Das Pestalozzi-Fröbel Haus

Ausgewählte Aspekte zur Geschichte und zur gegenwärtigen Situation

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PFH I (links) und PFH II (rechts) (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
Das heutige PFH in Berlin ist eine der traditionsreichsten Fachschulen für die ErzieherInnenausbildung in Deutschland. Als die Gründerin der Institution, Henriette Schrader-Breymann, 1872 nach Berlin kam, trat sie sogleich dem Komitee des 1863 ins Leben gerufenen „Volkskindergartens der südwestlichen Friedrichstadt“ bei. Zur finanziellen Absicherung der vorschulischen Einrichtung gründeten sie und ihr Mann, Karl Schrader, am 16. Mai 1874 den „Verein für Volkserziehung“ (VfVE). Statuten wurden festgelegt und Henriette Schrader-Breymann zur „Vorstandsdame“ gewählt. Mit diesem Schritt war der Grundstein gelegt für ein umfangreiches Fürsorge-, Erziehungs- und Bildungsnetz. In der Gründungsschrift des VfVE wurden der Ausbau und die Optimierung der bestehenden Kleinkinder- und Jugendfürsorge sowie Richtlinien für die Ausbildung des weiblichen Geschlechts für Hauswirtschafts- und Erziehungsberufe festgeschrieben. Wohl überlegt wählte die Vereinsvorsitzende als Namensgeber für ihre Erziehungs- und Bildungseinrichtung Fröbel und Pestalozzi, da, wie sie schrieb, deren pädagogische Ansätze „innigst verschmolzen werden... müssen“ (zit. n. Berger 1992, S. 6).


I.

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Henriette Schrader-Breymann (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
Im bescheidenen Rahmen und in angemieteten Räumen begann Henriette Schrader-Breymann mit dem Auf- und Ausbau des PFH. Sie übernahm die Fortbildung des leitenden Personals des „Volkskindergartens der südwestlichen Friedrichstadt“ und begann einige junge Mädchen in die Fröbel- und Kindergartenpädagogik einzuführen. Bald kam eine Arbeitsschule für Schulkinder hinzu, „in der gestrickt, genäht und Laubsägearbeiten gelehrt und in häuslichen Beschäftigungen unterwiesen wurde. Sie war ein Anfang des damals in Norddeutschland noch kaum bekannten Hortwesens und des Handfertigkeitsunterrichts“ (Droescher 1923, S. 49). Peu à peu wurde das Fürsorge-, Erziehungs- und Bildungsangebot komplettiert. Beispielsweise kam 1885 eine Koch- und Haushaltungsschule hinzu, später „Pestalozzi-Fröbel-Haus II“ genannt, „die eine neue Auffassung der Hauswirtschaft und eine sichere Tradition in wirtschaftlicher Beziehung gebracht hat, dank der Zusammenarbeit Henriette Schraders mit ihrer früheren Schülerin, Frau Hedwig Heyl“ (ebd.). Außerdem verfügte der VfVE noch „über einen größeren Volkskindergarten, einen Familienkindergarten und die Kleinkinderbewahranstalt Heiligkreuz“ (Nitsch 1999, S. 59). Die zunehmende PFH4
Stempel des VfVE (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
Ausdifferenzierung der Fürsorge-, Erziehungs- und Bildungspalette erforderte schließlich einen Neubau. Es wurden zwei stattliche Gebäude (PFH I und PFH II) „auf Schöneberger Gebiet, am Ende der Barbarossastraße, mit dem Blick hinaus ins Freie, weit über Wiesen und Felder hin“ (Triepel 1901, S. 1) errichtet. Diese konnten 1898 bezogen werden. Nun war es dem VfVE auch möglich, eine Krippe in sein Programm aufzunehmen. Der Krippenbetrieb wurde am 16.10.1898 im Nachbarhaus des PFH I durch den Vorsitzenden des „Berliner Krippen-Vereins“ eröffnet. Nach einigen Wochen verpflegte der Verein bereits 25 Säuglinge und Kleinstkinder bis zu drei Jahren. Die Krippe hatte von 6 bis 21 Uhr geöffnet und kostete eine Mark pro Woche. Sie war vor allem eine „Heimstätte für arme, kleine Menschenkinder“ (Triepel 1901, S. 2), deren Eltern außerhalb des Hauses arbeiten mussten und mithin nicht selbst für sie sorgen konnten. Außerdem diente die Einrichtung den Schülerinnen des PFH als Übungsstätte „mit den Kleinen unter Kindergarten-Alter, dem Studium ihrer Bedürfnisse und ihrer Pflege“ (ebd.).

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Kinderkrippe (Quelle: Ida-Seele-Archiv)





img20190125 085259841899 wurde in den Räumen des PFH I der erste Jahreskurs für ehrenamtliche Berufsarbeit in der Wohlfahrtspflege, der von Alice Salomon geleitet wurde, durchgeführt:

„Man hat ein gewisses Recht, in diesem Kursus den Beginn der sozialen Berufsausbildung in Deutschland zu sehen, obwohl die ersten Kurse zunächst nur wenige Teilnehmerinnen hatten“ (Peyser 1958, S. 56).

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PFH III (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
Aus den Jahreskursen ging 1908 die „Soziale Frauenschule“ hervor, die sechs Jahre später in einem eigenen Haus auf dem Areal des PFH I Unterkunft fand und sich „Pestalozzi-Fröbel-Haus III“ nannte. Noch heute existiert die Ausbildungsstätte als „Alice-Salomon Hochschule“ im Ortsteil Berlin-Hellersdorf, wohin sie 1998 übersiedelte.


