Netti Christensen (1914-2006)

 christensenNetti Christensen (Quelle: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen)Netti Christensen gehört zu den Frauen, die die Vorschulpädagogik in der DDR maßgebend beeinflusst hatten. So war sie beispielsweise entscheidend an der Erarbeitung von Bildungs- und Erziehungsplänen für den Kindergarten sowie für Handreichungen zur Unterstützung der methodisch-didaktischen Arbeit der Kindergärtnerinnen beteiligt. Auf ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse und Ergebnisse nahm die politische Administration im Laufe der Jahre immer mehr Einfluss, wenn diese nicht mit der Ideologie der Partei übereinstimmten. Obwohl sich Christensen über dieses Vorgehen echauffierte und betrogen fühlte, war sie trotzdem außerstande - aus welchen Gründen auch immer - energisch gegen diese ideologische Zensierung zu protestieren. Dies wäre aus ihrer späteren Sicht auch bitter notwendig gewesen. Christensens Enttäuschung über das Vorgehen seitens der politischen Machthaber bezeugen Briefe an ihren ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten, den national und international anerkannten DDR-Erziehungswissenschaftler und Bildungshistoriker Prof. Helmut König (1920-2005) (vgl. Blochmann 2012, S. 14).

Christensen war langjähriges Mitglied im Redaktionskreis der Fachzeitschrift "Die Kindergärtnerin", die 1951 in "Neue Erziehung im Kindergarten und Heim" und 1955 (bis 1990) in "Neue Erziehung im Kindergarten" umbenannt wurde. Für genanntes Periodikum hatte Christensen eine beachtliche Anzahl von Beiträgen verfasst, insbesondere die Kindergarten-/Vorschulpädagogik und das Spiel des Kindes betreffend. Ihre Publikationen "Der Kindergarten im Dorf. Erfahrungen aus der Praxis", "Das Rollenspiel des Kindes" und insbesondere (zusammen mit Irmgard Launer verfasst) "Über das Spiel der Vorschulkinder" gehörten zu den vorschulpädagogischen Standardwerken der DDR. Letzt genannte Publikation, die noch kurz vor der Wende in 6. Auflage erschien, fand auch in Japan, Korea und Finnland hohe Anerkennung.

 

Leben und Wirken

Nett(y)i, genannt Hanna, wurde am 21. Februar 1914 als Tochter des Klempners Moritz Davidsohn und dessen Ehefrau Rosa, geb. Langeberg, in Hamburg geboren. Von 1920 bis 1930 besuchte sie in ihrer Geburtsstadt die Mädchenschule der jüdischen Gemeinde, die sie mit dem Zeugnis der mittleren Reife verließ. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Kinderpflegerin. Folgend besuchte sie das Hamburger Fröbel-Seminar, um Kindergärtnerin zu werden. Davidsohn musste durch die politische Entwicklung ihre Ausbildung zur Kindergärtnerin abbrechen, da sie jüdischer Abstammung war. Bereits im Oktober 1932 wurde sie Mitglied des KJVDs, weil, wie Christensen später in ihrem Lebenslauf schrieb, "ich die Notwendigkeit begriffen hatte, dem drohenden Faschismus die organisierte Kraft der Arbeiterklasse entgegenzusetzen". Und weiter: "Ich war zuerst als Orgleiter einer Zelle tätig, wurde dann Kurier und später Instrukteur der Bezirksleitung Wasserkante des KJVD. Im Juni 1932 wurde ich in Wyk auf Föhr (dort arbeitete Davidsohn als Kinderpflegerin in einem Heim des Jüdischen Frauenbundes; M. B.) von der Gestapo verhaftet. Obgleich mir keine illegale Tätigkeit nachgewiesen werden konnte, wurde ich in Untersuchungshaft festgehalten" (zit. n. Lebenslauf aus dem Jahre 1961). Im März 1935 emigrierte sie nach Schweden. Noch im Sommer desselben Jahres wurde sie von der KPD nach Dänemark gesandt, "um von dort aus an der illegalen Arbeit nach Deutschland teilzunehmen" (ebd.). Um die dänische Staatsangehörigkeit zu erhalten ging Davidsohn am 1. April 1936 in Kopenhagen, wo sie eine Ausbildung zur Arbeitstherapeutin absolviert hatte, eine Scheinehe mit dem Kommunisten Svend Rüdiger Christensen ein. Die eheliche Verbindung wurde am 24. März 1937 aufgelöst. Als 1940 Dänemark von Nazi-Deutschland besetzt wurde schloss sich die Emigrantin dem dänischen Widerstand an. Im Oktober 1943 musste sie erneut nach Schweden emigrieren. Dort zeichnete Christensen für den Aufbau des sogenannten "Schwedisch-Dänischen Rettungsdienstes" verantwortlich. Dieser unterstützte die dänische Widerstandsbewegung von Schweden aus und organisierte die Rettung der jüdischen Bevölkerung Dänemarks. Zugleich arbeitete sie als Arbeitstherapeutin am Orthopädischen Krankenhaus von Stockholm.

