Armutssensibles Handeln von pädagogischen Fachkräften

Co-Autorin: Hannegret Frohn

Ist arm sein ein Stempel? Wie erleben Kinder Armut? Welche Handlungsmöglichkeiten und welche Grenzen gibt es für armutssensibles Handeln in der Kindertageseinrichtung? Der Beitrag stellt sich diesen Fragen mit Blick auf die Ergebnisse des 5. Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung.

Juliana (1) ist 4 1/2 Jahre alt. Beim gemeinsamen Frühstück in der Kita macht sich Juliana seit geraumer Zeit Brote – und zwar mehr als sie essen kann. Hanna, ihre Erzieherin bemerkt, dass Juliana die Brote in ihr Fach legt, zu all den anderen wichtigen eigenen Dingen, die sie dort aufbewahrt. Später zeigt ein Hausbesuch mit dem Jugendamt, dass der Kühlschrank in der Wohnung, in der Juliana lebt, leer ist. Juliana schmiert Brote, mit denen sie sich, ihren Bruder und vielleicht auch ihre Mutter versorgen will. Armut ist Alltag für Juliana, in vielerlei Hinsicht, auch wenn sie das noch nicht abstrahieren kann.

Aaron ist 5 und schon in der dritten Kita. Wegen seines aggressiven Verhaltens anderen Kindern gegenüber wurde er immer wieder weitergereicht. »Hier in der Kita reden sie mit mir und schmeißen mich nicht raus«, sagt Aaron und versteht schon, dass er hier so sein und bleiben kann wie er ist. Aaron wächst in einem sozial belasteten Haushalt auf. Er hat keinen eigenen Raum und lebt mit Eltern und mehreren Geschwistern in beengtem Wohnraum. Sich durchsetzen, das konnte er bisher nur mit Gewalt.

Meren ist immer hübsch gekleidet. Ihre Eltern sind immer freundlich und beteiligen sich viel bei Aktionen in der Kita. Bei Ausflügen aber möchte Meren neuerdings nicht mehr mitkommen oder wird an dem Tag abgemeldet. Darauf angesprochen erzählt sie ihrem Erzieher Patrick, dass sie sich schämt, weil sie keinen schönen neuen Rucksack besitzt, wie ihre Freunde. Sie möchte deshalb auch lieber nicht mit zum Ausflug kommen. Armut sieht man Merens Familie nicht an. Merens Eltern geben, wie die meisten Eltern, alles für ihre Kinder. Sie leben in einem Einfamilienhaus, doch seit ein paar Monaten haben beide Eltern keine Arbeit mehr. Die Lebensumstände für Merens Familie haben sich von heute auf morgen verändert. Jetzt reicht das Geld manchmal nicht, damit Meren so wie andere Kinder teilhaben kann.

Armut kann definiert werden – Armut ist aber auch ein Gefühl und persönliche Wahrnehmung

Die Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung orientiert sich an einem umfassenden Analyseansatz, der die Risiken für Armut und soziale Ausgrenzung in verschiedenen Lebenslagen beschreibt. Anzeichen aus 11 verschiedenen Bereichen wie Einkommensverteilung, Überschuldung, Arbeitslosigkeit, Mindestsicherung, materielle Entbehrung, Wohnen, Gesundheit oder soziale Teilhabe werden dabei in den Blick genommen. Armut und Reichtum werden also nicht absolut (i.S. von materieller Unter- oder Überversorgung), sondern relativ, d.h. im Verhältnis zum gesellschaftlichen Durchschnitt in Deutschland, betrachtet.

Eine zentrale Dimension aber ist das Einkommen, da Teilhabe eng an "finanzielle Ressourcen geknüpft ist. Als von Armut bedroht gilt, wer mit weniger als 60% des mittleren Einkommens auskommen muss. Das mittlere Einkommen liegt genau in der Mitte der Pro-Kopf-Einkommensskala in einem Land. Wer also 60% oder weniger des Median-Einkommens verdient, ist nach dieser Definition von Armut bedroht.

