Julie Salis-Schwabe (1819-1896)

 

Salis-SchwabeJulie Salis-Schwabe (Quelle: Marie Simon / Breslau; Ida Seele-Archiv)Christa Dommel schreibt, dass "der Kindergarten als Institution seine Entstehung und weltweite Verbreitung seit dem 19. Jahrhundert nicht zuletzt der aktiven Unterstützung und Weiterentwicklung durch jüdische Pädagog/innen (z.B. Johanna Goldschmidt, Julia Salis-Schwabe) [verdankt; M. B.]". Die Anfänge der Kindergartenbewegung um Friedrich Fröbel waren nicht von den christlichen Kirchen geprägt, sondern durch eine religionsübergreifende soziale Bewegung im Kontext der demokratischen Bestrebungen um 1848, an der vor allem christliche Außenseiter (Freikirchen) und liberale Juden beteiligt waren, die ein gemeinsames Ethos verband (Dommel 2005, S. 441). Julie Salis-Schwabe gehört zu jenen unsichtbaren Profis jüdischer Abstammung, die maßgeblich an der internationalen Verbreitung des Kindergartens und der Fröbelpädagogik mitgewirkt hatten.

 

 

 

Leben und Wirken

Juli(a)e Ricke Rosetta Schwabe wurde am 31. Januar 1819 (a. O. wird 1818 genannt) in Bremen (a. O. wird Hamburg genant) geboren, "der Familie eines hochangesehenen Patricierhauses entstammend" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Ihr Vater war ein wohlhabender Kaufmann, der 1821 mit seiner Familie nach Hamburg übersiedelte. Da seinerzeit assimilierte jüdische Familien großen Wert auf eine gediegene Bildung ihrer Töchter legten, besuchte Julie Schwabe bis zu ihrem 16. Lebensjahr eine der besten Schulen der Hansestadt. Nach Abschluss dieser ging sie dann für zwei Jahre nach Leipzig, wo sie im Hause einer befreundeten Familie vielseitigen Privatunterricht genoss. Nach ihrer Rückkehr ins elterliche Haus, heiratete sie 1837 ihren überaus vermögenden und reich begüterten Cousin aus Oldenburg, den Großindustriellen Adolf Salis Schwabe (1800-1853), der in der Nähe von Manchester eine große Kattunfabrik mit 800 - 900 Arbeitern besaß. Ihr Mann muss, wie Marie Simon konstatierte, "von seltenen Herzens- und Geistesgaben gewesen sein, [der; M. B.] reichlich Gelegenheit fand, sich in dem philanthropischen England bei Wohlfahrtseinrichtungen aller Art zu beteiligen" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Aus der als glücklich geltenden Ehe gingen sieben Kinder (3 Töchter und 4 Söhne) hervor.

 

Julie und Adolf Salis Schwabe waren überzeugte Unitarier, in deren gastfreien und hoch gebildeten Hause, ob im Wohnsitz bei Manchester oder später auf dem herrlichen Schloss am Seegestade auf der Insel Anglesa in North-Wales, bedeutende Persönlichkeiten der gehobenen Gesellschaftsschicht verkehrten - "besonders aber waren außer den Koryphäen der Kunst und Wissenschaft, die Vertreter humaner Bestrebungen stets hochwillkommen" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Zum Freundeskreis der Familie gehörte beispielsweise Frédéric Chopin (1810-1849), Richard Cobden (1804-1865), Johanna Kinkel (1810-1858) und ihr Mann Gottfried Kinkel (1815-1882), Jenny Lind (1820-1887) und ihr Mann Otto Goldschmidt (1829-1907), Victoria von Großbritannien und Irland, spätere Kaiserin Friedrich (1840-1901), Florence Nightingale (1820-1910), Clara Schumann (1819-1896), Richard Wagner (1813-1883), Fanny Lewald (1811-1889) , Georg von Bunsen (1824-1896) , Ferdinand Gregorovius (1821-1891), Ary Scheffer (1795-1858) und Friedrich Fröbel (1782-1852), um nur einige der vielen zu nennen. Den "Stifter" des Kindergartens lernte Julie Salis-Schwabe im Hause einer nahen Verwandten, der Fröbelpädagogin Johanna Goldschmidt (1806-1884), kennen. Letztgenannte, eine geborene Schwäbin, konnte Friedrich Fröbel 1849 in Bad Liebenstein persönlich erleben. Noch im gleichen Jahr organisierte Frau Goldschmidt in Gemeinschaft mit Doris Lütkens (1793-1858) einen Aufenthalt Fröbels in Hamburg, um dort den "Ersten deutschen Bürgerkindergarten" zu eröffnen sowie Kindergärtnerinnen auszubilden. Folgend studierte Julie Salis-Schwabe die Schriften des "Kindergartenstifters". Ferner unternahm sie mehrere Studienreisen durch Deutschland, Holland, England, Italien, Spanien und die Schweiz, und besuchte dort Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen der Wohlfahrtspflege.

