„Heute machen wir Musik“ – und alle machen mit?

Überlegungen zu einer inklusiven musikalischen Praxis mit Babys und (Klein-)Kindern

Inhaltsverzeichnis

  1. „Heute machen wir Musik“ – und alle machen mit?
  2. Vorüberlegungen
  3. Kinder, Musik und Inklusion
  4. Umsetzungsformen: Wo und wie können Kinder musikalische Angebote wahrnehmen?
  5. Zusammenfassung
  6. Literatur und Quellen

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Vorüberlegungen


Einführung: Musik

Musik ist ein vielfältiger Begriff, der in den unterschiedlichsten Zusammenhängen Verwendung findet. Grundsätzlich sind unter Musik Schallerzeugnisse zu verstehen, die durch menschliches Tun nach ästhetischen Gesichtspunkten organisiert und geordnet sind.

Musik kann verschiedenste Stilrichtungen umfassen wie etwa Rockmusik, Neue Musik, Volksmu-sik, Pop-Musik, Alte Musik, Heavy Metal, Rap-Musik, Mittelalter-Musik, Welt-Musik, Hip Hop, Tanz-Musik, Klassische Musik, Kaffeehaus-Musik, Hintergrund-Musik und vieles, vieles mehr. Musik kann gesellschaftlich akzeptiert sein („Sinfonie Nr. 2, D-Dur, op. 73“/Johannes Brahms oder „Angie“/Rolling Stones), zu Skandalen und Kompositionsverboten führen („Le sacre du Prin-temps“/Igor Strawinsky oder „Bei Dir ist es traut“/Alma Mahler) oder aufgrund des Textes strafrechtlich relevant sein („Der nette Mann“/Böhse Onkelz oder „Sexkönig“/King Orgasmus One).

Musik kann gemacht werden, Musik kann produziert werden, Musik kann geschrieben oder komponiert werden, Musik kann gehört werden, zu Musik kann getanzt werden, Musik kann bei einem Abendessen eine romantische Atmosphäre erzeugen und Musik kann eingesetzt werden, um bei Menschen ein spezifisches Verhalten hervorzurufen (z.B. Kaufhausmusik, Werbejingles).

Es gibt wohl tatsächlich kaum Menschen, die nicht mit Musik in Kontakt kommen: Als Mittel zur atmosphärischen Gestaltung von Partys, als rhythmische Begleiterin für sportliche Aktivitäten, als Mittel zur Entspannung und zur Steigerung des Wohlbefindens, als Mittel um eine aggressive Stimmung aufzubauen, als Begleitmusik zu Computerspielen und vieles mehr. Unterschieden werden kann insbesondere zwischen der Rezeption von Musik und einer aktiven Musikpraxis.

Musik stellt außerdem ein Medium der Kommunikation dar. Beim aktiven Musizieren und bei der Rezeption von Live-Musik wird entweder mit Mit-Musizierenden, mit Zuhörenden oder beiden kommuniziert. Nur in Ausnahmefällen wird alleine musiziert oder rezipiert wie etwa beim häuslichen Üben auf einem Instrument oder beim Hören von Musik über Kopfhörer. Selbst in diesen Fällen aber erfolgt Kommunikation. Die Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard hat den Aspekt der Beziehungsgestaltung bei Musik treffend zusammengefasst: „Musik war und ist in erster Linie Beziehungskunst. Sie stellt wie die Sprache ein riesiges Netz von Bezügen dar, in-nerhalb eines Stücks und außerhalb, bezogen auf Musik, die früher, gleichzeitig und später ent-standen ist. Wir hören nie nur das, was gerade erklingt, sondern auch immer das, was wir schon vorher gehört haben. Gleichzeitig schafft Musik im Moment des Erklingens nicht nur geistige, der Struktur des Stücks immanente, sondern auch ‚atmende’ Bezüge zwischen Menschen: den KomponistInnen, InterpretInnen und ZuhörerInnen sowie allen Menschen, deren Beziehungen mit in das ‚Werk’, in die klingende und in die hörende Interpretation eingeflossen sind“ (Borchard 2009, S. 219).

