Die Stadt Oldenburg gewann kürzlich eine mit 90.000 Euro prämierte Förderung im Rahmen des niedersächsischen Wettbewerbes „Kommunale Modellvorhaben zur Stärkung der InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. auf der örtlichen Ebene". Im Interview mit Jenna Hartmann vom nifbe-Regionalnetzwerk NordWest erläutert Dr. Holger Lindemann, der 2012 die Projektleitung und wissenschaftliche Begleitung der Inklusion an Oldenburger Schulen übernommen hat, den „Oldenburger Weg zur Inklusion".

 

  • Herr Dr. Lindemann, was bedeutet Inklusion für Sie?

 

Dr Holger LindemannErst einmal, dass alle Menschen die Möglichkeit haben von vorne herein an allen Bereichen der Gesellschaft teilzuhaben. Von vorne herein heißt, dass Barrierefreiheit, Zugänge ermöglicht werden, ohne dies im Einzelfall vor Gericht durchkämpfen zu müssen, wie es lange Zeit beispielsweise in Schulen der Fall war.

Wichtiger Aspekt in dieser Kurzbeschreibung ist für mich, dass es um alle Menschen geht, nicht nur um Menschen mit einer Beeinträchtigung, sondern dass es letztendlich auch um Menschen unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Herkunft geht, Menschen unterschiedlicher sozioökonomischer Bedingungen.

Dazu muss man sagen, dass die UN-Behindertenrechtskonvention – so die deutsche Übersetzung – im Grunde genommen eine Fußnote zu den allgemeinen Menschenrechten ist. Zunächst gab es die Formulierung der allgemeinen Menschenrechte und später dann die Konkretisierung auf Benachteiligung verschiedener Gruppen (Frauen, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kinder, etc.), so dass mir dieser Aspekt, dass alle Menschen gemeint sind, im Bereich der schulischen Inklusion viel zu kurz kommt. Auch wenn man das Schulgesetz liest bzw. die ergänzenden Publikationen des Kultusministeriums, ist immer der Tenor: Inklusion heißt, jetzt kommen Schüler mit Beeinträchtigungen an die Schule. Und das ist meines Erachtens eine sehr verkürzte Darstellung.

Ich glaube auch, dass Inklusion in ihrer Gänze nie erreichbar ist, aber dass wir das Hier und Jetzt immer wieder hinsichtlich dieser Vision hinterfragen sollten.

 

  • Welche kommunalen Institutionen gestalten und gehen den Weg zur Inklusion mit?

 

Bei der Gründung der AG Inklusion an Oldenburger Schulen war ein wichtiger Ansatz in der Projektsteuerung, dass alle relevanten Personengruppen beteiligt sein sollen sowie die Idee, dass Inklusion nicht nur ein Ziel sein kann, sondern auch der Weg sein muss. Zentrales Element in diesem Zusammenhang ist letztendlich alle wichtigen Gruppen zu beteiligen. D. h., es sind neben den Schulen und Schulleitungen auch verschiedenste Bereiche der Oldenburger Stadtverwaltung beteiligt, die Politik, Elternverbände, die Gewerkschaften. Es gibt den Stadtelternrat, den Stadtschülerrat, den Behindertenbeirat der Stadt, Träger von KiTas, Träger von ambulanten Hilfen; und viele andere, die sich mit der Gestaltung von Schule beschäftigen.

Die Idee dieser AG ist, dass wir gemeinsam versuchen, in dieser sehr großen Vielfalt von Meinungen gemeinsame Ergebnisse zu erzielen, die wir dann Verwaltung und Politik vorschlagen. Die Hauptarbeit wird in Unterarbeitsgruppen geleistet. Zurzeit haben wir neun solcher Gruppen parallel laufen, die sich mit Teilaspekten auseinandersetzen. Dort wurden bisher z. B. Fragen thematisiert wie:

  • Wie soll das Raumangebot einer inklusiven Schule aussehen?
  • Wie kann man die Übergänge zwischen KiTa und Schule für Kinder mit Beeinträchtigungen besser gestalten? Oder
  • Wie können Diskriminierungen von SchülerInnen mit Migrationshintergrund, mit einem schwierigen sozioökonomischen Hintergrund oder mit einer anderen sexuellen Orientierung abgebaut werden?

In diesen Unterarbeitsgruppen sind dann noch einmal mehr Personen beteiligt als in der großen AG. Am Anfang jeder Unterarbeitsgruppe steht die zentrale Frage: Wer fehlt hier noch? Denn für partizipative Prozesse ist es äußerst dramatisch, wenn wichtige Personengruppen nicht beteiligt werden. Nicht nur, dass die Betreffenden sich im Endeffekt ausgeschlossen fühlen und die für gute Einigungen wichtige Kritik kommt dann erst im Nachhinein: ganz wichtige Aspekte, wichtige Meinungen und Expertisen fehlen.

 

  • Wie gehen Sie mit Differenzen der unterschiedlichen Interessensvertretungen um?

