Neuer Band der nifbe-Schriftenreihe erschienen

inter 150Die Interkulturelle Kompetenz wird in unserer globalisierten Welt mit ihren vielfältigen Migrationsbewegungen und damit auch in Deutschland als einem Zuwanderungsland zunehmend zu einer Schlüsselkompetenz. Gerade auch im Hinblick auf die frühkindliche Bildung und Entwicklung in Krippe und Kindertageseinrichtung und eine gelingende Integration von Anfang an ist das Wissen um den prägenden Einfluss von Kultur heute unerlässlich – und leider doch bisher fast sträflich vernachlässigt worden. Das neue nifbe-Buch „Interkulturelle Praxis in der KiTa“ schließt nun eine wichtige Lücke in der Fachliteratur und verbindet dabei wissenschaftliche Grundlagen mit praxisorientierten Fachbeiträgen sowie konkreten Beispielen aus der Praxis.

Drei Beispiele zu Beginn des Buches zeigen eindrücklich, dass sich die Erziehungs- und Sozialisationsziele in den verschiedenen Kulturen stark voneinander unterscheiden können: So sind viele japanische Eltern zufrieden, wenn ihr Kind beim täglichen Abschied in der Krippe herzzerreißend weint – denn dies zeigt ihnen, dass sie vermisst werden. Afrikanische Mütter sehen es als seelische Grausamkeit an, wenn Säuglinge deutscher Eltern mit einem darübergestülpten Plastikgestell voller Rasseln und Klingeln auf dem Rücken im Wohnzimmer liegen oder ganz alleine in ihrem Zimmer schlafen müssen. Und deutsche Eltern wiederum halten es schlichtweg für Körperverletzung, wenn afrikanische Kinder schon in den ersten Monaten in einen Plastiktopf gesteckt werden, um möglichst früh das Sitzen zu lernen. Diese drei Schlaglichter zeigen schon, dass es keine universelle Norm und kein »gut« oder »schlecht« gibt. Alle diese Vorstellungen haben sich in einem bestimmten kulturellen Kontext entwickelt und können jeweils als Anpassung an die gegebene Situation gesehen werden.

Kultur prägt die Menschen bis in ihr Innerstes

Die Kultur prägt die Menschen also bis in ihr tiefstes Inneres. Obige Beispiele sind in diesem Sinne nur, bildlich gesprochen, die sichtbare Spitze eines mächtigen Eisberges, der unsere (Erziehungs-)Einstellungen, Werte und Ziele maßgeblich bestimmt. Kultur ist dabei nicht nur von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent unterschiedlich, sondern in jedem Land selbst gibt es unterschiedliche Kulturen, die durch Tradition, Religion, Sprache und insbesondere auch sozio-ökonomische Faktoren bestimmt werden.

Für jeden Menschen ist es eine besondere Herausforderung, sich der eigenen kulturellen Prägung bewusst zu werden, die fest verankerte kulturelle Brille einmal abzunehmen und die Welt mit anderen, offenen Augen zu betrachten. Doch dies ist der unabdingbare erste Schritt zu einer interkulturellen Kompetenz, die es ermöglicht, anderen Kulturen auf gleicher Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen und Wege zu einem gemeinsamen Verständnis ebnet. Dazu leistet das vorliegende Buch einen wichtigen Beitrag.

Ausgangspunkt des Buches sind zum einen die international anerkannten Forschungsergebnisse und kultursensitiven Ansätze der von Heidi Keller geleiteten Forschungsstelle »Entwicklung, Lernen und Kultur« des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Zum anderen gingen starke Impulse von einer sehr positiv evaluierten Fortbildung zur Interkulturellen Kompetenz für Pädagogische Fachkräfte aus, die das nifbe in Kooperation mit der ehemaligen Integrationsbeauftragten des Landes Niedersachsen, Honey Deiheimi, konzipiert und in zwei Staffeln durchgeführt hat.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die von den wissenschaftlichen Grundlagen und Rahmenbedingungen über die konkrete interkulturelle Arbeit in den verschiedenen Bildungsbereichen in Krippe und Kindertageseinrichtung bis hin zu Best Practice-Beispielen aus dem elementarpädagogischen Alltag sowie der Aus- und Weiterbildung reichen.

Zwei idealtypische kulturelle Modelle

In ihrem Einführungsbeitrag zeigt Heidi Keller zunächst die verschiedenen Dimensionen der Interkulturellen Kompetenz auf und stellt zwei idealtypische kulturelle Modelle vor: das Modell der »Psychologischen Autonomie«, das für die westliche Mittelschicht bezeichnend und auf Individualität, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit ausgerichtet ist, sowie das Modell der »Relationalen Verbundenheit«, welches auf soziale Verpflichtung und Verantwortung sowie Gehorsam und Respekt zielt und typisch für viele nach Deutschland kommende Migrantinnen und Migranten ist. In den beiden folgenden Beiträgen nehmen Haci-Halil Uslucan sowie Manuela Westphal und Irina Grünheid die Erziehungs- und Wertevorstellungen der beiden größten Migrantengruppen in Deutschland, der Türken und der Aussiedler bzw. Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in den Blick. Jörn Borke zeigt zum Abschluss des ersten Hauptkapitels, ob und wie der interkulturelle Aspekt in den die Kita-Arbeit rahmenden Bildungs- und Orientierungsplänen der Bundesländer verankert ist.

Praxisorientierte Grundlagen

Zum Auftakt des zweiten Hauptkapitels beschreiben Gülcan Yoksulabakan und Nele Haddou die praxisorientierten Grundlagen für die interkulturelle Arbeit in der Kindertageseinrichtung, und Gisela Röhling beschäftigt sich mit dem Aspekt der Sensibilisierung und professionellen Haltung der pädagogischen Fachkräfte. Als Basis für das Lernen nehmen Paula Döge und Lisa Schröder in der Folge die Prägung von Wahrnehmungs- und Denk stilen durch die Kultur sowie die Sprachbildung und -förderung in den Blick. Weiter konkretisiert wird die Bedeutung und Umsetzung der interkulturellen Kompetenz in den elementarpädagogischen Alltagsthemen des Künstlerisch-ästhetisch-musischen Lernens (Marianne Heyden-Busch), der Religion und Philosophie (Helga Barbara Gundlach) sowie der Zusammenarbeit mit Eltern (Gerda Wesseln-Borgelt).

Im dritten Hauptkapitel geben Karsten Herrmann, Maria Korte-Rüther und Christian Laengner schließlich lebendige Einblicke in die interkulturelle Praxis und die damit verbundenen Herausforderungen in der Kindertageseinrichtung, in der Weiterbildung und in der Ausbildung an Fachschulen.

Wie die gesamte nifbe-Schriftenreihe verbindet das Buch „Interkulturelle Praxis in der Kita“ auf exemplarische Weise die Forschung und die Praxis in KiTa sowie Aus- und Weiterbildung. In diesem Sinne eignet es sich sowohl für pädagogische Fachkräfte in KiTas und Fachberatung wie auch für Aus- und WeiterbildnerInnen.

Karsten Herrmann


  • Heidi Keller (Hrsg.): Interkulturelle Praxis in der Kita. Freiburg: Herder, 178 S., 19,95 Euro.