- Wieviel pädagogische Planstellen haben Sie in Ihren Kitas und wie sah die Situation am Montag aus?
Grosenick: Bei uns sind derzeit von 26 Planstellen für pädagogische Fachkräfte zwei Stellen nicht besetzt und es fehlen drei Kolleginnen auf Grund von Beschäftigungsverbot. Bis Januar kommen allerdings drei weitere Stellen hinzu, die wir neu besetzen müssen – wegen Umzug, Studiumsbeginn und Rente.
- Wie gehen Sie damit um? Lohnt es sich überhaupt noch, mit viel Mühe einen Dienstplan aufzustellen, wenn am Montagmorgen sowieso wieder alles umgeschmissen wird?
Schierling: Wir haben natürlich auch einen Dienstplan und das ist auch ganz gut so, aber die letzten Wochen können wir uns danach fast gar nicht mehr richten. Jeden morgen versuchen wir, ihn an unserer Dienstplantafel neu zu strukturieren. Da haben wir dann immer im Überblick, wo jemand fehlt, wo jemand einspringen muss, wer wann wo Pause machen kann oder wer durch wen, wo und wann vertreten werden kann und muss. Bei den neuen Kräften und auch den Sozialassistenteninnen müssen wir ja auch noch jeweils genau gucken, wie und wo wir sie einteilen können. Da rauchen dann jeden Morgen die Köpfe.
- Haben Sie schon einmal eine Überlastungsanzeige gestellt oder Gruppen geschlossen?
Grosenick: Wir haben als Leiterinnen der von Kirchengemeinden getragenen Kitas schon letztes Jahr eine Überlastungsanzeige aufgrund der zusätzlichen Leitungsaufgaben, aber auch im Hinblick auf Aufsichtspflicht und Eingewöhnung, gestellt. Jetzt aktuell planen wir das auch wieder zu tun, auch um darauf hinzuweisen, in welcher Situation die Mitarbeitenden sich befinden. Unsere Träger haben dafür auch Verständnis, aber letztlich sind ihnen ja auch die Hände gebunden, denn sie können kein neues Personal herbeizaubern.
- Wie geht es den Kindern mit dieser Situation?
Grosenick: Aber natürlich kann man schon danach fragen, ob es dem Kinde wohl geht, wenn der Tagesablauf jeden Tag ein anderer ist und das Bezugspersonal fast täglich wechselt. Gerade, wenn die Kinder aus der Krippe oder ganz neu in unseren Kindergartenbereich kommen, fällt es ihnen schwer, sich zurechtzufinden und sind eigentlich auf die kontinuierliche Begleitung und Unterstützung einer pädagogischen Fachkraft angewiesen. (Bezugserziehermodel)
- Ist in dieser Situation überhaupt noch an Qualitätsentwicklung zu denken oder befinden Sie sich einfach im Notstands- und Überlebensmodus?
- Was bedeutet die aktuelle Situation aus Ihrer Sicht für das Team und die einzelnen pädagogischen Fachkräfte? Wie ist die Stimmung?
Grosenick: Zunehmend ist auch eine Demotivierung der Kolleginnen zu spüren. Wenn der pädagogische Anspruch komplett zurück gestellt werden muss, ist das schwierig. Und dann fallen die Verfügungszeiten weg und die Zeit für Studien- oder Teamtage und Weiterbildung. Wir arbeiten eigentlich in Projekten, was leider mittlerweile auch nicht mehr möglich ist.
Steinbach: Das Brennen für den Beruf, das eigentlich immer alle Kolleginnen gehabt haben, das verschwindet jetzt so langsam, jetzt sind sie eher am Ausbrennen. Vieles, was sie den Kindern bieten möchten, ist sehr eingeschränkt bis unmöglich. Alles wird auf Sparflamme betrieben. Mich wundert es überhaupt nicht, wenn viele Erzieherinnen sich überlegen, doch noch mal zu studieren oder auch etwas ganz anderes zu machen. Grundsätzlich haben wir eine hohe Fluktuation.
- Also wird die schwierige Personalsituation noch einmal dadurch verschärft, dass die aktuelle Arbeitssituation bei den Fachkräften in der KiTa dazu führt, dass sie krank werden oder aus dem Job aussteigen?
- Hat sich dadurch auch die Einstellung der Fachkräfte verändert?