Wer sich in der Gesellschaft umsieht, weiß aber auch: Armut ist mehrdimensional und individuell. Familien in belasteten Lebenslagen sind selten nur von einem Risiko betroffen. Julianas Mutter aus dem Anfangsbeispiel ist alleinerziehend und wegen einer psychischen Erkrankung in Therapie. Sie überlässt ihre beiden Kinder oft sich selber, schafft es aber, sie regelmäßig in die Kita zu bringen. An das Einkaufen zu denken schafft sie nicht immer und hat auch oft nicht mehr das Geld.

Armut ist immer auch eine Frage der Perspektive. Ändern sich Lebensumstände der Eltern durch plötzlichen Verlust des Arbeitsplatzes von heute auf morgen, wie im Beispiel von Meren, ist die Teilhabe am Gewohnten nicht mehr uneingeschränkt möglich. Auch wenn Merens Familie nach Faktenlage noch nicht als arm gilt, ist der Verlust für Meren plötzlich real, auch wenn sich die Lebensumstände vielleicht später wieder ändern.

Insgesamt betrachtet bescheinigt der 5. Armuts- und Reichtumsbericht Deutschland eine gute Entwicklung: Konjunkturaufschwung, sinkende Arbeitslosenzahlen und stabile Mittelschicht. Zugleich macht der Bericht aber auch deutlich, dass der wirtschaftliche Aufschwung eben nicht bei allen Menschen ankommt: Dies drückt sich vor allem darin aus, dass die Armutsrisikoquote nicht zurückgegangen ist, dass sich Langzeitarbeitslosigkeit immer weiter verfestigt und dass es einen großen Teil verdeckter Armut gibt. Diese Form Armut betrifft jene Menschen, die ihre Ansprüche aus Unkenntnis, Scham oder Angst vor Stigmatisierung nicht wahrnehmen.

Die letzten beiden Punkte sind im Bericht eher unterbelichtet. Ebenfalls wenig detailliert setzt sich der Bericht mit den Punkten auseinander, die sich verändern müssen, um die Lage von Familien und Kindern zu verbessern. Ein eigenes Bild über den 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung können Sie sich unter www. armuts-undreichtumsbericht.de machen.

Wie ist das denn nun? Wie viele Kinder sind in ihren Familien in Deutschland von Armut betroffen?

Je nachdem welche Datengrundlage man heranzieht, sind in Deutschland 14,6% oder 21,1% der Kinder von Armut bedroht. Die Unterschiede ergeben sich durch verschiedene Basisdaten und Indikatoren, die zur Bewertung herangezogen werden. Je nach Betrachtungsweise sind von den insgesamt 12,9 Mio. Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren in Deutschland rund 1,9 bis 2,7 Mio. Kinder aufgrund der Verhältnisse ihrer Familie arm. Jedes 5. oder 6. Kind ist also von Armut bedroht (Armuts- und Reichtumsbericht 2017, S. 250).

Was bedeutet das konkret? Objektiv sind Kinder in armen Familien, um nur zwei Beispiele zu nennen, eher betroffen von:

  • Gesundheitsbelastungen: Aus einem UNICEF-Bericht zur Lage von Kindern in Deutschland 2013 geht beispielsweise hervor, dass Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten und sozial schwachen Familien weniger Sport treiben, mehr fernsehen und häufiger rauchen. Alltagsroutinen in der Familie wie Essgewohnheiten, Bewegungsverhalten oder Rauchen haben häufig einen lebenslangen Effekt auf Gesundheit und Risikoverhalten (UNICEF 2013, S. 1). Auch eine Studie des Robert-Koch-Institutes zur Kindergesundheit (RKI 2014, S. 14) konnte nachweisen, dass das Risiko für Gesundheitsprobleme durch psychische Auffälligkeiten, Essstörungen und Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem sozialen Status höher ist, als bei Gleichaltrigen aus Familien mit mittlerem oder hohem Sozialstatus.
  • sozialräumlicher Konzentration von Armut: Dass Familien in sozial schlechteren Lagen häufig in bestimmten Stadtteilen oder Regionen konzentriert Wohnraum finden, empfinden wir so. Bisher ließ sich das wegen fehlender Daten nicht umfassend analysieren. Hier schließen der 5. Armuts- und Reichtumsbericht und seine Begleitforschung eine Lücke. Die dort erhobenen Daten machen deutlich, dass sich bestimmte soziale Gruppen in bestimmten Gebieten konzentrieren und das in Zusammenhang mit dem Armutsrisiko steht (5. Armuts- und Reichtumsbericht, S. 148). Ebenso erleben Kinder und Eltern hier vermehrt einen Mangel an Rückzugsmöglichkeiten im Haushalt der Familie. Während Haushalte mit Kindern in Armutsgefährdung im Durchschnitt 3,8 Räume belegen, sind es bei entsprechenden Haushalten ohne Armutsgefährdung 4,7 Räume. Zudem sind in sozial benachteiligten Stadtteilen Gesundheitsbelastungen durch Umweltprobleme oft besonders hoch (5. Armuts- und Reichtumsbericht, S. 271). Gerade für Kinder mit einem noch relativ begrenzten Bewegungsradius hat diese Tatsache Einfluss auf ihre sozialen Chancen.

Was macht das mit Kindern wie Juliana, Aaron und Meren?

Kinder erleben die Verhältnisse in ihrer Familie erst einmal ganz normal. Juliana erlebt, dass sie selber schauen muss, wo sie bleibt. Sie hat Überlebensstrategien entwickelt, für sich, für ihren Bruder und auch für ihre Mutter. Am Wochenende gibt es wenig zu essen und sie und ihr Bruder sind sich häufig selbst überlassen. In der Kita erlebt Juliana zunächst eine andere Welt. Hier kann sie sich satt essen. Im Gewusel des Aufräumens nach dem Frühstück bringt sie Lebensmittel in ihre Schatzkiste in der Garderobe. Für Juliana ist es normal, dann viel zu essen, wenn es etwas gibt. Essen zu bunkern ist für sie lebensnotwendig und deshalb selbstverständlich.

Aaron hat wenige Konfliktlösungsstrategien gelernt. Er reagiert meistens mit Gewalt, wenn auch unbewusst und manchmal ungewollt. In Situationen, die ihn überfordern, schlägt er um sich. Dabei entwickelt Aaron die Kraft, die ihm sonst fehlt. Im beengten Wohnumfeld hat er keine Möglichkeit, Raum für sich zu haben. Zu Hause ist oft Krach, zwischen seinen Geschwistern und noch öfter zwischen seinen Eltern. Weil er mit seinem Überschwang schon häufig Kinder verletzt hat oder mit seinem Verhalten die Kindergruppe gestört hat, wurde er schon früh von einer Einrichtung zur nächsten vermittelt. Aaron erlebt früh die Ablehnung seiner Person und zwar egal ob zu Hause oder von anderen. Er entwickelt das Bewusstsein »Ich bin nicht richtig«.

Meren nimmt ihre Eltern in letzter Zeit als gestresst wahr. Irgendwas ist anders, aber Meren kann das nicht greifen. Früher war das nicht so. Da konnte Meren alles mitmachen und z.B. ihre Freunde zu Kindergeburtstagen nach Hause einladen. Sie weiß nicht, warum das jetzt anders ist. Ihre Eltern sagen, es sei alles ok und sie solle sich keine Gedanken machen. Trotzdem schämt sie sich, weil sie keinen tollen Rucksack hat, wie alle anderen Kinder. Meren hat Angst, ausgegrenzt zu werden und weiß nicht so genau warum.

