Nelly Wolffheim (1879-1965)

Nelly Wolffheim 200Nelly Wolffheim (Quelle: Ida Seele-Archiv)Nelly Wolffheim war eine in der Tradition Friedrich Fröbels ausgebildete Kindergärtnerin. Sie betrachtete den Kindergarten nicht als „das Ideal“, vielmehr „als ein segensreiches Hilfsmittel“, dabei betonend, dass die vorschulische Einrichtung eigentlich bestrebt sein sollte, sich „überflüssig zu machen, „indem wir den durch uns vertretenen pädagogischen Ideen in der Familienerziehung Eingang zu schaffen suchen“ (Wolffheim 1910, S. 32).

Obwohl die Fröbelkindergärtnerin selbst keine psychoanalytische Ausbildung absolvierte, favorisierte sie, nachdem ihr eine erfolgreiche Psychoanalyse zu neuer Lebensqualität verhalf, für ihren Privatkindergarten die psychoanalytische Pädagogik. Dabei hatte sie kein „eigentliches Konzept psychoanalytischer Kleinkinderpädagogik formuliert, aber doch einige Überlegungen aus psychoanalytischer Perspektive entwickelt. Aus diesen, von den herkömmlichen Argumentationsmustern doch sehr verschiedenen grundlegenden Ansätzen, entwickelte sie ihr Verständnis von Erziehung“ (Wasmuth 2011, S. 385).
 

Leben und Wirken


Nelly Wolffheim wurde am 29. März 1879 in eine gut situierte jüdische Familie hinein geboren. Zusammen mit ihrem um zwei Jahre älteren Bruder wuchs das Mädchen in einer „hypochondrischen Atmosphäre“ (Wolffheim 1964, S. 2) auf. Darauf reagierte Nelly Wolffheim von Kindheit an mit unterschiedlichen körperlichen Beschwerden, und das bis in das Alter von 40 Jahren. Gegen den Willen ihrer Eltern absolvierte sie eine Kindergärtnerinnenausbildung am renommierten „Pestalozzi-Fröbel-Haus“, um dem öden „Haustochterdasein“ zu entfliehen. Danach arbeitete die junge Kindergärtnerin ehrenamtlich in mehreren Berliner vorschulischen Einrichtungen. Diese erfüllende Arbeit musste sie bereits nach einem Jahr wieder aufgeben, da sie erneut schwer erkrankte. Bis 1910 verbrachte Nelly Wolffheim zu Hause oder in Sanatorien. Ihr Leben nahm eine erfreuliche Wendung, als sie von Freunden und Bekannten aufgefordert wurde, ihren Kindern Handfertigkeitsunterricht zu erteilen. Ihre erfolggekrönte Arbeit, „in der sie auch neurotische Kinder in einer Art Beschäftigungstherapie betreute, gab Nelly Wolffheim den Mut, sich 1914 mit einem eigenen Kindergarten selbständig zu machen“ (Popp 1999, S. 271). In ihrem Privatkindergarten, der zunächst drei Tage in der Woche geöffnet war und von etwa acht Kindern besucht wurde, arbeitete sie nach der Methode Friedrich Fröbels. Ab 1922 orientierte sich verstärkt an der psychoanalytischen Pädagogik.

Ab 1934 leitete Nelly Wolffheim, die vier Jahre vorher ihre private Einrichtung auflöste, das von der jüdischen Gemeinde Berlin errichtete Kindergärtnerinnenseminar. Sie selbst unterrichtete die pädagogischen und psychologischen Fächer, dabei stets die Erkenntnisse der Psychoanalyse berücksichtigend. Aber auch die pädagogischen Ideen von Johann Heinrich PestalozziPestalozzi||||| Johann Heinrich Pestalozzi`s (1746 - 1827) pädagogisches Ziel war es eine ganzheitliche Volksbildung zu erreichen, und die Menschen in ihrem selbstständigen und kooperativen Wirken in einem demokratischen Gemeinwesen zu stärken. Er legte Wert auf eine harmonische und ganzheitliche Förderung von Kindern in Bezug auf intellektulle, sittlich-religiöse und handwerkliche Fähigkeiten. Grundidee ist dabei, ähnlich wie in der Montessori-Pädagogik, dass die Menschen die Fähigkeit entwickeln, sich selbst zu helfen.   , Friedrich Fröbel und Maria Montessori gehörten zum Lehrstoff.

