Anna Beata Warburg (1881-1967)

Keine gegenwärtige Publikation zur Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung hat bisher in irgendeiner Weise Anna Warburgs Leben und Wirken gewürdigt. Und das, obwohl sie vor allem in Hamburg und in Schweden das dortige Kindergartenwesen im Sinne Friedrich Fröbel beeinflusst hatte. Im letztgenannten Land hatte z. B. die gutsituierte Pädagogin den  "Schwedischen Fröbelverband" ins Leben gerufen sowie die Fachzeitschrift "BARN=TRÄDGARDEN" begründet, in der sie 1918 resümierte:

"Wenn die Menschen nur einsehen wollen, wie unendlich wichtig die Erziehung des Kleinkindes ist, so würde es keine Warteschule geben ohne gut ausgebildete Kindergärtnerinnen" (zit. n. Grosse- von Wiese 1962, S. 199)
 

Leben und Wirken

warburg 150Anna Warburg (Quelle: Ida Seele-Archiv)Anna Beata wurde am 27. Dezember 1881 in Stockholm geboren. Sie war die dritte von vier Töchtern des Textilkaufmanns Siegfried Warburg, stammend aus einer der bedeutenden jüdischen Familien Europas, und dessen Ehefrau Ellen Josephson. Im Alter von vier Jahren verlor sie ihren Vater. Die Mutter war nun allein für die Erziehung der Kinder verantwortlich, die alle eine gute Ausbildung erhielten, d. h. ihrem gut bürgerlich Stand entsprechend. Nach dem Besuch einer höheren Töchterschule wurden die Mädchen auf "gute Partien" vorbereitet. Sie lernten als "Haustöchter" Klavierspielen, Klöppeln, Stricken u.a.m. Im Alter von 14 Jahren las Anna das in englischer Sprache verfasste Buch "The Story of Patsy", von Kathe Douglas Wiggin, das sie sehr ergriff. Die amerikanische Kinderbuchautorin und Kindergärtnerin walisischer Abstammung, die 1878 den ersten kostenlosen Kindergarten in San Francisco eröffnete, beschrieb in ihrem Kinderbuch die Geschichte eines behinderten Jungen, der durch die liebvolle Erziehung (heute spricht man von Inklusionspädagogik)  seiner Kindergärtnerin aufblüht sowie Wertschätzung  und Anerkennung in der Kindergartengruppe erfährt. Nach der Buchlektüre soll das junge Mädchen sich folgendermaßen geäußert haben:

"Oh, why should one want to be an angel, when one can be a Kindergärtner" (zit. n. ebd.)

Der in Hamburg lebende Onkel Abraham Moritz, genannt Aby, Warburg "engagierte" 1896 seine blutjunge Nichte als Privaterzieherin für seine Kinder. Zugleich absolvierte sie am dortigen Fröbelseminar eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Anna Warburg war enttäuscht von dem "primitiven Unterricht, mehr als primitive Mitschülerinnen und ... der Praxis in einer veralteten 'Warteschule'" (ebd.). Ihr Entschluss stand fest, dass diese unschönen Verhältnisse nicht zu akzeptieren sind und dagegen etwas unternommen werden muss. Um für den "Kampf" besser gerüstet zu sein, vervollständigte sie ihre dürftige Ausbildung an dem hochgeschätzten "PestalozziPestalozzi||||| Johann Heinrich Pestalozzi`s (1746 - 1827) pädagogisches Ziel war es eine ganzheitliche Volksbildung zu erreichen, und die Menschen in ihrem selbstständigen und kooperativen Wirken in einem demokratischen Gemeinwesen zu stärken. Er legte Wert auf eine harmonische und ganzheitliche Förderung von Kindern in Bezug auf intellektulle, sittlich-religiöse und handwerkliche Fähigkeiten. Grundidee ist dabei, ähnlich wie in der Montessori-Pädagogik, dass die Menschen die Fähigkeit entwickeln, sich selbst zu helfen.   -Fröbel-Haus" in Berlin. Von dort übernahm sie die "Methode des Monatsgegenstandes":

"Die Entwicklung des Gefühls, weniger des Verstandes, der Vorrang des freien Spiels vor einer durch die Kindergärtnerin gelenkten Beschäftigung, die Organisation der Kindergartenarbeit mittels einer 'Themenarbeit' (Monatsgegenstand oder Konzentrationsmittelpunkt), der Einbezug hauswirtschaftlicher Beschäftigungen in Verbindung mit gärtnerischer Arbeit und der Pflege von Tieren bestimmen von nun an Anna Warburgs Vorstellungen der täglichen Arbeit im Kindergarten" (Pergler 1997, S. 37).