Das Erleben von Kindern ist individuell. Je nach Entwicklungsstand beziehen Kinder eine größer werdende Umgebung in ihre Erfahrungen mit ein. Die im Jahr 2013 erschienene 3. World Vision Kinderstudie bestätigt, dass in Deutschland Kinder unter Armut und eingeschränkten Beteiligungsmöglichkeiten leiden. Dafür wurden in der Kinderstudie Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren nach der eigenen subjektiven Einschätzung ihres Wohlbefindens befragt. Vier Fünftel der befragten Kinder sind (sehr) zufrieden mit ihrem Leben – was ein vielversprechendes Ergebnis ist. Dafür kann aber ein Fünftel der befragten Kinder als abgehängt bezeichnet werden. Diese Kinder sind von Armut oder Armutsgefährdungen betroffen, sie fühlen sich in ihrer Meinung nicht wertgeschätzt und ernst genommen, sie haben weniger positive Erwartungen an ihre Zukunft und sie fühlen sich ungerechter behandelt als die anderen Kinder (Andresen/Hurrelmann 2013, S. 95 #.).


Was brauchen diese Kinder in der Kita?

a) Empathische Erwachsene, die sich bedingungslos für sie einsetzen
Meren erzählt ihrem Erzieher Patrick, dass sie sich schämt. Dieser sagt ihr, dass er nun verstanden hat, weshalb sie nicht mehr mitkommen möchte. Er glaubt aber, dass die anderen Kinder sich sicher freuen, wenn Meren dabei ist, auch ohne neuen Rucksack. Und überhaupt haben er und andere bestimmt Ideen, um gemeinsam eine einfache Lösung zu finden. Patrick ist empathisch. Er erkennt und versteht Merens Empfindungen. Bestimmte Lebenssituationen von Kindern und Familien, die wir im pädagogischen Alltag erleben, machen uns betroffen. Wir empfinden Mitleid – was uns häufig lähmt. Sich in das Gegenüber, in seine Eigenarten und seine Lebenskultur hineinzuversetzen hingegen ist Empathie. Sowohl auf professioneller als auch auf menschlicher Ebene ermöglicht Empathie Handeln. Dabei geht es um die kleinen Schritte. Wie sehen diese in Merens Beispiel aus? Die Fachkräfte überlegen erst im Team und später mit den Kindern und Eltern, was sie tun können, um Meren und vielleicht auch andere Kinder zu unterstützen. Die Kinder können sich beim Ausflug doch z.B. auch einen Rucksack teilen, fällt den gefragten Kindern ein. Das Essen wird in der Kita vorbereitet und von den Fachkräften mit auf den Ausflug genommen, bespricht das Team. Für die Eintrittsgelder oder Kosten bei Ausflügen können vom Träger Sponsoren gewonnen werden oder der Unterstützerverein der Kita wird angefragt, ob er Kosten übernehmen kann. Meren erlebt, dass ihre Lebenslage und die ihrer Familie wahrgenommen und verbalisiert wird. Sie ist kein Tabu mehr und wird damit auch für Meren fassbarer und sie scheint lösbar. Meren empfindet Zuversicht.

b) Jedes Kind in seiner Entwicklung wahrnehmen und unterstützen
In der Kita erlebt Aaron verlässliche Strukturen, und dass man mit ihm spricht. Aaron hat eine Bezugserzieherin, Shirin, die mit ihm arbeitet. Die beiden haben Signale gefunden, an denen Aaron merken kann, dass er wütend wird. Dabei weiß Aaron am besten, was er braucht. Meist macht ihn Shirin noch darauf aufmerksam und bietet ihm dann einen Raum für sich. Manchmal aber merkt Aaron schon selber, wenn er gerade außer sich ist. Dann nimmt er sich eine mit Sand gefüllte Weste aus dem Regal und stülpt sie über, um sich wieder spüren zu können. Morgens geht er manchmal zuerst raus, wenn alle frühstücken und rennt über den Spielplatz. Die Fachkräfte haben mit ihm und der Kindergruppe besprochen, warum er das braucht. Besonders montags hat er oft ein großes Bewegungsbedürfnis. Für die anderen Kinder ist das okay. Für Aaron ist die Kita ein bisschen wie eine Insel, ein Ort an dem er auftanken und sich richtig fühlen kann. Kindertageseinrichtungen sind keine ambulanten Hilfen zur Erziehung light, sie haben Grenzen. Der wesentliche Blick der pädagogischen Arbeit in der Kindertageseinrichtung ist auf die Kinder gerichtet. Besonders bei Kindern, die in ihrem Leben stark belastet sind, ist es notwendig, zuerst das Kind wahrzunehmen und in seiner Entwicklung und seinem Handeln zu stärken. Dies ist die Ebene der Verhaltensprävention.

