Adele Zay (1848-1928)

Eine beachtliche Anzahl ehemaliger Schülerinnen von August Köhler hatten die Idee des Kindergartens weit über die Grenzen Deutschlands hinaus publik gemacht, u. a. in Siebenbürgen. Dazu gehörte auch Zay, die jedoch keine direkte Schülerin des Pädagogen war. Sie wurde von Köhler persönlich, als sie mehrmals bei ihm in Gotha zu Besuch weilte, in die Fröbel- und Kindergartenpädagogik eingeführt. Fortan dachte und lebte die Siebenbürgerin im "beinahe missionarischen Eifer für Familie, Kindheit und Kindergarten" (Mieskes 1986, S. 170). Ihr pädagogisches "Wirken folgte Fröbelschen Erziehungsgrundsätzen; der siebenbürgisch-sächsische Kindergarten sollte, nein, mußte ganz einfach ein Fröbelkindergarten sein. Eine 'bloße' Bewahranstalt wurde nach Zay erst dann eine Fröbel'sche Einrichtung, wenn sie die Spiele und Beschäftigungen des Meisters in seinem Sinne anwandte und dadurch zu einer kindgemäßen erziehenden und bildenden Stätte wurde. Für den Kindergarten verstand sich das von selbst" (ebd., S. 169 f).

 

Leben und Wirken

Adele ZayAdele Zay (Quelle: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen an der Donau)Adele Zay erblickte als vierte Tochter und vorletztes Kind des k. k. Oberlandgerichtsrats Daniel Adolf Zay und dessen Ehefrau Rosa, geb. Graef, am 28. Februar 1848 in Hermannstadt das Licht der Welt. Ihr Vater starb früh und die Mutter "hatte Not, mit dem kleinen Witwengehalt ihre fünf Kinder zu erhalten... Die Kinder waren schon sehr früh teilweise auf sich selbst gestellt" (Neugeboren 1939, S. 5). Mit eisernen Fleiß bildete sich Zay autodidaktisch weiter, vor allem in englischer und französischer Sprache. Bereits im Alter von 17 Jahren erteilte sie Privatunterricht für zwei mit ihr verwandte Mädchen. Gerne hätte die junge Frau studiert, aber dies war aus einem doppelten Grund nicht möglich; "einmal weil es damals noch kein Frauenhochschulstudium gab, und zweitens, weil ihr persönlich die materielle Möglichkeit dazu fehlte" (ebd., S. 6). Und so erarbeitete sie sich im Selbststudium die nötigen Anforderungen für den Lehrerinnenberuf. Mit 19 Jahren unterrichtete sie als Privatlehrerin die Fächer Französisch, Griechisch, Mythologie und Schönschreiben an einer höheren Bildungsanstalt für Mädchen in Hermannstadt. Als die private Bildungseinrichtung geschlossen wurde, ging Zay zu ihrer älteren Schwester nach Cotroceni bei Bukarest. Dort wirkten beide Frauen als Lehrerinnen. Bereits nach einem Jahr begab sie sich nach Wien, um am dortigen Lehrerpädagogium von Friedrich Dittes ihre Lehrerinnenausbildung zu vervollständigen. Im Jahre 1875 wurde sie Lehrerin und Mitleiterin "des Institutes von Irma Keméndy in Szegedin, einer Höheren Töchterschule, die mit einer Lehrerinnenpräparandie verbunden war. Hier erteilte sie hauptsächlich deutschen Unterricht" (ebd., S. 7). An der Szegediner Lehrerinnenpräparandie legte Zay auch ihre eigene Lehrerinnenprüfung ab, da ihr Ansuchen, am Hermannstädter Landeskirchenseminar der evangelischen Kirche (Augsburgischen Bekenntnisses, in der Folge abgekürzt A.B.) die Volksschullehrerprüfung ablegen zu dürfen, negativ beschieden wurde. 1884 wurde sie vom Kronstädter evangelischen Presbyterium gebeten, einen zweijährigen Lehrkurs zur Heranbildung von Kindergärtnerinnen zu errichten. Bis Ende des Schuljahres 1927/28 war Zay an der Evangelischen Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt (A. B.) tätig, davon die ersten 38 Jahre als Klassenlehrerin und die die letzten fünf Jahre als Direktorin.