Nach Kriegsende ging Christensen sofort nach Dänemark, um von hier aus weiter in die sowjetisch besetzte Zone Deutschland zu reisen. Doch sie erhielt als Kommunistin weder eine Einreise- noch Durchreiseerlaubnis für die von den Westalliierten besetzten Zonen. Sie musste in Dänemark im Flüchtlingslager Klöwermarken bleiben, wo Christensen einen Kindergarten für rund 7.000 Kinder ins Leben rief und jungen Mädchen und Frauen praktischen und theoretischen Unterricht für ihre pädagogische Arbeit im Kindergarten erteilte. Im August 1946 gelangte sie über Polen nach Berlin und engagierte sich sogleich beim Aufbau der "antifaschistisch-demokratischen Ordnung" Deutschlands. Die Pädagogin arbeitete als Werklehrerin am renommierten Berliner "Pestalozzi-Fröbel-Haus" und zeichnete zugleich als Referentin für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen im Hauptschulamt Berlin verantwortlich. Über die Ausbildungssituation der Kindergärtnerinnen in der sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR berichtete sie später:

"Dabei mußten wir uns insbesondere in den ersten Jahren mit Vertretern der bürgerlichen Vorschulpädagogik, die vor allem auf die Ausbildung der Kindergärtnerinnen einen nicht unbedeutenden Einfluß ausübten, und mit Reformpädagogen und tiefenpsychologischen Auffassungen... auseinandersetzen und ihren Einfluß zurückdrängen" (Christensen 1979, S. 1).

Schwere gesundheitliche Probleme, hervorgerufen durch die erlittenen Misshandlungen durch die Gestapo, verhinderten immer wieder ihren vollen Arbeitseinsatz. Schließlich schied Christensen 1952 aus dem Berufsleben aus, blieb aber weiterhin freiberuflich tätig, u. a. für den "Volkseigenen Verlag Volk und Wissen", für das Ministerium für Volksbildung oder auch für die Pädagogische Fakultät der Humboldt-Universität, Bereich Vorschulpädagogik. Ferner war sie Mitglied im Wissenschaftlichen Rat Vorschulerziehung der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR. Christensen erhielt mehrere Auszeichnungen und Ehrungen:

 

  • 1958: Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933 bis 1945
  • 1959: Dr. - Theodor-Neubauer-Medaille in Bronze
  • 1960: Dr. - Theodor-Neubauer-Medaille in Silber
  • 1962: Ernennung zur Studienrätin
  • 1966: Vaterländischer Verdienstorden in Bronze
  • 1967: Pestalozzi-Medaille für treue Dienste in Silber
  • 1974: Titel "Professor"

 

Christensen starb am 1. März 2006 in Berlin. Die Beisetzung erfolgte 27 Tage später in Berlin-Lichterfelde.

 

Ziel und Auftrag des Kindergartens

 