c) Zusammenarbeit mit Eltern
Hanna, die Erzieherin von Juliana, hat das Verhalten von Juliana zunächst beobachtet, d.h. sich zurückgenommen und nach einem guten Grund für Julianas Verhalten gesucht. Hanna hat sich Juliana zugewendet, sie nicht für ihr Verhalten verurteilt, sondern ihr zunächst ein Angebot gemacht: Sie könne auch nachmittags Brote schmieren, damit sie frisch sind. Nach einer Weile wurde nach Absprache mit Juliana auch ihre Mutter einbezogen. Nachdem das Vertrauen da war, wurden gemeinsam andere Hilfsangebote gesucht und gefunden. Auch wenn die Idee, das Essen erst nachmittags für den Nach-Hause-Weg vorzubereiten, unkonventionell – auch für die Kita – war, traf sie doch genau das Bedürfnis von Juliana. Unkonventionelle und einfache Ideen sind in allen Kindertageseinrichtungen machbar. Sie werden gefunden: Wenn Kinder kein oder wenig Spielzeug zu Hause haben, wird ein Spielepool oder eine Ausleihe eingerichtet. Es gibt Flohmärkte, Tauschbörsen oder Kleiderkisten in der Kita für alle, die auch Familien mit wenig Geld für neue Kindersachen zugute kommen. Auf dieser zweiten Ebene (Verhältnisprävention) der Armutsprävention geht es um die strukturellen Aspekte der Gestaltung der Teilhabemöglichkeiten für Kinder und ihre Familien in der Einrichtung. Eltern, die sonst wenig Selbstwirksamkeitserfahrungen machen, können aktiv in den Elternrat einbezogen und in die Prozesse in der Kita eingebunden werden. Mitentscheiden und mithandeln können befähigt Erwachsene ebenso wie Kinder. Das gilt für Entscheidungen ebenso wie für gemeinsame Aktionen. Bei einem Gartentag zum Beispiel sind keine monetären Ressourcen notwendig, hier können sich dafür alle beteiligen.

d) Netzwerke als unterstützendes Element
Was Kindertageseinrichtungen brauchen, sind Netzwerke. Netzwerkpartner brauchen sich gegenseitig als unterstützendes Element. Alleinkämpfertum bringt einen nur an den Rand des Machbaren. Mit Verbündeten aber finden sich Lösungen. Es wurde schon viel über Netzwerke geschrieben und oft auch fehlende Ressourcen für die Netzwerkarbeit beklagt. Hier muss auch nach Einführung der Frühen Hilfen immer noch ein besseres Verständnis für den Nutzen und die Wirkungen von Netzwerkarbeit eingeworben werden. Ein Netzwerk für Kinder in einer Region, einem Ort oder einem Stadtteil kann aber nicht ohne die Perspektive von Kindertageseinrichtungen auskommen. Sie sind Seismografen für die Lage der Kinder und die Bedürfnisse ihrer Familien.

Was brauchen Fachkräfte für armutssensibles Handeln?

  • Um armutssensibel Handeln zu können, benötigen Erzieherinnen und Erzieher selbstreflexive Professionalität, die das Nachdenken über die eigene Haltung sowie eigene Vorstellungen und Erfahrungen in Bezug auf Armut und Ausgrenzung ermöglicht (AGJ 2017, S. 17).