Neben ihre Verantwortung für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen trat Zay vehement für die Errichtung einer Lehrerinnenbildungsanstalt in Siebenbürgen ein. Eine solche wurde schließlich 1904 in Schäßburg eröffnet, die erste in ihrer Heimat.

Durch herausragende Frauen der deutschen Frauenbewegung inspiriert, setzte sie sich zu dem "für die Gleichberechtigung der Frau und die Stimmberechtigung bei den Kirchenwahlen (1918) ein. Sie bekämpfte in Publikationen und Reden die Kinderarbeit und die nationale Überfremdung" (Scola/Schiel o. J., S. 25). Ferner war sie maßgebend an der Gründung (13. August 1923) des "Deutsch-Sächsischen Frauenbundes" beteiligt, den sie zwei Jahre leitete. Eine der wichtigsten Aufgabe des Bundes war die aktive Mitarbeit der Frau an der Erhaltung der evangelischen Kirche und ihrer Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen.

Adele Zay starb am 29. Dezember 1928 in Kronstadt. Beerdigt wurde sie auf dem Hermannstädter Stadtfriedhof. In ihren Grabstein ritzte man die Worte:

"Der Wegweiserin der sächsischen Frauen, Adele Zay, 1848-1929, zum Gedächtnis"

1929 wurde "ihre" Bildungseinrichtung umbenannt in "Adele Zay-Schule" und genau 20 Jahre später von der Administration der Volksrepublik Rumänien aufgelöst. Heute trägt ein Kindergarten in Drabenderhöhe (Stadt Wiehl) ihren Namen.

 

Ausbildung der Kindergärtnerinnen

Zay unterrichtete an der "Evangelischen Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt (A. B.)" die Fächer Deutsch, Magyisch vaterländische Geschichte, Geografie, Französisch, Formenarbeiten und Pädagogik (einschl. Kindergarten- und Fröbelpädagogik). Ferner zeichnete sie für die Praxis im "Lehrkindergarten" verantwortlich. Über die Ausbildung der Kindergärtnerinnen schrieb sie nach 40-jähriger Tätigkeit in einem von der "Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt (A. B.)" herausgegebenen Programm:

"Es gibt wenige Arten der Berufsbildung, in der der Schüler so sehr im Mittelpunkte des Unterrichts steht, in der jeder einzelne Unterrichtsgegenstand gerade in dem Ausmaße und in der Form geboten wird, daß er als Bildungsstoff seine Aufgabe im Rahmen des Ganzen erfüllt, wie die Kindergärtnerinnenausbildung. In ihr prägt sich einer der Grundgedanken Fröbels aus, der Gedanke der allgemeinen Lebenseinigung, mit anderen Worten, der Übereinstimmung unseres gesamten Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns in uns selbst und in unserem Verhältnis zu Gott, zur Um- und Mitwelt. Die einzelnen Unterrichtsfächer tragen diesem Gedanken teils unbewußt, teils absichtlich Rechnung, so daß, wenn ihrer Wirkung nichts hindernd in Wege steht, die Kindergärtnerin unter allen, einen Beruf ausübenden Frauen, der der Mutter (vielleicht, aber nicht unbedingt) ausgenommen, die meiste Möglichkeit hat, ein innerlich harmonischer, zufriedener Mensch zu werden. Warum muß in der Kindergärtnerinnenausbildung der Schüler mehr im Mittelpunkt stehen, und dürfen die einzelnen Unterrichtsfächer ihm nicht den größtmöglichen, sondern gerade nur den Bildungsstoff bieten, der zur Ergänzung der übrigen Fächer dient, der, wie bei einem Gebäude, gerade den Teil bildet, der für den ganzen Bau notwendig ist? Weil hier der Schüler Zögling und Erzieher in einer Person ist. Er muß das, was er aus den 15 Unterrichtsfächern schöpft, zuerst in sich aufnehmen, auf sich einwirken lassen, dann aber aus dem gesammelten Vorrat seines Wissens seinen kleinen Zöglingen gleich auch das von ihnen Verlangte und für sie Passende bieten können" (zit. n. Neugeboren 1939, S. 10 f).