Im Alltagsverständnis werden Musik zahlreiche positiv besetzte Eigenschaften zugeordnet. Musik soll intelligenter, sozial verträglicher, gesunder und konfliktfähiger machen, sie soll mathematische Fähigkeiten verbessern, Kreativität und Phantasie anregen, sprachliche und motorische Kompetenzen vertiefen und vieles mehr. Wissenschaftlich herausgearbeitet worden ist ins-besondere, dass Musik dazu beitragen kann, die “Sensibilität bei der Identifikation emotionaler Botschaften in der sprachlichen Kommunikation“ (Rittelmeyer 2012, S. 49) zu erhöhen. Auf diese Weise kann die zwischenmenschliche Kommunikation und die Beziehungsgestaltung insgesamt erleichtert werden.

Insbesondere für das Musizieren mit Babys und (Klein-)Kindern ist ein offener Musikbegriff von Bedeutung. Musik wird hierbei nicht als Erzeugnis einer Hochkultur verstanden. Es braucht vielmehr ein Musikverständnis, das alle Menschen – auch Babys und (Klein-)Kinder - entsprechend ihrer individuellen Möglichkeiten als musikalisch begreift. Theo Hartogh und Hans Herr-mann Wickel postulieren, dass Musik dann Musik ist, „wenn sie uns als Musik vorkommt und uns etwas bedeutet.“ Die beiden Wissenschaftler stellen weiter fest, dass Musik ein subjektives Phä-nomen darstelle (Hartogh und Wickel 2004, S. 46). Musik wird als eine persönliche Ausdrucks-form verstanden, die sowohl in der aktiven Ausübung als auch in der Rezeption allen Menschen zugänglich ist. Kinder aller Altersstufen werden somit als musikalisch und musizierfähig betrach-tet, unabhängig von den Ergebnissen von Musizier- und Rezeptionsprozessen.


Kinder und Musik

Eltern musizieren mit ihren Babys und (Klein-)Kindern häufig regelmäßig. Manche Eltern beginnen bereits in der Schwangerschaft, ihren Kindern vorzusingen (Mastnak 2017, S. 125).

Im Umgang mit Kindern verbreitet ist das Singen von Schlafliedern („Schlaf, Kindchen, schlaf“, „Der Mond ist aufgegangen“) oder das gemeinsame Lauschen einer Spieluhr. Viele Eltern singen Bewegungs- und Spaßlieder mit ihren Kindern („Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp“, „Backe, backe Kuchen“) oder rhythmische Sprechverse („Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen“). Insbesondere bei diesen gemeinsamen musikalischen Eltern-Kind-Aktivitäten wird an der Musik der Aspekt der Kommunikation und der Beziehungsgestaltung deutlich, der jeder Form des Musizierens inne wohnt. Kinder und Eltern treten miteinander auf non-verbaler Ebene in Kontakt, erleben gemeinsam sinnerfüllte Zeit, Ganzheitlichkeit, Nähe und Vergnügen. Der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz stellte nach ausgiebigen Untersuchungen fest, dass beispielsweise Singen als eine spezifische Form des Musizierens „ein wirksames und schwer verzichtbares Mittel der elterlichen Fürsorge“ sei (Kreutz 2004, S. 57).

Doch nicht nur Eltern, sondern auch Babys und (Klein-)Kinder selbst musizieren auf individuelle Weise. Sie loten beispielsweise zum einen ihre stimmlichen Möglichkeiten aus, indem sie Silbenketten bilden, mit ihrer Stimme und den dabei entstehenden Tönen spielen, lallen, zirpen, quietschen, zischen, flüstern und summen. Zum anderen erproben sie zahlreiche klangliche Möglichkeiten: Sie patschen auf Tische, Stühle und Körperteile, trommeln auf Fußböden oder Wände, klatschen in die Hände und genießen beispielsweise das Geräusch, das sie durch einen Löffel und eine Schale erzeugen können. Es wird deutlich, dass die Erforschung der verschiedenen Möglichkeiten von Klangerzeugung für alle Kinder von großer Bedeutung ist.

Ein Interesse an klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten kann somit als allen Kindern angeboren betrachtet werden. Wie sich musikalisches Interesse im Verlauf des Heranwachsens entwickelt, ist von unzähligen Faktoren abhängig. In der Regel wird davon ausgegangen, dass Menschen ihre musikalischen Fähigkeiten in einem lebenslangen Prozess entfalten. Die individuellen Ent-wicklungsmöglichkeiten sind von der Quantität und Qualität musikalisch-ästhetischer Erfahrungen abhängig (Stiller 2002, S. 35).