 

Wir richten die Perspektive dieser ganzen AG Struktur immer auf die Frage hin aus: Wie soll sich die Stadt weiterentwickeln? Es geht nur sekundär um die Entwicklung einzelner Schulen oder einzelner Schulklassen; Das ist Aufgabe der Schulen. Wir wollen uns weder in die Schulentwicklung noch in die Schulautonomie einmischen. Wir wollen den Schulen auch nicht vorschreiben, wie sie Unterricht zu machen haben. Stattdessen wollen wir schauen, welche Rahmenbedingungen und welche verlässlichen Strukturen brauchen alle. Da sind wir auf einem einfacheren Grad der Machbarkeit, wenn es um Einigungsprozesse geht, weil es so allgemein ist, dass es für alle hilfreich sein soll.

Wie im Einzelfall ein Differenzierungsraum in einer bestimmten Schule gestaltet ist, wie dieser ausgestattet sein soll, wie SchülerInnen an einer Schule willkommen geheißen werden, das ist Aufgabe der Schule. Ohne Frage ist es teilweise zeitaufwändig mit Differenzen in den Meinungen und mit unterschiedlichen Standpunkten umzugehen. Aber es hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist diese Auseinandersetzung zu führen, bevor es zu einer Entscheidung kommt.

 

  • Welche Stolpersteine mussten auf diesem Weg bislang bewältigt werden?

 

Ein Großteil der Arbeit besteht alleine schon darin, Stolpersteine sichtbar zu machen und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Von der Prozessstruktur war ein wichtiger Stolperstein herauszufinden ob das, was diese AG und die vielen Leute die an ihr beteiligt sind, entwickeln, danach auch umgesetzt wird. Es wäre fatal gewesen, wenn eine so große AG Empfehlungen ausspricht und dann Politik und Verwaltung etwas ganz anderes beschließen. Das hätte die Bürgerbeteiligung ad absurdum geführt. Es hat sich gezeigt, dass aufgrund der Beteiligung von Politik und Verwaltung die Empfehlungen der AG auch wirklich in den Schulausschuss gehen und entsprechend beschlossen werden.

Umgekehrt kann es auch vorkommen, dass der Schulausschuss sagt: Wir haben eine Fragestellung und um die zu klären, geben wir das in die AG zur Beratung. Diese Form der Kooperation läuft sehr gut. Der erste Meilenstein war zu merken, dass das was in der AG erarbeitet wird, auch tatsächlich das ist, was Politik und Verwaltung machen.

Das Schulgesetz sieht vor, dass es für die Übergangszeit möglich ist so genannte Schwerpunktschulen zu benennen. Es gab in Oldenburg die bewusste Entscheidung nicht durch die Schulverwaltung festlegen zu lassen, welche Schule Schwerpunktschule wird. Stattdessen wurden die Schulen gefragt, wie sie es gerne hätten. Einige Schulen meldeten sofort zurück, dass sie dazu bereit seien, während andere sagten, sie sähen sich eher nicht in dieser Rolle. Die Mehrheit der Schulen enthielt sich zunächst. Deshalb hat die AG an dieser Stelle eingeladen und alle konnten sich auf eine Lösung verständigen. Gemeinsam wurde entschieden in Oldenburg keine Schwerpunktschulen zu benennen, sondern gleichzeitig anzufangen. Es ist sehr gut, dass uns das in Oldenburg gelungen ist. Diese Idee – sozusagen gelebte Inklusion zu betreiben – ist für Schulentwicklungsprozesse auf der Kommunal und Landesebene relativ neu.

Ein immer wiederkehrender Stolperstein bei kommunalen Entwicklungen ist, dass wir uns in einer Art Sandwich Position zwischen Land und Schule befinden, wenn es um Entscheidungen geht. Auf der einen Seite muss mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, kommunale Politik und kommunale Entwicklung gemacht werden, auf der anderen Seite muss natürlich Richtung Land Rückmeldung erfolgen, wo es nicht reicht, wo etwas nicht ausreichend definiert ist beziehungsweise wo noch Regelungsbedarf besteht. Es gibt auch immer wieder einen Punkt, an dem wir den Schulen zurückmelden müssen: obwohl auch wir diesen Punkt kritisch sehen, können wir als Kommune im Moment nichts weiter tun, als an den entsprechenden Stellen nachzuhaken und Lösungen einzufordern.

 

  • Wie sind Sie persönlich dazu gekommen am Aktionsplan der Stadt Oldenburg mitzuwirken?

 

Durch Anfrage der Stadt, an das Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik nach einer externen Begleitung und Begleitforschung der Inklusion an Oldenburger Schulen. Die Anfrage wurde dann vom Institut direkt an mich weitergeleitet, weil ich zum einen Sonderpädagoge und zum anderen ausgebildeter Organisationsberater bin. Ich habe mich dann mit der Stadt zusammengesetzt, um zu schauen, unter welchen Bedingungen ich mir das vorstellen könnte und wie es auch für die Stadt attraktiv wäre. Wir gelangten schnell zum Konsens, das unter zwei Bedingungen zu machen:

  • Wir gestalten den Weg zur Inklusion als breit aufgestellten Beteiligungsprozess, durch Partizipation als Prinzip.