1923 gründete Carl Mennicke das „Seminar für Jugendwohlfahrt“, das im April 1931 in die Trägerschaft des VfVE wechselte und den Namen „Berliner Seminar für Sozialarbeiter“ (PFH IV) erhielt. Anfang des Jahres 1937 wurde die Bildungsinstitution nach Berlin-Charlottenburg verlegt. Schließlich erfolgte am 11. Mai 1938 ihre Auflösung „und Überführung an die Reichsleitung der NSV... Unter dem Namen ‚NSV-Reichsseminar Berlin. Staatlich anerkannte Volkspflegerschule‘ wurde die erste Ausbildungsstätte für PFH10
PFH IV (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
Wohlfahrtspfleger in Deutschland von der NSDAP-Reichsleitung, Hauptamt für Volkswohlfahrt, fortgeführt“ (Reinicke 2012, S. 126 ff.). Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur nahm das Seminar nicht wieder den regulären Schulbetrieb auf.

Dem PFH III gliederte Alice Salomon 1925 noch die „Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“ an. Über Ziel und Aufgabe der Bildungsinstitution schrieb ihre Gründerin:

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Bericht von Hildegard von Gierke (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
„Die Akademie wendet sich nicht an die Masse der Frauen. Sie will besonders Begabte, die über die mittleren Leistungen hinausstreben, weiterbilden, ihnen zu äußerem Aufstieg wie zu einem tieferen Eindringen in die geistigen Grundlagen ihres Berufes helfen. Die pädagogische wie die soziale Arbeit braucht Führerinnen für höhere und leitende Posten. Sie braucht Menschen, die über die Tagesarbeit hinaus der sozialen und pädagogischen Arbeit neue Ziele stecken. Die Akademie will aber auch zu einer Stätte werden, in der Lehrkräfte für die sozialpädagogischen Bildungsanstalten wie Frauenschulen und Wohlfahrtsschulen ausgebildet werden. Denn aus dem Mangel an Frauen, die für solche Aufgaben geeignet sind, erwächst der Entwicklung der höheren Fachschulen dieser Gebiete eine wirkliche Gefahr“ (zit. n. Berger 2018, S. 65 f).

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Werbeanzeige in der Fachzeitschrift „Kindergarten“; Quelle: Ida-Seele-Archiv
Bedeutende Frauen und Männer aus den verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen wurden zu Vorlesungen und Vorträgen eingeladen. Beispielsweise hielt Romano Guardini, wie Dokumente im „Ida-Seele-Archiv“ belegen, eine Vortragsreihe über „Ethisch-religiöse Grundfragen der Existenz“, die in der Aula des PFH III am 8., 15. und 22. November 1927 stattgefunden hat.

II.

Als der VfVE gegründet wurde, „vermochte wohl niemand die großartige Zukunft zu erahnen, die ihm bevorstand“ (Nitsch 1999, S. 57). Das von ihm getragene PFH verwirklichte lebendige „Sozial-Pädagogik“, die fürsorgende und pädagogisch fortschrittliche Betreuung, Erziehung und Bildung der Kinder des Volkes. Gertrud Bäumer schrieb später treffend:
„Wer in den roten Häusern in Schöneberg, auf dem in das steinerne Meer großzügig eingebettete Gartengelände mit seinem Kindergewimmel ein- und ausgegangen ist, mußte diese Kraft fühlen; soziale Schöpfung aus Muttergeist. Frauen, die... zum Bewußtsein ihrer Frauenaufgabe geweckt waren, begannen mit ihren sozialen Hilfseinrichtungen zugleich Stätten der ‚Familien und Volkserziehung‘, der Mütterschulung zu schaffen“ (Bäumer 1933, 176 f).

Im Jahr 1913 beherbergte das PFH I in Schöneberg, damals noch eine eigenständige Stadt vor den Toren Berlins, folgende sozialpädagogische Abteilungen:

1. Einrichtungen für Kinder

1.1. Volkskindergarten

In den Volkskindergärten fanden täglich 400 Kinder im Alter von ca. 3 bis 51/2 Jahren Aufsicht, Pflege, Bildung und Erziehung. Die Einrichtungen waren von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Die einzelnen „Familiengruppen“, die ungefähr 15 Kinder im unterschiedlichsten Alter umfassten (Geschwisterkinder wurden nicht voneinander getrennt), waren in wohnlich gestalteten Räumen untergebracht. Die Erziehung zur Haushaltsführung war fester Bestandteil des Tagesablaufs und für Mädchen und Jungen gleichermaßen eine Selbstverständlichkeit. Dazu ist in der „Vereins-Zeitung“ des PFHs nachzulesen:

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Liste von Monatsgegenständen (Quelle: Ida-Seele-Archiv)
„Diesem Zweck entsprechend, ist er [der Gruppenraum; M. B.] mit niederem Tische, mit Wannen, Kannen, Eimern, Bürsten und anderem Reinigungsmaterial ausgestattet, die die kleinen Arbeiter unter Aufsicht geschickt handhaben lernen. Nur in kleiner Zahl auf einmal werden die Kinder aus den verschiedenen Abteilungen des Kindergartens zu diesen Arbeiten herangezogen, denn es gilt hier ernstlich dem Haushalte nach Kräften zu dienen... Es ... müssen diese Arbeiten auf die allervorzüglichste Weise geschehen, und nur bei einer kleinen Anzahl Kinder kann man die Sorgfalt auf das Einzelne verwenden“ (zit. n. Nitsch 1999, S. 61).

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„Forschungsgang“ zum Monatsgegenstand „Die Kuh in ihrer Beziehung zum menschlichen Haushalte“; Quelle: Ida-Seele-Archiv
Den einzelnen Volkskindergärten war eine „kleine Landwirtschaft“ angegliedert:
„So säen, ernten auf ihrem Beete die Kinder im kleinen und helfen die Produkte des Gartens verwenden; sie sorgen für die Hühner, sie sammeln die Eier, sie helfen, sie für die Küche zu verwerten, sie erfahren aber auch, daß aus diesen Eiern Küken schlüpfen, die behütet werden von mütterlicher Fürsorge, die sie unterstützen durch gewissenhafte Pflege“ (Droescher 1913, S. 4).
 

