Geschichte der ErzieherInnenausbildung am Beispiel Bayerns

Inhaltsverzeichnis

  1. Geschichte der ErzieherInnenausbildung am Beispiel Bayerns
  2. Gründung und Entwicklung der Ausbildungsstätten bis zu Beginn der Nazi-Diktatur
  3. Gründung und Entwicklung der Ausbildungsstätten während der Nazi-Diktatur
  4. Gründung und Entwicklung der Ausbildungsstätten nach 1945 bis 1967
  5. Gründung und Entwicklung der Ausbildungsstätten nach 1967
  6. Schlussbetrachtung
  7. Literatur

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Schlussbetrachtung

Die professionelle Ausbildung von Kleinkindlehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen ... und ErzieherInnen kann in Bayern auf eine nahezu 175-jährige Tradition zurückblicken. Auffallend ist, dass ab Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts ein Gründungsboom von Ausbildungsstätten einsetzte. Dieser erreichte seinen Höhepunkt in den 70er Jahren. Es war jene Zeit, in der der traditionelle Kindergarten als wichtige Sozialisationsinstanz immer mehr an Bedeutung gewann und sich damit aus seiner „Schonraumpädagogik“ löste. Mit dem am 1. Januar 1973 in Kraft getretenen Bayerischen Kindergartengesetz wurde der Kindergarten dem Bildungsbereich zugeordnet, und nicht zum Bereich der „Wohlfahrt“. Seine Erziehungs- und Bildungsdimensionen lagen nun im sozialen, kognitiven und affektiven Bereich:

"Damit ist de jure eine Forderung Friedrich Fröbels eingelöst, der den 'Allgemeinen Kindergarten', den er 1840 begründete, als Elementarstufe des gesamten Bildungssystems verstanden wissen wollte. Trotz der Zuordnung zum Bildungsbereich ist keine Verschulung intendiert: Die Freiwilligkeit des Besuches ist garantiert (Art. 1, 2), das System nichtstaatlicher Trägerschaft unter Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips ist respektiert (Art. 2,1) und Eltern und ErzieherInnen ist auf der Grundlage von Mindestanforderungen bei der Festlegung von Erziehungs- und Bildungszielen ein breiterer pädagogischer Spielraum gelassen" (Erning 1997, S. 739 f).

Da nun der Kindergartenbesuch als ungemein fördernd für die kindliche Entwicklung proklamiert wurde (vgl. Hebenstreit 1980, S.35 ff.), setzte eine enorme Nachfrage an Kindergartenplätzen ein. Infolge wurden Kindergärten in Stadt und (insbesondere) Land ins Leben gerufen. Dieser Sachverhalt führte zu einer verstärkten Nachfrage an ausgebildeten Fachkräften und somit zur Neugründung von dementsprechenden Ausbildungsstätten, davon 1986 40 in Bayern existierten.

Um dem erhöhten (wissenschaftlichen) Anspruch an die Fachkräfte gerecht zu werden, wurden im Jahre 1968 alle bis dahin existierenden sozialpädagogischen Ausbildungsstätten in Fachschulen für Sozialpädagogik umgewandelt. Dies führte u.a. zur Einführung eines einjährigen Berufspraktikums. Die Neuordnung des beruflichen Schulwesens in Bayern im Jahre 1972 bedingte eine weitere Änderung: Aus den Fachschulen für Sozialpädagogik wurden Fachakademien für Sozialpädagogik, verbunden mit einer (späteren) weiteren Erhöhung der Ausbildungszeit.

Nach einem Rückgang an Ausbildungskapazitäten setzte um 2008 ein wahrer Gründungsboom von Fachakademien für Sozialpädagogik ein. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Stadt Tirschenreuth auch eine Fachakademie für Sozialpädagogik installieren wollte. Doch Kultusminister Ludwig Spaenle lehnte dieses Ansinnen (2012) mit folgenden Worten ab:

„Das Bayerische Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung prognostiziert bis 2030 einen überdurchschnittlich hohen Geburtenrückgang für die nördliche Oberpfalz von – 15,9 % und von – 10,2 % für Oberfranken. Die Zahl der unter 3-Jährigen im Landkreis Tirschenreuth wird nach dieser Prognose bis 2030 um 27 % und die der 3- bis unter 6-jährigen um 20 % abnehmen. Daher ist davon auszugehen, dass auch die Zahl der erforderlichen Kinderbetreuungsplätze und damit auch das Arbeitsplatzangebot für ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher in der Region in den kommenden Jahren tendenziell eher zurückgehen wird. Der Anteil der 16- bis unter 19-Jährigen und damit der potenziellen Studierenden an einer Fachakademie für Sozialpädagogik wird im Landkreis Tirschenreuth bis 2030 gegenüber 2010 um 43 % abnehmen (Quelle: Regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung für Bayern. Demographisches Profil für den Landkreis Tirschenreuth. Hg. v. Bayr. Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung, November 2011, https://www.statistik.bayern.de/statistik/kreise/09377.pdf). Demnach ist davon auszugehen, dass der regionale Bedarf an ausgebildeten Erzieherinnen und Erziehern in der nördlichen Oberpfalz durch die bestehenden Fachakademien für Sozialpädagogik gedeckt werden kann. Eine Neugründung wäre voraussichtlich mit einer Gefährdung der bestehenden Fachakademien im Umland des Landkreises Tirschenreuth verbunden“
(https://www.annettekarl.de/dl/2012_03_07-anfrage-schuelerzahlen-fachakademie.pdf; letzter Zugriff am 1.5. 2017).

