ErzieherInnen-Beruf im Wandel

Im Interview mit Kerstin Hochmuth von "Meine Kita" spricht Anke König über den sich wandelnden ErzieherInnen-Beruf, über Change-Management und die Rolle der KiTa-Leitung. Anke König ist Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Universität Vechta mit dem Schwerpunkt Frühpädagogik und leitet seit Februar 2013 die Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFFWiFF|||||WiFF ist ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der Robert Bosch Stiftung und des Deutschen Jugendinstituts e.V. Die drei Partner setzen sich dafür ein, im frühpädagogischen Weiterbildungssystem in Deutschland mehr Transparenz herzustellen, die Qualität der Angebote zu sichern und anschlussfähige Bildungswege zu fördern.).


  • Der gesamte Kita-Bereich verändert sich momentan rapide. Was steckt dahinter?
könig 150Anke König
(Foto: WiFF)
Derzeit geht es darum, den Erzieherberuf neu auszuhandeln und umzugestalten. Das Ziel dabei ist, dass die Fachkräfte zufriedener in ihrem Job sind und mehr Zeit haben für die Bildung der Kinder. Es geht aber auch darum, den Übergang von der Kita in die Schule zu verbessern.

Der Elementarbereich soll nicht nur ein Teil sein, sondern die Basis des Bildungssystems. Wir müssen darüber nachdenken, ob bei so vielen unterschiedlichen Aufgaben tatsächlich alle alles machen können. Momentan sind die Hierarchien in den Kitas flach. Das hört sich zwar gut an, sorgt aber dafür, dass keiner Fachmann oder Fachfrau auf einem Gebiet ist. Die Erwartungen, die derzeit an die Kita-Fachkräfte gestellt werden, sind aber nur zu bewältigen, wenn sich einzelne Mitarbeiter spezialisieren. Sonst sind die Belastungen für den Einzelnen zu groß.
 

  • Was wären solche Spezialgebiete?

 Kita-Fachkräfte müssen sich in sämtlichen Bereichen auskennen. Das übersteigt bei Weitem das, was man in einer Ausbildung unterbringen kann. Meine Vision wäre, dass es für die unterschiedlichen Bereiche wie Sprachförderung, Bewegungsförderung und so weiter spezialisierte Fachkräfte gibt. Ein Beispiel: Wenn man InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. in der Kita leben will, braucht man Menschen, die sich beispielsweise mit speziellen Behinderungen gut auskennen und vor Ort sind, sonst funktioniert es nicht. Dazu müsste viel verändert werden.
 

  • Wie können Erzieherinnen und Erzieher besser mit solchen Veränderungen um gehen?

Die hohe Kunst des Change Management in den Kitas – also der Begleitung von Veränderungen – ist dabei gemeinsam im Team und voneinander zu lernen. Dazu gehört, immer wieder zu hinterfragen, was man tut. Wenn wir zum Beispiel bei den Kindern Neugierde wecken wollen, müssen wir uns fragen, ob wir diese Neugierde auch selbst ausstrahlen. Wichtig ist auch, klare Ziele festzulegen. Leitung und Team müssen sich gemeinsam fragen, was sie als Einrichtung erreichen wollen und die Ziele entsprechend ausrichten.


  • Was passiert, wenn unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen?

Generell ist es gut, wenige Ziele zu haben. Treffen zum Beispiel viele Erwartungen auf einander, sollte man sie gut durcharbeiten und die Ziele so festlegen, dass sie nicht alle in unterschiedliche Richtungen gehen. Das würde die Einrichtung zerreißen.

 
  • Auch bei den in den Hochschulen ausgebildeten Kindheitspädagogen und den Erzieherinnen treffen immer häufiger unterschiedliche Erwartungen aufeinander. Wie kann man beide auf eine gemeinsame Arbeit vorbereiten?

Wichtig ist, sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gegenseitiges Verständnis aufzubringen. Nicht alle sehen die Reformen gleich. Die einen wurden in den Hochschulen ausgebildet, um die Arbeit in den Kitas zu verändern. Die anderen, die wissen, wie es auch anders funktioniert. Das zusammenzubringen, ist eine spannende Herausforderung.
 

  • Etwas zu verändern heißt, sich von Routinen im Kita-Alltag zu verabschieden. Allerdings können eingespielte Strukturen auch helfen, Veränderungen besser zu meistern. Wie viel Routine ist denn nun gut?