Um die Wahrnehmung der Kinder, ihre Erfahrungen und Tätigkeiten in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang zu bringen, entwickelte Henriette Schrader-Breymann die Methode des „Monatsgegenstandes“. Diese pädagogische „Erfindung“ stellte jeweils für ein Monat ein ganz bestimmtes Thema in den Mittelpunkt des kindlichen Interesses. So setzten sich die Kinder beispielsweise einen Monat lang mit dem Beruf des Tischlers auseinander oder lernten Tiere wie Pferde, Kühe, Hühner, Tauben kennen, beschäftigten sich mit Eis und Wasserdampf, aber auch mit den unterschiedlichsten Pflanzen und wichtigsten Lebensmitteln. Die schöpferischen Kräfte des Kindes wurden in selbständiger Arbeit mit verschiedenen Gegenständen (meistens aus der Natur oder aus dem häuslichen Bereich), Materialen (Papier, Ton, Buntstifte, Bausteine etc.) sowie durch Forschungsgänge (z. B. Besuch eines Bauernhofes oder einer Tischlerwerkstatt), Lieder, Märchen, Erzählungen u. ä. ergänzt und vertieft (vgl. Berger 1999, S. 57 ff.). Auf diese Weise „wird dem Kinde ein ganzes reiches Leben geboten, es wird mitten in dasselbe versetzt, fühlend, beobachtend und handelnd, im Ganzen lebend und webend, und durch die wahre Beschäftigungskunst von Seiten der Erwachsenen beginnt das Kind, ihm selbst unbewußt, die Kunst des Lebens zu üben“ (zit. n. Berger 1999, S. 65).

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Szenen aus dem Volkskindergarten des PFH I; Quelle: Ida-Seele-Archiv



1.2. Die Vermittlungsklasse

Die oberste Stufe des Kindergartens war dazu bestimmt, den Kindern „den Übergang von der großen Ungezwungenheit des ersten Lebensalters zu der Gebundenheit der Schule zu erleichtern, nicht etwa in der Weise, daß der Schule etwas von ihrer Arbeit vorweggenommen wird, sondern indem nur Bildung des Anschauungs- und Sprachvermögens, sowie die Disziplinierung des Willens, bewußt und planmäßig gepflegt wird. Die Mittel, deren man in dieser Abteilung zur Beschäftigung und Erziehung der Kinder bedient, sind im übrigen die gleichen, wie in den Gruppen des Kindergartens“ (Droescher 1913, S. 4). Beispielsweise lernten die Fünf bis Sechsjährigen „nur durch Schreiben von Auf- und Abstrichen die Hand zu üben, sie lernten an Stäbchen bis fünf rechnen usw. Das regelrechte Lernen beginnt erst in der darauffolgenden Elementarklasse“ (Triepel 1901, S. 2).

1.3. Vorklassen
Seit ca. 1878 unterhielt der VfVE zwei Elementarklassen (niedere und höhere) mit je 30 Kindern, Mädchen wie Jungen, im Alter von 6 bis 8 Jahren. Der Unterricht erfolgte nach der Methode des Monatsgegenstandes, jedoch auf erhöhtem Niveau. Die Kinder, die überwiegend aus der Unterschicht kamen, sollten „an die Schuldisziplin herangeführt werden, auf die ihr Lernverhalten nicht vorbereitet war“ (Nitsch 1999, S. 64). Die Vorklassen stellten sozusagen eine „Pufferzone zwischen Kindergarten und Volksschule“ (ebd.) dar. Klara Richter, Schülerin von Henriette Schrader-Breymann und damalige Leiterin des PFH I, wandelte 1910 die Elementarklassen in Vorklassen (bzw. Schulkindergärten) um. Aufgenommen wurden Kinder, denen die körperliche oder geistige Reife zum Besuch der allgemeinen Schule noch fehlte. Die beiden Klassen besuchten ca. 50 Kinder, die von einem Schularzt hinsichtlich ihrer „Schulreife“ getestet und für „schulunreif“ befunden wurden:

„Die zum Teil in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen, zum Teil minderbegabten Kinder werden in ½ oder 1 Jahre durch geeignete Pflege, Unterweisung und Erziehung gefördert, daß sie dem Unterrichte in der Schule zu folgen imstande sind, oder es stellt sich heraus, daß sie überhaupt nicht befähigt genug sind, den normalen Bildungsgang durchzumachen“ (Droescher 1913, S. 5).

1.4. Versuchsklasse
Die erste Versuchsklasse wurde im Herbst 1911 eingerichtet und baute auf dem Vorklassenprinzip auf. Nur 30 Kinder, für die damalige Zeit eine geringe Anzahl, wurden aufgenommen. Die beschränkte Schülerzahl gewährte eine individualisierende Behandlung und somit die Möglichkeit eines besseren Vorankommens:
„Der Unterricht gründet sich, wie in den früheren Elementarklassen der Anstalt, auf Beobachtung, praktische Tätigkeit und Selbstschaffen der Kinder. Das Pensum der VIII. Klasse liegt der Arbeit dieser Klasse zugrunde, wird aber auf eine freiere Weise gewonnen. Das Eigentümliche dieser Klasse ist, daß die Kinder meist unternormal sind, die sog. ‚Übernormalen‘ gänzlich fehlen, da es sich ja ausschließlich um solche Kinder handelt, die mit vieler Mühe die Schulreife erlangt haben“ (ebd.).

1.5. Kinderspeisung, Mittagsruhe und Bäder
Das PFH bot Müttern, die „aus Zeitmangel an einer zweckdienlichen Versorgung und Pflege ihrer Kinder gehindert sind... die Verabfolgung einer warmen Mittagsmahlzeit gegen geringes Entgelt, Gelegenheit zu ausgiebiger Mittagsruhe auf geeigneten Liegegestellen und regelmäßige Körperpflege durch Bäder [an; M. B.]. Im Jahre 1910 sind 15 000 Portionen Essen verteilt und außerdem gegen 450 Bäder verabreicht worden“ (ebd.).

