Prof. Dr. Claudia Solzbacher im Interview zu aktuellen Entwicklungen in der Begabten- und Begabungsförderung

 

  •  Mehr als 1000 TeilnehmerInnen aus 43 Nationen, rund 100 Vorträge, Symposien und Workshops mit neuesten Erkenntnissen und intensiven Diskussionen - der in Kooperation des Internationalen Zentrums für Begabungsforschung (ICBF) und dem nifbe veranstaltete „4. Münstersche Bildungskongress“ zur Begabungsförderung von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter kann eine stolze Bilanz vorweisen. Sie waren als Leiterin der Forschungsstelle Begabungsförderung und Vorstand des ICBF maßgeblich an den Vorbereitungen des Kongresses beteiligt. Was waren ihre ganz persönlichen Höhepunkte dieses Kongresses?

 

 

Zweifellos die Möglichkeit über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, d.h. in viele interessante Ansätze zur Begabungs- und Begabtenförderung aus aller Welt Einblick zu erhalten, nicht zuletzt vermittelt durch hochkarätige ForscherInnen und erfahrene PraktikerInnen. Zahlreiche KollegInnen der Uni Osnabrück und des nifbe haben dort Vorträge gehalten und konnten sich zu ihren jeweiligen Themenschwerpunkten mit einem internationalen Publikum austauschen. Interessant war ebenfalls dabei eine bildungsbiografische Perspektive einzunehmen – was sollte in der Kita grundgelegt werden? Worauf kann und sollte die Grundschule aufbauen können? Welche Bedeutung hat informelles und auch außerschulisches Lernen etc.?

 

  • Sie haben das Stichwort genannt, dass manche verwirrt: was unterscheidet eigentlich Begabungsförderung und Begabtenförderung? Wie schätzen Sie hier die aktuelle Entwicklung ein nach dem Kongress?

 

Nun, der Ansatz unserer Forschungsstelle im nifbe ist die Begabungsförderung. Wir gehen davon aus, dass alle Kinder Begabungen haben und wir in Kita und Schule diese Begabungen finden, wecken und angemessen fördern sollten zum Wohle des Kindes und der Gesellschaft, die - je weniger Kinder wir haben – darauf angewiesen ist einen zufriedenen, gut ausgebildeten und in vielen Feldern engagierten Nachwuchs zu haben, dem es gelingt unsere „greying world“ zukünftig zu stemmen.
Die Begabungsforschung beschäftigt sich deshalb mit Fragen wie: kann man in Schule derart individuell diagnostizieren und fördern – unter welchen Rahmenbedingungen kann und muss dies geschehen, damit es gelingt. Die Begabtenforschung hat sich bisher schwerpunktmäßig den hochbegabten Kindern und Jugendlichen gewidmet – einer Gruppe, die zu wenig im Fokus der PädagogInnen steht, nicht zuletzt weil viele Vorurteile um diese Gruppe kreisen.
Wir sind der festen Überzeugung, dass auch dieser Gruppe eine bessere Förderung wiederfährt, wenn Lehrkräfte insgesamt besser individuell fördern können, d.h. breit ressourcenorientiert diagnostizieren und fördern können. Auch das Schulsystem muss sich auf diesen Paradigmenwechsel der individuellen Förderung umstellen. Unser Ansatz wurde auf dem Kongress mit großem Interesse aufgenommen!

 

  • Ein zentrales Stichwort in den breit angelegten Vorträgen und Diskussionen zur Begabten- und Begabungsförderung war auch die „Selbstkompetenz“, zu der Ihre Forschungsstelle ein grundlegendes wissenschaftliches Konzept und diagnostische Methoden entwickelt hat. Welche Rolle spielt die „Selbstkompetenz“ in der Begabungsförderung und welche Konsequenzen resultieren daraus?

 

Die Bearbeitung dieses Themas basiert maßgeblich auf den Forschungen des Persönlichkeitspsychologen Julius Kuhl, der mit mir die Forschungsstelle gemeinsam leitet. Begabungen können nur in Leistung umgesetzt werden, wenn die Kinder und Jugendlichen (auch die Erwachsenen!) über Kompetenzen verfügen wie Selbstberuhigung oder Selbstmotivation. Für die Ausbildung derartiger Persönlichkeitsmerkmale ist in Kita und Schule immer weniger Zeit – höher, schneller, weiter ist zunehmend das Motto. Selbstkompetenz ist aber die Basiskompetenz für Lernen überhaupt. Im Rahmen des Münsteraner Kongresses gedacht heißt das: Ein hoher IQ alleine ist noch kein Garant für hohe Leistungen - unsere Vorträge zur Selbstkompetenzförderungen fielen auf dem Kongress auf fruchtbaren Boden bei den ErzieherInnen und Lehrkräften.

 

  • Einen speziellen Fokus richtete der Kongress auch auf die InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. und die Begabungsförderung von MigrantInnen. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie hier im frühkindlichen Bereich?

 

Um die Begabungen und Ressourcen eines jeden Kindes auszuschöpfen, d.h. um jedem Kind gerecht zu werden ist, wie gesagt, eine individuelle Förderung unabdingbar und diese wird ja auch gerne als Zauberwort in der bildungspolitischen Diskussion angeführt. Wir können nicht länger in Schubladen denken nach dem Motto: da muss ich Inklusion betreiben und da Begabtenförderung….
Unsere Forschungen zeigen, dass ErzieherInnen und Lehrkräfte dieses Problem sehr genau erkennen, aber unter den gegeben Rahmenbedingungen individuelle Förderung als Überforderung ansehen. Sie benötigen nach eigenem Bekunden vor allem Fortbildungen in ressourcenorientierter Diagnostik und Förderung sowie mehr Zeit um auf das einzelne Kind einzugehen (also z.B. kleinere Gruppen bzw. Klassen oder neue Arbeitszeitmodelle), aber auch räumliche Möglichkeiten um vielfältige Lernumgebungen zu schaffen. Daneben bedarf es unbedingt des Spezialwissens wie vor allem der interkulturellen und der sonderpädagogischen Kompetenzen.
Noch etwas kommt hinzu: Wenn zunehmend mit PädagogInnen aus anderen Bereichen zusammen gearbeitet werden soll (mit Förderpädagogen etc.) dann bedarf es eines Wissens um die jeweils andere professionelle Ausrichtung, u.a. um sich gegenseitig zu akzeptieren und voneinander lernen zu können. Auf dem Kongress wurde es mir noch einmal klar: Die PädagogInnen, die sich mit Inklusion beschäftigen, „ticken“ ganz anders, als die, die sich mit „Begabtenförderung“ beschäftigen – hier kommt es im Hinblick auf das gemeinsame und zukünftig vielleicht auch längere gemeinsame Lernen darauf an, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln und die Bedingungen der individuellen Förderung aller Kinder weiter zu verbessern – von den wissenschaftlichen Grundlagen über die Rahmenbedingungen bis hin zur Methodik und Didaktik in der Praxis. Für unsere Forschungsstelle bleibt also noch viel zu tun…

 

Interview: Karsten Herrmann

 


Video-Zusammenfassung vom Kongress