An dieser Stelle unterscheidet sich Oldenburg von anderen Kommunen, die mit Expertenkommissionen arbeiten. In diesen Kommissionen sind dann zwar ausgewählte Experten versammelt, aber eine solche Gruppe kann den Bereich Inklusion nicht so umfassend abbilden, wie das in Oldenburg der Fall ist, wo wir auf eine sehr breite Beteiligung setzen.

  • Wir beziehen uns auf eine umfassende Definition von Inklusion. Wie ich bereits eingangs sagte, geht es bei Inklusion eben nicht nur um SchülerInnen mit einer Beeinträchtigung, sondern auch um Erwachsene und viele weitere Aspekte von Vielfalt. Dies schließt zum Beispiel, bezogen auf den Unterricht, Unterschiede in den Lernweisen oder in den Interessen und Neigungen ein.

Ein weiterer, eher persönlicher Grund mich zu beteiligen, ist mein Wunsch nach Praxisnähe und durch Projekte dieser Art Studierende in reale Forschungsprozesse einzubinden. Ohne die Beteiligung von Studierenden, die im Rahmen solcher Projekte ihre Seminar- bzw. Abschlussarbeiten schreiben, wäre Begleitforschung nicht denkbar; alles andere wäre schlicht und ergreifend zu kostenintensiv.

 

  • Woher holten Sie und die anderen Beteiligten sich Anregungen?

 

Oldenburg arbeitet, wie gesagt, nach dem Partizipationsprinzip. Was liegt also näher, als diejenigen zu fragen, die Inklusion machen? Zu Beginn gab es Veranstaltungen, wo wir die beteiligten LehrerInnen und Eltern fragten: Was brennt euch auf der Seele? Was ist euch wichtig? Was habt ihr für Hoffnungen und Befürchtungen?

Darüber hinaus gibt es natürlich zahlreiche sehr gute Beispiele gelingender Inklusion. Bevor man also etwas neu erfindet, ist es sinnvoll vorab zu schauen, wie machen es andere? Aus diesem Grund finden Hospitationen und Exkursionen statt und immer wieder werden Personen eingeladen, um zu berichten. In einer gemeinsamen Sitzung von Schulausschuss und AG Inklusion war zum Beispiel eine Schulleiterin aus Hannover zu Gast, die über ihren Weg zur Inklusion berichtete. Ferner gibt es über den Jakob Muth Preis1 sehr viele Anregungen, aber auch über den Deutschen Schulpreis2. In der Startphase war die Auseinandersetzung mit dem Film „Berg Fidel – eine Schule für alle"3 sehr hilfreich. Ich bin der Meinung, man braucht Anschauung, weil Überzeugung weniger über Zahlen oder Forschungsbefunde läuft als darüber, dass man es sieht und erlebt.

 

  • Wie gestaltet sich der Austausch zwischen Forschung und Praxis?

 

Bezogen auf die Begleitforschung erhalten die beteiligten Schulen und die Kommune eine Datenrückmeldung. Den Schulen bieten wir ab einem gewissen Prozentsatz der Beteiligung eine Einzelauswertung an. Die Auswertung ist selbstverständlich anonymisiert und die Schule erhält einen Überblick, wie die Meinung ihrer LehrerInnen zu einer bestimmten Fragestellung ist. Um das Ergebnis in einen Kontext zu betten, erhält die Schule zudem die Gesamtauswertung der Kommune, so dass sie sehen kann, wo sie im Vergleich steht.

Wenn kleinere Bereiche erforscht wurden, zum Beispiel die Kooperation zwischen verschiedenen Fachkräften in der Integration oder Inklusion oder im Bereich Kooperation KiTa/ Grundschule, erhält die Organisation ebenfalls eine Einzelrückmeldung; wenn es gewünscht wird, kommen wir auch vorbei und erläutern die Ergebnisse.

 

  • Was können andere Städte vom „Oldenburger Weg" lernen?

 

Weg vom Expertendenken, weg von der verwaltungsmäßigen Umsetzung; hin zu Beteiligungsprozessen. Außerdem: Die Definition von Inklusion weiter fassen! Also, eben nicht nur Schule und eben nicht nur SchülerInnen mit Beeinträchtigungen, sondern alle, in allen Lebensbereichen.

 

  • Welche Veränderungen sind jetzt bereits für Sie spürbar, seit Beginn der kommunalen Auseinandersetzung mit dem Thema?

 

Zurzeit haben wir das erste so genannte inklusive Schuljahr hinter uns und sehen dort, dass sich viel von der Aufregung, die es zu Beginn gab, gelegt hat. Dass es im Einzelfall noch mal schwierig sein kann, ist natürlich. Die Hauptveränderung jedoch ist, dass es eine gewisse Gelassenheit gibt: Wenn es ein Problem gibt, können wir das über diese AG Struktur bearbeiten. Es hat, glaube ich, niemand große Befürchtungen, dass plötzlich doch etwas über die Köpfe hinweg entschieden wird. Für mich ist auch spürbar, dass es nicht mehr so oft darum geht als einzelne Schulen, einzelne LehrerInnen, einzelne Eltern etwas für sich durchkämpfen. Wir können uns zusammentun. Dadurch haben wir eine ganz andere Macht als Gruppe.