1.6. Hort (Nachmittagsheim)
Diese Einrichtung ging aus der 1878 gegründeten Arbeitsschule hervor, in der die Kinder einmal in der Woche, am Donnerstag von 16 bis 18 Uhr, in Handfertigkeit unterrichtet wurden. Der Hort hatte von 14 bis 18 Uhr und für Schulkinder, die ein Mittagessen erhielten, bereits ab 11 Uhr geöffnet. Betreut wurden in etwa 100 Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren, wobei für die jüngeren Kinder bis zum 12. Lebensjahr das koedukative Prinzip vorherrschte. Die Kinder wurden dazu angeregt, ihre Hausaufgaben selbständig, wenn auch unter Aufsicht, zu erledigen. Auch im Jugendhort stand das familienhafte Zusammenleben im Vordergrund. Die Zöglinge wurden, entsprechend ihrer Hausfrauen- und Arbeiterzukunft, in hauswirtschaftlichen Arbeiten, in Gartenpflege und Handfertigkeiten angeleitet, „so wie es für ihre häuslichen Verhältnisse am geeignetsten und für die Erziehung am besten ist. Es wird viel Wert auf die verschiedenen Formen manueller Tätigkeit gelegt. Die pädagogischen Grundsätze, die für die Charakterbildung in Anwendung kommen, fallen hier zusammen mit wirtschaftlichen und ästhetischen Erwägungen. Die Kinder sollen vor allem die Möglichkeit haben, sich ihrer produktiven Kräfte froh bewußt zu werden und zu bedienen – ob jedes nun in Ton, mit Pappe, Holz, Farbe frei bildet, schaltet und waltet oder ob sie in Gemeinsamkeit... ein Theater fabrizieren, wo ganz von selbst eine Art Arbeitsteilung nach der Begabung des Einzelnen stattfindet – ihre kleinen Werke sollen es sein, an denen sie die Freude des Schöpfers haben“ (ebd., S. 5 f). Wenn die Jungen und Mädchen den Hort im Alter von ca. 14 verlassen hatten, kümmerte man sich weiter um ihre berufliche Förderung. Hier setzte die Berufsberatung ein, „das Aufsuchen von passenden Lehrstellen oder Fachschulen – besonders auch für Mädchen, die so leicht durch mangelnde Einsicht der Eltern ungelernte Arbeiterinnen werden müssen, während ihnen in ihrer Zukunft viel mehr damit gedient ist, wenn sie eine gründliche Berufsbildung erfahren haben“ (ebd., S. 6 f).

1.7. Das Kinderheim „Hundert-Eichen“
Das Kinderheim „Hundert-Eichen“ in Osterode im Südharz, gegründet 1909, war für ca. 20 schwächliche Kinder in vorschulpflichtigem Alter (oder erstem Schulalter) aus dem Kreis des PFH zugänglich. Der Aufenthalt der einzelnen „Kolonien“ umfasste sechs Wochen. Im Jahre 1913 hatten etwa 200 Kinder die Einrichtung besucht. Die erholungsbedürftigen Kinder fanden dort eine „liebevolle, sorgfältige Pflege, zweckmäßige Ernährung, reichlich Schlaf und Tummelplätze genug in Hof und Garten, Wald und Wiese“ (ebd., S. 7). In den Wintermonaten wurden keine Erholungsmaßnahmen für die PFH-Kinder durchgeführt:

„Im Winter, wenn die Berliner Kolonien in Wegfall kommen, setzt die Arbeit im Dorfe ein, durch unterstützende Hilfe bei der Erziehung der Landjugend. Die Kleinen werden in den Morgenstunden im Kindergarten aufgenommen. Die großen Knaben kommen zweimal in der Woche in die Werkstatt der Anstalt, um in Papp- und Holzarbeiten angeleitet zu werden, und die Mädchen erhalten Unterweisung in Handarbeiten. Mütterabende werden veranstaltet, um das Interesse der Eltern zu erhöhen, und die Weihnachtsfeier versammelt einen großen Teil der Dorfbewohner in dem festlich geschmückten Kinderheim. Unter der Gärtnerin der Anstalt arbeitet auch ein Junge des Dorfes als Lehrling, der den Beruf des Gärtners ergreifen will“ (ebd., S. 8).

1.8 Kinderlesestube
Die Anfang 1912 gegründete Lesestube diente der seinerzeit verstärkt entstehenden „Volksbildungsbestrebung“ (vgl. Droescher 1923, S. 51). Durchschnittlich besuchten täglich 50 bis 60 Kinder im Alter von ca. 3 bis 14 Jahren die Einrichtung. Vorrangig sollten Kinder der Unterschicht gute Bücher kennen lernen. Dazu kam die Erkenntnis, dass allgemein das „Großstadtkind einmal eine ‚ruhige Beschäftigung‘ nötig hat“ (Voß 1937, S. 150). Das geistige Wohl der Jungen und Mädchen wurde „im besonderen durch Vorlesen und Erzählen, Musikübungen (mit Kinderinstrumenten, durch Gesang), Bilderbetrachten usw. gefördert“ (Droescher 1913, S. 6). Bald kam eine Ausleihbibliothek hinzu, „deren Bücher auch mit Rücksicht auf die Familien der Kinder ausgewählt worden sind“ (ebd.). Die Kinderlesestube publizierte in gewissen Abständen kleinere Empfehlungslisten (Kataloge), die kurze Beschreibungen von „guten Büchern“ für Eltern sowie für ihre Kinder enthielten.


2. Einrichtungen für Erwachsene

2.1 Mütter- und Elternabende
Alle Eltern, deren Kinder Einrichtungen des PFH I besuchten, erhielten - wenn sie dies wünschten - Rat und Hilfe in Erziehungsfragen. Durch Hausbesuche, Mütter- und Elternabende sollte „ein Band gewoben [werden; M. B.] zwischen Haus und Erziehungsanstalt“ (ebd., S. 8). An den Mütter- und Elternabenden wurden ganz verschiedene Themen erörtert wie:

„Pflanzenpflege mit Kindern, Jugendfreuden, Kinderleiden, die Lüge, Spielzeug, die Empfehlung von Büchern, hygienische Ratschläge usw.“ (ebd.).

