25.000 Euro für die Maintaler Kita „Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße“. Weitere Auszeichnungen gehen nach Bergneustadt, Berlin, Wedel, Hamm, Bremen, Kyffhäuserland, Herne, Zethau und Rehburg-Loccum.

logoDie feierliche Preisverleihung des Deutschen Kita-Preises am Abend des 2. Mai verströmte einen Hauch von Berlinale: Viel Prominenz aus Politik und dem Feld der frühkindlichen Bildung hatte sich mit entsprechendem Dresscode und rotem Teppich im ehemaligen Großraumkino „Kosmos“ an der Berliner Karl-Marx-Allee versammelt, um KiTas und lokale Bündnisse mit insgesamt 130.000 Euro für ihre tolle Arbeit auszuzeichnen - und auch, um die Kindertagesbetreuung als Ganzes zu würdigen. Moderiert wurde die Veranstaltung vom dem Schauspieler-Paar Kai Wiesinger und Bettina Zimmermann. Der Deutsche KiTa-Preis ist eine gemeinsame Initiative der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) mit dem Bundesfamilienministerium und wurde von zahlreichen Stiftungen und Sponsoren unterstützt.

"Qualität hat viele Gesichter"

Als Schirmherrin der DKJS unterstrich Elke Büdenbender, dass KiTa gleichwertig mit Schule anzusehen sei und dass hier eine Bildung und Erziehung stattfinde, „die vom Herzen kommt und mit dem Kopf gemacht wird“. Der Deutsche Kita-Preis solle so auch stellvertretend für die Arbeit in den 56.000 KiTas in Deutschland stehen und ihnen die gebührende „Aufmerksamkeit und Anerkennung“ zukommen lassen. 1.400 KiTas und lokale Bündnisse hatten sich um den KiTa-Preis beworben und entsprechend wurde die Preisverleihung an diesem Abend mit großer Spannung erwartet.

„Qualität hat viele Gesichter“, so Elke Büdenbender, „und gelingende Konzepte entstehen nicht am Reißbrett, sondern richten sich an den jeweiligen Gegebenheiten und den Bedürfnissen der Kinder aus“. Sie sei dabei immer das „Ergebnis verantwortungsvollen Zusammenwirkens der vielen Akteure“.

ErzieherInnen sind „die Guten, die Perlen, der Goldstaub“

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Foto: DKJS/Piero Chiussi
Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey würdigte in einer sehr engagierten und authentischen Rede die Pädagogischen Fachkräfte in den KiTas als „die Guten, die Perlen, den Goldstaub“ und betonte: „Wir brauchen Menschen, die auch Kindern aus belasteten familiären Situationen auf den Weg helfen. Jedes Kind muss es in unserer Gesellschaft packen!“

Als Familienministerin wolle sie die Chance nutzen in der Frühkindlichen Bildung etwas zu verändern und zu verbessern und so werde schon in den nächsten Tagen das „Gute-Kita-Gesetz“ auf den Weg gebracht, mit dem in den nächsten drei Jahren 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung stünden. Der Bund wolle sich „verlässlich und dauerhaft an der Qualitätsentwicklung beteiligen“ und auch „die Beitragsfreiheit unterstützen“. Jeder in die frühkindliche Bildung investierte Euro lohne sich.

„Das große Zukunftsthema unseres Landes ist es, jedem die Kind die gleichen Möglichkeiten zu eröffnen“ betonte sie. Dabei würden KiTa unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen arbeiten, aber für jede gelte das Motto „Tu, was du kannst, mit dem, was du hat und wo du bist.“

Dem tollen Job der Erzieherin gebühre jedoch „mehr Wertschätzung, mehr Anerkennung und Respekt und auch eine bessere Bezahlung. Wir müssen jungen Menschen das Signal geben: Es ist toll Erzieherin zu sein“ schloss sie.

Gute Prozesse im Fokus

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© DKJS / Studio Good

Bei der Auswahl der Preisträger standen, wie Prof. Dr. mult. Wassilios Fthenakis als Laudator betonte, vor allem „die Moderation guter Prozesse und die Entwicklungsperspektiven“ im Vordergrund. Als Qualitätsdimensionen wurden die „Kindorientierung“, „Partizipation“, „Sozialraumorientierung“ und „Lernenden Organisation“ in den Fokus genommen. Wie Fthenakis weiter ausführte, sei Bildung „ein sozialer Prozess in ganz konkreten Situationen und Handlungen“ und gute Bildung könne in den KiTas nur durch „gut ausgebildete und zufriedene pädagogische Fachkräfte verwirklich werden“. Zentrale Herausforderungen seien derzeit der Umgang mit digitalen Medien, die Inklusion, die Bildungspartnerschaft mit den Eltern und die sozialräumliche Vernetzung. Angesichts einer zunehmenden Vielfalt in den KiTas komme es darauf an, mit einem sozial-integrativen Ansatz einerseits Orientierung und Sicherheit zu geben und andererseits die Ressourcen eines jeden einzelnen Kindes zu nutzen. „Wir müssen Vielfalt in der frühkindlichen Bildung als Chance und Ressource sehen“ unterstrich Fthenakis abschließend, um dann gemeinsam mit Elke Büdenbender und Franziska Giffey die fünf „KiTas des Jahres“ auszuzeichnen:

Der erste Platz ging an das Maintaler Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße (s.a. Porträt weiter unten). Die Einrichtung aus Hessen konnte die Jury unter anderem durch ihre vielfältigen Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder und Eltern überzeugen. Sie kann sich jetzt über ein Preisgeld von 25.000 Euro freuen. Besonders beeindruckt waren die Juroren vom Projekt „Die Sache mit der Angst“, in dem geflüchtete Kinder ihre Erfahrungen gemeinsam mit Psychologen und dem Kita-Team bewältigen. Jeweils 10.000 Euro gehen an die vier Zweitplatzierten in dieser Kategorie: Die Johanniter-Kita Ackerstraße aus Bergneustadt, die Kita Menschenskinder aus Berlin, die AWO Kindertagesstätte Hanna Lucas aus Wedel und die Evangelische Kindertageseinrichtung Uphof aus Hamm.