 

1865 übersiedelte Julie Salis Schwabe, seit 1857 Witwe, nach London und verstärkte ihr soziales Engagement entsprechend ihrer Lebenseinstellung: "Reichtum verpflichtet". Nicht nur für die Bildung und Erziehung verwahrloster Kinder und Jugendlicher setzte sie sich ein, ebenso für Krankenhäuser, damals so benannte Irrenanstalten und allgemein für in Not geratene Menschen, egal welcher Hautfarbe und Religion sie angehörten. "Das Studium menschlichen Elends einerseits, und menschlicher Hilfe andererseits füllt sie ganz aus", so ihre Biographin. Die Philanthropin starb am 20. Mai 1896 im 76. Lebensjahr an den Folgen einer Lungenentzündung in Neapel. Dort wurde sie wenige Tage später auf den britischen Friedhof der Stadt beigesetzt. Kurz vor ihrem Tod schrieb sie noch an ihre Biografin, Marie Simon, über ihre soziales Engagement:

"Ich bin zahllose Treppen umsonst gestiegen, habe viele Stunden verwarten müssen und war oft froh, wenn man mir eine Tasse Thee anbot. Unzählige Briefe schrieb ich umsonst, bei vielen klopfte ich vergebens an und verbrachte manche Nacht schlaflos, weil ich fürchtete, mein Werk nicht zu ende führen zu können" (Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

 

Ihr Wirken in Neapel

Vor allem die miserablen sozialen Verhältnisse in Neapel, die Julie Salis Schwabe durch ihre vielen Italienreisen kennen lernte, versuchte sie zu lindern - nicht durch Almosen sondern durch die Errichtung von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, da sie der Ansicht war, "dass Bildung für die Massen das sicherste Mittel ist, um ein Land, eine Gesellschaft zu verbessern", wie sie in einem Brief an Giuseppe Garibaldi (1807-1882) schrieb (Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Als Letztgenannter sich im Jahre 1860 in einem Aufruf an die italienischen Frauen wandte und diese zur Mitarbeit für das Wohl der verwahrlosten unteren Volksschichten namentlich Süditaliens aufforderte, war Julie Salis-Schwabe "eine der ersten, an welche sich das Turiner philanthropische Frauenkomité behulfs Beitritt zu demselben wandte... 'Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!' Dieser Mahnspruch Fröbel's that besonders not in einem Lande wie Italien, wo auf dem Gebiete der Pädagogik noch recht wenig geschehen war" (Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Zur Linderung der Not sollte eine allumfassende Erziehungs- und Bildungsanstalt ins Leben gerufen werden. Die "edle Frau" schrieb an ihre "Sponsoren" in Deutschland, England, Frankreich u. a. Ländern:

„Indem auf diese Weise die menschenfreundlichen, aufgeklärten und ernsten Denker der verschiedenen Nationen sich vereinen, einen Zustand der tiefsten menschlichen Versunkenheit zu verbessern, wage ich zu hoffen, daß das Institut in Neapel auch die erste Grundlage eines Bündnisses edler Menschen werde, die ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens sich vereinigen, jenen unheilvollen Mächten entgegenzuwirken, die statt des Reiches Gottes und alles Guten und Wahren auf Erden nur ihre eigene Macht und Herrschaft durch Unwissenheit der Massen zu begründen suchen" (Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

 

In London gab die weltberühmte Opernsängerin Jenny Lind ein Benefizkonzert, dass 1000 Pfund Sterling einbrachte. Daraufhin konnte Julie Salis-Schwabe 1861 in Neapel sofort eine Mädchenschule errichten, der bald ein Kindergarten und ein Lehrerinnenseminar folgten. Einen Teil der Lehrkräfte/Kindergärtnerinnen italienischer, deutscher und englischer Nationalität schickte sie zur Ausbildung nach Hamburg zu Emilie Wüstenfeld (1817-1874) und Johanna Goldschmidt. Bereits zwei Jahre später mussten die sozialen Einrichtungen infolge einer Cholera-Epidemie geschlossen werden. Nach zehnjährigem Kampf gelang es ihr endlich mit Hilfe der italienischen Regierung, das "Istituto Froebeliano" wieder aufzubauen (vgl. Asch 1897). In den achtziger Jahren konnte sie für die Leitung des Instituts die Fröbelpädagogin Adele von Portugall (1828-1910) gewinnen (vgl. Portugal 1905, S. 107)

 