Aber auch dem geselligen Beisammensein dienten die abendlichen Veranstaltungen. In erster Linie sollten „sie doch den Zweck erfüllen, besonders den Müttern die Bedeutung der frühen Kinderpflege und ersten Erziehung klarzulegen. Soviel wie möglich wird überhaupt dahin gearbeitet, das Verantwortlichkeitsgefühl der Eltern ihren Kindern gegenüber zu stärken und zu steigern“ (ebd.).

2.2. Kinderpflegerinnenschule
Unmittelbar nach Gründung des VfVE wurden in Zusammenhang mit der Kindergärtnerinnenausbildung Lehrkurse für Kinderpflegerinnen durchgeführt, die sich 1898 verselbständigten. Aufgenommen für die einjährige, später 18 Monate dauernde Ausbildung wurden junge Mädchen mit guten Volksschulzeugnissen:

„Der Unterricht beschränkte sich auf praktisches Erlernen des Haushaltes und der Kinderpflege. Durch Mitarbeit im Kindergarten wurden den jungen Mädchen die notwendigsten Erziehungsideen übermittelt“ (Voß 1937, S. 147).

Die Kinderpflegerinnen des PFH sollten in Familien „an die Stelle der ungelernten Kindermädchen treten“ (Droescher 1913, S. 8). Die Nachfrage nach ausgebildeten Kinderpflegerinnen für Familienanstellungen war bei weitem grösser als das Angebot.

2.3. Seminar für Kindergärtnerinnen
Junge Mädchen im Alter von 16 bis 18 Jahren, die eine höhere Schulbildung erworben hatten, wurden für den Erzieherinnenberuf in der Familie, wie in Kindergärten und Horten ausgebildet. Sie erhielten „eine theoretische und praktische Ausbildung, wie sie für die Lösung ihrer Aufgabe, der einer mütterlichen Erzieherin, nötig ist. Diese Ausbildung ist zugleich eine vorzügliche Grundlage für die eigene Häuslichkeit, eine Art ‚Mutterschule‘“ (ebd., S. 9). Während das Seminar am Anfang „acht erwachsene Schülerinnen und zwölf bis vierzehn Hospitantinnen, worunter auch mehrere jüngere Mütter sich befanden“ (Lyschinska 1927, S. 11) zählte, absolvierten 1894 an die 100 junge Mädchen und Frauen den einjährigen Ausbildungskurs. Dieser wurde im Laufe der Zeit auf 11/2, dann auf zwei Jahre ausgedehnt und umfasste folgende Unterrichtsfächer:

Allgemeine Erziehungslehre – Einführung in die Geschichte der Pädagogik – Einführung in die Psychologie – Fröbelsche Erziehungslehre – Einübung in die Fröbelschen Beschäftigungen und Bewegungsspiele – Mathematische Formenlehre zum Verständnis der Fröbelschen Beschäftigungen – Erzählen, Lieder, Gedichte – Rhythmische Musikübungen – Vorbereitung der Bildungsstoffe zur Anwendung im Kindergarten und in der Familie; praktische Übungen im Kindergarten – Anleitung zur Pflanzenpflege – Naturkunde – Zeichnen und Malen – Gesundheitslehre – Turnen – Methodik des ersten Elementarunterrichts – Deutsche Literatur – Fakultativ: Weibliche Handarbeiten. Die Schülerinnen arbeiten praktisch in einem Kindergarten und im Säuglingsheim.

Henriette Schader-Breymann selbst erteilte während „der ersten 7 bis 8 Jahre... sämtlichen Unterricht unentgeltlich... außer Naturkunde, Einübung der Beschäftigungen und Bewegungsspiele und der rhythmischen Musikübungen“ (ebd., S. 13).

Das Seminar erfreute sich eines guten Rufes weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Viele „Ausländerinnen aus den verschiedensten Ländern der Welt“ (Droescher 1913, S. 9), aus Amerika, Palästina, Russland, Finnland, England, Frankreich etc., waren Schülerinnen des PFH I und übertrugen dessen „Ideen und Methoden auf ihr Land“ (ebd.).
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Abschlusszeugnis (Quelle: Ida-Seele-Archiv)


Bedeutende Kindergärtnerinnen absolvierten ihre Ausbildung im Seminar des PFH: Marie Bloch, Lili Droescher, Anna von Gierke, Elisabeth von Grunelius, Käthe Heintze, Alexe Hegemann, Nelly Wolffheim, um nur einige zu nennen.

2.4 Jugendleiterinnenseminar
Dieses bildete ab 1907 berufserfahrene Kindergärtnerinnen für eine „selbständige, verantwortliche Tätigkeit als Leiterin von Volkskindergärten, Kinderheimen, Jugendheimen“ (ebd.) aus. Anfänglich war diese einjährige Ausbildung keine eigenständige Berufsausbildung, sondern vielmehr eine Zusatzausbildung für bereits berufserfahrene Kindergärtnerinnen.

Unterrichtsfächer in der Jugendleiterinnenausbildung; Quelle: Kindergarten 1907, S. 237

2.5. Lehrkurs für Handfertigkeitslehrerinnen
1912 wurde im PFH I nach schwedischem Vorbild ein Lehrkurs zur Ausbildung von Handfertigkeitslehrerinnen, die für die „Förderung zurückgebliebener und schwer erziehbarer Kinder, auch der Kleinkinder im Sonderkindergarten“ (Droescher 1923, S. 52) ausgebildet wurden, errichtet. Dabei stand insbesondere die „Vereinfachung und Vervollkommnung der auf den schöpferischen Kräften der menschlichen Natur berührenden Handfertigkeiten im Sinne Fröbels und die Auseinandersetzung mit dem Erziehungsverfahren von Dr. Maria Montessori“ (ebd.) im Zentrum der Ausbildung.

