Beobachtungen aus dem neuen Alltag von Klaus Kokemoor

Als ich an die Käsetheke im Supermarkt trete, fixiert mich ein EINJÄHRIGER Junge aus EINMETERFÜNFZIG Distanz, der in seiner Karre sitzt. Während er dieses unaufhörlich tut, wird mir erst bewusst, warum er seinen skeptischen Blick so lange aufrechterhält, bis er schließlich zu weinen beginnt. Ich trage eine Maske, und auch wenn mir im Besonderen das Gummiband hinter den Ohren diese Tatsache spürbar verdeutlicht, bin ich mir noch nicht über die Auswirkungen dieser Kopfbedeckung bewusst.

Eines scheint klar, dem kleinen Jungen an der Käsetheke habe ich Angst gemacht, da er lediglich meine Augen sehen konnte und das, was sonst ein Gesicht ausmacht, verborgen bleibt. Eigentlich ist er schon seit seiner Geburt in der Lage, Gesichtsausdrücke, wenn sie ihm in ihrer ganzen Pracht dargeboten werden, zu erkennen und diese auch mittlerweile einigermaßen einzuordnen.

Als ich mich später an der Kasse im Supermarkt anstelle, schauen, starren mich zwei Augen über einer karierten selbstgenähten Maske an, denn der Rest bleibt auch mir verborgen. In meinem Inneren spüre ich sofort meine emotionalen Resonanzvorgänge. Was sagen mir diese Augen? Sind sie freundlich, oder sind sie böse, weil ich möglicherweise den Sicherheitsabstand von EINMETERFÜNFZIG nicht eingehalten habe. Normalerweise bin ich über die inneren Zustände anderer informiert, spüre Ablehnung oder Verbundenheit. Jetzt fehlt auch mir die Hälfte des Gesichtes, um in mir ein Gefühl zu entwickeln, welche Botschaft mir mein Gegenüber jenseits der Sprache vermitteln möchte. Die Mimik, eine der bedeutsamsten sozialen Signale, um sich nonverbal zu verständigen, tritt außer Kraft.

Ich suche auf dem Fußboden nach Orientierung. Doch diese EINMETERFÜNFZIG Formel, die sich nun überall auf den Fußböden abbildet und uns Orientierung geben soll, ist eine weitere Irritation im zwischenmenschlichen Raum und entspricht nicht meinem Wunsch, mein intuitives Wissen nutzen zu können, um ein Nähe-Distanz-Gefühl zum Gegenüber herzustellen. EINMETERFÜNFZIG, und es ist egal, ob Fremde oder Freunde: die Anstandsregel bleibt gleich. Wir entscheiden also nicht mehr nach Gefühl und Intuition, sondern folgen Linien oder einem gedachten Zollstock, den wir immer bei uns tragen. Dabei haben wir uns von Kindesbeinen an ein eigenes Navigationssystem entwickelt, welches unsere individuelle Richtschnur für Nähe und Distanz zu anderen Menschen festlegt.

Bedeutung der Nonverbalen Kommunikation

Die Nonverbale Kommunikation nimmt von Geburt an ein beträchtliches Ausmaß in der sozialen Interaktion zwischen dem Kind und seinen Eltern ein. (Vgl. Remo H. Largo / Carolin Benz 2008 S. 292) Nach der Geburt ist es weniger die Sprache, sondern die Stimme der Eltern sowie ihre Nähe und ihre Berührungen, die grundlegend für das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit sind. Die Eltern stellen intuitiv ihren Körper zur Verfügung und versuchen die Gemütszustände des Kindes zu erspüren. Sie schwingen mit, gehen zu dem Ausdruck des Kindes in Resonanz und reagieren mit Unterstützung ihrer Spiegelneuronen auf die Empfindungen des Kindes. Sie bemerken an seiner Mimik und am Verhalten des Säuglings, dass ihre Intervention ihr eigenes Verhalten richtig war. Doch auch der Säugling ist mit dem neuronalen Format der Spiegelneuronen ausgestattet und schon sehr früh in der Lage, unterschiedliche Gesichtsausdrücke zu erkennen und zu imitieren.(Vgl. Joachim Bauer 2008 S. 119 f.) Diese Imitation bildet die Basis für Empathie, denn der Säugling versteht zunehmend die Mimik des anderen, wenn sie nicht durch eine Maske bedeckt ist, mit eigenen Empfindungen in Einklang zu bringen.(Vgl. Lise Eliot 2002 S. 427 f.)

