Beiträge chronologisch

Nationalismus und Militarismus im Kindergarten (1871-1918)

"Es kämpfen die Krieger mit kräftiger Hand"

In den einschlägigen Fachpublikationen zur Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland wurde bisher die Erziehung der Kinder zur Kaisertreue und Militarismus kaum beachtet - von wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B. Aden-Grossmann 2011; Barow-Bernstorff u. a. 1977; Berger 1990, Krecker 1979; Krieg 2011). Dieses brisante Thema in der Historiographie der öffentlichen Kleinkindererziehung bedarf noch einer eingehenden wissenschaftlichen Aufarbeitung.

Die von der Fröbelpädagogin Angelika Hartmann für ihre Publikation "Fröbels Erziehungsmittel nach der Konzentrationsidee" ausgewählten "kleinen Liedchen"  zur Unterstützung der Konzentrationsidee sprechen für sich: "Wer will tapfere Soldaten sehen", "Wer will unter die Soldaten", "Soldaten müssen haben" oder "Da kommen die Soldaten" (Hartmann 1904, S. 134 ff.). Selbst Fröbels Spielgaben wurden für die ideologische Beeinflussung missbraucht:

"Man baut eine Kaserne mit den Bausteinen der fünften Gabe der Fröbelschen Baukästen auf ein größeres Stück festen Karton, das man mit einer aus Pappe hergestellten Mauer umgibt, die wie aus roten Steinen bestehend angemalt ist. Auf das Gebäude kann man nun Fahnen stecken, welche die Kinder vorher selbst gefertigt haben. Der Kasernenhof kann mit Geschützen und mit Lanzen, Säbeln, Gewehren usw. umstellt sein. Man gibt Zinnsoldaten oder gemalte Soldaten, läßt sie im Hofe aufstellen, miteinander marschieren, wozu die Kinder singen, oder miteinander fechten, wobei zwei Kinder die zwei Reihen befehligen. So kann auch ein Offizier oder General zu den Soldaten gestellt werden, oder an Kaisers Geburtstag läßt man den Hof mit Fahnen schmücken, und der Kaiser kommt zu Pferde in die Kaserne geritten... und die Soldaten salutieren usw... Sehr bildend ist für die Kinder dann ein Spaziergang zu den Kasernen hin, wenn solche sich in der Stadt befinden" (ebd., S. 148).

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Aufstellung zum Maschierspiel (Quelle: Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen)


 
Gängige Ausrichtung an Kaiser und Nationalgedanken

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Die Ausrichtung am Nationalgedanken und an der Person des Kaisers war gängige Erziehungspraxis in allen vorschulischen Einrichtungen der Kaiserzeit, egal ob christlich konfessionell gebunden oder nicht. In der vom "Deutschen Fröbel-Verband" herausgegebenen Zeitschrift "Kindergarten" wurden in regelmäßigen Abständen Lieder, Gedichte, Sprüche usw. auf die Monarchie und das Herrscherhaus veröffentlicht. Beispielsweise findet sich zum Geburtstag des Kaisers folgendes Lied (hier die letzte Strophe), nach der Melodie des Liedes "Heil dir im Siegerkranz":


"Bleib du noch lange hier
All deiner Deutschen Zier,
des Landes Stolz!
Gott wache über dir.
Sein' Gnad erflehen wir
Für dich und für dein Volk
Zu aller Heil" (Kindergarten 1911, S. 27).
 

  Die in der Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenausbildung von Diakonissinnen tätige Anna Borchers ist ein weiteres Beispiel für die politische Unterwanderung der öffentlichen Kleinkinderziehung der damaligen Zeit. In ihrer Publikation "Feststunden mit unseren Kleinen" finden sich mehrere Kinderlieder folgender Art:


"Ihr Knaben alle, groß und klein,
wir wollen rechte Deutsche sein,
marschieren nach Soldatenbrauch,
dann freut sich unser Kaiser (König) auch.
Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,
einst schützen wir den deutschen Rhein, den deutschen Rhein!
...
Wenn Gott uns freudig schenkt den Sieg,
wir froh heimkehren aus dem Krieg,
dann kann sich uns're Mutter freu'n
und stolz auf ihre Jungen sein!
Treu schützen wir den deutschen Rhein, den deutschen Rhein!" (Borchers 1905, S. 22).


Die rege publizierende Diakonieschwester Hanna Mecke hatte zusammen mit Helene Hildebrand 1913 eine Sammlung von Liedern, Spielen, Musikstücken etc. mit dem Titel "Sang und Klang im Kinderleben" herausgegeben. Das äußerst erfolgreiche Werk beinhaltet, entsprechend dem Zeitgeist, auch "Marschierlieder für Kinder im vorschulpflichtigen Alter", die u. a. aus Kindergärten in Kassel stammen. Neben Soldatenliedern und Militärmärschen finden sich auch Huldigungen an den Kaiser. Mecke dichtete nach einer Volksweise:


"Wißt ihr, wer Geburtstag hat?
Wißt ihr, wer Ge-burtstag hat? Un-ser lie-ber Kai-ser!
Un-ser Kai-ser in Ber-lin, möcht am lieb-sten zu ihm ziehn,
rufen froh: Hura, hura! Hoch laß ich ihn leben.
Gesprochen: Unser Kaiser Wilhelm lebe 'hoch! hoch! hoch!" (Mecke/Hildebrandt 1913, S. 8).