2.7. Landheim „Hundert-Eichen“
In Verbindung mit dem Kinderheim in Osterode wurde im gleichen Jahr und auf demselben Areal eine „Erziehungsanstalt für Töchter aus gebildeten Familien“ ins Leben gerufen, das die jungen Mädchen, nach beendeter höherer Schulbildung neben einem gesunden Landaufenthalt, auf praktische Lebensgebiete hinführen sollte, „ohne ihnen eine eigentliche Berufsbildung zu geben“ (Droescher 1913, S. 9). Während des einjährigen Aufenthaltes wurden die jungen Frauen in folgenden Fächern unterrichtet: Hauswirtschaft, Gartenarbeit, Handarbeiten, Erziehungslehre und Kinderpflege (verbunden mit einem vierwöchigen Praktikum in einem sog. Landkindergarten).
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Landheim (links) und Kinderheim (rechts) „Hundert-Eichen (Quelle: Ida-Seele-Archiv)



III.

Anfang der 1930er Jahre befand sich der VfVE auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung. Er verfügte über zahlreiche Stätten der Kleinkinder- und Jugenderziehung sowie Kurse und Seminare für Sozial-, Haushaltungs- und Gesundheitsberufen, wie aus nachstehender Übersicht ersichtlich wird:

Pestalozzi-Fröbelhaus I

1. Ausbildungsstätten:
  1. Seminar für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen
  2. Seminar für Jugendleiterinnen
  3. Seminar für Werklehrerinnen
  4. Kinderpflegerinnenschule
  5. Sonderkurse
  6. Praktikantinnenlehrjahr

2. Viktoria Heim (Internat für auswärtige Schülerinnen).

3. Wohlfahrtseinrichtungen:
  • Krippe, Kleinkinderstuben, Tagesheime für Klein- und Schulkinder, Volkskindergärten, Horte, Vorbereitungsklassen für schulunreife Kinder mit Gruppen für Schwererziehbare, Tag- und Nachtheime, Lehrlingsheime, Kinderlesestube, Landwaisenheim, Ferienlandheim.

4. Mütterschule (Kurse für werdende Mütter und Mütter).

5. Landtöchterschule für ländlichen Haushalt und Siedlung.

6. Stellenvermittlung.


PestalozziPestalozzi||||| Johann Heinrich Pestalozzi`s (1746 - 1827) pädagogisches Ziel war es eine ganzheitliche Volksbildung zu erreichen, und die Menschen in ihrem selbstständigen und kooperativen Wirken in einem demokratischen Gemeinwesen zu stärken. Er legte Wert auf eine harmonische und ganzheitliche Förderung von Kindern in Bezug auf intellektulle, sittlich-religiöse und handwerkliche Fähigkeiten. Grundidee ist dabei, ähnlich wie in der Montessori-Pädagogik, dass die Menschen die Fähigkeit entwickeln, sich selbst zu helfen.   -Fröbelhaus II

1. Berufsvorkurse:
  • Haushaltungsschule A (staatlich anerkannt)
  • Haushaltungsschule B (staatlich anerkannt)
  • Lehrgang für Abiturienten
  • Hauswirtschaftlicher Halbjahreslehrgang
  • Hauswirtschaftliche Kurzkurse
  • Höhere Fachschule für Frauenberufe

2. Berufsausbildungskurse:
  • Lehrgang für städtische Haushaltspflegerinnen
  • Lehrgang für Wirtschafterinnen
  • Lehrgang für Meisterinnen der Hauswirtschaft
  • Zusatzlehrgang für Gewerbelehrerinnen an hauswirtschaftlichen Fachschulen.

3. Einzellehrgänge:
  • In Wäscheanfertigung, Maschinennähen, Schneidern, Plätten, Tisch decken und Servieren, Säuglings- und Krankenpflege.

4. Heim für auswärtige Schülerinnen.

5. Mittagstisch für Tagesschülerinnen und fremde Tischgäste.
 
 
Pestalozzi-Fröbelhaus III (Alice Salomon-Schule)

1. Staatlich anerkannte Wohlfahrtsschule:
  • Ausbildung zu Familien-, Gesundheits-, Jugendwohlfahrtspflegerinnen, Sozialarbeiterinnen für Arbeits- und Berufsamt etc.

2. Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit:
  • Ausbildung von Sozialarbeiterinnen, Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen (und ähnliche Berufsgruppen) für höhere Verwaltungsposten, Weiterbildungskurse für Hauswirtschafterinnen, Forschungsabteilung zu ökonomischen, soziologischen und sozialpsychologischen Fragestellungen usw.

3. Internat im Heimathaus, Magdeburgerstraße 7.
 
 
Pestalozzi-Fröbelhaus IV

1. Berliner Seminar für Sozialarbeiter
  • Ausbildung von Männern für die Bereiche Jugendwohlfahrt, Berufs- und Wirtschaftsfürsorge.

IV.

