„Heute machen wir Musik“ – und alle machen mit?

Überlegungen zu einer inklusiven musikalischen Praxis mit Babys und (Klein-)Kindern

Inhaltsverzeichnis

  1. „Heute machen wir Musik“ – und alle machen mit?
  2. Vorüberlegungen
  3. Kinder, Musik und Inklusion
  4. Umsetzungsformen: Wo und wie können Kinder musikalische Angebote wahrnehmen?
  5. Zusammenfassung
  6. Literatur und Quellen

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Umsetzungsformen: Wo und wie können Kinder musikalische Angebote wahrnehmen?


Rezeption von Musik: Konzerte für Kinder

Konventionelle musikalische Konzertangebote richten sich in der Regel nicht an Kinder. Während Kinder in der Vergangenheit bei diesen Veranstaltungen teilweise explizit unerwünscht waren (Wimmer 2002, S. 23), sind sie heute zumindest nicht mitgedacht: In Philharmonien und Rockarenen, Opernhäusern und Clubs sind keine Still- und Wickelmöglichkeiten vorhanden, der Beginn kollidiert mit den an Kindergarten und Schulzeiten orientierten traditionellen Schlafenszeiten für Kinder, der Zugang ist nicht barrierefrei, es fehlen Abstellmöglichkeiten für Kinderwagen, Stille wird im Auditorium gewünscht und die Lautstärke der dargebotenen Musik ist oft für Kinderohren ungeeignet. Zudem sind die dargebotenen Inhalte aus unterschiedlichen Gründen nicht kindgerecht: Opernaufführungen beinhalten häufig (Waffen-)gewalt und bei Heavy-Metal-Konzerten sind Texte zu hören, die als für Kinder ungeeignet erachtet werden müssen.

Seit Beginn des letzten Jahrhunderts (Wimmer 2002, S. 27) gibt es Veranstaltungen wie Konzerte und Opern für Kinder, musikalische (Einführungs-)Workshops oder ein „Familienfest“ an der Oper (Beispiele siehe unter „Internetquellen zu Konzerten für Kinder“), die sich explizit an Babys und (Klein-)Kinder richten und somit ein spezifisches Format darstellen. Die Hintergründe für diese Konzerte sind unterschiedlich: Zum einen wollen Veranstalter*innen Babys und (Klein-)Kinder im Sinne eines inklusiven Ansatzes an musikalischen Darbietungen teilhaben lassen. Zum anderen sollen Babys und (Klein-)Kinder mit der jeweils dargebotenen Musik vertraut gemacht werden und als zukünftiges Publikum gewonnen werden. Je früher Kinder an Musik die Chance bekommen, an Konzerten teilzuhaben, desto wahrscheinlicher werden sie Konzertbesuche in ihr Erwachsenenleben integrieren (Stiller 2002, S. 35).

Insgesamt hängt die Qualität von Konzerten für Kinder in hohem Maß von den Akteur*innen ab (McNihol 2002, S. 115); Musiker*innen, Konzertpädagog*innen, Moderator*innen und Veranstalter*innen arbeiten idealerweise mit einem altersentsprechenden gut ausgearbeiteten und geprobten Konzept eng zusammen und führen qualitativ hochwertige und engagiert dargebotene Musik auf.


Musikalische Praxis: Musikschulen

Die Angebote an kommunalen und privaten Musikschulen stellen die wohl am weitesten verbreitete Möglichkeit dar, Kindern musikalische Praxis anzubieten. Insgesamt sind diese Angebote nur teilweise als inklusiv zu verstehen: Zwar stehen diese Kurse grundsätzlich allen Kindern und Eltern offen. Allerdings müssen die Beiträge bezahlt werden, was eine Vielzahl von Kindern vom Musikschulbesuch exkludiert. Darüber hinaus ist das musikalische Angebot an Musikschulen eng strukturiert. Die Kinder melden sich für ein spezifisches Fach an und werden in diesem Fach auf musikpädagogischer Grundlage unterrichtet. Freies musikalisches Erleben auf unterschiedlichen Instrumenten und in unterschiedlichen Konstellationen als inklusive musikalische Bildung ist in der Regel nicht Bestandteil des Musikschulangebots.

