Stolpersteine auf dem Weg zur Inklusion

Ein Fallbeispiel aus Niedersachsen

„Wer InklusionInklusion|||||Inklusion beinhaltet eine wertschätzende Haltung in Bezug auf Diversität und Vielfalt in der Bildung und Erziehung. Heterogenität wird als normale Gegebenheit der Gesellschaft gesehen, und es geht darum den Rahmen und das Umfeld, dieser Heterogenität anzupassen und zu gestalten. Inklusion bezieht sich auf alle heterogenen Eigenschaften in einer Gesellschaft und wird nicht vorranging auf das Thema Migration oder Behinderung bezogen. will, sucht Wege, wer sie nicht will sucht Begründungen.“ (Hubert Hüppe, ehemaliger Bundesbehindertenbeauftragter)

Die Inklusion mit dem Ziel einer gleichberechtigten Teilhabe aller Menschen an Bildung und sozialem Leben ist in aller Munde. Doch wie schwierig sie trotz pädagogischer Überzeugung noch umzusetzen ist, zeigt das Beispiel einer hart umkämpften Einzelintegration in einer KiTa im niedersächsischen Schwanewede.

Mit dem Inkrafttreten der UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung in der Bundesrepublik Deutschland im März 2009 stehen auch Kitas vor der Aufgabe, die Forderung nach einem inklusiven Bildungssystem in die pädagogische Praxis umzusetzen. Ziel ist es, Kindern unabhängig von individuellen, sozialen oder kulturellen Unterschieden das gemeinsame Aufwachsen in der Kita zu ermöglichen. Und in diesem Sinne sollte auch „nicht mehr die Frage, ob ein Kind mit einer Behinderung aufgenommen werden kann“ die frühpädagogische Praxis bestimmen, „sondern vielmehr die Frage danach, wie sich eine Einrichtung verändern muss, um ein Kind mit seinen individuellen Bedürfnissen aufnehmen zu können.“ (Timm Albers: Inklusion in der Krippe )

Der dreijährige Joel aus dem niedersächsischen Schwanewede möchte zur Kita gehen. Doch in seinem Fall zeigt sich, dass es – trotz aller Appelle – auch heute noch schwierig ist, die Idee und den Anspruch der Inklusion in einer Regel-Kita umzusetzen,. Seit seiner Geburt hat Joel eine spastische Behinderung, kann sich aber entgegen erster ärztlicher Diagnosen mit einer Gehhilfe („Laufpony“) eigenständig fortbewegen. Ganz bewusst wollten seine Pflegeltern Petra und Matthias Hecker ihn nun in dem wohnortnahen und fußläufig zu erreichenden kommunalen Regelkindergarten an der Worpsweder Straße unterbringen, da dort nach ihrer Überzeugung „Joel’s Selbstständigkeit gut gefördert werden kann“. Darüber hinaus könne er so später zusammen mit den anderen Kindern in die benachbarte Grundschule überwechseln und seinen Freundeskreis behalten.

Joel soll kommen!

Bei der Leitung und dem Team der KiTa Worpsweder Straße stieß der Wunsch der Eltern von Joel auf offene Ohren, denn hier hat sich die Idee der Inklusion schon nachhaltig verankert: „Für uns ist es selbstverständlich, dass wir jedes Kind mit seinen individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen willkommen heißen. Für uns ist ganz klar, dass die Rahmenbedingungen wie auch entsprechende Hilfen oder Veränderungen der Strukturen den Kindern angepasst werden müssen“ sagt Leiterin Anke Buggel. Erste Erfahrungen mit einem behinderten Kind konnte die Kita vor vier Jahren mit der damals dreijährigen Laila aus dem Libanon machen, bei der sich erst nach der Aufnahme herausstellte, dass sie an der Schmetterlingskrankheit erkrankt war – sie hatte dadurch eine insgesamt schlechte körperliche Entwicklung, lauter Blasen am ganzen Körper und kaum Zähne im Mund. „Laila hat uns gezeigt, wie einfach es sein kann, ein Kind mit körperlicher Behinderung aufzunehmen“, so Anke Buggel. Z.B. sein die Regel, dass Laila nicht geschubst werden durfte, von den Kindern sofort eingehalten worden und auch das ganz andere Aussehen von Laila war für die anderen Kinder „nach kurzer Zeit ganz normal“. Die Versorgung der nässenden Blasen ließ sich gut in den Alltag integrieren und für Ausflüge wurde der Bollerwagen gepolstert, sodass Laila sich nicht hart stoßen konnte. Aber Laila blieb in der Kita Worpsweder Straße bisher eine absolute Ausnahme, weil in Schwanewede die zwei Integrations-Kitas in kirchlicher Trägerschaft für die Aufnahme von Kindern mit Behinderung vorgesehen sind.