Ist diese Prognose auf andere Gebiete Bayerns übertragbar? Demzufolge wird es zu einer massiven Reduzierung der momentan 61 bestehenden Fachakademien für Sozialpädagogik kommen. Die Zukunft wird es zeigen!

Gegenwärtig dauert die Ausbildung zum/zur staatlich anerkannten/anerkannter ErzieherIn an einer Fachakademie für Sozialpädagogik im Durchschnitt (abhängig von den Zulassungsvoraussetzungen) fünf Jahre. Folgende Aufnahmebedingungen gelten zur Zeit für alle bayerischen Fachakademien für Sozialpädagogik:
1. mindestens ein mittlerer Schulabschluss: erfolgreicher Abschluss von Realschule, 10. Klasse Gymnasium, Wirtschaftsschule, die Fachschulreife oder ein vom Bayerischen Kultusministerium als gleichwertig anerkannter Abschluss.
2. eine geeignete berufliche Vorbildung:
a) oder eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem sozialpädagogischen, pädagogischen, sozialpflegerischen, pflegerischen oder rehabilitativen Beruf mit einer Regelausbildungsdauer von mindestens zwei Jahren;
b) oder eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem staatlich anerkannten Ausbildungsberuf und ein erfolgreich abgeschlossenes 1-jähriges Praktikum in sozialpädagogischen Einrichtungen (z.B. Kindergarten, Kindertagesstätte, Kinderheim, Erholungseinrichtungen u.a.m.) nach den vom Staatsministerium erlassenen Richtlinien;
c) oder eine einschlägige berufliche Tätigkeit von mindestens 4 Jahren.

Die Ausbildung ist eine berufliche Vollzeitausbildung, die sich in drei Abschnitte gliedert:
1. in ein zweijähriges Praktikum, verbunden mit einer an der Fachakademie durchgeführten theoretischen Schulung (400 Stunden pro Jahr) der SchülerInnen an zwei Wochentagen (sog. Sozialpädagogisches Seminar) und einer Abschlussprüfung;
2. in zwei theoretische Studienjahre mit unterrichtsbegleitenden Praktika und abschließender schriftlicher und mündlicher staatlicher Prüfung und
3. in ein einjähriges Berufspraktikum, das durch DozentInnen begleitet wird und mit einer erziehungspraktischen Prüfung und einem Colloquium abschließt.
Der erfolgreiche Abschluss des 2-jährigen Sozialpädagogischen Seminars beinhaltet den eigenständigen Berufsabschluss staatlich geprüfte/r KinderpflegerIn.

Neben einer qualifizierten fachlichen Ausbildung ist allen Fachakademien die Integration von Leben und Lehre, die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden gleich wichtig, die sich je nach Träger an humanistischen oder christlichen Grundwerten und Grundhaltungen orientieren. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern ist Bayern das einzige Land, das ErzieherInnen an Fachakademien ausbildet. An diesen können während der theoretischen Ausbildung zusätzlich (und das unterscheidet Bayern von anderen Bundesländern) durch Ergänzungsunterricht (und Ergänzungsprüfung) folgende Abschlüsse erworben werden:
• fachgebundene Fachhochschulreife und/oder
• allgemeine Fachhochschulreife und/oder
• fachgebundene Hochschulreife.

Der Abschluss an einer der Fachakademien für Sozialpädagogik in Bayern, vermittelt die Befähigung in folgenden Tätigkeitsfeldern zu arbeiten: Betreuungseinrichtungen (Krippen, Krabbelstuben, Kinderspielstuben), Klein- und Schulkinderbereich (Kindergarten, Kindertagesstätte, schulvorbereitende und heilpädagogische Einrichtungen, sonderpädagogische Tagesstätten), stationärer Hilfebereich (Kinderheim, Kinderkliniken, heilpädagogisch orientierte Heime, Jugendwohngruppen), Behindertenhilfe, Kur- und Erholungsheime, Jugendarbeit, Förderbereich, u.a.m. Folgende Zugangswege an eine Fachakademie für Sozialpädagogik sind möglich:

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Zugangswege für die Ausbildung an einer Fachakademie für Sozialpädagogik; Quelle: https://fachakademie-diako.de/wege-zu-uns (letzter Zugriff am 1.5. 2017)



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