  • Unabdingbar ist auch ein vorurteilsbewusster Umgang, also sich der eigenen Vorurteile und Schubladen bewusst zu werden und stereotype Zuschreibungen zu hinterfragen (Hock 2014, S. 64). Aaron beispielsweise stieß schon früh auf Fachkräfte, die sein Verhalten als problemhaft und damit auch ihn als Problem stigmatisierten.

  • Ereignisse, Verhaltensweisen oder gar Menschen aufgrund des eigenen Erlebens in Schubladen zu verpacken, ist ein Überlebenstrick unseres Gehirns. Ohne ihn würden wir überflutet werden mit Informationen. In der professionellen Arbeit mit Menschen/Kindern ist es wesentlich, sich seiner eigenen Schubladen bewusst zu sein , sie wieder öffnen zu können und die eigene Reaktion hinterfragen zu können. Reflexionsfähigkeit zu lernen ist erfreulicherweise ein lebenslanger Prozess.

  • die Fähigkeit, Stigmatisierungs- und Ausgrenzungsmechanismen erkennen und vermeiden zu können. Armutssensibles Handeln erfordert für Fachkräfte, sich nicht von klischeehaften Vorstellungen leiten zu lassen, die Ausgrenzung reproduzieren, indem sie verdeckte Armut übersehen. Angebote in Kindertageseinrichtungen, die zusätzliche Kosten für Eltern verursachen, sind Zugangsbarrieren für die Teilhabe von Kindern. Zur inklusiven Gestaltung der Arbeit gehört es auch, solche Barrieren zu erkennen und soweit wie möglich Einfluss auf die Beseitigung dieser zu nehmen. Dafür können Fachkräfte selbst auf Erkundungstour gehen und sich in die Rolle von Eltern oder Kindern hineinversetzen. Auf welche Barrieren treffen sie z.B. in der Rolle als interessierte Familie, die ihr Kind anmelden möchte? Wo und welche Informationen finden Eltern über Unterstützungs- und Beratungsangebote in Ihrer Einrichtung (DRK 2016, S. 74)?

  • traumapädagogisches Wissen. Das meint die Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse darüber, was Kinder und Jugendliche mit biografischen Belastungen oder erlebten Traumatisierungen brauchen. Es stellt die Ressourcen und ResilienzResilienz|||||Resilienz kann als "seelische Widerstandsfähigkeit" verstanden werden mit der Fähigkeit Krisen zu meistern und diese als Anlass für Selbstentwicklungen zu nutzen. In der Resilienzförderung geht es speziell darum die Widerstandsfähigkeit von Kindern und Erwachsenen in belasteten und risikobehafteten Lebenssituationen durch schützende Faktoren zu entwicklen, zu ermutigen und zu stärken. Ein verwandter Begriff ist der der Salutogenese.  der Kinder in den Mittelpunkt. Das Fundament bildet eine wertschätzende und verstehende Haltung. Dazu gehört zum Beispiel die Annahme des »guten Grundes«, ganz besonders bei Verhaltensweisen von Kindern, die für pädagogische Fachkräfte oder die Kindergruppe belastend sind. Eine gute Möglichkeit ist die sogenannte »Weil-Frage«. »Du machst das, weil ...?« will wirklich heraus finden, was hinter dem Verhalten liegt. Sie akzeptiert den guten Grund, was nicht gleichbedeutend damit ist, das Verhalten an sich zu akzeptieren (Weiß 2011, S. 122).

  • Zudem brauchen Fachkräfte Grundlagenwissen über Armutsursachen, -symptome und -folgen. Die Hintergründe von Verhalten zu verstehen, ist nur möglich, wenn Fachkräfte eine Idee haben, in welchen Lebenslagen sich Familien befinden können. Verhaltensweisen von Kindern oder Eltern lassen sich so besser einordnen. Dazu gehört vor allem das Wissen der Lage von Familien im Sozialraum der Kindertageseirichtung.

