Elisabeth Waller-Knaak, InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen.s-Expertin beim Caritasverband der Diözese Osnabrück, beleuchtet im Interview mit Karsten Herrmann die Herausforderungen und Chancen der Inklusion und einer zunehmenden Vielfalt in den KiTas. Sie unterstreicht, dass Inklusion kein Sparmodell ist und stellt die Auseinandersetzung der pädagogischen Fackkraft mit der eigenen Haltung als zentral für den gelingenden Umgang mit Vielfalt heraus. 


  • Der Umgang mit Vielfalt ist eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen und mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich auch die Bundesrepublik Deutschland zur Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems verpflichtet. Wie weit sind wir dabei aus Ihrer Sicht schon gekommen?
Elisabeth Waller KnaakDie UN-Behindertenrechtskonvention wurde vor mehr als neun Jahren ratifiziert. Das ist ein langer Zeitraum, in dem mit entsprechendem politischem Willen bessere Rahmenbedingungen sowohl in der Schule als auch in der Kita hätten umgesetzt werden können, als wir sie derzeit vorfinden. Inklusion ist kein Sparmodell und die Umwandlung von getrennten Systemen in ein inklusives System muss sorgfältig begleitet werden. Wer Inklusion will, schafft gerechte Rahmenbedingungen für erfolgreiche Bildungsprozesse aller Kinder! Die Umwandlung in ein inklusives Bildungssystem ist ein Prozess, bei dem nach meiner Einschätzung der größere Weg der Strecke noch vor uns liegt.

  • Liegt KiTas ein inklusives Verständnis grundsätzlich näher als beispielsweise Schulen?
Wenn ich daran denke, dass in Niedersachsen die integrative Arbeit in Kitas seit über 25 Jahren stattfindet, liegt nahe, dass die Schule das noch ungeübtere System ist, z.B. was die Aufnahme von Schüler*innen mit Handicaps betrifft. Das Schulsystem ist leistungsbezogen und nach wie vor spielt die Differenzierung nach Leistung darin eine sehr große Rolle und kann dann eben auch zum Ausschluss führen. Gleichzeitig gibt es bundesweit ausgezeichnete Schulen, die inklusiv arbeiten.

Die Kita ist gleichsam der Ort der „Vielfalt von Anfang an!“ Natürlich ist auch das System Kita gefordert, sich immer wieder neu auf die Kinder und ihre Familien in aller ihrer Vielfalt einzustellen und das mit dem großen Ziel der Bildungsgerechtigkeit!

  • In der öffentlichen Diskussion wird Inklusion häufig nur auf Kinder mit körperlichen oder geistigen Handicaps bezogen. Welche Position vertreten Sie im Caritas-Verband?
Zunächst einmal möchte ich bei der Fragestellung auf das Wort „nur“ verzichten. Es war und bleibt wichtig, dass durch die UN–Behindertenrechtskonvention Menschen mit Handicaps mit ihrem Recht auf selbstbestimmte Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen mehr als vorher wahrgenommen werden.

Der Fachbereich Tageseinrichtungen für Kinder beim Diözesancaritasverband vertritt ein weites Verständnis von Inklusion. Inklusion meint „Zugehörigkeit von Anfang an!“ Das Erleben von Zugehörigkeit ist für alle Kinder und Ihre Familien das „A und O“!

Das bedeutet, jedes Kind wird mit all seinen Identitätsaspekten (Alter, Geschlecht, Familienkultur, Familiensprache/n, Fähigkeiten, Interessen, besondere Lernbedürfnisse, ethnische Zugehörigkeit, ökonomische Bedingungen, Religion) als mehrfachzugehörig und damit in seiner konkreten Lebenslage wahrgenommen.

  • Wie ist Ihre Träger-Strategie zur Umsetzung der Inklusion und wie unterstützen Sie die Pädagogischen Fachkräfte konkret?
Als Caritasverband Osnabrück haben wir 2013 gemeinsam mit allen kirchlich-caritativen Einrichtungen im Bistum Osnabrück zur Umsetzung der Inklusion das Positionspapier „Auf dem Weg zur inklusiven Kindertageseinrichtung“ entwickelt.

Im April dieses Jahres hat die Caritas Niedersachsen das Positionspapier „Eine Kita für alle!“ abgestimmt, das vor allem auch im politischen Bereich die Notwendigkeit von deutlich verbesserten Standards aufzeigen soll, um das Ziel von wohnortnahen inklusiven Kitas zu erreichen, zu denen jedes Kind Zugang hat und eine qualitativ hochwertige individuelle Entwicklungsbegleitung und Unterstützung erhält.

Neben der fachpolitischen Arbeit des Diözesancaritasverbandes auf Bundes-, Landes- und Ortsebene unterstützt der Fachbereich Tageseinrichtungen für Kinder die Fachkräfte in den Kitas konkret durch differenzierte Veranstaltungen im Jahresfortbildungsprogramm. Dazu zählt u.a. die Fortbildungsreihe „Vielfalt in der Kita – Eine inklusive Kitapraxis gestalten“ die am „Ansatz der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung“ ausgerichtet ist und mittlerweile zum 5. Mal vom Fachbereich durchgeführt wird.

Für die inklusive Weiterentwicklung der Kita hat die Leitung eine wichtige Rolle. Deshalb findet sich das Thema auch im Leitungskurs „Vielfalt erfolgreich managen“, der seit einigen Jahren erfolgreich gemeinsam mit der katholischen Landvolkhochschule Oesede durchgeführt wird.

Träger und Leitungen können die zuständige Fachberaterin anfragen, wenn es um die Weiterentwicklung zur inklusiven Kita geht.

