Empowerment von KiTa-Fachberatung für diskriminierungs-sensibles Handeln

Zentrale Ergebnisse einer bundesweiten Fachberater*innen-Befragung

Wie können Fachberater*innen die KiTas auf dem Weg zu einem diskriminierungssensiblen und inklusiven Miteinander systematisch fachlich begleiten und unterstützen? Dies möchte das vom nifbe im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durchgeführte Projekt „Demokratisches Miteinander von Anfang an - Empowerment von KiTa-Fachberatung für diskriminierungssensibles Handeln“ anhand einer ab 2024 startenden Blended-Learning-Qualifizierung exemplarisch aufzeigen. Eine im Vorfeld erhobene Fachberater*innen-Befragung des nifbe zeigte einen hohen Unterstützungsbedarf auf: Nur 6,2 Prozent der Befragten fühlten sich hier ausreichend vorbereitet.

Hintergrund

Neben ihren Familien sind KiTas für Kinder ein zentraler Ort, um Vielfaltskompetenzen zu entwickeln und zu lernen, wie ein demokratisches Miteinander aussehen kann. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn der KiTa-Alltag inklusiv und partizipativ gestaltet ist, Kinder in der Interaktion mit den pädagogischen Fachkräften kein diskriminierendes Verhalten erleben und auch diskriminierende Äußerungen von anderen Kindern oder Erziehungsberechtigten durch die Fachkräfte gut aufgefangen werden. Diskriminierungssensibilität betrifft somit alle drei Qualitätsdimensionen (nach Tietze 1998):

  1. die Orientierungen des pädagogischen Teams (demokratische Werte, demokratieförderliche Haltung, Anerkennung der Kinderrechte),
  2. die Prozesse (Fachkraft-Kind-Interaktion, Kind-Kind-Interaktion) und zuletzt auch
  3. die Strukturen (Anmeldeverfahren, Materialien, Raumausstattung usw.).

Um die Fachberater*innen in ihrer Schlüsselrolle zu stärken, entwickelt das nifbe eine kostenlose Blended LearningBlended Learning||||| Blendend Learning bedeutet integriertes Lernen und bezeichnet eine Lernform die auf der einen Seite  traditionelle Präsenzveranstaltungen umfasst, sowie auch die modernen Formen von E-Learning behinhaltet, also elektronische Lernformen übers Internet, die von zu Hause erledigt werden können. Beim Blended Learning findet so soziale Face-to Face-Kommunikation statt, kombiniert mit Lern- und Übungsphasen über das Internet.   -Qualifizierung, welche insbesondere die Kompetenzen zum Umgang mit diskriminierenden Äußerungen und Verhalten sowie zur Begleitung von KiTas bei der Entwicklung demokratischer Leitbilder und inklusiver Alltagspraktiken stärken soll. Die Teilnehmenden erhalten dabei auch einen Überblick über die verschiedenen Phänomene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und bekommen Gelegenheit ihre Rolle für den Abbau von Diskriminierung in KiTas zu reflektieren sowie zu schärfen. Das Blended Learning-Angebot wird im Projektrahmen zunächst mit zwei Fachberater*innengruppen á 8 - 12 Personen erprobt und anschließend angepasst.

Befragung der Praxis

Damit die Qualifizierung möglichst nah an den Bedarfen der Praxis anknüpft, wurden im März 2023 insgesamt 453 Fachberater*innen zunächst befragt, welche Formen von Diskriminierung ihnen an welchen Stellen und wie häufig im KiTa-Alltag begegnen. Darüber hinaus wollte das Projektteam des nifbe in Erfahrung bringen, an wen sich diskriminierende Äußerungen oder diskriminierendes Verhalten richtet und von wem es ausgeht. Des Weiteren wurden die Fachberater*innen gefragt, welche verschiedenen Phänomene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in ihrem Berufsalltag bereits vorgekommen sind und wie sie erlebte Diskriminierung mit den Betroffenen thematisieren und aufarbeiten. Darauf aufbauend gab es noch mehrere Fragen zum Qualifizierungsbedarf.

Die Bedarfserhebung fand online statt und war für Fachberater*innen aus allen Bundesländern und unabhängig davon, bei welchem Träger sie angestellt sind, geöffnet. Besonders viele Teilnehmer*innen stammen aus Nordrhein-Westfalen (164) und Niedersachsen (130). Bis auf Thüringen, Bremen und Hamburg haben sich Fachberater*innen aus allen anderen 13 Bundesländern beteiligt, wenn auch nur sehr vereinzelt.