christensen2(Quelle:Ida-Selle-Archiv, 89407 Dillingen)Vom 6. - 7. Oktober 1949 fand in Berlin-Ost eine vielbeachtete "Arbeitstagung von Kindergärtnerinnen und Grundschullehrern" statt. In ihrem Referat wandte sich Christensen gegen den Rückgriff vieler Kindergärtnerinnen auf "Altbewährtes" und auf "bürgerliche Theorien". Sie kritisierte beispielsweise, dass die Planung der pädagogischen Arbeit noch immer nach einem vorgegebenen "Wochen- und Monatsgegenstand" erfolge, der den neuen gesellschaftlichen Anforderungen nicht mehr entspricht. Vielmehr sollte die pädagogische Arbeit einem "zentralen Plan" folgen, "in dem angegeben wird, welche Kenntnisse und Fertigkeiten auf verschiedenen Gebieten das Kind in der jeweiligen Alterstufe besitzen muß" (Christensen 1950, S. 12). Sie plädierte dafür eine "Theorie und Methode der Kindergartenarbeit zu entwickeln, die unseren gesellschaftlichen Verhältnissen entspricht" (Christensen 1989, S. 204). 1951, nachdem sich der Einfluss der SED auf die Vorschulpädagogik verfestigt hatte, konstatierte Christensen über den Auftrag des Kindergartens, den sie bereits damals schon als Teil des allgemeinen Bildungswesens verstand:

"Unser Kindergarten ist eine Einrichtung mit vorwiegend pädagogischem Charakter, und damit ein Teil des allgemeinen Bildungswesen. In Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Einrichtungen, wie Familie, Schule, Junge Pioniere usw., hat er die Aufgabe, die sich aus dem Aufbau unserer antifaschistisch-demokratischen Ordnung ergibt: unsere Kinder zu fortschrittlichen Demokraten zu erziehen, zu bewußten und aktiven Erbauern einer helleren und glücklicheren Zukunft unseres Volkes. Wir haben auch schon oft darüber gesprochen, daß dieses, unser großes Erziehungsziel, zum bestimmenden Faktor der Vorschulerziehung werden muß" (Christensen 1951, S. 3).

Ein wichtiger Auftrag des Kindergartens, im Dorf wie in der Stadt, sei das "Bekanntmachen der Kinder mit Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens". Dazu gehörten z. B. für den Kindergarten im Dorf der Besuch öffentlicher Einrichtungen "wie die Gemeindeverwaltung, die MTS (Maschinen-Traktoren Station; M. B.) und LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft; M. B.), die Post und nicht zuletzt die Schule, die wir gemeinsam mit den Kindern aufsuchen. Selbstverständlich brauchen unsere Kinder noch nicht sehr viel über die Aufgaben dieser Einrichtungen zu wissen, sie würden sie nicht verstehen; doch daß sie später in die Schule gehen werden, um lesen und schreiben zu lernen und noch vieles andere mehr, oder daß die Post einen Brief an den Patenkindergarten weiterschickt, das können sie bereits begreifen und sollen es darum auch erfahren. Wir werden gut darauf achten, daß unsere Kinder lernen, sich auf den Straßen und Wegen richtig zu bewegen... Wir zeigen ihnen die Radfahrer, Autos usw., wir benennen sie genau und sorgen dafür, daß die Kinder die Namen deutlich und richtig aussprechen... Wir geben den Kindern auch Gelegenheit, ein gerade haltendes Auto einen Lastkraftwagen oder eine landwirtschaftliche Maschine genau zu betrachten. Jede Erzieherin sollte über Landmaschinen und Kraftwagentypen Bescheid wissen! Kinder interessieren sich lebhaft für technische Dinge; das wollen wir nützen, denn später sollen sie sie ja beherrschen und sie anwenden lernen" (Christensen 1962a, S. 98 f).

 

Das Spiel im Kindergarten

 

christensen3(Quelle:Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen)Für Christensens ist das Spiel "die Haupttätigkeit der Kinder im Vorschulalter und muß im Kindergarten sorgsam beachtet werden" (ebd., S. 110). Sie charakterisierte das Spiel des Kindes als besondere Form der menschlichen Tätigkeit. In Anlehnung an den "historischen Materialismus" kritisierte sie die "bürgerlichen Wissenschaftler" wie Erika Hoffmann (1902-1995) oder Karl Gross (1861-1946), die von falschen Annahmen ausgehen würden. Genannte bürgerliche Wissenschaftler seien der Ansicht, die Arbeit habe sich aus dem Spiel entwickelt, das Spiel also der Arbeit vorausgehe. Dem hielt die DDR-Pädagogin entgegen:

"Spielen können die Kinder nur dann und dort, wo die Menschen durch ihre Arbeit die Grundlage ihrer Existenz gesichert haben. Erst muß der Mensch essen, trinken, sich kleiden, irgendwo wohnen, muß imstande sein, sein Leben aufrechtzuerhalten, bevor er sich einer anderen Tätigkeit hingeben kann. Der historische Materialismus hat nachgewiesen, daß die Entwicklung der Menschen und der menschlichen Gesellschaft durch die Art und Weise bestimmt wird, durch die sie sich ihren Lebensunterhalt schaffen" (Christensen/Launer 1989, S. 13 f). Demzufolge wird das Spiel als eine besondere Form der menschlichen Tätigkeit nur dort notwendig und möglich, "wo die Vervollkommnung der Arbeitsmittel einen solchen Stand erreicht hat, daß die Kinder nicht mehr unmittelbar an der Sicherung ihrer Lebensgrundlage beteiligt sind. Die Teilung der Arbeit nach Geschlecht und Alter, zwischen Männer, Frauen und Kinder, die sich auf einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Verhältnisse herausgebildet hat, ist Voraussetzung dafür, daß sich das Spiel der Kinder entwickeln konnte, da sie in dieser Periode weder zu ihrem Lebensunterhalt beitragen brauchten noch über die hierfür notwendigen Voraussetzungen verfügten... Das Spiel... wurde für die Kinder zur Notwendigkeit, nachdem auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung der Produktivität die Vervollkommnung der Arbeitsmittel einen solchen Stand erreicht hatte, daß ihre Handhabung nicht mehr ohne weiteres, ohne Verbreitung hierauf möglich war" (ebd., S. 14 f.).

Hinsichtlich des kindlichen Spiels hob Christensens die Relevanz des Freispiel hervor, das an die Kindergärtnerin besonders hohe Anforderungen stellt. Bei keiner anderen Beschäftigung oder Tätigkeit lerne sie das Kind so gut kennen wie im Freispiel, zumal hier des Kindes eigene Initiative dominant sei:

"Ein Kind arbeitete langsam und methodisch, das andere schnell und ungenau, eines ist gutmütig und teilt gerne, ein anderes ist ein richtiger Geizhals, eines ist absolut ehrlich, während es dem anderen nichts ausmacht zu betrügen. Da finden sich wieder zwei Kinder zusammen, und das eine ist immer führend, das andere muß nur folgen. Was aber die Kindergärtnerin auch sieht und beobachtet, fortwährend stellt sie sich die Frage, warum ist das Kind gerade so, wie wurde es so, und wie kann ich ihm helfen, diese und jene gute Eigenschaft zu entwickeln und die schlechte zu überwinden. Genaue Beobachtungen müssen die Grundlage der ganzen Erziehung im Kindergarten bilden" (Christensen 1947, S. 213 ff.).

 

Literatur

 

  • Blochmann, G.: Netti Christensen und ihr Beitrag zur Kindergarten-/Vorschulpädagogik in der DDR, Berlin 2012 (unveröffentl. Masterarbeit)
  • Christensen, N.: Und Spiel ist Arbeit - Arbeit ist Spiel, in: Die neue Schule 1947/H. 6, S. 213-216
  • Dies.: Die Vermittlungsgruppe, in: Die Kindergärtnerin 1950/H. 1, S. 4-6
  • Dies.: Einige Bemerkungen zur Frage der Planung, in: Neue Erziehung im Kindergarten 1951/H. 1, S. 2-4
  • Dies.: Der Kindergarten im Dorf. Erfahrungen aus der Praxis, Berlin (Ost) 1962a
  • Dies.: Das Rollenspiel des Kindes, Berlin (Ost) 1962
  • Dies./Launer, I.: Über das Spiel der Vorschulkinder, Berlin (Ost) 1979
  • Dies.. Wir wußten was wir wollten. Erinnerungen an die ersten Jahre der sozialistischen Vorschulerziehung in der DDR, in: Neue Erziehung 1979/H. 1, S. 1-2
  • Dies./Boeckmann, B.: Vor 40 Jahren - bewegende Vorschulpolitik und -pädagogik miterlebt und mitgestaltet für das Heute und Morgen, in: Neue Erziehung im Kindergarten 1989/H. 1, S. 201-207

 

Archiv

 

  • Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen; Akte: Netti Christensen

 

 

Christensen starb am 1. März 2006 in Berlin. Die Beisetzung erfolgte 27 Tage später in Berlin-Lichterfelde Normal 0 21 false false false DE X-NONE X-NONE