  • Strukturell ist auch der Zugang zur Kindertagesbetreuung eine wichtige Voraussetzung für armutssensibles Handeln. Die große Unterschiedlichkeit der Beiträge zur Kostenbeteiligung kann zur Reproduktion sozialer Benachteiligung beitragen, insbesondere bei Familien an der Schwelle zur Armut. Umso wichtiger ist es, den Zugang zukünftig unabhängig vom Elterneinkommen zu gestalten und die Angebote langfristig kostenfrei zu gestalten. Voraussetzung hierfür ist aber eine quantitativ und qualitativ gesicherte Basis der Angebote, um insbesondere belasteten Kindern und Familien die notwendige Aufmerksamkeit adäquat geben zu können. Bei entsprechender Ausstattung können Kindertageseinrichtungen einen wichtigen Beitrag dazu leisten, fehlende Chancen zu kompensieren.

  • Durch einen ressourcenorientierten Ansatz können Fachkräfte schließlich dazu beitragen, Erfahrungen von Selbstwirksamkeit bei Kindern und ihren Familien zu fördern. Beteiligung ermöglicht Selbstwirksamkeit, Wertschätzung und Anerkennung. Damit tragen Kindertageseinrichtungen ganz im Sinne von § 1 SGB VIII zur Entwicklung junger Menschen zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten bei.

Fazit

Die Möglichkeiten aber auch die Wirkungen armutssensiblen Handelns einer Kindertageseinrichtungen sind umfassend. Für Kinder wie Juliana, Aaron und Meren bedeutet das, diese Kinder wahrzunehmen, ihr Verhalten wertschätzend zu hinterfragen und viele kleine und passgenaue Lösungen zu finden. Kinder und Familien erfahren so, dass sie wichtig und richtig sind.


Literatur

  • Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) (2017): Armut nicht vererben – Bildungschancen verwirklichen – soziale Ungleichheit abbauen! Fünfter Armuts- und Reichtumsbericht: Konsequenzen und Herausforderungen für die Kinder-und Jugendhilfe – Positionspapier der AGJ.
  • Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) (2015): Kinderarmut und Familienpolitik in Deutschland – eine fachpolitische Einordnung. Diskussionspapier der AGJ.
  • Andresen, S./Hurrelmann, K. (2013): Kinder in Deutschland 2013. 3. World Vision Kinderstudie. Beltz Verlag.
  • Andresen, S./Galic, D. (2015): Kinder. Armut. Familie. Alltagsbewältigung und Wege wirksamer Unterstützung. Verlag Bertelsmann Stiftung.
  • Bertram, H. (2012): Reiche, kluge und glückliche Kinder? Der UNICEF Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland. Beltz Juventa.
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2017): Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.
  • Deutsches Rotes Kreuz e.V. (2015): InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. in DRK-Kindertageseinrichtungen. URL: http: / / drkkinder-jugend- familienhilfe. de/ veroeffentlichungen/ (Zugriff am 24.11.2017).
  • Hock, B./Holz, G./Kopplow, M. (2014): Kinder in Armutslagen. Grundlagen für armutssensibles Handeln in der Kindertagesbetreuung. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte, WiFFWiFF|||||WiFF ist ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der Robert Bosch Stiftung und des Deutschen Jugendinstituts e.V. Die drei Partner setzen sich dafür ein, im frühpädagogischen Weiterbildungssystem in Deutschland mehr Transparenz herzustellen, die Qualität der Angebote zu sichern und anschlussfähige Bildungswege zu fördern. Expertisen, Band 38.
  • Robert-Koch-Institut (2014): Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland 2013 – KiGGS Welle 1 – Ergebnisbroschüre.
  • Weiß, W. (2011): Phillip sucht sein Ich – Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Beltz Juventa.

Fußnoten
1 Die Namen der in den Beispielen benannten Kinder sind zufällig gewählt. Die Beispiele spiegeln die Erfahrungen von Leitungskräften aus DRK-Kindertageseinrichtungen wieder.


Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus
KiTa Aktuell ND, 2-2018, S. 28-31


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