Vorrang des freien Spiels

warburgII 250Anna Warburg als junge Erzieherin (Quelle: Ida Seele-Archiv)Nach ihrem Aufenthalt in Berlin kehrte die Kindergärtnerin wieder in ihre Heimatstadt zurück. Sie arbeitete  vormittags in einer "Bewahranstalt" und versuchte dort die Fröbel'sche Pädagogik, die Spielgaben und das Beschäftigungsmaterial, einzuführen. Es war, wie sie selbst berichtete, nicht leicht "Verständnis für die Kindergartenidee zu erwecken. Viele Bewahranstalten werden von Diakonissen geleitet und eine Diakonissin ist nach der Oberlinschule geschickt worden, um die dort üblichen Beschäftigungsformen zu lernen und sie in anderen Bewahranstalten einzuführen" (Warburg 1921, S. 93).

1908 machte ihr Fritz Warburg, ein entfernter Cousin, einen Heiratsantrag. Aus der folgenden Ehe stammen drei Töchter. Trotz vieler gesellschaftlicher Verpflichtungen und ihrer Mutterrolle war Anna Warburg sozial aktiv tätig. Sie wurde 1909 in den Vorstand des Hamburger "Fröbel-Seminars" gewählt, dessen Vorsitz sie ein Jahr später übernahm. Folgend setzte sich die Vereinsvorsitzende für die Reformierung der Kindergärtnerinnenausbildung ein. Sie berief neue Lehrkräfte, sorgte für deren Fort- und Weiterbildung (hinsichtlich neuer pädagogisch/psychologischer Erkenntnisse) sowie für eine Verbesserung der Lehrinhalte und der Kleinkinderanstalten (vgl. Pergler 1997). Ferner gründete sie  als Übungsstätte für das "Fröbel-Seminar" einen "Volkskindergarten", der mit einer Leiterin aus dem Pestalozzi-Fröbelhaus Berlin besetzt wurde. Die vorschulische Einrichtung stiftete Anna Warburg aus ihrem Privatvermögen. Nach dem Vorbild des "Pestalozzi-Fröbel-Hauses" in Berlin versuchte man eine familienähnliche Atmosphäre zu schaffen:
 
"In mehreren Zimmern, als Familiengruppen mit Kinderstühlchen, kleinen Tischen, Spielschränken, zugänglichen Regalen, bunten Stoffen, einige mit Pflanzen, Vögeln, viel Spielzeug und reichlich Beschäftigungsmaterial konnten hier Kinder eifrig und frei spielen und sich 'zu Hause' fühlen" (Grosse-von Wiese 1962,  S. 200).

Von 1915 bis 1920 wohnte die Familie Warburg in Stockholm, wohin das Familienoberhaupt als Handelsattache berufen wurde. Dort engagierte sich Anna Warburg sofort für den Kindergarten und die Fröbelpädagogik. In Hamburg wieder angekommen, knüpfte sie nahtlos an ihrem einstigen sozialen Engagement an. Sie übernahm den Vorsitz des "Ausschusses für Säuglings- und Kleinkinderanstalten", der 1927 unter ihrer Federführung in "Ausschuß für Kinderanstalten e.V." umgewandelt wurde.

Als die Nazis die Macht übernahmen, musste sich Anna Warburg von ihren Ämtern und sozialen Aufgaben zurückziehen. Fortan setzte sie sich für die Not der bedrohten jüdischen Mitbürger ein. Sie nahm auf ihrem luxuriösen Anwesen in Blankenese nacheinander etwa 1 000 Kinder auf, ließ darauf Wohnbaracken errichten. Dort gab sie vorübergehend jüdischen Familien Unterkunft, Rat und Hilfe. Für die Kleinkinder errichtete sie einen Kindergarten und bildete junge jüdische Mädchen zu Kindergärtnerinnen aus. Bewusst wurden die Kinder in der jüdischen Tradition erzogen, um sie im Sinne ihrer Bedeutsamkeit für die jüdische Gemeinschaft und auf diese Weise in ihrem jüdischen Selbstwertgefühl zu stärken.