Es ist gut, Routinen aufzuspüren und zu hinterfragen. Sie können Zeit sparen, weil wir nicht alles neu durchdenken müssen. Manche beizubehalten kann Sicherheit geben – gerade bei Veränderungen. Dennoch muss ich aufmerksam bleiben, wo meine Routinen veraltet sind und Veränderungen blockieren. Denn Routinen gehen nicht auf den Einzelnen ein und berücksichtigen auch nicht, was aktuell ansteht. Das reicht vom Schneeflockenbasteln im Winter – selbst wenn es nicht schneit – bis hin zum Sprachförderprogramm, das seit Jahren beibehalten wird – selbst wenn die Sprachförderung heute alltagsintegriert sein soll. Ich muss herausfinden, wo Routinen entlastend sind und wo ich mich von ihnen trennen muss, um Neues entwickeln zu können.


  • Welche Schwierigkeiten können dabei auftreten?

Verfolgt man Ziele zu energisch oder können die Kita-Mitarbeiter die Gründe für die Veränderungen nicht nachvollziehen, können sich diese gegen Neues eher sperren. Schwierig wird es auch, wenn sich die Leitung und das Team nur von den Anforderungen treiben lassen und kein eigenes Ziel setzen.


  • Wie lassen sich solche Probleme verhindern?

Indem man darauf achtet, logische Veränderungen vorzunehmen. Man kann beispielsweise nicht eine Kita mit zwei Gruppen zu einem Familienzentrum machen. Eine Leitung sollte die Ziele an den Fähigkeiten ihres Teams ausrichten und mit den Kompetenzen der Kollegen arbeiten.


  • Wie begleitet eine Kita- Leitung ihr Team gut durch die Zeit des Wandels?

Stehen viele Veränderungen in der Kita an, genügt es nicht, nur eine Teamsitzung einzuberufen. Die Leitung muss die ganze Zeit alles im Blick behalten und jeden Mitarbei-ter am Prozess beteiligen. Sie muss greifbare Ziele für unterschiedliche Ebenen formulieren. Im nächsten Schritt bespricht sie diese mit ihrem Team und sollte es dafür gewinnen. Dabei sollte sie ihre Ziele auch hinterfragen können und nicht zuletzt immer wieder sehen, wo das Team steht. Nur so weiß das Team, wohin es will und kann gemeinsam sein Ziel verfolgen.

 
  • Das heißt, die Kita-Leitung handelt die Ziele ständig neu aus und passt sie an?

Natürlich kann eine Leitung nicht ihre Ziele loslassen, aber es ist ihre Aufgabe, ihre Mitarbeiter zu fördern. Sie muss prüfen, ob im Team alle nötigen Fähigkeiten vorhanden sind oder jemanden aus dem Team zur Fortbildung schicken. Alternativ kann sie einen Experten in die Kita einladen oder mit ihrem Team eine Kita besuchen, die auf diesem Gebiet gut ist.


  • Welche Rolle spielen die Eltern?

Jede Einrichtung entwickelt ihr eigenes Bildungsverständnis und Profi l. Das geht nur im Gespräch mit den Eltern. Sich mit ihnen auszutauschen hilft, den Blick zu er weitern und eröffnet damit auch den Kindern andere Werte und Welten.

 
  • Wer kann helfen, wenn Leitung und Team mal nicht weiterkommen?

Hilfreich ist, sich mit anderen Leitungen und Teams zu besprechen, wie sie es gemacht haben. 30 Prozent der Leitungskräfte haben keine zusätzliche Leitungsausbildung. Da können Fachberatungen oder gezielte Weiterbildungen helfen. Ein Team zu führen ist ein Handwerk, das man lernen kann. Vieles ist leichter, wenn man gelernt hat, auf unterschiedlichen Ebenen und ganzheitlich zu denken. Vor allem in Zeiten der Veränderung.

 

  • Inwiefern sollten die Kinder beteiligt werden?

Wir sind dafür verantwortlich, Bildung jedem Kind zugänglich zu machen. Es geht aber nicht nur um die Bildungswelt der pädagogischen Fachkräfte, sondern auch um die des Kindes. Deshalb ist es wichtig, dass die Fachkraft berücksichtigt, welche Erfahrungen das Kind von zu Hause mitbringt und bei der Unterstützung seines Bildungsprozesses an diesen anknüpft.


Erstveröffentlichung unter dem Titel "Auf der Zielgeraden"  in: Meine Kita – Das didacta Magazin für den Elementarbereich, Ausgabe 1/2014, Seite 9 - 11. Übernahme mit freundlicher Genehmigung von "Meine KiTa"




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