Entscheidend für den Umgang mit Vielfalt ist für Anke Buggel eine „professionelle Haltung“ und hier gehöre es dazu im Team über Vorurteile zum Beispiel in Bezug auf Behinderungen oder kulturelle Unterschiede zu reflektieren und sich der „eigenen kulturell gefärbten Brille“ bewusst zu werden. In den letzten zwei Jahren hat das Team der Kita so auch sechs Fortbildungstage zu den Themen ResilienzResilienz|||||Resilienz kann als "seelische Widerstandsfähigkeit" verstanden werden mit der Fähigkeit Krisen zu meistern und diese als Anlass für Selbstentwicklungen zu nutzen. In der Resilienzförderung geht es speziell darum die Widerstandsfähigkeit von Kindern und Erwachsenen in belasteten und risikobehafteten Lebenssituationen durch schützende Faktoren zu entwicklen, zu ermutigen und zu stärken. Ein verwandter Begriff ist der der Salutogenese. , eigene Haltung, Biografie-Arbeit, Werte, Sichtweisen, Empathie und eigene kulturelle Prägung durchgeführt.

Team und Eltern mit im Boot


In Bezug auf Joel hat sich das Team nun noch einmal ganz bewusst mit dem Für und Wider und den eigenen Standpunkten zu Behinderungen auseinandergesetzt. Dazu wurde ein „Dialogkarussell“ mit verschiedenen Fragestellungen und Fallbeispielen durchgeführt. Am Ende war der einheitliche Tenor: „Na klar machen wir das, Joel soll kommen!“ Die MitarbeiterInnen sind fest davon überzeugt, dass sie auch mit besonderen Kindern umgehen können und dem Geiste nach schon lange inklusiv arbeiten. Und so meint auch Inge, die schon seit vierzig Jahren im Haus arbeitet, voller Tatendrang: „Lasst es uns einfach machen und nicht so viel reden. Manchmal ist es besser ins kalte Wasser gestoßen zu werden.“ Mit Aristoteles ist auch Kita-Leiterin Anja Buggel davon überzeugt, dass wir häufig erst „Dinge lernen, indem wir sie tun“. Im Anschluss an das Dialogkarussell erklärten sich auch gleich zwei MitarbeiterInnen bereit, eine Zusatzqualifikation für Integrationsgruppen bei der Volkshochschule zu machen, um sich entsprechendes Wissen anzueignen.



Dialogkarussell

Im Dialogkarussel sitzen oder stehen sich zwei Menschen gegenüber, die sich zu einer Aussage oder Fragestellung austauschen. Nach ca. 10 Minuten wechseln beide nach rechts oder links zu anderen TeilnehmerInnen. Zum Schluss werden die Aussagen bzw. Meinungen noch einmal zusammen diskutiert. Die Fragen, bzw. Aussagen haben einen realen Bezug und in der Kita Worpsweder Straße drehte sich das Karussell um Fragen der Aufnahme oder Ausgrenzung von Kindern mit körperlicher und / oder geistiger Behinderung und um die Entwicklung zu einer inklusiven Kita.
 

Aber nicht nur ihr Team hat Anke Buggel ins Boot geholt, sondern auch die Eltern der anderen Kinder. Auch sie waren nach engagierten Diskussionen mehrheitlich der Meinung, dass die Aufnahme eines behinderten Kindes ihren eigenen Kindern Chancen und Vorteile eröffne. Auch die Leiterin der örtlichen Frühen Hilfen, die Joel schon länger begleitet, sieht eine Einzelintegration von Joel in der Kita Worpsweder Straße positiv.

Hürden der Gesetzesgebung

Doch die Hürden für eine Einzelintegration von Joel erwiesen sich in Schwanewede trotz gutem Willen und hohem Engagement der Betroffenen zunächst als zu hoch – denn gegen den Willen der Eltern sollte dieser zum Sommer einer der beiden kirchlichen Integrations-Kitas zugewiesen werden.

Was steckt dahinter? Bei näherer Betrachtung ergibt sich am Beispiel von Joel ein sehr komplexes Bild aus rechtlichen Vorgaben, Zuständigkeiten, Interessenlagen, Vorannahmen und Idealen. Da ist zum einen die aktuelle rechtliche Lage, die durch das Niedersächsische KiTaG und das SGB VIII / IX definiert wird und mit der neben der Gemeinde als Kita-Träger sowohl das Kultus- wie auch das Sozialministerium mit ins Spiel kommen. Zum anderen stehen sich hier pädagogische Argumente entgegen, die je nach Perspektive als richtig und gut angesehen werden können. Nicht zuletzt spielt natürlich das Geld eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Insofern verbietet sich hier eine Schwarz-Weiß-Malerei, weil alle Beteiligten durchaus gute Argumente auf ihrer Seite haben.

Grundsätzlich ist es zunächst einmal so, dass Eltern nach dem Sozialgesetzbuch VIII (§5 Abs. 1 u. 2) ein Wunsch- und Wahlrecht haben und diesem soll entsprochen werden, „sofern dies nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden ist“. Laut dem Niedersächsischen KiTaG (§3 Abs. 6) sollen Kinder, die gemäß SGB IX „eine wesentliche Behinderung haben“ und entsprechend leistungsberechtigt sind, „nach Möglichkeit in einer ortsnahen Kindertagesstätte gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung in einer Gruppe betreut werden“. (zu den Finanzierungsregelungen vgl. hier: Wie wird Inklusion finanziert?)