Der Machtantritt der Nazis bedingte eine rapide Wende. Die neuen Botschaften und deren Terminologie mussten kritiklos übernommen werden. Hildegard von Gierke, Mitleiterin des PFH I, versicherte, dass die Ereignisse des Jahres 1933 keine großen Veränderungen in der Gestaltung der Arbeit mit sich brachten, wurden „doch die Ziele der Nationalsozialisten in bezug auf die Fürsorge für Kinder und die Ausbildung der jungen Mädchen für pädagogisches und soziales Wirken im PFH von jeher angestrebt“ (zit. n. Arbeitsgruppe „Geschichte des Pestalozzi-Fröbel-Hauses“ 1991, S. 23). Schon im April 1933 begann man mit der Gleichschaltung, zumal das PFH und die dazugehörenden Einrichtungen mit ihrem überregionalen exorbitanten Renommee und ihrem Know-how von Interesse für die neuen Machthaber waren. Das Personal musste seine „arische“ Herkunft nachweisen, Lehr-, Bildungs-, und Erziehungsinhalte der NS-Ideologie entsprechen. Wer eine Ausbildung absolvieren wollte, musste neben dem Nachweis der „arischen Abstammung“ die Mitgliedschaft in einer NS-Organisation, beispielsweise im „Bund deutscher Mädchen“, vorlegen. Jüdisch „versippte“ und den NS-Machthabern unangenehme Lehrkräfte erhielten Haus- oder Berufsverbot, z. B. Hildegard Böhme, Lili Droescher, Hildegard von Gierke, Elisabeth Heinsheimer, Ida Hirschmann-Wertheimer, Lina Wolff oder Margarete Sommer, um nur einige zu nennen. Letztgenannte hatte sich, um einen Entlassungsgrund hervorzuheben, geweigert, das Gesetz „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Unterricht zu behandeln und damit für die Zwangssterilisation behinderter Menschen zu werben.

Erika Hoffmann, die Fröbelexpertin des 20. Jahrhunderts und von 1928 bis 1947 Dozentin am PFH I, klagte im Mai 1933 in einem Brief an Herman Nohl über die angespannte Situation:

„Übrigens haben Schülerinnen selbst uns auf Umwegen gewarnt, ‚zu frei‘ zu reden, weil die Pg [Parteigenossen, M. B.] unter der Schülerschaft verpflichtet worden seien, über die Lehrer zu berichten. Es ist ja auch möglich, dass die Mädchen selbst übertreiben u. sich wichtig machen wollen, aber es erhöht nicht gerade den Reiz des Unterrichtens, sich vorzustellen, dass jedes Wort mitstenographiert wird“ (zit. n. Klika 2000, S. 263).

Auch Alice Salomon wurde all ihrer Ämter enthoben. Bereits am 5. Mai 1933 hatte sie ihre „Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“ selbst aufgelöst und „es gab nichts mehr zu beschlagnahmen“ (Salomon 1983, S. 250). Die Soziale Frauenschule, die noch 1932 den Namenszusatz Alice Salomon erhielt, wurde in eine staatlich anerkannte „Schule für Volkspflege“ umgewandelt. Die Generalversammlung des VfVE verfügte am 11. Mai 1938 die Auflösung des „Berliner Seminars für Sozialarbeiter“ (PFH IV) und seine Überführung an das Hauptamt der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV). 1944 wurde der VfVE aufgelöst und das PFH in eine öffentliche Stiftung umgewandelt.

Im November 1943 wurden in der sogenannten Luftschlacht um Berlin das PFH I, zwei Nebengebäude und der Ostflügel des PFH II zerstört. Die zunehmenden Luftangriffe der Alliierten erschwerten die Weiterarbeit in den PFH-Einrichtungen ungemein.
 
 

V.

Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur begann sehr bald der äußere und inhaltliche Wiederaufbau des PFH, der viele Jahre in Anspruch nahm. Zuerst mussten die zerstörten Gebäude, wenn auch nur notdürftig, instandgesetzt werden. Auch die inhaltliche Ausrichtung gestaltete sich nicht einfach, zumal „alte“ Lehrkräfte weiterhin unterrichten, bspw. Hedwig Koch, die das PFH I von 1934 bis 1957 leitete. Gertrud Müller, eine überzeugte Kommunistin, die von 1945 bis 1947 dem PFH als kommisarische Oberleiterin vorstand, klagte in einem Schreiben an das Stiftungskuratorium:

„Man kann sich durchaus auf die Richtlinien und Lehrpläne von vor 1933 stützen. Man hat aber nicht einmal die darin angegebenen Möglichkeiten... aufgegriffen bzw. erschöpft. Gerade in der Übergangszeit hätte man Neues beginnen können, jede Behörde hätte das gewünscht... Ich habe im Gegenteil stets eine Ablehnung gegen alle Anregungen, die von außen für die notwendig gewordenen Ausbildungsreformen und Gegenwartsaufgaben kamen, erfahren müssen. Man müßte hier den Zeitgeschehnissen in einer ganz anderen Weise Rechnung tragen“ (zit. n. Arbeitsgruppe „Geschichte des Pestalozzi-Fröbel-Hauses“ 1991, S. 24).

Nach Gertrud Müller übernahm Lina Mayer-Kulenkampff für knapp drei Jahre die Oberleitung der zu dieser Zeit noch zusammengehörenden drei Häuser. Letztgenannter ist es mit zu verdanken, dass ab 1947 auch Männer zur Ausbildung im „Kindergärtnerinnenseminar“ zugelassen wurden. Eine ehemalige Absolventin des PFH I erinnerte sich mit folgenden Worten an Lina Mayer-Kulenkampff:

„Sie war nach meiner Erinnerung wirklich ein leitender Mensch im positiven Sinne, so daß auch in den drei verschiedenen Lehrkollegien der Trend zur Toleranz und zur Vorstellung einer möglichst freien Entfaltung überwiegen mußte. Gewisse Reglementierungen schienen uns Schülerinnen damals hilfreich und selbstverständlich. Unsere Vorstellung von Freiheit war gepaart mit einem Bemühen um Leistung und in einem gewissen Grad mit freiwilligem Sichfügen. Zwar bekamen wir auch als Schülerinnen manchmal auftretende Mißtöne innerhalb des Kollegiums mit, sie tangierten uns aber wenig und wurden höchstens mit einer gewissen Neugier wahrgenommen“ (Classens 1999, S. 86).
 
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Anzeige in „Blätter des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes“ (Quelle: Ida-Seele-Archiv)


Ende der 1960er Jahre erfolgte nach intensiven Diskussionen über die Gründung einer „Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik“ und deren Verhältnis zum PFH die Ausgliederung der sich seit April 1968 benannten „Alice Salomon-Akademie“ (PFH III) sowie der „Fachschule für Jugendleiterinnen“. Beide Bildungsinstitutionen gingen im April 1971 in die neue Form „Fachhochschule“ über. Ein Jahr später wurde die Auflösung der „Hauswirtschaftlichen Berufsschule“ (PFH II) beschlossen. Fortan umfasste das PFH nur noch die ErzieherInnenausbildung und Einrichtungen der sozial-/heilpädagogischen Praxis.