In der Grundschule Nadorst gibt es zum Beispiel ein Modell: Normalerweise werden die Schulassistenten einzeln eingesetzt, für einzelne SchülerInnen. In diesem Modell ist es nun so, dass die Eltern eine Abtretungserklärung unterzeichnen. Dadurch können die Stunden der Schulassistenten gebündelt und dann wesentlich effektiver, wesentlich besser eingesetzt werden.

 

  • Die UN-Behindertenrechtskonvention feiert in diesem Jahr ihr fünfjähriges Bestehen. Wo sehen Sie den kommunalen Aktionsplan in fünf Jahren und was ist Ihre Hoffnung für Inklusion insgesamt?

 

Was mich umtreibt, wenn ich so an die Perspektive fünf Jahre und danach denke, ist eindeutig der Förderbereich Lernen. Dieser stellt den ersten Bereich dar, in dem die Förderschulen schrittweise aufgelöst werden sollen. Aber was bleibt? Was sind tragfähige Konzepte, die sonderpädagogische Expertise an die Schulen zu bringen? Die Idee dazu im Schulgesetz sind so genannte Beratungs- und Unterstützungszentren. Die kostengünstigste Idee in diesem Zusammenhang wäre gewesen, alle Förderschulen zu Beratungs- und Unterstützungszentren für die Regelschulen zu machen.

Stattdessen ist ein von Schule unabhängiges Beratungs- und Unterstützungssystem nötig, das für Diagnostik, für Beratung von Eltern und LehrerInnen und für die Koordination der FörderLehrerInnen, die an den Regelschulen tätig sind, zuständig ist. Das heißt, es muss eine neue Institution entstehen, neben der Förderschule oder anstatt der Förderschule, die sozusagen als Serviceleistung für Eltern und LehrerInnen fungiert, um die sonderpädagogische Unterstützung an den Regelschulen sicherzustellen.

Dort ein gutes Konzept zu haben und vielleicht schon die ersten Ansätze der Umsetzung, das wäre für mich im kommunalen Aktionsplan in fünf Jahren für den Bereich Schule eine schöne Perspektive.

Meine Hoffnung für die Inklusion insgesamt ist, dass man auf die Idee zurückkommt, alles was wir tun, immer hinsichtlich aller Aspekte von Vielfalt und Verschiedenheit zu hinterfragen. Ich glaube beispielsweise, dass die Differenz zwischen Jungen und Mädchen in vielen Aspekten von Schule einmal Thema war und diskutiert wurde, dass das aber auch wieder ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Ich glaube, dass die Frage der Beschulung von SchülerInnen unterschiedlicher Herkunft lange Zeit ein Thema war, teilweise auch immer noch ist, aber ebenfalls ein wenig in Vergessenheit gerät. Und ich glaube, dass die Frage nach den sozioökonomischen Bedingungen, Teilhabe von Schüler*innen aus unterschiedlichen sozioökonomischen Verhältnissen ein ganz wichtiger Punkt ist. Fängt es doch mit der Diskriminierung oder Ausgrenzung dann schon an, wenn ein/e Schüler*in beim Mensabesuch eine Wertmarke vorlegen muss und ganz klar ist, der Besitzer einer Wertmarke bekommt diese vom Amt bezahlt. Oldenburg ist an dieser Stelle schon auf dem Weg. Es soll für alle SchülerInnen eine Chipkarte geben. Wer das Geld darauf bucht, das Amt oder die Eltern, ist dann egal. Ich denke, es ist noch eine Menge möglich, wenn wir Inklusion wirklich so verstehen, wie ich es am Anfang beschrieben habe, nämlich dass es um alle Menschen geht. Dass es kein Thema ist, bei dem man denkt, das haben wir jetzt abgearbeitet oder umgesetzt. Es sollte eine ständige Messlatte für uns bleiben und wir sollten immer wieder hinterfragen, wie inklusiv sind wir eigentlich?

 

  • Vielen Dank für das Interview!

 

Zur Person:

Privatdozent Dr. Holger Lindemann von der Universität Oldenburg hat, unter Mitwirkung der Arbeitsgruppe „Inklusion an Oldenburger Schulen" und Studierenden der Sonder- und Rehabilitationspädagogik der Universität Oldenburg, vor gut einem Jahr ein Praxishandbuch zur „Inklusion an Oldenburger Schulen" herausgegeben. In seiner aktuellen Publikation „Wir machen Schule! Eine Stadt auf dem Weg zur Inklusion" (erschienen bei Beltz/Juventa) sind viele unterschiedliche Artikel versammelt, die den Oldenburger Inklusionsprozess von verschiedenen Seiten beleuchten.

 

Weitere Infos zum Oldenburger Weg auch unter:


www.oldenburg.de/microsites/inklusion.html

 

 

Der Oldenburger Weg zur Inklusion

Die Stadt Oldenburg gewann kürzlich eine mit 90.000 Euro prämierte Förderung im Rahmen des niedersächsischen Wettbewerbes „Kommunale Modellvorhaben zur Stärkung der Inklusion auf der örtlichen Ebene“. Im Interview mit Jenna Hartmann vom nifbe-Regionalnetzwerk NordWest erläutert Dr. Holger Lindemann, der 2012 die Projektleitung und wissenschaftliche Begleitung der Inklusion an Oldenburger Schulen übernommen hat, den „Oldenburger Weg zur Inklusion“.