In der Kategorie „Lokale Bündnisse für frühe Bildung“ zeichneten Elke Büdenbender und Franziska Giffey gemeinsam mit Laudatorin und Schauspielerin Nadja Uhl ebenfalls fünf Preisträger aus. Hier belegte das Quartiersbildungszentrum Blockdiek aus Bremen den ersten Platz und kann sich über 25.000 Euro freuen. Der Zusammenschluss aus drei Kitas, ambulanten Erziehungshilfen und weiteren Partnern steht Eltern und Kindern im Stadtteil Blockdiek mit Rat und Tat zur Seite. Besonders beeindruckt war die Jury vom langjährigen Engagement der Beteiligten mit dem sie sowohl kurzfristige als auch langfristige Projekte voranbringen. Als weitere Preisträger wurden in dieser Kategorie die Gemeinde Kyffhäuserland, das Netzwerk der Herner Familienzentren, das Christliche Kinderhaus Ankerplatz aus Zethau und das Bildungshaus Rehburg-Loccum mit je 10.000 Euro ausgezeichnet.

Einblick in die Sieger-KiTa: „Jedes Kind da abholen, wo es steht“

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© DKJS / Studio Good
Beeindruckende Einblicke in ihre Arbeit gewährten die Sieger-KiTas und Lokalen Bündnisses dann im Rahmen des auf die abendliche Preisverleihung folgenden zweitägigen Bundeskongress „Qualität in der frühen Bildung“ der DKJS. Deutlich wurde hier, dass Qualität sich in der frühen Bildung nicht von heute auf morgen, sondern in langen Prozessen entwickelt. Als Gabriele Steltner-Merz so vor 25 Jahren als Leiterin die KiTa an der Ludwig-Uhlandstraße in Maintal übernahm, „war das für mich erst einmal die Hölle“, denn die Qualität und die Motivation des Teams waren verheerend. Aber sie hatte „den Willen, etwas zu erreichen“ und machte sich an die Arbeit. Als ersten Schritt suchte sie sich eine gute Stellvertreterin und als starkes Leitungsteam setzten sie Schritt für Schritt ihre pädagogischen Ideen um. Die Rahmenbedingungen der kommunalen KiTa waren und sind dabei schwierig: Ein altes Haus mit kleinen Räumen und ein soziales Umfeld mit „stark und mehrfach belasteten Familien“. Fast 90 Prozent der Kinder haben hier Migrationshintergrund.

Aufgrund des oftmals unsicher-ambivalenten Bindungsverhaltens ihrer Kinder setzt die KiTa dabei auf das Konzept der Stammgruppen mit Teilöffnung. Wichtig sei für die Kinder eine über die Jahre konstante Bezugserzieherin. Aus der Erkenntnis der hohen Bedeutung der Elternarbeit und eines hohen Unterstützungsbedarfes hat sich die KiTa ganz ohne zusätzliche Mittel zu einem Familienzentrum entwickelt und macht kostenfreie Angebote wie „Mama lernt Deutsch“ oder ein regelmäßiges Elterncafé.

Beobachtung und Reflexion als Schlüssel

„Jedes Kind da abholen, wo es steht“ – das ist der unbedingte Anspruch von Steltner-Merz und ihrem Team. Ein Meilenstein auf dem Weg dorthin war 2004 der Einstieg in die Bildungs- und Lerngeschichten. Hieraus leiteten sie das Grundprinzip der „wertfreien Beobachtung“, einer darauffolgenden gemeinsamen Reflexion und das Setzen entsprechender Impulse ab. Starke Impulse für diesen Ansatz gingen auch von Bildungsreisen des ganzen Teams nach Reggio Emilia aus, wo sie hautnah die große Kunst der Projektarbeit mit Kindern miterleben konnten. „Seitdem arbeiten wir faktisch nur noch mit den ganz individuellen Themen, Ressourcen und Begabungen der Kinder“ und das „Wort ‚Defizit‘ gibt es bei uns nicht mehr‘“. Die Folge sind kleine und große Projekte, die von wenigen Tagen bis zu mehreren Jahren laufen. „Für uns hieß dieser Ansatz ‚Raus aus der Planung und rein in die Unsicherheit‘ erzählt die KiTa-Leiterin. Immer wieder bedeutet das auch ein Ausprobieren und zusammen überlegen - so wie bei der kleinen Sarah aus Serbien, die nicht davon abzubringen war, auf Deutsch nur zu flüstern. Nachdem verschiedene Ansätze gescheitert waren, bot das Team Sarah schließlich eine Rolle in einem Musical an – und dies erwies sich dann als der richtige Impuls und Sarah hörte nicht nur in ihrer Rollen, sondern auch im Alltag der KiTa auf zu flüstern.

Auch im Hinblick auf das Team setzt Steltner-Merz ganz auf die individuellen Stärken und Ressourcen: Die ErzieherInnen entwickeln sich in verschiedenen Bereichen zu ExpertInnen weiter und übernehmen entsprechende Verantwortung. Als Schlüssel für ihre erfolgreiche Qualitätsentwicklung sieht die KiTa-Leiterin neben der konsequenten Kindorientierung die „wertfreie Beobachtung und ständige pädagogische Reflexion.“


Weitere Infos zum KiTa-Preis und den Finalisten finden Sie hier



Karsten Herrmann