Bindung und Begabungsentfaltung

Inhaltsverzeichnis

  1. Bindung und Begabungsentfaltung
  2. Bindungssicherheit
  3. ErzieherIn-Kind-Beziehung
  4. Resümee
  5. Literatur

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Erzieherinnen,  Eltern und Wissenschaftlerinnen stimmen darüber ein, dass die frühen ErzieherInnen-Kind(er)-Interaktionen im Kindergartenalltag für die Entwicklung der Kinder von großer Bedeutung sind. Das Bedürfnis zur Exploration – zur Erkundung und »geistigen Eroberung« der Umwelt – ist  esonders bei Kindern unter drei Jahren eng damit verbunden, dass eine vertraute Bezugsperson unmittelbar verfügbar ist, die ihnen Sicherheit vermittelt. In der Kita übernehmen ErzieherInnen diese wichtige Aufgabe. Im folgenden Text fassen wir den Forschungsstand zu ErzieherInnen-Kind-Bindungen im Zusammenhang mit dem kindlichen Explorationsverhalten zusammen und stellen dazu beispielhaft empirische Untersuchungen vor.

 

Bindungs-Explorations-Balance

In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres beginnen Säuglinge, eine deutliche Bevorzugung ihrer primären Bezugspersonen zum Ausdruck zu bringen (Schaffer/Callender 1959). Auf Fremde reagieren sie hingegen zunehmend reserviert, bis hin zum Äußern der sogenannten Fremdenfurcht (Spitz 1950). Im Zuge dieser Entwicklung, die das Unbekannte mit Furcht verbindet, gewinnen primäre Bezugspersonen eine emotional unersetzliche Bedeutung für das Kind – man spricht von Bindungsbeziehungen (Bowlby 1969, 1973). Die Verhaltensorganisation des Kindes, das jetzt motorisch in der Lage ist, eigenständig seine Umwelt zu erkunden, ist auf die Nähe-Distanz-Regulation zu einer Bindungsperson als »Sicherheitsbasis « ausgerichtet (Ainsworth et al. 1978). Das naturgemäß Angst auslösende Unbekannte wird für das Kind erst dann zum Motor seiner Neugierde, wenn es sich durch die Verfügbarkeit einer Bindungsperson hinreichend sicher fühlt. Hierfür ist es notwendig, dass das Kind die Bindungsperson »unter Kontrolle« hat: Es muss in seiner Macht liegen, jederzeit körperliche Nähe zu ihr herstellen und aufrechterhalten zu können. Außerdem muss es sich des Schutzes durch ihre Aufmerksamkeit gewiss sein, d.h. seine Bindungsperson als psychisch präsent erleben. Je sicherer sich ein Kind auf dieser Basis fühlt, umso freier kann es seine Umgebung explorieren und sich dabei auch weiter von der Bindungsperson entfernen. Wird das Kind dabei durch unbekannte Umgebungsaspekte, eigene Missgeschicke oder andere Unannehmlichkeiten verunsichert, zeigt es »Bindungsverhalten«, indem es wieder eine größere körperliche Nähe zur Bindungsperson herstellt.

 
Bindung-Exploration


In der Bindungstheorie wird somit ein Zusammenhang zwischen dem Bindungs- und dem Explorationsverhalten angenommen: Ist das Bindungsverhaltenssystem aktiviert und zeigt das Kind Bindungsverhaltensweisen, dann ist das Explorationssystem nur vermindert oder nicht aktiv, d.h. das Kind exploriert nicht und umgekehrt. Die Bindungsforschung sieht die Funktion des Bindungsverhaltenssystems aus einer evolutions-biologischen Perspektive in der Gewährung von Sicherheit und Schutz im Angesicht existenzieller Bedrohungen, denen das Kind – auf sich allein gestellt – ausgeliefert wäre, wenn es seine Umwelt exploriert. Die antagonistische Beziehung zwischen Bindungs- und Explorationsverhalten, die für die frühpädagogische Begabungsforschung sehr wichtig ist, wird in Abbildung 1 (Bolten 2009) veranschaulicht.



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