Erstaunlich oder vielmehr erschreckend ist, dass einige Lieder aus der Epoche des Kaiserreiches noch in die 1929 erschienene sechste Auflage von "Sang und Klang im Kinderleben" mit aufgenommen wurden, in einer Zeit, in der erstmals in Deutschland eine parlamentarische Demokratie bestand und die brutale Vergangenheit mit ihren schwerwiegenden Folgen noch nicht allzu lange zurück lag. Dazu zwei Beispiele:


"Der Steckenpferdereiter.
Der Ge-ne-ral Bum-bum, der rei-tet al-les um,
sein Pferd, das kennt ein je-der, Pa-pier ist H-elm und Fe-der,
sein Sä-bel ist von Holz, er selbst ist kühn und stolz.
Jetzt kommt er mit Schnau-fen, ihr Kin-der laßt uns lau-fen,
der Ge-ner-ral Bu-bum, der rei-tet al-les um" (Mecke/Hildebrandt 1929, S. 2).


"Wenn die Soldaten.
Wenn die Sol-daten durch die Stadt mar-schie-ren,
lau-fen die Kin-der al-le vor die Tü-ren.
Ei wa-rum? ei da-rum! ei wa-rum? ei-darum!
ei bloß weg'n dem Tschin-te-ra-ta, tschin-te-ra-ta bum,
ei bloß, weg'n  dem Tschin-te-ra-ta, tschin-te-ra-ta bum" (ebd., S. 6).


Die Schwestern Athanasia und Eusebia hatten mit ihrem Werk "Nützliche Beschäftigungen für die Kleinen" die katholische Kleinkinderpädagogik entscheidend beeinflusst. Ihr Werk erschien nochmals 1927 in sechster Auflage. Die von den Ordensfrauen erwünschten Tugenden wie Fleiß, Disziplin, Gehorsamkeit und Ordnung sollte den Kindern (indirekt) durch Verse, Sprüche, Gebete, Marschierlieder (teilweise mit militärischen Inhalt) etc. vermittelt werden. Nachstehende Auswahl will zeigen, "wie die Kleinen gute Beispiele nachahmen und auch recht höfliche Kinder werden sollen" (Schwestern Athanasia und Eusebia 1890, S. 54):

 
"Marschierliedchen.
Eins, zwei, drei, vier,
eins, zwei, drei, vier,
eins, zwei, drei, vier,
Gewehr auf! Richtet euch!
Schultert das Gewehr auf und marschiert.
...
Soldat, Soldat zu spielen,
o das ist eine Lust!
Zu schreiten hin und wieder,
das stärkt uns're Glieder,
das stärkt uns're Bust" (ebd., S. 174 f).

 
militarismus 535Soldatenspiel im Kindergarten (Quelle: Ida Seele-Archiv, 89407 Dillingen)




 

Die in dem Buch der Schwestern enthaltenen Marschierlieder- und -Übungen entsprachen dem damaligen Verständnis katholischer Kleinkinderpädagogik. Emy Gordon of Ellon, geb. Freiin Beulwitz, lobte diese Form der körperlichen Bewegung, die eine Unzahl von Varianten zulässt, mit folgenden Worten:

"Die Kleinen gehen einzeln, zu zweien, dreien u.s.f. in geraden oder gebogenen Linien, einige Schritte rechts, einige links, 'Füßchen geschlossen, Füßchen auswärts, das ist schön, so laßt uns im Kreise gehn'. Sie gehen im militärischen Schritt, gewöhnen sich an eine gute Haltung und sind sich ihrer Handlung durch das erklärende (gesprochene oder gesungene) Wort genau bewußt. Statt wild herumzutollen, erlangen die Kinder die Fähigkeit, sich anmutig zu bewegen; statt zu schreien, gewöhnen sie sich an melodischen Gesang" (Gordon 1902, S. 21 f).

Regine Strobel, Kindergärtnerin und Dozentin an der Kölner "Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt" schlägt in ihrem "Lehrbuch für die katholische Kindergärtnerin" der Kindergärtnerin im Umgang mit der Fröbel'schen 3. Gabe (der in acht Würfel geteilte Würfel) folgendes weiters rigide Vorgehen vor, nachdem alle Kinder bereits auf Anleitung einen Dom erstellt hatten:

