Die Entwicklung von Mehrsprachigkeit und mögliche Einflussfaktoren

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Entwicklung von Mehrsprachigkeit und mögliche Einflussfaktoren
  2. Spracherwerb bei Mehrsprachigkeit
  3. Erwerbsaufgabe – was das Kind lernen muss
  4. Simultaner bzw. bilingualer Erstspracherwerb
  5. Früher Zweitspracherwerb
  6. LITERATUR

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Simultaner bzw. bilingualer Erstspracherwerb

Der Erwerb von zwei (oder mehr) Sprachen von Geburt an (simultaner Erwerb) unterscheidet sich kaum vom monolingualen Erwerb. Die Erwerbsschritte bzw. Meilensteine sind gleich und auch die erreichbaren sprachlichen Fähigkeiten können denen einsprachiger Kinder entsprechen. Das gilt vor allem für das grammatische System einer Sprache (Morphologie und Syntax). Je nach Sprachkonstellation kann es durch den Einfluss der anderen Sprache für einzelne Phänomene zu verlangsamtem oder auch zu beschleunigtem Erwerb kommen. Manche simultan bilingualen Kinder beginnen etwas später zu sprechen als einsprachige Kinder.

Insgesamt erfolgt der Erwerb auch in der zweisprachigen Konstellation im Rahmen der großen Variationsbreite, die aus dem monolingualen Erwerb bekannt ist. Die Auseinandersetzung mit zwei oder mehr Sprachen kann in einer zwei- oder mehrsprachigen Erwerbskonstellation zu einer schnelleren Entwicklung metasprachlicher Fähigkeiten führen.

Die Entwicklung zweier Sprachen von Anfang an bedeutet aber nicht, dass beide Sprachen sich im Gleichschritt entwickeln. Die Entwicklung eines Teilbereiches einer Sprache, wie z.B. die Pluralbildung kann schneller gehen als in der anderen. Auch bleibt die Wortschatzentwicklung simultan zweisprachiger Kinder mitunter hinter der von einsprachigen Kindern zurück. Bedenkt man, dass der sprachliche Input pro Sprache in der Regel weniger umfangreich als bei einsprachigen Kindern sein dürfte, ist das nachvollziehbar.

Auch bei einsprachig aufwachsenden Kindern ist die Variabilitat im Wortschatzumfang zuweilen sehr groß. Mitunter werden die zu erlernenden Sprachen auch gemischt, was sehr typisch ist für Kinder, die von Beginn an zwei oder mehr Sprachen erwerben: „Mama mangiare machen!“. Diese punktuellen oder kompletten Sprachwechsel (Code-Switching) oder Sprachmischungen (Code-Mixing) erfolgen als individuelle und strukturlogische Lernvarietäten, nicht als Fehler. Sie können unbewusst oder absichtsvoll vorkommen, z.B.:

  • aus mangelnder Sprachbeherrschung der weniger dominanten Sprache,
  • durch sozio-emotionale Bindung an die dominantere Sprache,
  • durch eine Veränderung des sozialen Kontextes,
  • durch eine Veränderung der Gesprächsteilnehmenden,
  • durch Themenwechsel oder - aus stilistischen oder metaphorischen Gründen (z.B. um eine Erzählung besonders auszuschmücken.

Die phonologischen Systeme trennen sich früher voneinander, während lexikalische Mischungen länger toleriert oder aus den vorgenannten Gründen absichtsvoll vorgenommen werden. Die Entwicklung der Trennung der Sprachen kann in drei Stufen beschrieben werden, auf die hier nicht naher eingegangen wird (vgl. etwa Baker 2000).



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