Als die Situation im Nazi-Deutschland für Nelly Wolffheim immer bedrohlicher und unerträglicher wurde, entschied sie sich für die Auswanderung. Bis zu ihrem Tod, am 2. April 1965, lebte die Emigrantin zuerst in London, dann zwölf Jahre in Oxford, bis sie wieder in die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs zurückkehrte. Vergeblich versuchte die „Laienkinderanalytikerin“ Kontakt zu Anna Freud, die in London in unmittelbarer Nähe von ihr wohnte, aufzunehmen. Die Tochter von Sigmund Freud lehnte jedoch jeden Annäherungsversuch schroff ab. Demzufolge fühlte sich Nelly Wolffheim, wie Gerd Biermann, der mit beiden Frauen zusammenarbeitete, in einer „Art Hassliebe“ von Anna Freud „als Kinderpsychologin nicht anerkannt“ (zit. n. Berger 1996, S. 18).


Friedrich Fröbel und Sigmund Freud


Nelly Wolffheim sah in Friedrich Fröbel „in gewissem Sinne (einen; M.B.) Vorläufer der Kinderpsychologie […] Als Vorläufer der Kinderpsychologie können wir Fröbel ansehen, weil er auf manche Phänomene im seelischen Geschehen beim Kind hingewiesen hat, die vor ihm – und wir möchten sagen vor Freud – nicht ins Blickfeld der Beobachtung gerückt worden waren“ (Wolffheim 1975, S. 90).

Ein Beleg dafür ist, der beiden hohe Bewertung des kindlichen Spiels:

„Bei Freud lesen wir: ‚Man sieht die Kinder alles im Spiele wiederholen, was ihnen im Leben großen Eindruck gemacht hat, daß sie dabei die Stärke des Eindrucks abreagieren, und sich sozusagen zu Herren der Situation machen.’ ‚… durch diese Art von der Passivität zu Aktivität überzugehen, sucht es seine Lebenseindrücke psychisch zu bewältigen.’ Fröbel sagt in gleichem Sinne: ‚Alle freitätigen Äußerungen des Kinderlebens sind sinnbildlich, deuten im äußeren Erscheinen auf inneres Sein, inneren Grund.’ Und weiter: ‚Spielen, Spiel ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung, der Menschenentwicklung dieser Zeit; denn es ist die freitätige Darstellung des Inneren, die Darstellung des Inneren aus Notwendigkeit und Bedürfnis des Inneren selbst. Spiel ist das reinste geistige Erzeugnis des Menschen auf dieser Stufe. Es gebiert darum Freude, Freiheit, Zufriedenheit, Ruhe in sich und außer sich, Frieden mit der Welt.’“ (Wolffheim 1975, S. 99).

Dass Fröbel und Freud einerseits das Spiel als seelisch-geistige Leistung, als Ausdruck innerpsychischer Vorgänge interpretierten, andererseits Kinder im vertieften Spiel Spannungszustände und unbewusste Konflikte verarbeiten, war „der neue, erzieherische wichtige Fund“ (ebd., S. 100).

