Geschlecht und Sexualität in der Kita

Fachkräfte sollen neben vielen anderen Bildungsbereichen auch eine geschlechterbewusste Bildung vermitteln. Denn Jungen und Mädchen, wie auch die Fachkräfte, sind und begreifen sich als geschlechtliche Wesen und haben sexuelle Bedürfnisse. Welchen Herausforderungen die Fachkräfte dabei begegnen, erläutert Tim Rohrmann im Interview mit Hilde von Balluseck.


  • Hilde von Balluseck: Gibt es einen bestimmten Zeitpunkt, zu dem Kinder erkennen, dass sie geschlechtliche Wesen sind, also Jungen oder Mädchen?

Tim Rohrmann: Kinder entdecken die Geschlechterunterschiede Schritt für Schritt in den ersten sechs Lebensjahren. Dass sie ein Junge oder ein Mädchen sind, wissen viele Kinder schon sehr früh. Erst im Alter von drei bis vier Jahren beginnen sie aber zu verstehen, dass sich ihr Geschlecht nicht mehr verändern lässt.


  • Hilde von Balluseck: Welche Bedeutung hat die Erkenntnis, einem bestimmten Geschlecht anzugehören, für die Kinder?

Tim Rohrmann: Zunächst bedeutet es, dass ihnen nicht alle Möglichkeiten im Leben offen stehen. Jungen können später kein Baby im Bauch haben oder stillen, Mädchen können schlechter im Stehen pinkeln und werden im Durchschnitt nicht ganz so groß wie Männer – Ausnahmen bestätigen die Regel. Was es darüber hinaus bedeutet, hängt davon ab, welche Vorgaben ihre Umwelt für das Verhalten von Mädchen und Jungen, Frauen und Männer macht. Vielen Kindern ist es in der Folgezeit wichtig, sich als Junge oder Mädchen „richtig“ zu verhalten, und dazu suchen sie oft gleichgeschlechtliche SpielpartnerInnen und Vorbilder. Andererseits probieren sie noch alles Mögliche aus. Manche Kinder wollen sich ganz und gar nicht typisch verhalten, und wieder anderen ist das Thema völlig egal.

  • Hilde von Balluseck: Was können Fachkräfte tun, damit Kinder ihre eigene Geschlechtlichkeit positiv erleben?

Tim Rohrmann: Sie können sie darin bestärken, dass sie als Junge bzw. als Mädchen in Ordnung sind, unabhängig davon wie sie aussehen oder sich anziehen, welche Vorlieben oder welche Spielinteressen sie haben.

  • Hilde von Balluseck: Was müssen Fachkräfte wissen, um auch Kinder zu stärken, die nicht eindeutig Mädchen oder Junge sind?
Tim Rohrmann: Zunächst sollten sie überhaupt wissen, dass es verschiedene Formen von Intersexualität gibt. Ob ein Kind möglicherweise intersexuell ist, ist in der frühen Kindheit jedoch oft (noch) nicht klar zu erkennen. Jedem Kind sollte daher vermittelt werden, dass es in Ordnung ist wie es ist, unabhängig davon was es gern mag oder womit es gern spielt. Gleichzeitig sollten Äußerungen wie „Ich will kein Mädchen (bzw. Junge) sein!“ nicht überbewertet werden. Sie deuten möglicherweise nicht auf Intersexualität hin, sondern schlicht darauf, dass ein Kind sich gegen die geschlechtstypische Zuschreibungen wehrt, die seine Umwelt mit dem Mädchen- oder Junge-Sein verbindet.

Kindliche Sexualität und Sexualpädagogik


  • Hilde von Balluseck: Neben der Geschlechtlichkeit werden Fachkräfte auch mit der kindlichen Sexualität konfrontiert. Welches sind nach dem heutigen Forschungsstand hier die wichtigsten „Baustellen“ und wie können Fachkräfte am besten diese Thematik für sich selbst und mit den Kindern bearbeiten?

Tim Rohrmann: Ich würde kindliche Sexualität nicht als „Baustelle“, sondern eher als Entdeckungsreise bezeichnen. Kinder brauchen dabei zuweilen erwachsene Reisebegleiter, die ihre Fragen beantworten, zuweilen aber auch geschützte Rückzugsorte, an denen sie unter sich sein und sich ausprobieren können. Heute steht schnell die Angst vor sexuellen Übergriffen im Raum, wenn es um (kindliche) Sexualität geht. Umso wichtiger ist es, dass Kinder zunächst einen positiven Zugang zu Sexualität finden können – nicht im Sinne von erwachsener Sexualität oder Pornographie, sondern im Sinne eines offenen und liebevollen Umgangs mit Körperlichkeit und zärtlichen und lustvollen Gefühlen. Für Fachkräfte bedeutet das eine Balance zwischen einer Akzeptanz kindlicher Äußerungsformen und einem respektvollen Setzen von Grenzen.