Das Schweigen des Bildschirms

Nur gut, dass wir im familiären Umfeld keine Maske tragen und dieses mimische Wechselspiel zwischen Eltern und Kind weiter möglich ist. So freue ich mich, als ich endlich durch die Haustür trete, auf meine Kinder, doch auch diese eigentlich spontane Begegnung wird durch den coronabedingten Routinegang zum zwanzig Sekunden Händewaschen durchbrochen. Nach kurzer Begrüßung im Home angekommen, begebe ich mich sofort ins Office, um mein erstes Webinar mit 13 Menschen, die ich vorher noch nie gesehen habe, abzuhalten. Der Rechner fährt hoch und mit ihm die Angst, ob die Technik, dieser für mich neuen zwischenmenschlichen Begegnung, standhält. Es scheint alles zu klappen, und die ersten Teilnehmerinnen, die eigentlich über hundert Kilometer entfernt sind, erscheinen in ihrer Küche, ihrem Wohnzimmer oder ihrem Büro maskenfrei auf meinem Bildschirm. Ich beginne zu sprechen, und es wird mir sofort bewusst, dass eine akustische Resonanz fehlt, da die Mikrofone der Teilnehmerinnen ausgeschaltet sind. Es ist schön, in die Gesichter schauen zu können, um so Reaktionen auf meine Worte einfangen zu können. Doch es ist nicht einfach, die Blicke einzufangen, da alle auf ihren Bildschirm und nicht in die Kamera schauen. Es gibt nur selten Blickkontakt, keinen gemeinsamen visuellen Fixpunkt. Als ich etwas später meinen Bildschirm für eine Bildbeschreibung freigebe und die Teilnehmer von der Bildfläche verschwinden, merke ich wie meine sonst feste Stimme brüchig wird. Das Bild der Menschen ist weg, der Ton ist aus und mir fehlt die visuelle und akustische Resonanz auf mein gesprochenes Wort. So muss man sich fühlen, wenn man im Radio spricht und nicht weiß, wie die eigenen Worte erlebt, verstanden und aufgenommen werden.

Wir sind von Geburt an auf Resonanz hin angelegte Wesen, und mir wird nach 5 Minuten Webinar deutlich, dass diese Errungenschaft der Digitalisierung in der Arbeitswelt und der Schule niemals eine wirkliche, physische Begegnung ersetzen wird.(Vgl. Manfred Spitzer 2014 S.196) Denn auch als die Gesichter mit den dazugehörigen Stimmen wieder auftauchen, fehlt mir der Blick auf die nonverbalen Signale, die der ganze Körper auszusenden versteht. So können wir uns nicht mit der Qualität und Reinheit verstehen und verständigen, und auch wenn es Sinn macht, dass unsere Politiker nicht mehr wegen jeder Konferenz um die Welt fliegen, werden in den Videokonferenzen wichtige Faktoren der zwischenmenschlichen Verbundenheit und Verständigung auf der Strecke bleiben.

Literaturnachweis:
  • Bauer, Joachim (2008): Das System der Spiegelneurone: Neurobiologisches Korrelat für intuitives intuitives Verstehen und Empathie. In. Brisch, Karl Heinz/ Hellbrügge Theodor (Hg.): Der Säugling – Bindung, Neurobiologie und Gene. Klett-Cotta, Stuttgart, S. 117 – 123.
  • Eliot, Lise (2002): Was geht da drinnen vor? Die Gehirnentwicklung in der ersten fünf Lebensjahren. Berlin Verlag, Berlin.
  • Largo, Remo H. / Benz Carolin (2008): Was verstehen wir unter Sozialverhalten? In. Brisch, Karl Heinz/ Hellbrügge Theodor (Hg.): Der Säugling – Bindung, Neurobiologie und Gene. Klett-Cotta, Stuttgart, S. 289 – 297.
  • Spitzer, Manfred (2014): Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Knauer Gmbh & Co KG, München.