 

 

 

Herr Dr. Lindemann, was bedeutet Inklusion für Sie?

 

Erst einmal, dass alle Menschen die Möglichkeit haben von vorne herein an allen Bereichen der Gesellschaft teilzuhaben. Von vorne herein heißt, dass Barrierefreiheit, Zugänge ermöglicht werden, ohne dies im Einzelfall vor Gericht durchkämpfen zu müssen, wie es lange Zeit beispielsweise in Schulen der Fall war.

 

Wichtiger Aspekt in dieser Kurzbeschreibung ist für mich, dass es um alle Menschen geht, nicht nur um Menschen mit einer Beeinträchtigung, sondern dass es letztendlich auch um Menschen unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Herkunft geht, Menschen unterschiedlicher sozioökonomischer Bedingungen.

 

Dazu muss man sagen, dass die UN-Behindertenrechtskonvention so die deutsche Übersetzung im Grunde genommen eine Fußnote zu den allgemeinen Menschenrechten ist. Zunächst gab es die Formulierung der allgemeinen Menschenrechte und später dann die Konkretisierung auf Benachteiligung verschiedener Gruppen (Frauen, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kinder, etc.), so dass mir dieser Aspekt, dass alle Menschen gemeint sind, im Bereich der schulischen Inklusion viel zu kurz kommt.

 

Auch wenn man das Schulgesetz liest bzw. die ergänzenden Publikationen des Kultusministeriums, ist immer der Tenor: Inklusion heißt, jetzt kommen Schüler mit Beeinträchtigungen an die Schule. Und das ist meines Erachtens eine sehr verkürzte Darstellung.

 

Ich glaube auch, dass Inklusion in ihrer Gänze nie erreichbar ist, aber dass wir das Hier und Jetzt immer wieder hinsichtlich dieser Vision hinterfragen sollten.

 

 

Welche kommunalen Institutionen gestalten und gehen den Weg zur Inklusion mit?

 

Bei der Gründung der AG Inklusion an Oldenburger Schulen war ein wichtiger Ansatz in der Projektsteuerung, dass alle relevanten Personengruppen beteiligt sein sollen sowie die Idee, dass Inklusion nicht nur ein Ziel sein kann, sondern auch der Weg sein muss. Zentrales Element in diesem Zusammenhang ist letztendlich alle wichtigen Gruppen zu beteiligen. D. h., es sind neben den Schulen und Schulleitungen auch verschiedenste Bereiche der Oldenburger Stadtverwaltung beteiligt, die Politik, Elternverbände, die Gewerkschaften. Es gibt den Stadtelternrat, den Stadtschülerrat, den Behindertenbeirat der Stadt, Träger von KiTas, Träger von ambulanten Hilfen; und viele andere, die sich mit der Gestaltung von Schule beschäftigen.

 

Die Idee dieser AG ist, dass wir gemeinsam versuchen, in dieser sehr großen Vielfalt von Meinungen gemeinsame Ergebnisse zu erzielen, die wir dann Verwaltung und Politik vorschlagen. Die Hauptarbeit wird in Unterarbeitsgruppen geleistet. Zurzeit haben wir neun solcher Gruppen parallel laufen, die sich mit Teilaspekten auseinandersetzen. Dort wurden bisher z. B. Fragen thematisiert wie:

 

Wie soll das Raumangebot einer inklusiven Schule aussehen?

Wie kann man die Übergänge zwischen KiTa und Schule für Kinder mit Beeinträchtigungen besser gestalten? Oder

Wie können Diskriminierungen von SchülerInnen mit Migrationshintergrund, mit einem schwierigen sozioökonomischen Hintergrund oder mit einer anderen sexuellen Orientierung abgebaut werden?

 

In diesen Unterarbeitsgruppen sind dann noch einmal mehr Personen beteiligt als in der großen AG.

Am Anfang jeder Unterarbeitsgruppe steht die zentrale Frage: Wer fehlt hier noch? Denn für partizipative Prozesse ist es äußerst dramatisch, wenn wichtige Personengruppen nicht beteiligt werden. Nicht nur, dass die Betreffenden sich im Endeffekt ausgeschlossen fühlen und die für gute Einigungen wichtige Kritik kommt dann erst im Nachhinein: ganz wichtige Aspekte, wichtige Meinungen und Expertisen fehlen.

 

 

Wie gehen Sie mit Differenzen der unterschiedlichen Interessensvertretungen um?

