Zum Auftakt der neuen kostenlosen nifbe-Zoom-Reihe „Partizipation und Demokratiebildung in der KiTa“ beleuchtete Prof. Dr. Annedore Prengel die demokratische und partizipative Beziehungsgestaltung in den ersten Jahren und räumte hier „noch viele Baustellen in der Praxis“ ein. Zugleich machte sie deutlich, dass dies ein „unabschließbarer Prozess ist“ und man sich einem Idealzustand immer nur annähern könne. Moderiert wurde der Vortrag und die anschließende gemeinsame Diskussion von den nifbe-Transfermanager*innen Valeria Ege und Gisela Röhling.

Annedore Prengel unterstrich in ihrem Vortrag, dass KiTas das Potenzial haben „eine demokratische Grundbildung mit ihren ethischen Normen zu vermitteln“. Nicht zuletzt in Zeiten einer institutionalisierten Kindheit, in der die Kinder immer früher und auf den Tag bezogen immer länger in die KiTa gehen, spielten die hier gemachten Erfahrungen, Lernprozesse und Sozialisierungen eine entscheidende Rolle für unsere demokratische Gesellschaft. Drei grundsätzliche Fragen müssten sich die pädagogischen Fachkräfte dabei stellen:
  • Welche Freiheiten geben wir den Kindern?
  • Wie tragen wir unsere Verantwortung?
  • Wie können wir Kindern Achtung vor sich selbst und anderen vermitteln?

Menschenwürde als Fixpunkt der Demokratie

Zur theoretischen Einführung stellte die Pionierin der Vielfalt und Inklusion in der KiTa die Demokratie nach Himmelmann als Herrschafts-, Gesellschafts- und Lebensform vor. Die Lebensform als tagtäglich gelebte und erlebte Demokratie ergänzte sie um den Aspekt der „Caring Democracy“, einer fürsorglichen Gesellschaft, in der jede Fürsorge geben und bekommen müsse. Grundsätzlich stehe die Menschenwürde in der Demokratie im Mittelpunkt und mit ihr die Prinzipien der Gleichheit, Freiheit und Solidarität. Mit Martha Nussbaum wies sie auf einen in unserer rationalen und funktionalen Gesellschaft aber oftmals unterbewerteten Aspekt hin: „Keine demokratische Gesellschaft kann es sich leisten, Gefühle der Sympathie und der Liebe nicht zu kultivieren“.

In der Folge definierte Annedore Prengel „Fünf Handlungsebenen der demokratischen Frühpädagogik“:
1. Politische Ebene
2. Institutionelle Ebene
3. Professionelle Ebene
4. Didaktische Ebene
5. Beziehungsebene

Positive Annerkennung aller Kinder in der KiTa

Sie deklinierte diese fünf Handlungsebenen näher durch und markierte als Kern der Beziehungsebene die positive, ressourcenorientierte „Anerkennung aller Kinder“ und das „Vorbild-Verhalten der Fachkräfte“. Zugleich plädierte sie dafür auch auf der politischen und institutionellen Ebene „No Go’s im Beziehungsverhalten“ zu definieren und bei Fehlverhalten auch entsprechend zu intervenieren und zu sanktionieren. Unabdingbar sei hier auch ein (inklusives) Beschwerdemanagement sowie feste Zeitfenster im Team für Teamarbeit, Fallbesprechung und Supervision. Auf der didaktischen Ebene gelte es „Übungen und Rituale der Anerkennung des Selbst und der Anderen“ in den KiTa-Alltag zu implementieren.

Zwei Säulen demokratischer didaktischer Praxis

Hieran anknüpfend führte Annedore Prengel zwei „Säulen demokratischer didaktischer Praxis vor“ weiter aus. In der ersten, die von den Fachkräften verantwortet werde, verortete sie ein „verbindliches Kerncurriculum“, dass der gesellschaftlichen Partizipation dient und den Kindern – jeweils ausgehend von ihren individuellen Lernständen - elementare Fähigkeiten vermittelt. Die zweite Säule bilde ein „freies Kindercurriculum“, dass von den Interessen und Themen der Kinder ausgehe und beispielsweise durch anregende Lernumgebungen bedient werden können. Als „partizipative Pädagogik par excellence“ hob sie aber auch das „Freispiel“ heraus und führte dessen demokratieförderlichen Potenziale aus.

