das Thema Bewegung konnten die pädagogischen Fachkräfte auch in dutzenden Workshops die praktische Umsetzung in der KiTa zum Teil mit vollem Körpereinsatz erfahren und erproben.

 

10. Kongress Bewegte Kindheit schon nächstes Jahr

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Mit bewegten und bewegenden Bildern und Impressionen aus den rund 250 Vorträgen, Seminaren und Workshops ging der 9. Kongress „Bewegte Kindheit" zu Ende – und zusammen mit ihrem Team wurde Kongressleiterin Prof. Dr. Renate Zimmer von den 3.000 TeilnehmerInnen mit Standing Ovations gefeiert. Für zusätzlichen donnernden Applaus sorgte die Ankündigung, dass der 10. Kongress „Bewegte Kindheit" zum 25jährigen Jubiläum bereits im nächsten Jahr vom 3. – 5. März stattfinden wird.