 

Sinn und Zweck des Kindergartens

Zays pädagogische Vorbilder waren neben Fröbel auch Bertha von Marenholtz-BülowHenriette Schrader-Breymann und natürlich August Köhler. Weitere Impulse erhielt sie von Friedrich Ditters, damals einer der eifrigsten Vertreter des Fröbel'schen Kindergartens innerhalb der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (vgl. Mieskes 1986, S. 178 f). Ihre pädagogischen Anschauungen fasste Zay in dem Lehrbuch "Theorie und Praxis der Kleinkindererziehung. Zum Gebrauche an Bildungsanstalten für Kindergärtnerinnen und Kinderbewahranstaltsleiterinnen", erschienen 1896, zusammen. 20 Jahre später kam eine zweite Auflage auf den Markt, mit dem leicht veränderten Titel: "Theorie und Praxis der Kindergartens. Zum Gebrauche an Bildungsanstalten für Kindergärtnerinnen und Kinderbewahranstaltsleiterinnen". Kennzeichnend für ihre Vorstellung von Erziehung ist das Motto, "das sie an die Spitze ihres Buches setzte: 'Wie der Mensch nur durch Menschen wahrhaft zum Menschen wird, so ist das Kind nur unter Kindern wahrhaft Kind.'" (Neugeboren 1939, S. 17 f).

Zay betrachtete den Kindergarten, wie sein Gründer Friedrich Fröbel, als eine die Familie unterstützende Erziehungsanstalt, die sich an Kinder vom dritten Lebensjahr an wendet. Der Kindergarten bietet "im Verein mit dem Elternhaus dem Geist des Kindes die entsprechende Nahrung. Besonders lenkt er durch seine leichten, der Kinderkraft entsprechenden Beschäftigungen den Tätigkeitstrieb des Kindes von der Zerstörung nützlicher Dinge ab und flößt ihm Freude am schaffenden Tun ein. Er erhält durch fröhliche Lieder, Spiele und Erzählungen die kindliche Heiterkeit und befriedigt durch den Verkehr mit altersgleichen Gefährten den Spieltrieb des Kindes und sein Verlangen nach körperlicher Bewegung... Der Name Kindergarten... weist darauf hin, daß gleichwie die Blumen im Garten in ihrer natürlichen Entwicklung gefördert, vor Unkraut und anderen schädigenden Einflüssen möglichst bewahrt werden, der Kindergarten seine Aufgabe in der Befriedigung der leiblichen wie geistigen Bedürfnisse der Kinder und in der Behütung vor jeden schädigenden Einfluß sieht" ( Zay 1916, S. 6). Der Kindergarten ist zugleich ein Vermittlungs- und Bindeglied zwischen Familie und Schule, "indem er durch seine Beschäftigungen den Anschauungskreis der Kinder in richtiger Weise erweitert, dadurch auf das ernstere Leben der Schule vorbereitet und dabei den gemütlichen, vertraulichen Umgangston der Familie beibehält" (ebd., S. 13). Ein wichtiges pädagogisches Ziel des Kindergartens ist die Erziehung zur Sittlichkeit. Demzufolge hat die "Kindergärtnerin das Einhalten der Sittengesetze schon von ihren Kleinen mit liebevollem Ernst und strenger Konsequenz (zu; M. B.) verlangen, um schon frühe in ihnen die Grundlage zu einem sittlichen Charakter zu legen. Es ist unrichtig, die Kinder erst gegen die Sittengesetze handeln zu lassen und dann später doch die Einhaltung derselben von ihnen zu fordern. Wie die augenfälligen Naturgesetze von dem Kinde sehr bald als etwas Unbeugbares erfaßt und geachtet werden, so beugt es sich auch unter das Sittengesetz, sobald es dasselbe als etwas Unabänderliches kennen gelernt hat" (ebd., S. 9).