Grosenick: Aus meiner Sicht ist die Identifikation mit der Tätigkeit und auch mit der jeweiligen Kita nicht mehr so stark wie früher. Früher war das so eine Art zuhause, wo man sich wohl fühlte und sich um alles kümmert und das Ganze im Blick hatte. Jetzt geht man eher zur Arbeit und geht nach Dienstschluss wieder. Die Identifikation mit der Einrichtung fehlt. Früher haben die Kolleginnen auch viel länger gemeinsam zusammengearbeitet, die Häuser waren kleiner und man war enger zusammen.
- Wie wirkt sich der Personalmangel im Hinblick auf die konkrete pädagogische Arbeit mit den Kindern aus?
Grosenick: Die Kinder in der Gruppe haben aufgrund des ständig wechselnden Personals auch nicht mehr diese Verlässlichkeit im Tagesablauf, weil jede Kollegin zB. den Morgenkreis doch ein bisschen anders macht und andere Rituale hat. Ein zentraler Punkt ist auch die problematische Eingewöhnung. Wenn man, wie wir, nach einem Eingewöhnungsmodell mit Bezugserzieherin arbeitet, kann man jede Woche neu anfangen, weil immer wieder eine Kollegin ausfällt oder woanders eingesetzt werden muss.
Steinbach: Und das macht mit so einem kleinen Kind natürlich ganz viel, wenn da ständig wechselnde Bezugspersonen sind. Von Anfang an ist es so schwierig, mit einem verlässlichen Bindungs- und Beziehungsaufbau in der Krippe. Und das ist doch so wichtig!
- Wie sieht es gerade im Hinblick auf die alltagsintegrierte Sprachförderung mit Dingen wie längeren Dialogen oder Vorlesen aus?
- Was bedeutet das für die Zusammenarbeit mit den Eltern und was sagen die zu der aktuellen Situation?
- Leidet auch die konkrete Zusammenarbeit mit Eltern zum Beispiel im Hinblick auf Tür- und Angelgespräche, Elternabende oder Entwicklungsgespräche?
- Ist das vor allen Dingen auch im Hinblick auf Familien mit Migrationshintergrund ein Problem, die ja oftmals eine andere und besondere Ansprache benötigen?
Grosenick: Da sind wir überaus froh, dass wir noch über die Kolleginnen aus dem Bundes- und Landesprogramm zur Sprachförderung Unterstützung bekommen und diese auch zum Teil die Kommunikation mit den Eltern übernehmen. Oder auch über Quik-Kräfte, die die Fachkräfte in den Gruppen entlasten.
Steinbach: Auch bei uns unterstützt der Kollege aus dem Bundesprogramm, zum Beispiel, indem er für uns Piktogramme entwickelt hat. Das Problem ist aber immer die Befristung dieser Stellen.
- Sehen Sie aktuelle Lösungsmöglichkeiten für diese brenzlige Personalsituation? Was muss die Politik tun, was können Träger, Fachberatungen und sie selber tun?
Steinbach: Wir müssen die Arbeitsbedingungen verbessern, um mehr Nachwuchs zu bekommen. Wenn zum Beispiel Schulpraktikantinnen bei uns sind und die sehen, wie schwierig die Arbeitssituation ist und wie gestresst die Erzieherinnen sind, dann überlegen sie zweimal, in dieses Berufsfeld einzusteigen. Wenn die Arbeitsbedingungen aber wirklich gut wären, dann hätten auch mehr junge Menschen Interesse, diesen Beruf zu ergreifen. Da beißt sich die Katze zwar scheinbar in den Schwanz, aber trotzdem ist das der Punkt, an dem man ansetzen muss.
Grosenick: Unser größter Wunsch sind in der Tat kleinere Gruppengrößen. Damit hätten wir mehr Zeit für die Kinder und die Kolleginnen mehr Zeit für das Wesentliche. Zu überlegen wäre auch, ob man nicht wieder ein Anerkennungsjahr einführt, das war zusammen mit dem Vorpraktikum der früheren Erzieherinnen-Ausbildung ein sinnvolles Modell um Praxiserfahrungen zu sammeln.
- Was halten Sie denn von der auf Landes- und Bundesebene diskutierten verkürzten Erzieherinnen-Ausbildung zur KiTa-Fachkraft Frühpädagogik bzw. „Staatlich geprüften Fachassistent für frühe Bildung und Erziehung“?
Schierling: Ich finde es bei dieser verkürzten Spezialisierung auch problematisch, dass man sich von Anfang an entscheiden muss. Ich wollte zu Anfang meiner Ausbildung zum Beispiel gar nicht im Kindergarten arbeiten und wäre dann heute nicht hier.
Karsten Herrmann