Im Niedersächsischen Kultusministerium geht man dabei davon aus, dass Kinder mit einer wesentlichen Behinderung in einer integrativen Kindergartengruppe sehr gut gefördert werden können, weil es dort gesicherte Standards und neben der häufig größeren Erfahrung bessere personelle, räumliche und materielle Ressourcen gibt, die eine Kindergartengruppe nicht vorhält.

Für eine konkret geplante Einzelintegration ist eine entsprechende Betriebserlaubnis durch die betriebserlaubniserteilende Behörde, hier das Landesjugendamt, Fachbereich II, zu erteilen. Das Landesjugendamt hat nach § 85 Abs. 2 SGB VIII einen „Beratungsauftrag“ und nimmt die Aufgaben zum Schutz der Kinder in der Einrichtung wahr.
 

Einfach machen?!

Im Hinblick auf die Betriebserlaubnis hat die KiTa an der Worpsweder Straße unbestritten ein großes Manko: Sie ist nicht barrierefrei und für den spastisch behinderten Joel würde rein formal wohl der Einbau eines Fahrstuhls notwendig werden. Das würde für die Gemeinde hohe Kosten verursachen. Doch die Eltern beteuern, dass Joel es trotz seiner körperlichen Behinderung „liebt Treppenstufe für Treppenstufe zu erklimmen“. Hilfestellung könnte ihm dabei eine vom Jugendamt in Bremerhaven schon avisierte persönliche Assistenz geben, die ihn auch im sonstigen Kita-Alltag unterstützen würde. Angesichts seines geringen Körpergewichts könne Joel aber auch, wie bei anderen Krippenkindern üblich, die Treppe hochgetragen werden. Doch diese individuellen Gegebenheiten und flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten wurden aus Sicht von Joels Eltern in der Debatte erst einmal gar nicht berücksichtigt. An diesem Punkt stehen sich gesetzliche Regelungen und Vorschriften (und die Tendenz von EntscheiderInnen, sich darauf zurückzuziehen) sowie der Wille, Hürden individuell und flexibel zu überwinden, unvereinbar gegenüber.

Viele Eltern hätten nun nach der ablehnenden Haltung durch die Gemeinde und der Fachaufsicht wohl aufgegeben, doch Joels Pflegeeltern und auch die Kita an der Worpsweder Straße gaben nicht auf. So wurden die Inklusion und die gewünschte Einzelintegration zum Thema einer Fachausschusssitzung im März und einer Elternbeiratssitzung in der Kita, an der auch politische VertreterInnen und der Fachbereichsleiter teilnahmen.

Nur wer losgeht, kann ankommen

In einer schließlich entscheidenden Sitzung der Eltern mit LandkreisvertreterInnen, dem Fachdienst und VertreterInnen des für Joel zuständigen Jugendamtes in Bremerhaven gab es dann die überraschende Wende: Joel darf doch im Rahmen einer Einzelintegration in die Kita an der Worpsweder Straße. Getrübt wird der Erfolg für Petra und Matthias Hecker sowie Anke Buggel allerdings durch die vorangegangenen, teils heftigen Auseinandersetzungen sowie durch persönliche Vorwürfe und Unverständnis. Sie hoffen nun, dass sich das angespannte Klima bald wieder normalisiert und der Gedanke der Inklusion sich in den Köpfen durchsetzt.

Am Beispiel von Joel zeigt sich, dass wir in Deutschland in der Praxis noch weit davon entfernt sind als erstes zu fragen, wie sich eine Kita verändern muss, um Kinder mit besonderen Bedürfnissen wie Joel aufzunehmen. Noch stehen der Gedanke der Inklusion und die verbindliche rechtliche Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention im Gegensatz zur derzeitigen Gesetzgebung auf Landes- und Bundesebene (KiTaG, SGB VIII / IX). Dadurch entsteht ein hohes Konfliktpotential und dadurch droht auch das größte Engagement und die inklusive Haltung einzelner Eltern und pädagogischer Fachkräfte ausgebremst zu werden. Bis zur Verwirklichung der Inklusion liegt daher noch ein weiter Weg des Bewusstseinswandels, der rechtlichen Anpassung und der Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen für jede Kita vor uns. Dafür braucht es Menschen wie die Eltern von Joel sowie Anke Buggel mit ihrem Team, die sich von den vielen Widerständen und formalen Hürden keineswegs entmutigen ließen und mit Kurt Mati feinsinnig fragen: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“

P.S.: Mittlerweile hat Joel seine ersten Schnupperstunden in der Kita Worpsweder Straße hinter sich und eine persönliche Assistenz für ihn und eine zusätzliche heilpädagogische Fachkraft mit zehn Stunden sind gefunden. „Alle Kinder waren total entspannt und aufgeschlossen“ berichtet Anke Buggel „und meine Kita-Eltern sind sehr zufrieden über unseren gemeinsamen Weg und freuen sich für ihre Kinder, die ganz neue Erfahrungen machen können“.




Verwandte Themen und Schlagworte