Leitlinien für ethisches Verhalten

Als Grundlage einer demokratischen Beziehungsgestaltung stellte Annedore Prengel die von ihr gemeinsam mit einem großen Expert*innen-Team über fünf Jahre hinweg entwickelten „Reckahner Reflexionen“ mit ihren 10 Leitlinien für ethisch begründetes und ethisch unzulässiges Verhalten vor:

Leitlinien für ethisch begründetes Verhalten
1. Kinder und Jugendliche werden wertschätzend angesprochen und behandelt
2. Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte hören Kindern und Jugendlichen zu.
3. Bei Rückmeldungen zum Lernen wird das Erreichte benannt. Auf dieser Basis werden neue Lernschritte und förderliche Unterstützung besprochen.
4. Bei Rückmeldungen zum Verhalten werden bereits gelingende Verhaltensweisen benannt. Schritte zur guten Weiterentwicklung werden vereinbart. Die dauerhafte Zugehörigkeit aller zur Gemeinschaft wird gestärkt.
5. Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte achten auf Interessen, Freuden Bedürfnisse, Nöte, Schmerzen und Kummer von Kindern und Jugendlichen.
6.Kinder und Jugendliche werden zu Selbstachtung und Anerkennung der Anderen angeleitet.

Was ethisch unzulässig ist:
7. Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Kinder und Jugendliche diskriminierend, respektlos, demütigend, übergriffig oder unhöflich behandeln.
8. Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Produkte und Leistungen von Kindern und Jugendlichen entwertend und entmutigend kommentieren.
9. Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen herabsetzend, überwältigend oder ausgrenzend reagieren.
10. Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte verbale, tätliche oder mediale Verletzungen zwischen Kindern und Jugendlichen ignorieren.

Regelbüchlein für Kinder

Neben diesen Leitlinien für pädagogische Fachkräfte ist auch ein „Regelbüchlein für kleine und große Kinder“ in Reckahn entstanden, in dem ein ethisches und demokratisches Verhalten und die (Selbst-) Fürsorge kindgerecht und mit Illustrationen dargestellt werden. Mit Kant wird dort auch folgende und nicht nur für Kinder entscheidende „Goldene Regel“ gegeben: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“

In der anschließenden Diskussion stand auch die Frage einer Balance zwischen der Machtposition und Verantwortung der Fachkräfte sowie der Freiheit und Selbstbestimmung der Kinder im Fokus. Annedore Prengel riet dazu das „Generationenverhältnis zu reflektieren und entsprechend auch die Selbstbestimmung der Kinder nicht zu überziehen“. Im Team sei zu klären, wo den Kindern Autonomie und Mitbestimmung zugestanden werden soll und wo Fachkräfte die Strukturen und Abläufe bestimmen. Kritisch sah sie Mehrheitsentscheidungen in der KiTa-Gruppe und riet Fachkräften eher dazu, die Bedürfnisse und Wünsche aller Kinder auf anderen Wegen in den Blick zu nehmen und zu erfüllen.

Im Hinblick auf immer wieder vorkommendes verletzendes Verhalten von Fachkräften gegenüber Kindern unterstrich Annedore Prengel: „Es ist schwierig, aus unseren eingefahrenen Verhaltensmustern herauszukommen“. Sie empfahl neben der Biografiearbeit auch Marte Meo zur Selbstreflexion und Verstärkung des Positiven oder auch therapeutische Ansätze – denn letztlich könne man davon ausgehen, dass Menschen, die sich anderen gegenüber verletzend verhalten, selber unglücklich und hilfebedürftig sind.

Download Präsentation

Link zu den (kostenlosen) Reckahner Materialien

Zur nifbe-Zoom-Reihe „Partizipation und Demokratiebildung in der KiTa“

Karsten Herrmann