Immerhin verankert die sogenannte Potsdamer Erklärung des Verbands Deutscher Musikschulen (VDM) aus dem Jahr 2014 an Musikschulen die „Leitidee einer inklusiven Gesellschaft“). Die vom VDM herausgegebene Publikation „Spektrum Inklusion Wir sind dabei! Wege zur Entwicklung inklusiver Musikschulen“ aus dem Jahr 2017 bestätigt den Wunsch nach gelebter Inklusion seitens der Musikschulen.

Musikschulen bieten Musikkurse für Babys, (Klein-)Kinder (siehe z.B. hier ) und teilweise sogar für werdende Eltern an. In der Realität sind es häufig sozial gut gestellte Familien ohne Migrationshintergrund, die diese Kurse für ihre Kinder ohne Beeinträchtigung buchen. Sozial benachteiligte Familien oder Familien mit Kinder(n) mit Beeinträchtigung werden häufig durch einschlägige Werbung nicht angesprochen und für den Musikschulbesuch motiviert. Bedürftige Eltern benötigen zudem Hilfe bei der Beantragung von finanzieller Unterstützung für den Musikschulbesuch ihrer Kinder (Soddemann 2017, S. 51).


Musikalische Praxis: Musik in KiTas

Durch musikalische Angebote in Kindergärten und Kindertagesstätten (im folgenden: KiTas) kommen vergleichsweise viele Kinder auf unkomplizierte Weise mit Musik in Kontakt. Auch für Kinder mit Eltern, die musikalischen Angeboten möglicherweise skeptisch gegenüber stehen, wird auf diese Weise ein Zugang zu musikalischen Angeboten ermöglicht. Um einem inklusiven Ansatz gerecht zu werden, setzen musikalische Angebote in KiTas voraus, dass die KiTa selbst inklusiv konzipiert ist.

Dass in KiTas aktiv Musik gemacht wird, ist wohl im deutschsprachigen Kulturraum fast überall gängige Praxis. Zwar mag die Ausgestaltung von den individuellen Möglichkeiten und Neigungen einzelner Erzieher*innen abhängen, doch gibt es wohl kaum KiTas, die auf die Verwendung musikalischer Elemente zur Gestaltung und Strukturierung des Alltags verzichtet (Begrüßungslieder, Abschiedslieder, Bewegungslieder, jahreszeitlich orientierte Lieder, etc.).

Musikalische Angebote an KiTas im engeren Sinn setzen jedenfalls ein*e Musikpädagog*in voraus, die*der mit den Kindern gemeinsam Musik macht. Wenn musikalische Angebote zu den Öffnungszeiten der KiTas stattfinden, werden sie in der Regel durch externe Mittel finanziert und es können alle KiTa-Kinder teilnehmen. Wenn alle Kinder einer KiTa in einer bestimmten Gruppe oder Altersstufe an musikalischen Angeboten teilnehmen können, haben diese musikalischen Angebote einen grundsätzlich inklusiv Ansatz. Auch wenn nicht alle Kinder gleichzeitig teilnehmen, rotiert die musizierende Gruppe in der Regel und es können sukzessive alle Kinder der KiTa an den musikalischen Angeboten teilnehmen.

Auch die Einwerbung finanzieller Unterstützung für musikalische Angebote entfaltet in diesem Kontext inklusive Wirkung. Beispiele für musikalische Angebote in KiTas für alle Kinder sind das 2019 im Rhein-Sieg-Kreis neu angelaufene Projekt „LuKi - Ludwig goes KiTa“ oder das vom Landesverband der Deutschen Musikschulen erstellte Konzept „Kita und Musikschule“.



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