Die Anstalt umfasste einen Volkskindergarten, mit drei hellen Kindergartenklassen, eine Elementarschule mit Vermittlungsklassen, welche die Kinder vom Kindergarten in die Schule überleitete, eine Volksschule, eine Präparandie für Knaben, die die Schüler bis zur Quarta des Gymnasiums vorbereitete sowie eine höhere Mädchenschule, der sich Ausbildungsklassen für Kindergärtnerinnen anschlossen. In allen Einrichtungen wurde nach Friedrich Fröbels "Einheitsidee" gearbeitet. Alle Elementarlehrerinnen stimmten darin überein, "daß ihnen die Schüler aus dem Kindergarten lieber waren und sie leichtere Arbeit mit ihnen hatten als mit denen, die ohne jede Vorbereitung aus dem Elternhause zu ihnen kamen" (Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Nur das weibliche Geschlecht erachtete Julie Salis-Schwabe für die Erziehung und Bildung kleiner Kinder als geeignet, ganz im Sinne Friedrich Fröbels, der, wie sie konstatierte, in "den ersten Kursen junge Männer, ebenso wie Frauen, 'zur Pflege des Beschäftigungstriebes' ausbildete. Durch Enttäuschungen belehrt und im vollen Bewusstsein seiner bisherigen Blindheit wandte sich der Pädagoge im Jahre 1840 an die gesamte Frauenwelt Deutschlands, die ihn unterstützen und helfen möge, sein Werk der Erziehung und Bildung kleiner Kinder zu verwirklichen. Diesem Rufe haben die Frauen im vollen Masse entsprochen (Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv)".

 

Durch königlichen Erlass erhielt die neapolitanische allumfassende Erziehungs- und Bildungsinstitution 1887 den ehrenvollen Titel "Instituto Froebeliano Internazionale Emanuele II" verliehen. Großen Wert legte Julie Salis-Schwabe darauf, dass im Kindergarten, wie in der Familie, Jungen und Mädchen gemeinsam im Sinne der Fröbelpädagogik erzogen und gebildet werden. Er betreute Kinde im Alter von 3 bis 6 Jahren. Im Jahre 1890 zählte die öffentliche Einrichtung, die mit 9 Kindern ihren Anfang nahm, weit über 170 Kinder. Unterstützt wurde Frau Schwabe von Helene Klostermann (1858-1935), einer bedeutenden Kindergarten- und Fröbelpädagogin.

 

Ihr Wirken in London

Salis-Schwabe GedenktafelGedenktafel an der Ibstock Place School Roehampton (Foto: Herbert Vogt)Der Erfolg von Neapel spornte Julie Salis-Schwabe 1892 dazu an, mit einer Gruppe gleichgesinnter Frauen und Männern auch in Großbritannien eine "Fröbel-Society" zur Förderung des Kindergarten-Systems ins Leben zu rufen. Diese konnte 1896 in Colet Gardens, im Londoner Stadtteil Kensington, einen großen Volkskindergarten, d. h. ein "Muster-Erziehungsinstitut im Geiste Friedrich Fröbels und William Ellis" (1794-1872 sowie ein nicht-konfessionell gebundenes Lehrerseminar feierlich eröffnen. Eingeweiht wurde das "Fröbel-Educational-Institute" in Anwesenheit seiner hohen Protektorin, Kaiserin Friedrich. Die Institution sollte die Entwicklung des Kindergartens mit Berücksichtigung der Fröbelpädagogik in England unterstützen, verbreiten und fördern. Das einstige Fröbel-Lehrerseminar existiert noch heute als "Ibstock Place School" (siehe: http://www.ibstockplaceschool.co.uk/), die inzwischen in Roehampton angesiedelt ist und sich nach wie vor den Fröbelschen Grundideen verpflichtet fühlt (vgl. Lawrence 2012, S. 31 ff.).

 

 

 

 

Literatur

 

  • Asch, J.: Eine Fröbelsche Erziehungsanstalt in Neapel (Istituto Froebliano Vittorio Emanulle II), Breslau 1897
  • Berger, M.: Die Fröbelpädagogik nach Europa getragen. Julie Salis-Schwabe, eine in Vergessenheit geratene Fröbel-Pädagogin, in: Theorie und Praxis der Sozialpädagogig (TPS) 2016/H. 2, S. 52-54
  • Dommel, Ch.: Interreligiöses Lernen im Elementarbereich:
  • Kindertagesstätten und Kindergärten, in: Schreiner, P./Sieg, U./Elsenbast, V. (Hrsg.): Handbuch Interreligiöses Lernen, Gütersloh 2005, S. 434-452
  • Lawrence, E.: Friedrich Foebel and englisch Education, Abingdon 2012
  • Portugall, A. v.: Friedrich Fröbel sein Leben und Wirken, Leipzig/Berlin 1905

 

Archiv

 

  • Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen

 

Webseite

 

  • http://www.ibstockplaceschool.co.uk/

 



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