 

Wir richten die Perspektive dieser ganzen AG Struktur immer auf die Frage hin aus: Wie soll sich die Stadt weiterentwickeln? Es geht nur sekundär um die Entwicklung einzelner Schulen oder einzelner Schulklassen; Das ist Aufgabe der Schulen. Wir wollen uns weder in die Schulentwicklung noch in die Schulautonomautonom|||||Autonomes Handeln beinhaltet den Zustand der Selbstständigkeit, Unabhängigkeit Selbstbestimmung, Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit.ie einmischen. Wir wollen den Schulen auch nicht vorschreiben, wie sie Unterricht zu machen haben. Stattdessen wollen wir schauen, welche Rahmenbedingungen und welche verlässlichen Strukturen brauchen alle. Da sind wir auf einem einfacheren Grad der Machbarkeit, wenn es um Einigungsprozesse geht, weil es so allgemein ist, dass es für alle hilfreich sein soll.

 

Wie im Einzelfall ein Differenzierungsraum in einer bestimmten Schule gestaltet ist, wie dieser ausgestattet sein soll, wie Schüler*innen an einer Schule willkommen geheißen werden, das ist Aufgabe der Schule. Ohne Frage ist es teilweise zeitaufwändig mit Differenzen in den Meinungen und mit unterschiedlichen Standpunkten umzugehen. Aber es hat sich gezeigt, dass es sinnvoll ist diese Auseinandersetzung zu führen, bevor es zu einer Entscheidung kommt.

 

 

Welche Stolpersteine mussten auf diesem Weg bislang bewältigt werden?

 

Ein Großteil der Arbeit besteht alleine schon darin, Stolpersteine sichtbar zu machen und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Von der Prozessstruktur war ein wichtiger Stolperstein herauszufinden ob das, was diese AG und die vielen Leute die an ihr beteiligt sind, entwickeln, danach auch umgesetzt wird. Es wäre fatal gewesen, wenn eine so große AG Empfehlungen ausspricht und dann Politik und Verwaltung etwas ganz anderes beschließen. Das hätte die Bürgerbeteiligung ad absurdum geführt. Es hat sich gezeigt, dass aufgrund der Beteiligung von Politik und Verwaltung die Empfehlungen der AG auch wirklich in den Schulausschuss gehen und entsprechend beschlossen werden.

 

Umgekehrt kann es auch vorkommen, dass der Schulausschuss sagt: Wir haben eine Fragestellung und um die zu klären, geben wir das in die AG zur Beratung. Diese Form der Kooperation läuft sehr gut. Der erste Meilenstein war zu merken, dass das was in der AG erarbeitet wird, auch tatsächlich das ist, was Politik und Verwaltung machen.

 

Das Schulgesetz sieht vor, dass es für die Übergangszeit möglich ist so genannte Schwerpunktschulen zu benennen. Es gab in Oldenburg die bewusste Entscheidung nicht durch die Schulverwaltung festlegen zu lassen, welche Schule Schwerpunktschule wird. Stattdessen wurden die Schulen gefragt, wie sie es gerne hätten. Einige Schulen meldeten sofort zurück, dass sie dazu bereit seien, während andere sagten, sie sähen sich eher nicht in dieser Rolle. Die Mehrheit der Schulen enthielt sich zunächst. Deshalb hat die AG an dieser Stelle eingeladen und alle konnten sich auf eine Lösung verständigen. Gemeinsam wurde entschieden in Oldenburg keine Schwerpunktschulen zu benennen, sondern gleichzeitig anzufangen. Es ist sehr gut, dass uns das in Oldenburg gelungen ist. Diese Idee sozusagen gelebte Inklusion zu betreiben ist für Schulentwicklungsprozesse auf der Kommunal und Landesebene relativ neu.

 

Ein immer wiederkehrender Stolperstein bei kommunalen Entwicklungen ist, dass wir uns in einer Art Sandwich Position zwischen Land und Schule befinden, wenn es um Entscheidungen geht. Auf der einen Seite muss mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, kommunale Politik und kommunale Entwicklung gemacht werden, auf der anderen Seite muss natürlich Richtung Land Rückmeldung erfolgen, wo es nicht reicht, wo etwas nicht ausreichend definiert ist beziehungsweise wo noch Regelungsbedarf besteht. Es gibt auch immer wieder einen Punkt, an dem wir den Schulen zurückmelden müssen: obwohl auch wir diesen Punkt kritisch sehen, können wir als Kommune im Moment nichts weiter tun, als an den entsprechenden Stellen nachzuhaken und Lösungen einzufordern.

 

 

Wie sind Sie persönlich dazu gekommen am Aktionsplan der Stadt Oldenburg mitzuwirken?

 

Durch Anfrage der Stadt, an das Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik nach einer externen Begleitung und Begleitforschung der Inklusion an Oldenburger Schulen. Die Anfrage wurde dann vom Institut direkt an mich weitergeleitet, weil ich zum einen Sonderpädagoge und zum anderen ausgebildeter Organisationsberater bin.

 

Ich habe mich dann mit der Stadt zusammengesetzt, um zu schauen, unter welchen Bedingungen ich mir das vorstellen könnte und wie es auch für die Stadt attraktiv wäre. Wir gelangten schnell zum Konsens, das unter zwei Bedingungen zu machen:

 

Wir gestalten den Weg zur Inklusion als breit aufgestellten Beteiligungsprozess, durch Partizipation als Prinzip.