  • Hilde von Balluseck: Welche Bedingungen brauchen Fachkräfte, um sexualpädagogisch sinnvoll mit den Kindern zu arbeiten?

Tim Rohrmann: Sie benötigen zunächst Zeit für Reflexion eigener Haltungen und ggf. Weiterbildung zum Thema. Wichtig ist weiter die Bereitschaft, sich offen auf Kinderfragen einzulassen, ein Raumkonzept, das geschützte Rückzugsräume beinhaltet, und der Mut, mit Eltern ins Gespräch über „heikle Themen“ zu kommen. Hilfreich ist auch ein Schutzkonzept incl. Beschwerdemanagement, das Kindern, Eltern und Fachkräften Sicherheit beim Umgang mit schwierigen Situationen gibt.

Zusammenarbeit mit den Eltern


  • Hilde von Balluseck: Die Arbeit mit Eltern, die andere Vorstellungen zu Männlichkeit und Weiblichkeit als die bei uns vorherrschenden leben, erzeugt bei den Fachkräften viel Unsicherheit. Wie können sie damit umgehen, wenn Eltern zu verstehen geben, dass Mädchen weniger wert sind und/oder weniger Entwicklungsspielraum haben als Jungen?

Tim Rohrmann: Indem wir respektvoll mit Eltern auch über schwierige Themen ins Gespräch kommen. Ausgangspunkt sollten dabei die Ziele sein, die wir mit den Eltern teilen: dass Kinder sich wohl fühlen, und dass sie gut auf die Herausforderungen vorbereitet werden, die im Leben auf sie zukommen werden. Zuweilen sind auch klare Ansagen erforderlich, insbesondere wenn es um Grenzüberschreitungen geht. Oft aber geht es eher um einen allmählichen Lernprozess, bei dem Kitas auch Vorbildwirkung entfalten können – z.B. indem männliche und weibliche Fachkräfte in Kitas respektvoll miteinander umgehen, stereotype Rollenzuweisungen vermeiden und sich gegenseitig unterstützen.

Auch Fachkräfte haben ein Geschlecht


  • Hilde von Balluseck: Welche Bedeutung hat das Geschlecht der Fachkräfte für die Entwicklung der Kinder?

Tim Rohrmann: Dies lässt sich nicht pauschal beantworten, da sowohl Mädchen und Jungen als auch Frauen und Männer individuell ganz unterschiedlich sein können. Entscheidend scheint aber die Wechselwirkung zwischen dem Geschlecht der Kinder und dem der Erwachsenen zu sein. Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass Frauen und Männer unterschiedlich ansprechbar für geschlechtsbezogene Anfragen von Mädchen und Jungen sind. Hier ist aber noch deutlich mehr Forschung nötig.

  • Hilde von Balluseck: Halten Sie es für unbedingt erforderlich, dass mehr Männer in den Erzieherberuf gehen? Warum?


Tim Rohrmann: Ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis unter den Fachkräften, verbunden mit einer gemeinsamen Reflexion von Geschlechterthemen, ist eine Chance für die Weiterentwicklung frühkindlicher Bildung und Betreuung. Dafür gibt es viele unterschiedliche Gründe, zum Beispiel diesen: Nur dann, wenn Kinder in Kitas ganz selbstverständlich Frauen und Männer erleben, können sie im Kitaalltag sehen, dass beide Geschlechter alles Mögliche können und für viele Dinge das Geschlecht keine Rolle spielt!

  • Hilde von Balluseck: Vielen Dank für das Interview.


Prof. Dr. Tim Rohrmann, Diplom-Psychologe und Erziehungswissenschaftler, lehrt Bildung und Entwicklung im Kindesalter an der Evangelischen Hochschule Dresden. Seit 1995 arbeitet er in Forschung, Lehre und Weiterbildung insbesondere zur Genderthematik im Elementar- und Primarbereich sowie zu den Schwerpunkten Bildung, Begabung, InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen., Konfliktlernen und Prävention. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Mehr vom Autor lesen Sie im Kapitel „Sex, gender und was das eine mit dem anderen zu tun hat. Oder: Warum Kindheitspädagogik geschlechterbewusste Perspektiven braucht.“ In: Hilde von Balluseck (Hrsg., 2017): ProfessionalisierungProfessionalisierung|||||Eine Professionalisierung findet im weiteren Sinne statt wenn die Entwicklung einer privat oder ehrenamtlich ausgeübten Tätigkeit zu einem  Beruf wird. Im Rahmen der Professionalisierung werden häufig Qualitätsverbesserungen und Standardisierungen erreicht. Professionalisierung bedeutet auch die Entwicklung eines Berufs zu einer Profession, darunter wird meist ein akademischer Beruf mit hohem Prestige und Anerkennung verstanden.   der Frühpädagogik. Perspektiven, Entwicklungen, Herausforderungen. 2. Aktualisierte und überarbeitete Auflage. Opladen, Berlin, Toronto, Verlag Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-0765-2


Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung von www.fruehe-bildung-online.de




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