Die Teilnehmenden sind zu 94 % weiblich und 46 % von ihnen sind bei einem kommunalen Träger angestellt. In 55 % der Antworten ist der Anstellungsträger auch Träger einer KiTa. Abgesehen von diesen strukturellen Merkmalen ist die Teilnehmer*innenstruktur sehr heterogen: Es haben sich Fachberater*innen beteiligt, die erst kürzlich (vor drei Monaten) ihre Position angetreten sind und es gibt Fachberater*innen, die bereits seit 30 Jahren als solche tätig sind. Hinsichtlich der Frage nach bereits vorhandenen Qualifizierungen gaben 57 % an, bisher an keiner mindestens eintägigen Fortbildung zu diskriminierungssensiblem Handeln teilgenommen zu haben, noch mehr der befragten Fachberater*innen (87 %) haben zudem keine Zusatzqualifikation in diesem Kontext erworben. Dies vor dem Hintergrund des Ergebnisses, dass 35 % der Befragten angaben, es käme häufig zu Fällen von Diskriminierung, und zwar bei 45 % in den meisten oder allen KiTas, die sie begleiten. Zudem seien mehr als der Hälfte der Teilnehmenden (57 %) Formen von Diskriminierung nicht innerhalb der KiTa, sondern auf struktureller Ebene begegnet. Unter den 174 Antworten von Fachberater*innen, die diskriminierendes Verhalten darüber hinaus auf anderen Ebenen wahrnehmen konnten, gaben rund 12 % die Ebene des (Anstellungs-)Trägers an.

Wie sieht diese Diskriminierung aus?
Sie zeigt sich unter anderem im Vorkommen von unterschiedlichen Phänomenen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit:

Welche Phänomene grupp. Menschenfeindlichkeit begegnen FB
Anmerkungen: n = 453, Mehrfachantwort möglich. „Ab. v.“ = Abwertung von

Wie aus dem obigen Diagramm hervorgeht, begegnen einer Vielzahl von Fachberater*innen in ihrem Berufsalltag Rassismus (230), Fremdenfeindlichkeit (230), die Abwertung von Menschen mit Behinderung (181), von Menschen, die langzeitarbeitslos (173) oder asylsuchend sind (151), Sexismus (169) und Etabliertenvorrechte (167) – also Vorbehalte gegenüber Menschen, die neu zugezogen sind und dadurch weniger/andere Rechte als die „Alteingesessenen“ hätten. Diese Phänomene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind mindestens 33 % aller Befragten schon einmal in ihrer Fachberatungstätigkeit untergekommen.

Von wem geht die Diskriminierung aus und gegen wen richtet sie sich?
70 % der Befragten (316) gaben an, dass sie schon einmal diskriminierende Äußerungen oder Verhaltensweisen von pädagogischen Fachkräften wahrnehmen konnten – dicht gefolgt von den Erziehungsberechtigten (295). Insgesamt ergibt sich folgendes Bild:

Von wem geht Diskriminierung aus
Anmerkungen: n = 453, Mehrfachantwort möglich.


Wie aus dem folgenden Diagramm zu entnehmen ist, richtet sich aus Sicht der Fachberater*innen wahrgenommenes diskriminierendes Handeln insbesondere gegen Eltern(teile) und andere Familienmitglieder (339), gegen Kinder (276) und gegen pädagogische Fachkräfte (232). Auch die Zahl der beobachteten Diskriminierung gegenüber nicht-pädagogischen Mitarbeiter*innen in KiTas fällt hoch aus (137).

Welche Phänomene grupp. Menschenfeindlichkeit begegnen FB copy
Anmerkungen: n = 453, Mehrfachantwort möglich.

Aus der Perspektive der Fachberater*innen erfahren also ungleich mehr Kinder Diskriminierung als sie selbst ausüben. Umgekehrt sieht es bei den Leitungskräften aus: Hier diskriminieren mehr KiTa-Leiter*innen andere Menschen in ihrem Arbeitsumfeld, als dass sie selbst benachteiligt werden. Ähnlich sieht es bei den Trägervertreter*innen aus. Auf beiden Seiten ist die Gruppe der Eltern besonders stark vertreten.

Qualifizierungsbedarf

Bezogen auf das Ergebnis der eher wenigen Qualifizierungen in der Stichprobe zum Umgang mit Phänomenen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und anderen Formen von Diskriminierung überrascht es nicht, dass nur ein kleiner Teil der Befragten (6,2 %) folgender Aussage voll und ganz zustimmt: „Ich fühle mich ausreichend vorbereitet, um in meiner Rolle als Fachberatung Diskriminierung in Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu begegnen." Insgesamt sind sich die Befragten diesbezüglich jedoch uneinig: 46 % der Fachberater*innen fühlen sich eher vorbereitet, rund 48 % hingegen eher oder gar nicht. So wünschen sich die meisten Teilnehmenden (73 %) (mehr) generelles Fachwissen zu Diskriminierung und Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, um diskriminierungssensibles Handeln von pädagogischen Fach- und Leitungskräften, von sich als Fachberatung selbst und von Trägervertreter*innen zu stärken. Genau hier soll die Blended Learning-Qualifizierung des nifbe ansetzen!

Weitere Ergebnisse der Fachberater*innen-Befragung sind in Vorbereitung.


Download Flyer Projekt

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier: https://www.nifbe.de/das-institut/nifbe-projekte/demokratie-leben-fachberatung

Interessenbekundungen zur Teilnahme an der Blended Learning-Qualifizierung sind ab sofort möglich: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!




Literatur
  • Tietze, Wolfgang (Hrsg.) (1998): Wie gut sind unsere Kindergärten? Eine Untersuchung zur pädagogischen Qualität in deutschen Kindergärten. Neuwied; Kriftel; Berlin: Luchterhand.


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