Musik als Teilbereich menschlicher Kultur(en)

Musik gehört zu den „schönen Künsten“. Sie ist Bestandteil aller menschlicher Kultur(en) und ein bedeutendes, nicht zu ersetzendes Ausdrucksmittel für Menschen: Zu allen Zeiten, an allen Orten und selbst unter widrigsten Umständen sind unter Menschen musikalische Ausdrucksformen entstanden. Es lässt sich kein menschlich-soziales Gefüge ohne musikalische Aktivitäten denken (Maier 2019).

Der Soziologe und Sozialphilosoph Pierre Bourdieu hat im Rahmen seiner Studien den Begriff des „Habitus“ geprägt. Er hat festgestellt, dass es zum „Habitus“ von Menschen gehört, sich auf spezifische Weise zu verhalten und die Musik zu hören, die ihrer gesellschaftlichen Gruppe entspricht (Dietrich/Krinninger/Schubert 2012, S. 88/89. S. 70). Musik dient somit auch der Distinktion und der sozialen Differenzierung (Hill 2004, S. 83).

Die Bedeutung von Musik als Teilbereich menschlicher Kulturen ist mittlerweile umfassend erkannt worden. Ulrich Rademacher – Bundesvorsitzender des Verbands Deutscher Musikschulen und Mitglied im Präsidium des Deutschen Musikrats - spricht beispielsweise vom „Grundrecht auf musikalische Bildung“. Musik dürfe keine Gabe des leistungsfähigen Teils der Gesellschaft an weniger leistungsfähige Mitglieder sein, sondern müsse selbstverständlich allen Menschen zur Verfügung stehen. Und zwar „aus einer Haltung heraus, die von Anfang an alle Menschen mitdenkt, auch die, die als ‚Bildungsferne‘ gar nicht wollen können!“ (Rademacher 2017, S. 11).

Die UN-Menschenrechtscharta hält außerdem in Artikel 27, 1 fest: „Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben“ (https://www.menschenrechtserklaerung.de/kultur-3689/). Zum „kulturellen Leben“ im engeren Sinn und zu den „Künsten“ zählt zweifelsohne Musik; „jeder“ meint alle natürlichen Personen, auch Babys und (Klein-)Kinder. Davon unabhängig ist das asymmetrische Verhältnis zu Erwachsenen: Die Erwachsenen tragen aufgrund der besonderen Phase der Entwicklung von Kindern die Verantwortung für die Kinder mit (Maywald 2017, S. 323). Die grundsätzliche Bedeutung von musikalischen Ausdrucksformen und Praktiken ist somit in diesem Artikel der UN-Menschenrechtscharta – auch – für Kinder erfasst.

Zusätzlich zu dieser übergreifenden Positionierung der „United Nations“ ist auch in der UN-Kinderrechtskonvention wesentliches festgehalten. Die Kinderrechtskonvention wurde als Bestandteil einer Reihe von internationalen Konventionen zur Wahrung der Menschenrechte für besonders schutzbedürftige Gruppen erlassen (Maywald 2017, S. 325). In Artikel 29, (1) a heißt es: „Die Vertragsstaaten stimmen darin überein, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muß, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen“ (vgl. hier). In der Kinderrechtskonvention stehen somit insbesondere individuelle Entfaltungsmöglichkeiten von Begabungen und Fähigkeiten im Fokus. Da Musik wie bereits dargestellt ein grundlegendes und einzigartiges Ausdrucksmittel ist, kann die volle Entfaltung von Begabungen und Fähigkeiten zweifelsohne nur unter Ermöglichung des Zugangs zu musikalischen Angebote eintreten.

Wenn Musik somit ein grundlegendes Ausdrucksmittel für Menschen – und für Kinder - darstellt, müssen Babys und (Klein-)kinder die Möglichkeit zu haben, mit Musik in Kontakt zu kommen, ihr bereits vorhandenes Interesse am musikalischen Tun weiter auszuüben und zu differenzieren sowie durch Musik zu kommunizieren.
 



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