 

Psychoanalyse und repressionsfreie Erziehung


Überaus revolutionär für die damalige Kindergartenpädagogik waren Nelly Wolffheim Äußerungen zur kindlichen Sexualität. Bis dahin wurden Fragen, die kleinkindliche Sexualität betreffend, in der Literatur zur Kindergartenpädagogik so gut wie nicht beleuchtet. An Friedrich Fröbel kritisierte sie, dass von ihm die Sexualität des Kindes nicht direkt angesprochen wurde. Dies entsprach, so Nelly Wolffheim, „ganz der damaligen Zeit, muß uns aber bei einem sonst so fortschrittlichen Pädagogen wundern“ (ebd.). In ihrer epochalen Schrift „Psychoanalyse und Kindergarten“ sprach sie einige Aspekte der kindlichen Sexualität an, u. a. die kindliche Onanie, den Kastrationskomplex, den Gebrauch von schmutzig-sexualisierten Ausdrücken, erotisch gefärbte kindliche Freundschaften etc.. Betrachten wir exemplarisch ihre Ansicht zur Onanie, die seinerzeit als anstößige und gesundheitsschädigende Gepflogenheit überaus hart bekämpft wurde, näher. Die „Laienkinderanalytikerin“ bewertete die kindliche Onanie als naturgemäßen Vorgang, der, „in normaler Weise ausgeübt, keinen Schaden bringt und keine weitere Beachtung finden sollte“ (ebd., S. 121). Nur bei exzessiver Onanie ist zu überlegen, „ob nicht auf psychoanalytischem Weg dagegen angekämpft werden sollte“ (ebd.).

Vehement verabscheute Nelly Wolffheim rigorose Erziehungsmaßnahmen um die kindliche Onanie zu stoppen, denn manche „spätere Neurose konnte auf angsterregende Drohung in den Kinderjahren zurückgeführt werden. Daß wir es absolut ablehnen, Kinder durch Schläge ‚bessern’ zu wollen, bedarf […] kaum der Erwähnung. Heute ist es wohl selbstverständlich, daß im Kindergarten nicht geschlagen wird […] Wer einem Kinde gewaltsam etwas abgewöhnen will, vergisst die Grundregel aller modernen Entziehungskuren: Schonung durch allmähliches Vorgehen“ (ebd.). Solch einem repressionsfreien Vorgehen im Kindergarten stand die autoritäre Familienerziehung konträr entgegen. Darum setzte sich Nelly Wolffheim für eine zeitintensive Elternarbeit ein. Diesbezüglich formulierte sie treffsicher:

„Wesentlicher als alle Erziehungsreformen ist die Veränderung der elterlichen Grundeinstellung“ (Wolffheim 1926/27, S. 156).

 

Literatur


  • Berger, Manfred: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt/Main 1995, S. 194-199

  • Ders.: Nelly Wolffheim. Eine Wegbereiterin der modernen Erlebnispädagogik?, Lüneburg 1996

  • Biermann, G.: Nelly Wolffheim und die psychoanalytische Pädagogik, Gießen 1998

  • Kerl-Wienecke, A.: Nelly Wolffheim. Leben und Werk, Gießen 2000

  • Popp, U.: Nelly Wolffheim 1879 (Berlin – 1965 (London), in: Ludwig-Körner, Ch.: Wiederentdeckt – Psychoanalytikerinnen in Berlin, Gießen 1999, S. 268-291

  • Wasmuth, H.: Kindertageseinrichtungen als Bildungseinrichtungen. Zur Bedeutung von Bildung und Erziehung in der Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland bis 1945, Bad Heilbrunn 2011

  • Wolffheim, N.: Soll ich mein Kind in einen Kindergarten schicken?, Leipzig 1910

  • Dies.: Elternfehler, in: Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik 1926/27, S. 156-157

  • Dies.: Psychoanalytisch-pädagogische Betrachtungen zum Kinderspiel, in: Kindergarten 1928, S. 72-77

  • Dies.: Psychoanalytische Erziehung, in: Kleine Kinder 1928, S. 161-164

  • Dies.: Die Rätselhaftigkeit menschlichen Lebens, o. O. 1964

  • Dies.: Psychoanalyse und Kindergarten und andere Arbeiten zur Kinderpsychologie, München 1975, S. 90-102


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