 

Spiel als Erziehungs- und Bildungsmittel

Anknüpfend an die "Spieltheorie" Fröbels, misst Zay dem Spiel die entscheidende Rolle im Entwicklungsgeschehen des Kindes bei, zumal sich seine "physische und geistige Kraft" im Spiel äußert. Aus der kindlichen Spiellust "entwickelt sich die Lust zur Beschäftigung und in dieser wurzelt der Sinn für echte Aufmerksamkeit. Alle drei Tätigkeiten aber: Spiel, Beschäftigung und Arbeit sind Äußerungen des menschlichen Wollens und Strebens. In ihnen spiegelt sich auch des Menschen Denken und Fühlen ab, und zwar scheint es, als ob zu letzterem das Spiel noch viel geeigneter wäre, als Beschäftigung und Arbeit, denn im Spiel zeigt sich jeder Mensch viel offener und ungezwungener als in der Arbeit" (ebd., S. 20). Damit das kindliche Spiel sich voll entfalten kann, hat die Kindergärtnerin folgende drei Aspekte zu berücksichtigen:

"1. Um das Spiel im Kindergarten zum rechten Ausdruck der kindlichen Fröhlichkeit zu machen, gebe man den Kindern genügende Gelegenheit zu spielen und sich zu beschäftigen. Der Kindergarten hat hierzu sowohl das Freispiel als auch die Bewegungsspiele. Das Freispiel ist am meisten zur Darstellung des Inneren geeignet und soll den Kindern so oft als möglich geboten werden.

2. Die Kindergärtnerin spiele aber auch selbst mit den Kindern und lehre sie richtig zu spielen. Dies bezieht sich besonders auf die Bewegungsspiele des Kindergartens... Zum rechten Bewegungsspiel gehören Takt, Schönheit und Abrundung der Bewegungen...

3. Man stelle der wachsenden Geschicklichkeit und Reife der Kinder stets größere Aufgaben bei Spiel und Beschäftigung. Was keinerlei Anstrengung unserer geistigen und körperlichen Kräfte verlangt, verliert unser Interesse, ist aber auch nicht geeignet, unsere Kräfte zu üben. Wie des Kindes Sprache vom Lallen zum Stammeln, dann zum Sprechen übergeht, so entwickelt sich aus dem Spiel des Kindes die Arbeit des Erwachsenen, denn 'ein Kind, das anhaltend und mit Einsetzung seiner ganzen Kraft spielt, wird, wenn nichts Störendes dazwischen kommt, in seinen späteren Jahren anhaltend und mit ganzer Kraft lernen und arbeiten' (Fröbel). Das Spiel des Kindes darf nicht zur Spielerei, sondern muß zur ernsten Tätigkeit führen. Daher dürfen wir auch beim Spiel keine Fehler und Unarten dulden, keine Lässigkeit und Unordnung, sonst würden unsere Kinder bald die Lust am Spiele verlieren" (ebd., S. 36 f).

 

Literatur

  • Mieskes, H.: Die Kindergartenidee in Siebenbürgen. Beitrag zur Kultur- und Geistesgeschichte der Siebenbürger Sachsen nach 1850, Wiesbaden 1986
  • Neugeboren, E.: Adele Zay. Lebensbild einer deutschen Frau, Hermannstadt 1939
  • Scola, O./Schiel, A.: Siebenbürgisch-Sächsische Frauengestalten. Ihr Leben und Wirken, O. O., o. J.
  • Zay, A.: Hilfsbüchlein zur Heranbildung von Leiterinnen von Sommerbewahranstalten, Hermannstadt 1898
  • Dies.: Theorie und Praxis des Kindergartens. Zum Gebrauche an Bildungsanstalten für Kindergärtnerinnen und Kinderbewahranstaltsleiterinnen, Brassó-Kronstadt 1916

 

 



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