1938 wanderte die Familie nach Schweden aus, wo Anna Warburg sich wieder als Kindergärtnerin betätigte und für die Fröbelpädagogik engagierte. 1957 übersiedelte das Ehepaar nach Israel. Dort starb Anna Warburg am 8. Juni 1967 im Kibbuz Nerzer Sereni. Sie hatte ihren Mann um drei Jahre überlebt.


Alltagsgegenstände oder Montessorimaterialien?

Die ausgebildete Fröbelpädagogin befasste sich mit den pädagogischen Strömungen der Zeit, u.a. auch mit der Montessoripädagogik. Sie erachtete das "ausgeklügelte Montessorimaterial" für die bürgerlich häusliche Erziehung nicht unbedingt für notwendig, zumal in "geordneten ruhigen" Familienverhältnissen genügend Materialien und Gelegenheiten sich finden werden, die das "Montessorimaterial entbehren können" (Warburg 1925, S. 114). Beispielsweise biete der Nähtisch der Mutter genügend Anreize für selbsttätiges Handeln:

"In einem Nähtisch, den ich besitze... sind fünf oder sechs verschiedene Deckel zu den verschiedenen Fächern und oft, wenn ich saß oder nähte, haben die Kinder sie herausgenommen und versucht, sie wieder richtig hineinzusetzen; da haben wir die Montessorischen Einsätze. Es gibt wohl kaum eine Mutter, die nicht einmal ihrem Kinde ein Stück Papier und einem Bleistift gegeben hat, daß es den Gegenstand umzeichnen kann. Wenn sie es auch nicht im Gedanken an Montessori getan hat, die Übung bleibt dieselbe.

Im Nähtisch sind viele Gegenstände, die zu Montessoriübungen geeignet sind: Seide nach Farben zu ordnen, desgleichen kleine Reste von Stoffen, die nach Sorte oder Farbe geordnet werden können, Knöpf, die nach Größe, Farbe oder Gewicht sortiert werden können und vieles mehr. Ich habe meinen Kindern Kästen mit bunten Spielmarken gegeben, damit läßt sich Farbensinn, Tastsinn und Schönheitssinn gut üben, wie bei vielen altbekannten Spielsachen.

Daß die Rahmen mit Stoffen zum Knöpfen und Schleifenbinden unnötig sind, halte ich für selbstverständlich; denn wer sein Kind zu Hause oder in der Anstalt nicht an eigenen Kleidern oder denen der Kleineren oder der Puppen das Knöpfen und Knoten lehren und dabei zu Selbständigkeit und Hilfsbereitschaft führen kann, der versteht nicht viel von Erziehung" (Warburg 1925, S, 115).

Trotzdem war Anna Warburg der Meinung, dass Maria Montessoris Schrift "Die Selbsttätigkeit im frühen Kindesalter" nicht unnötig sei.  Im Gegenteil, sie konstatierte:

"Ich hielte es für sehr erwünscht, wenn viele Mütter das Buch lesen und die vielen wertvollen Anregungen daraus sich zu Nutze machen würden" (ebd., S. 116).

 
Literatur


  • Ericsson, A. M.: Hälsning till Anna Warburg och andra vänner i fjärran länder, in: Barn=Trädgarden 1961, S. 212-213

  • Grosse-von Wiese, R.: Anna Warburg, in: Mädchenbildung und Frauenschaffen 1962, S. 198-2002

  • Pergler, L. v.: Anna Warburg (1881-1967) und ihre Bedeutung für die Sozialpädagogik in Hamburg, München 1997 (unveröffentl. Diplomarbeit)

  • Warburg, A.: Der Kindergarten in Schweden, in: Kindergarten 1921, S. 92-94

  • Dies.: Gedanken einer Mutter über das Montessorimaterial, in: Kindergarten 1925, S. 114-116


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