VI.

Heute verfügt das PFH über verschiedene Referatsleitungen für die Kinder- und Jugendhilfe sowie für die Ausbildung und Verwaltung. Es ist vor allem in den Stadtbezirken Tempelhof-Schöneberg, Charlottenburg-Wilmersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg aktiv. DienstherrIn ist jeweils der / die Berliner SenatorIn für Bildung, Jugend und Familie. Kontrolliert wird die Tätigkeit der Einrichtungen von einem Kuratorium aus gewählten Mitgliedern des Abgeordnetenhauses Berlin.

Das PFH ist als freier und gemeinnütziger Träger seit 1952 dem „Paritätischen Wohlfahrtsverband“ angeschlossen. Da es ferner eine Anstalt des öffentlichen Rechts ist, kann es auch Beamte beschäftigen.

Aktuell gehören zu den Einrichtungen des PFH:
  • eine Fachschule für Sozialpädagogik
  • eine Fachoberschule für Gesundheit und Soziales
  • Kindertagesstätten
  • Ganztagsbereiche an Schulen
  • Familienzentren/ Nachbarschaftszentren/ ein Mehrgenerationenhaus
  • offene Kinder- und Jugendarbeit (u. a. der Kinder- und Jugendzirkus Juxirkus in Berlin-Schöneberg)
  • Mädchentreff
  • Familienberatung
  • Jugendsozialarbeit an Schulen
  • werkpädagogische Angebote in Kooperation mit Grund- und Sekundarschulen
  • Therapeutische Jugendwohngruppen/Tagesgruppen
Im Jahr 2001 wurde das pädagogische Leitkonzept „Early Excellence“, in Kooperation mit dem britischen „Pen Green Centre“ in Corby, in den PFH-Einrichtungen, Kindertagesstätten, Ganztagsbereichen, der Fachschule für Sozialpädagogik etc., eingeführt. Das vielbeachtete Pilotmodell startete zunächst im Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße. Die Kernideen dieses Ansatzes sind nicht neu, denn seit der Gründung des PFH stehen die ganzheitliche Bildung junger Menschen für den ErzieherInnenberuf, die Pflege, Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen unter Berücksichtigung ihrer Individualität und familiären Situation im Zentrum des Alltagsgeschehens.

Literatur

  • Arbeitsgruppe „Geschichte des Pestalozzi-Fröbel-Hauses“, Berlin 1991
  • Bäumer, G.: Lebensweg durch die Zeitenwende, Tübingen 1933
  • Berger, M.: Vergessene Frauen der Sozialpädagogik, Bielefeld 1992
  • Ders.: Henriette Schrader-Breymann. Leben und Wirken einer Pionierin der Mädchenbildung und des Kindergartens, Frankfurt/Main 1999
  • Ders.: Alice Salomon. Pionierin der sozialen Arbeit und der Frauenbewegung, Frankfurt/Main 2018
  • Claessens, K.: Meine Zeit in der „Erhebungsanstalt“. Ausbildung in der Nachkriegszeit, in: Pestalozzi-Fröbel-Haus Berlin (Hrsg.): Festschrift 125 Jahre Pestalozzi-Fröbel-Haus, Berlin 1999, S. 84-87
  • Droescher, L.: Berliner Verein für Volkserziehung. Pestalozzi-Fröbel-Haus, Berlin, Berlin 1913 (Manuskript)
  • Dies.: Fünfzig Jahre. Geschichte des Pestalozzi-Fröbel-Hauses I Berlin, in: Kindergarten 1923, S. 48-53
  • Heiland, H.: Henriette Schrader-Breymann. Das pädagogische Konzept des Volkskindergartens, in: Pestalozzi-Fröbel-Haus Berlin (Hrsg.): Festschrift 125 Jahre Pestalozzi-Fröbel-Haus, Berlin 1999, S. 13-63
  • Kindergarten: Jhg. 1907
  • Klika, D.: Herman Nohl. Sein „Pädagogischer Bezug“ in Theorie, Biographie und Handlungspraxis, Köln/Weimar/Wien 2000
  • Lyschinska, M. J.: Henriette Schrader-Breymann. Ihr Leben. Zweiter Band, Berlin/Leipzig 1927
  • Nitsch, M.: Private Wohltätigkeitsvereine im Kaiserreich, Berlin/New York 1999
  • Peyser, D.: Alice Salomon. Ein Lebensbild, in: Muthesius, H. (Hrsg.): Alice Salomon. Die Begründerin des sozialen Frauenberufs in Deutschland. Ihr Leben und Werk, Köln 1958, S. 11-149
  • Reinicke, P.: Die Ausbildungsstätten der sozialen Arbeit in Deutschland 1899–1945, Freiburg/Brsg. 2012
  • Salomon, A.: Charakter ist Schicksal. Lebenserinnerungen, Weinheim/Basel 1983
  • Triepel, G.: Das Pestalozzi-Fröbelhaus zu Berlin, Berlin 1901 (Manuskript)
  • Voß, J.: Geschichte der Berliner Fröbelbewegung, Weimar 1937
Weblinks
https://www.ash-berlin.eu/100-Jahre-ASH/rueckblick/doc/6_3_sander.pdf
https://www.ash-berlin.eu/hochschule/profil/historie/
http://www.pfh-berlin.de/pestalozzi-froebel-haus/geschichte
http://www.pfh-berlin.de/ausbildung/fachschule-und-fachoberschule
http://www.pfh-berlin.de/pestalozzi-froebel-haus/early-exellence
https://www.kindergartenpaedagogik.de/159.html

Archiv
Ida-Seele-Archiv zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens, 89407 Dillingen


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