Ich vertrete im Fachbereich den Schwerpunkt Integration/Inklusion und bin hier u.a. Ansprechpartnerin für diesbezügliche Fragestellungen aus den Kitas.

  • Was sind für Sie auf der pädagogischen Ebene die zentralen Stellschrauben für eine inklusive frühkindliche Bildung?
Für die Umsetzung auf der pädagogischen Ebene ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung zentral. Teams müssen sich auf den Weg machen bzw. weiter auf dem Weg bleiben, sich mit den Grundlagen einer inklusiven Pädagogik zu beschäftigen und die zwingend dazugehörende Selbst- und Praxisreflexion zu implementieren. Erst wenn bewusst wird, wie sehr verschiedene Identitätsmerkmale mit bewertenden Zuschreibungen verbunden sind und dass diese eben nicht zu Bildungsgerechtigkeit führen, sondern zu oft subtilen Formen der Ausgrenzung, erst dann ist eine Grundlage da, um die pädagogische Praxis inklusiv zu gestalten. Dazu bietet der inzwischen bundesweit anerkannte Ansatz der „Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung“ als inklusives Praxiskonzept hervorragende Möglichkeiten.

Der pädagogische Alltag muss so gestaltet werden, dass ausgehend von Gemeinsamkeiten die Wertschätzung der Vielfalt und der Respekt davor thematisiert werden. So wird den Kindern ermöglicht, Empathie zu entwickeln sowie faires von unfairem Verhalten zu unterscheiden.

Es gilt ferner, durch eine dialogische Haltung und geeignete Methoden dafür Sorge zu tragen, dass wirklich jedes Kind Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten erfährt.

  • Welche Argumente fallen Ihnen spontan dazu ein, Vielfalt nicht als Belastung, sondern als Chance und Bereicherung zu sehen?
Die zunehmende Vielfalt von Lebenslagen ist eine gesellschaftliche Realität, der wir uns nicht verschließen dürfen. Wenn die ausdrückliche Wertschätzung der Vielfalt gelebt wird, trägt dies zur Bereicherung bei. Der eigene Horizont wird erweitert und das friedliche Zusammenleben der Menschen gefördert, wenn sich jede*r in dieser Gesellschaft zugehörig fühlt. Die Wertschätzung der Vielfalt muss mit einer klaren Positionierung für Gerechtigkeit und Fairness und gegen jegliche Form der Diskriminierung verbunden sein, entsprechend unserer verfassungsrechtlichen Grundlagen. Insofern ist gesellschaftliche Heterogenität mit einer Herausforderung verbunden, die jedoch unter den genannten Bedingungen die große Chance bietet, das friedliche Zusammenleben zum Wohle aller zu gestalten. Hier ist das inklusive frühkindliche Bildungssystem neben der Familie der erste Ort für ein Kind, an dem Grundlagen für eine friedlichere Welt gelegt werden.

  • Wie müssen die Rahmenbedingungen für eine inklusive KiTa aussehen? Wie können Standards gesichert werden, wenn jede KiTa zukünftig jedes Kind mit seinen ganz individuellen Ausgangslagen und Bedürfnissen aufnehmen soll?
Es gibt im Bistum Osnabrück erfreuliche Beispiele der prozesshaften Weiterentwicklung von Kitas zur inklusiven Kita soweit die derzeitigen landesrechtlichen Rahmenbedingungen dies zulassen, die natürlich unbedingt anzupassen und zu verbessern sind. Der Prozess geht weg von der Trennung von Sonder- und Regeleinrichtungen hin zu ersten Kitas, die unter einem Dach und mit einer Leitung ein differenziertes Angebot für Kinder mit und ohne Behinderungen (sogen. Regelgruppen, heilpädagogische Gruppen, integrative Gruppen und Sprachheilgruppen) vorhalten. Dazu gehören die konzeptionelle Verankerung der ausdrücklichen Wertschätzung der Vielfalt und das Nicht-Akzeptieren von Ausgrenzung als Grundlage dafür, dass jedes Kind mit seiner Familie Zugehörigkeit erfahren kann.

Es muss sichergestellt werden, dass die individuellen Bedarfe eines jeden Kindes berücksichtigt werden. Deshalb muss den jahrelangen Forderungen der Wohlfahrtsverbände nach einer verbesserten Strukturqualität endlich durch ein entsprechendes inklusives Kitagesetz Rechnung getragen werden. Die diesbezüglichen Forderungen werden seit Jahren an die Politik gerichtet.

Politiker*innen müssen verstehen, dass inklusive Kitas eben kein Sparmodell sind, sondern natürlich eine personelle, sächliche und finanzielle Ausstattung brauchen, die es tatsächlich ermöglichen, jedem Kind gute Bildungsmöglichkeiten zu bieten. Dazu zählt zum Beispiel auch, dass bei Kindern mit Handicaps bei gleichen Hilfebedarfen auch gleiche Leistungen erbracht werden, unabhängig vom Ort des Leistungserbringers.

In jeder Kita ist personell heilpädagogische Expertise notwendig. Zu nennen ist außerdem die Vernetzung im Sozialraum. Hier brauchen Kitas starke Kooperationspartner, um Kindern und Ihren Familien eine bedarfsgerechte Unterstützung zu ermöglichen, auch über die Kita hinaus.

  • Wann wird unser Bildungssystem inklusiv sein?
Das wird stark von gesellschaftspolitischen Entwicklungen in den nächsten Jahren abhängen. Neben der Umsetzung der politischen Forderungen bleibt jeder noch so kleine Schritt vor Ort wichtig, denn Inklusion ist und bleibt ein Prozess. Jeder Schritt in diese Richtung wirkt in das System hinein und trägt zur Veränderung bei.

  • Vielen Dank für das Gespräch!