Geschlechtsspezifische Körper- und Bewegungssozialisation in der frühen Kindheit

In dem hier vorgestellten und im Rahmen des Forschungsverbund „Frühkindliche Bildung Niedersachsen“ durchgeführten Projekt standen folgende Forschungsfragen im Fokus:

  • Mit welchen (geschlechtsbezogenen) Vorstellungen erziehen und sozialisieren Eltern und Erzieher/innen die Jungen und Mädchen im Bereich Körper und Bewegung (bewusst oder unbewusst)?
  • Welche geschlechtsbezogenen Vorstellungen haben vier- bis sechsjährige Mädchen und Jungen in Hinblick auf Körper und Bewegung entwickelt und inwiefern sind diese im Kontext von Bewegungsaktivitäten orientierungswirksam?

Methodisches Vorgehen:

Die Untersuchung ist qualitativ angelegt und in verschiedenen Teilstudien konzipiert. Auf der Basis von Leitfaden- bzw. Impulsinterviews werden die erzieherischen und kindlichen Perspektiven rekonstruiert. Die Analyse des kindlichen Bewegungsverhaltens erfolgt auf der Basis videographischer und teilnehmender Beobachtung.


Wesentliche Ergebnisse, Erkenntnisse

Die Ergebnisse verweisen klar darauf, dass Kindern im Bereich Bewegung bereits früh unterschiedliche Lern- und Erfahrungsgelegenheiten geschlechtsgebunden eröffnet werden und die Kinder die Angebote und Erlebnisse einschlägig in ihrem geschlechtsbezogenen Selbstverständnis bilanzieren.

Jungen werden in der Tendenz (nach Erreichen der Bewegungssicherheit von ca. drei Jahren) ganz subtil auf das Profil des ‚potenziell actionbereiten Jungen’ vorbereitet. Sei es durch einschlägig offerierte (Bewegungs-)Erfahrungsräume, durch allgegenwärtige einschlägige bewegungsaffine Symbole bzw. Applikationen (z.B. Spiderman), durch erzieherische Überzeugungen („Jungen müssen sich auspowern“), durch Abgrenzungsaufforderungen zum anderen Geschlecht etc.

Mädchen steht dagegen, so kann grob zu sammengefasst werden, zwar prinzipiell alles offen: Wild sein, Power haben, Mutig sein – an all das werden die Mädchen (aus erzieherischer Überzeugung heraus) nicht gehindert. Allerdings werden auf Action, körperliche Stärke und Durchsetzungsfähigkeit angelegte Bewegungsmuster vergleichsweise selten aktiv gefördert oder durch eine entsprechende Symbolik aufgerufen. Im Familienalltag werden die Mädchen stattdessen vornehmlich im Rahmen von kooperativen und kreativen Bewegungsmustern gezielt gefördert.


Unerwartete Ergebnisse und Besonderheiten:

Individualität und Gleichberechtigung der Geschlechter stehen in dem Diskurs über Erziehungsvorstellung von Eltern und Erzieherinnen hoch im Kurs. Im Alltag wird jedoch eine Bewegungspraxis gefördert, in der die alten Geschlechterbilder noch weitgehend eingelagert sind.


Quelle: Projekt-Selbstbericht


Verwandte Themen und Schlagworte