Ein Blick zurück und voraus auf die Entwicklung der Frühkindlichen Bildung und die ErzieherInnen-Ausbildung mit Dorothee Schnepper-Leuck


Dorothee Schnepper-Leuckhat über viele Jahre hinweg SozialassistentInnen und ErzieherInnen an der Fachschule Sozialpädagogik in Melle ausgebildet und sich zudem im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft der Fachschulen (LAG Niedersachsen) sowie der Bundesarbeitsgemeinschaft der öffentlichen Fachschulen Sozialpädagogik (BöfAE) engagiert. Im Interview mit Meike Sauerhering blickt sie aus ihrem (Un-) Ruhestand auf ihrer Erfahrungen und die Veränderungen in der frühkindlichen Bildung sowie in der ErzieherInnen-Ausbildung zurück.

  • Wenn Sie einen Blick auf die Entwicklungen im Feld der frühkindlichen Bildung und Entwicklung werfen, was fällt Ihnen da als erstes ein?

IMG 7472 002In den Einrichtungen hat sich unglaublich viel getan, die Praxis hat sich sehr verändert. Die Arbeit der pädagogischen Fachkräfte heute ist nicht mehr mit der vor 20 oder gar 40 Jahren zu vergleichen. Damals wurde der Übergang vom Funktionsansatz zum Situationsansatz diskutiert. Insgesamt wird heute mehr auf die Fähigkeiten jeden einzelnen Kindes geschaut. Es gab beispielsweise eine Phase, in der die Beschäftigung mit den Kindern gegenüber der Beobachtung und Dokumentation des Beobachteten beinahe zu verschwinden drohte. In der Anti-Pädagogik wurde sogar jegliches Eingreifen als Gefährdung der Selbstbildungsprozesse der Kinder betrachtet. Die Betreuung und Erziehung standen im Vordergrund – nicht die Bildung. Beispielsweise wurde auch die Auseinandersetzung mit der Schriftsprache als nicht angemessen für Kinder im Vorschulalter erachtet. Kinder wurden ‚künstlich dumm gehalten‘. Das hat sich glücklicherweise verändert.

Spannend zu beobachten war für mich aber auch, inwieweit bildungspolitische Entscheidungen beispielsweise in der Krippenbetreuung durch die Sozialisation der entsprechenden PolitikerInnen geprägt sein können – oftmals wohl ganz unbewusst. Diese Frage wurde für mich beispielsweise im Kontext der Wiedervereinigung virulent. In der DDR hatte frühkindliche Bildung und Erziehung einen ganz anderen Charakter als in der BRD. Die Arbeit in den Kita war viel formalisierter als im Westen Deutschlands. Es war auch ganz selbstverständlich, Kinder früh und lange institutionell betreuen zu lassen.

Aktuell diskutierte politische und gesellschaftliche Themen, sind Aspekte wie Migration oder auch Milieu, die die Familienkulturen der Kinder beeinflussen. Davon werden nicht lediglich Eltern und Kinder beeinflusst, sondern auch die (Sozialisation der) Fachkräfte.

  • Ist für den Bereich des Frühkindlichen auch ein deutlicher Bedeutungszuwachs zu verzeichnen?

Wie man es nimmt – sicherlich hat es eine Aufwertung des Frühkindlichen im Bereich der Wissenschaft gegeben, doch inhaltlich gab es in dem Zusammenhang nicht so viel Neues. Dass der Bindung im Alter von 0 bis 3 eine besondere Bedeutung zukommt oder dass die Entwicklungen der 3 bis 6 Jährigen sehr bedeutsam sind, hat man immer schon gewusst. In all den Jahren in denen ich mich mit der Ausbildung von ErzieherInnen beschäftigt habe, hat man sich beispielsweise mit entwicklungspsychologischen Erkenntnissen von Ericson im Unterricht auseinandergesetzt.

Wichtig war selbstverständlich die gesellschaftliche und politische Erkenntnis, dass im vorschulischen Bereich nicht lediglich Betreuung und Erziehung von Bedeutung sind, sondern dass dort durchaus auch Bildung stattfindet. Wobei ich davon überzeugt bin, dass der Blick auf die Bedeutung der frühkindlichen Bildung und Entwicklung bereits abgeebbt wäre, wenn nicht der Rechtsanspruch auf einen KiTa-Platz verabschiedet worden wäre. Der damit im Zusammenhang stehende KiTa-Ausbau, insbesondere für den Bereich der unter dreijährigen Kinder, war damit politisch, gesellschaftlich und medial präsent. Aber auch vorher hat es schon immer so etwas wie Mode-Themen gegeben. Zunächst war es das Thema Gesundheit, dann Qualitätsmanagement mit den ganzen Zertifizierungen, darauf folgte das Bedeutungshoch zum Thema Sprache und Diversität, dann stand – wie gesagt – die Quantität im Zentrum.

  • War die Anerkennung der Bedeutung des Frühkindlichen auch für die Fachschulen, beziehungsweise für die Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte, von Bedeutung?