 

An dieser Stelle unterscheidet sich Oldenburg von anderen Kommunen, die mit Expertenkommissionen arbeiten. In diesen Kommissionen sind dann zwar ausgewählte Experten versammelt, aber eine solche Gruppe kann den Bereich Inklusion nicht so umfassend abbilden, wie das in Oldenburg der Fall ist, wo wir auf eine sehr breite Beteiligung setzen.

 

Wir beziehen uns auf eine umfassende Definition von Inklusion. Wie ich bereits eingangs sagte, geht es bei Inklusion eben nicht nur um SchülerInnen mit einer Beeinträchtigung, sondern auch um Erwachsene und viele weitere Aspekte von Vielfalt. Dies schließt zum Beispiel, bezogen auf den Unterricht, Unterschiede in den Lernweisen oder in den Interessen und Neigungen ein.

 

Ein weiterer, eher persönlicher Grund mich zu beteiligen, ist mein Wunsch nach Praxisnähe und durch Projekte dieser Art Studierende in reale Forschungsprozesse einzubinden. Ohne die Beteiligung von Studierenden, die im Rahmen solcher Projekte ihre Seminar- bzw. Abschlussarbeiten schreiben, wäre Begleitforschung nicht denkbar; alles andere wäre schlicht und ergreifend zu kostenintensiv.

 

 

Woher holten Sie und die anderen Beteiligten sich Anregungen?

 

Oldenburg arbeitet, wie gesagt, nach dem Partizipationsprinzip. Was liegt also näher, als diejenigen zu fragen, die Inklusion machen? Zu Beginn gab es Veranstaltungen, wo wir die beteiligten LehrerInnen und Eltern fragten: Was brennt euch auf der Seele? Was ist euch wichtig? Was habt ihr für Hoffnungen und Befürchtungen?

 

Darüber hinaus gibt es natürlich zahlreiche sehr gute Beispiele gelingender Inklusion. Bevor man also etwas neu erfindet, ist es sinnvoll vorab zu schauen, wie machen es andere? Aus diesem Grund finden Hospitationen und Exkursionen statt und immer wieder werden Personen eingeladen, um zu berichten. In einer gemeinsamen Sitzung von Schulausschuss und AG Inklusion war zum Beispiel eine Schulleiterin aus Hannover zu Gast, die über ihren Weg zur Inklusion berichtete. Ferner gibt es über den Jakob Muth Preis1 sehr viele Anregungen, aber auch über den Deutschen Schulpreis2. In der Startphase war die Auseinandersetzung mit dem Film Berg Fidel eine Schule für alle3 sehr hilfreich. Ich bin der Meinung, man braucht Anschauung, weil Überzeugung weniger über Zahlen oder Forschungsbefunde läuft als darüber, dass man es sieht und erlebt.

 

 

Wie gestaltet sich der Austausch zwischen Forschung und Praxis?

 

Bezogen auf die Begleitforschung erhalten die beteiligten Schulen und die Kommune eine Datenrückmeldung. Den Schulen bieten wir ab einem gewissen Prozentsatz der Beteiligung eine Einzelauswertung an. Die Auswertung ist selbstverständlich anonymisiert und die Schule erhält einen Überblick, wie die Meinung ihrer Lehrer*innen zu einer bestimmten Fragestellung ist. Um das Ergebnis in einen Kontext zu betten, erhält die Schule zudem die Gesamtauswertung der Kommune, so dass sie sehen kann, wo sie im Vergleich steht.

 

Wenn kleinere Bereiche erforscht wurden, zum Beispiel die Kooperation zwischen verschiedenen Fachkräften in der Integration oder Inklusion oder im Bereich Kooperation KiTa/ Grundschule, erhält die Organisation ebenfalls eine Einzelrückmeldung; wenn es gewünscht wird, kommen wir auch vorbei und erläutern die Ergebnisse.

 

 

Was können andere Städte vom „Oldenburger Weg“ lernen?

 

Weg vom Expertendenken, weg von der verwaltungsmäßigen Umsetzung; hin zu Beteiligungsprozessen. Außerdem: Die Definition von Inklusion weiter fassen! Also, eben nicht nur Schule und eben nicht nur SchülerInnen mit Beeinträchtigungen, sondern alle, in allen Lebensbereichen.

 

 

Welche Veränderungen sind jetzt bereits für Sie spürbar, seit Beginn der kommunalen Auseinandersetzung mit dem Thema?

 

Zurzeit haben wir das erste so genannte inklusive Schuljahr hinter uns und sehen dort, dass sich viel von der Aufregung, die es zu Beginn gab, gelegt hat.Dass es im Einzelfall noch mal schwierig sein kann, ist natürlich. Die Hauptveränderung jedoch ist, dass es eine gewisse Gelassenheit gibt: Wenn es ein Problem gibt, können wir das über diese AG Struktur bearbeiten.Es hat, glaube ich, niemand große Befürchtungen, dass plötzlich doch etwas über die Köpfe hinweg entschieden wird. Für mich ist auch spürbar, dass es nicht mehr so oft darum geht als einzelne Schulen, einzelne Lehrer*innen, einzelne Eltern etwas für sich durchkämpfen. Wir können uns zusammentun. Dadurch haben wir eine ganz andere Macht als Gruppe.