"Wir rücken unsere Domtürme wieder zusammen, nehmen rechts die zwei oberen Würfel herunter und stellen sie rechts daneben. Dann nehmen wir links den obersten Würfel und setzen ihn rechts auf die beiden. Da haben wir ein Schloß, vielleicht gar das Schloß des Kaisers, das ist ein sehr großes Haus mit Türmchen. Wo wohnt denn der Kaiser? In Berlin, da wohnt auch die Kaiserin und ihre Söhne, das ist der Kronprinz, und die Prinzen, und ihr Töchterchen, Prinzessin Viktoria Luise. Ihr habt den und seine Familie sehr gern; der Kaiser ist unser Landesvater, er sorgt für das ganze Land. Wenn Kaisers Geburtstag ist, schmücken wir unsere Zimmer mit Fähnchen und das Bild des Kaisers mit Blumen und wir singen dabei gar fröhlich. Auch jetzt wollen wir unser Liedchen recht schön singen, daß es der Kaiser in seinem Schlosse hört! (Das Lied: 'Der Kaiser ist ein lieber Mann' usw.)" (Strobel 1908, S. 121).

Am 27. Januar wurde des Kaisers Geburtstag "mit Sang und Klang, mit Fahnen, Trommeln, Trompete, Gewehren und Säbeln [gefeiert; M. B.]... Die Kinder marschieren und singen dabei Kaiserlieder; einige haben ein 'Verschen gelernt, um den lieben Kaiser zum Geburtstage zu erfreuen. Die Kindergärtnerin erzählt den Kindern von unserm lieben Kaiser und der kaiserlichen Familie - die Kinder erhalten Fähnchen und Orden aus buntem Glanzpapier und lassen den lieben Kaiser hochleben" (ebd., S. 147).


Erziehung zum Krieg

Der  "Hurra-Patriotismus" der Kaiserzeit erreichte während der Jahre 1914 bis 1918 seinen Höhepunkt. Die Devise lautete Erziehung im Krieg zum Krieg, der als der große Menschenerzieher gepriesen wurde:


"Es kämpfen die Krieger
mit kräftiger Hand.
Wir Deutschen bleiben Sieger
zu Wasser und zu Land!" (zit. n. Berger 1990, S. 59

 

Die seinerzeit hochgeachtete Fröbelpädagogin Gertrud Pappenheim schrieb:

"Und wenn wir es sonst für wert halten, die Kinder durch Gewöhnung allmählich zum Verständnis kleiner Tugenden wie Sauberkeit, Ordnung, Verträglichkeit zu führen, wieviel mehr wollen wir jetzt ein Verständnis anbahnen für den großen Menschenerzieher 'Krieg'" (zit. n. ebd.).

Die Verführung der Kleinkinder zu Militarismus und Nationalismus belegt ein Textauszug aus der evangelischen Fachzeitschrift "Die Christliche Kleinkinderpflege":

 

"Wie kann eine Erzieherin die gegenwärtigen weltgeschichtlichen Ereignisse zur Vertiefung ihrer Arbeit an den Kindern ausnützen?
...
Auch unsere Arbeit kann durch die Erlebnisse der Gegenwart erweitert werden. Die uns anvertrauten Kinder sollen ja einmal Miterben des neu verdienten Vaterlandes sein; sie sollen in  Zukunft das freudig bewahren, was ihre Väter in blutiger Schlacht erkämpft haben... Schon beim Spiel haben wir reichlich Gelegenheit, die gegenwärtigen weltgeschichtlichen Ereignisse auszunützen. Unsere Jugend spielt ja jetzt besonders gern 'Soldaten', und draußen in Wald und Feld lassen sich ganz wunderhübsche Kriegsspiele machen. Da werden Festungen erstürmt, Eilmärsche angesetzt oder mit Schneebällen, die vortreffliche Kanonenkugeln bilden, große Schlachten ausgefochten. Diese herrlichen Kriegsspiele sind recht gesund, sie stählen auch den Körper. Ganz besonders wollen wir doch  aber dadurch bei der heranwachsenden Jugend Liebe und Begeisterung für ihr deutsches Vaterland pflegen. Ein Kind, das schon in der Jugend Kaiser und Reich lieben gelernt hat, wird auch als Erwachsener stolz darauf sein, ein Deutscher zu sein" (zit. n. Haug-Zapp/Weitzel 1990, S. 6).

Es wurden "Kriegspläne" entworfen, wie über Erzählungen, Lieder, Gedichte, Spiele, Beschäftigungen etc. die Kinder manipuliert werden könnten. Und das noch 1918, als die Niederlage bereits offenkundig war. Diese ungeheuerliche Tatsache belegt nachstehender Beschäftigungsplan, wie er im Seminarkindergarten der "Kgl. Elisabethschule" in Berlin, geleitet von Gertrud Pappenheim, zum Einsatz kam:

 
kriegszeit im kindergarten 535Beschäftigungsplan 1918 (Quelle: Ida Seele-Archiv, Download unten)



 

Voranstehende Ausführungen zeigen auf, dass es faschistoide und autoritäre Tendenzen schon im Kaiserreich in der frühkindlichen Erziehung gegeben hat. Somit war bereits dort "der Boden für nationalsozialistische Ideen bereitet" (Aden-Grossmann 2011, S. 67).
 

Literatur


 











 

 


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