Die Fachschulausbildung war und ist ja noch immer eine Breitbandausbildung. Das heißt, dass hier nicht lediglich für den Elementar-Bereich ausgebildet wird. Das ist aus meiner Perspektive auch nach wie vor die Stärke der schulischen Ausbildung. Auch gerade, wenn man auf das aktuelle Thema der InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. schaut. Wenn inklusive Prozesse professionell begleitet werden sollen, braucht es ein breites Wissen. Und auch hier ist der Blick auf die Fähigkeiten des Einzelnen von besonderer Bedeutung – nicht irgendwelche verallgemeinernde und damit reduzierende Schemata.

Andererseits ging mit dem verstärkten Blick auf die Phase der frühen Kindheit einher, dass dieser auch in den Fachschulen eine besondere Bedeutung beigemessen wurde. Die bedeutungsvollen Themen wie Bindung, Sprache /Sprechen oder generelle entwicklungspsychologische Fragestellungen wurden zwar immer schon behandelt, doch hatten nicht alle Schulen den Bereich der frühkindlichen Bildung explizit ausgewiesen.

Die fachschulische Ausbildung hat sich nicht schwerpunktmäßig an den eben beschriebenen ‚Modethemen‘ orientiert. Selbstverständlich hat man als interessierte Lehrerin aber die aktuellen Entwicklungen im Blick gehabt. Auf die Gestaltung des Unterrichts mussten sie sich jedoch nicht zwangsläufig auswirken, denn die curricularen Vorgaben bleiben in der Regel von solchen kurzfristigen Schwankungen unberührt. Hier wären viel entscheidendere Veränderungen der Organisation von Unterricht zu erwähnen wie beispielsweise der Paradigmenwechsel in der beruflichen Bildung hin zur Handlungsorientierung. Diese Diskussion begann bereits in den 1990er Jahren und führte vom Unterrichten in Fächern über eine Phase der Orientierung an Lernfeldern schließlich zur Modularisierung. – Dazu gäbe es noch viel zu sagen, aber das ist ein weites Feld!

  • Wie stehen Sie zu dem (mittlerweile nur noch selten zu hörendem) Ruf nach der Akademisierung der Fachkräfte?

Ich bin nicht der Meinung, dass die theoretisch hoch Gebildeten die besten Fachkräfte im Feld der frühkindlichen Bildung und Entwicklung sind. Viel bedeutsamer sind im Bereich Bildung die personalen Kompetenzen. Dort muss der Fokus der Ausbildung liegen. Gefestigte Persönlichkeiten sind die besseren PädagogInnen. Selbstverständlich braucht es neben den personalen Kompetenzen auch ein sehr gutes Fachwissen. Dieses festigt sich gut, wenn Praxisphasen sich mit Phasen der theoretischen Aneignung abwechseln und ausreichend Möglichkeiten und Zeiten zur Selbstreflexion vorhanden sind.

  • Wenn Sie von personalen Kompetenzen sprechen, was meinen Sie dann insbesondere?

Immens wichtig ist die Fähigkeit mit Kindern, mit jungen Menschen, in Beziehung zu treten sowie ihre Bedürfnisse zu erkennen und ihre Entwicklung individuell begleiten zu können.

  • Sin die personalen Kompetenzen erlernbar?

Da bin ich nach wie vor unentschieden: sicherlich ist es so, dass eine ganze Menge erlernbar ist. In den Aufnahmegesprächen, die es früher gab und in den Beratungsgesprächen, war es schon oft so, dass man dachte: Die oder der wird sicherlich eine gute pädagogische Fachkraft, den einen oder anderen konnte man ‚dorthin entwickeln‘, aber bei manchen war da einfach nicht viel möglich!

  • Nun ist aktuell ein Fachkräftemangel zu beklagen. Lassen sich zu deren Behebung Konsequenzen ziehen, aus dem was Sie bisher berichtet haben?

Berufe im Bereich der frühkindlichen Bildung und Entwicklung müssen attraktiver werden. Beispielsweise ist es problematisch, dass die Fachschulausbildung vom Staat und von den Eltern der Absolventinnen getragen werden muss. Eine Vergütung ihrer Ausbildung bekommen FachschülerInnen aber im Gegensatz zu Azubis jedoch leider nicht. Hier sind die Träger der Einrichtungen in der Pflicht.

Zudem plädiere ich entschieden dafür, Quereinsteiger zu aktivieren. Wir haben einfach nicht genug Menschen, die Interesse beispielsweise am Beruf der Erzieherin / des Erziehers haben. Das liegt unter anderem am demographischen Wandel und an der guten Ausbildungssituation in Deutschland. Es gilt, Menschen zu aktivieren, die Lust haben, sich auf Prozesse mit Kindern einzulassen. Denen muss man eine passende Ausbildung bieten. Die Ausbildungen müssen angepasst werden an die Menschen, die bereit sind, sich in diesem Bereich zu engagieren.

Dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken ist die große Herausforderung der Zukunft.

  • Das klingt nach einem guten Satz für den Abschluss. Liebe Frau Schnepper-Leuck, ich bedanke mich für das interessante Gespräch!