 

In der Grundschule Nadorst gibt es zum Beispiel ein Modell: Normalerweise werden die Schulassistenten einzeln eingesetzt, für einzelne SchülerInnen. In diesem Modell ist es nun so, dass die Eltern eine Abtretungserklärung unterzeichnen. Dadurch können die Stunden der Schulassistenten gebündelt und dann wesentlich effektiver, wesentlich besser eingesetzt werden.

 

Die UN-Behindertenrechtskonvention feiert in diesem Jahr ihr fünfjähriges Bestehen. Wo sehen Sie den kommunalen Aktionsplan in fünf Jahren und was ist Ihre Hoffnung für Inklusion insgesamt?

 

Was mich umtreibt, wenn ich so an die Perspektive fünf Jahre und danach denke, ist eindeutig der Förderbereich Lernen. Dieser stellt den ersten Bereich dar, in dem die Förderschulen schrittweise aufgelöst werden sollen. Aber was bleibt? Was sind tragfähige Konzepte, die sonderpädagogische Expertise an die Schulen zu bringen? Die Idee dazu im Schulgesetz sind so genannte Beratungs- und Unterstützungszentren. Die kostengünstigste Idee in diesem Zusammenhang wäre gewesen, alle Förderschulen zu Beratungs- und Unterstützungszentren für die Regelschulen zu machen.

 

Stattdessen ist ein von Schule unabhängiges Beratungs- und Unterstützungssystem nötig, das für Diagnostik, für Beratung von Eltern und Lehrer*innen und für die Koordination der FörderLehrer*innen, die an den Regelschulen tätig sind, zuständig ist. Das heißt, es muss eine neue Institution entstehen, neben der Förderschule oder anstatt der Förderschule, die sozusagen als Serviceleistung für Eltern und Lehrer*innen fungiert, um die sonderpädagogische Unterstützung an den Regelschulen sicherzustellen.

 

Dort ein gutes Konzept zu haben und vielleicht schon die ersten Ansätze der Umsetzung, das wäre für mich im kommunalen Aktionsplan in fünf Jahren für den Bereich Schule eine schöne Perspektive.

 

Meine Hoffnung für die Inklusion insgesamt ist, dass man auf die Idee zurückkommt, alles was wir tun, immer hinsichtlich aller Aspekte von Vielfalt und Verschiedenheit zu hinterfragen. Ich glaube beispielsweise, dass die Differenz zwischen Jungen und Mädchen in vielen Aspekten von Schule einmal Thema war und diskutiert wurde, dass das aber auch wieder ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Ich glaube, dass die Frage der Beschulung von Schüler*innen unterschiedlicher Herkunft lange Zeit ein Thema war, teilweise auch immer noch ist, aber ebenfalls ein wenig in Vergessenheit gerät. Und ich glaube, dass die Frage nach den sozioökonomischen Bedingungen, Teilhabe von Schüler*innen aus unterschiedlichen sozioökonomischen Verhältnissen ein ganz wichtiger Punkt ist. Fängt es doch mit der Diskriminierung oder Ausgrenzung dann schon an, wenn ein/e Schüler*in beim Mensabesuch eine Wertmarke vorlegen muss und ganz klar ist, der Besitzer einer Wertmarke bekommt diese vom Amt bezahlt. Oldenburg ist an dieser Stelle schon auf dem Weg. Es soll für alle Schüler*innen eine Chipkarte geben. Wer das Geld darauf bucht, das Amt oder die Eltern, ist dann egal. Ich denke, es ist noch eine Menge möglich, wenn wir Inklusion wirklich so verstehen, wie ich es am Anfang beschrieben habe, nämlich dass es um alle Menschen geht.

 

Dass es kein Thema ist, bei dem man denkt, das haben wir jetzt abgearbeitet oder umgesetzt. Es sollte eine ständige Messlatte für uns bleiben und wir sollten immer wieder hinterfragen, wie inklusiv sind wir eigentlich?

 

 

 

 

Vielen Dank für das Interview!

 

 

 

 

Privatdozent Dr. Holger Lindemann von der Universität Oldenburg hat, unter Mitwirkung der Arbeitsgruppe Inklusion an Oldenburger Schulen und Studierenden der Sonder- und Rehabilitationspädagogik der Universität Oldenburg, vor gut einem Jahr ein Praxishandbuch zur Inklusion an Oldenburger Schulen4 herausgegeben. In seiner aktuellen Publikation Wir machen Schule! Eine Stadt auf dem Weg zur Inklusion" (erschienen bei Beltz/Juventa) sind viele unterschiedliche Artikel versammelt, die den Oldenburger Inklusionsprozess von verschiedenen Seiten beleuchten. Weitere Informationen finden Sie unter:

http://www.oldenburg.de/microsites/inklusion.html

 

 

 

 

1 http://www.jakobmuthpreis.de

2 http://www.schulpreis.bosch-stiftung.de/

3 erschienen bei W-film (Lighthouse Home Entertainment)

4 http://www.oldenburg.de/microsites/inklusion/inklusion-in-schulen/praxishandbuch.html

Normal 0 false 21 false false false DE X-NONE X-NONE