Geschichte der ErzieherInnenausbildung am Beispiel Bayerns

Inhaltsverzeichnis

  1. Geschichte der ErzieherInnenausbildung am Beispiel Bayerns
  2. Gründung und Entwicklung der Ausbildungsstätten bis zu Beginn der Nazi-Diktatur
  3. Gründung und Entwicklung der Ausbildungsstätten während der Nazi-Diktatur
  4. Gründung und Entwicklung der Ausbildungsstätten nach 1945 bis 1967
  5. Gründung und Entwicklung der Ausbildungsstätten nach 1967
  6. Schlussbetrachtung
  7. Literatur

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Gründung und Entwicklung der Ausbildungsstätten während der Nazi-Diktatur


ausbildung16NSV-Ausbildungsstätten; Quelle: Ida-Seele-ArchivDen Nazis waren die konfessionell gebundenen Ausbildungsstätten ein Dorn im Auge, zumal diese dem direkten Zugriff durch die Partei schwerlich zugänglich waren. Darum verfügte der Nazi-Staat (ab 1939 beginnend) die Schließung dieser Bildungsinstitutionen. Um die benötigten Fachkräfte in Bayern zu sichern, wurden eigene linientreue Ausbildungsstätten, die der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) unterstanden, gegründet: 1938 in Friedberg bei Augsburg, 1940 im Schloss Steinenhausen bei Kulmbach und 1941 in Würzburg, an der ehemaligen „Sophienschule“. Die genannten NSV-Seminaren lehnten eine wissenschaftlich orientierte Ausbildung entschieden ab. Die zukünftigen Kindergärtnerinnen sollten nicht zu intellektuellen Persönlichkeiten ausgebildet sondern für „volkspolitische Aufgaben“ erzogen werden. Grundsätzlich „ist die Ausbildung der Kindergärtnerin ausgerichtet auf eine harmonische Entwicklung von Körper, Seele und Geist. Damit ist die Gewähr gegeben, daß diese harmonische Einheit auch auf die Kinder übertragen wird, die sie zu betreuen haben. Charakterliche Erziehung, seelische und körperliche Ertüchtigung und Erziehung zur Volksgemeinschaft – diese volkspolitischen Aufgaben verlangen weibliche, mütterliche Kräfte mit starkem Verantwortungsbewußtsein und mit schöpferischen und organischen Fähigkeiten. Sie heranzubilden ist das Zeile der Reichsseminare der NS.-Volkswohlfahrt“ (zit. n. Kernmayr 2005, S. 5). Der Beruf der Kindergärtnerin war für die Nationalsozialisten der „echt weibliche“. Anlässlich der Eröffnung des Seminars in Steinenhausen konstatierte die Reichsfrauenführerin H. Rees-Facilides:

„Es ist schon viel Kluges und Törichtes gesagt und geschrieben worden über das, was unter einem ‚echt weiblichen Berufe‘ zu verstehen ist, aber so viel ist gewiß, wer jemals unsere jungen Mädchen in den rings im Land entstehenden Kindergärten der NSV sich mitten in der ihnen anvertrauten jüngsten Jugend hat arbeiten sehen, der kann nicht im Zweifel sein darüber, daß es hier junge Frauen in einer Umgebung und bei einer Tätigkeit erblickt, die ihnen in der beglückendsten Weise angemessen ist“ (zit. n. ebd., S. 65).

Die Durchsicht der Schuldokumente ergab, dass sich die drei Seminare in jeder Hinsicht konform verhielten, zumal die NSV klare Vorschriften erteilte und keine Abweichungen davon duldete. Beispielsweise findet sich in den vorhanden Akten der NSV-Ausbildungsstätten der „Runderlaß des Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 15. September 1942, EIV c 1700 E II, E V, K 1“, der folgende (reichseinheitliche) Ausbildungsinhalte auferlegte:

ausbildung17Runderlaß des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung aus dem Jahre 1942; Quelle: Ida-Seele-Archiv



Ebenso findet sich in den Akten der drei NSV-Schulen der gleiche Hinweis zur Gestaltung des Jugendsportfests.
ausbildung18Vorschlag für die Gestaltung des Jugendsportfestes; Quelle: Ida-Seele-Archiv

Folgend wird die Ausbildungssituation in den NSV-Seminaren exemplarisch am Beispiel der Ausbildungsstätte in Friedberg bei Ausgburg aufgezeigt.

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Die „NSV. - Gauamtsleitung Schwaben, Augsburg, Halderstraße 16“ errichtete in Friedberg bei Augsburg, im ehemaligen Herrenhaus des sog. „Mezgerguts“, ein „NSV Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminar“ Die nationalsozialistische Einrichtung wurde 1938 unter Anwesenheit der schwäbisch-bayerischen Politprominenz eröffnet. In der Presse erschien folgende Mitteilung:

„Innerhalb des Hilfswerk ‚Mutter und Kind‘ ist eines der wichtigsten Teilgebiete die Arbeit in den Kindergärten und Horten, die zur Aufnahme solcher Kinder bestimmt sind, deren Familienerziehung nicht sichergestellt ist. Es handelt sich um Kinder erwerbstätiger Mütter, um Einzel- oder auch schwer erziehbare Kinder, mit denen die Mütter nicht so recht fertigwerden können. Da in vielen Kindergärten aber bis jetzt noch immer das ‚Bewahren‘ des Kindes, als seine körperliche und geistige Ertüchtigung im Vordergrund stand, will die NSV. Kindergärten schaffen und erhalten, in denen ein neuer Mensch erzogen wird. Hierzu erforderlich ist aber natürlich auch ein Umschulen der Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen bzw. eine gründliche Ausbildung derjenigen jungen Mädel, die Kindergärtnerin oder Hortnerinnen werden wollen. Um in diesem Sinne neue Arbeit zu leisten, wird von der NSV. im Mai in Friedberg bei Augsburg ein Seminar eröffnet, in dem Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen unter günstigen finanziellen Bedingungen ausgebildet werden und sich einen Lebensberuf schaffen können“ (zit. n. ebd., S. 13).

Der Beruf der Kindergärtnerin war für die Nazis das „echt frauliche Wirkungsfeld“. Dementsprechend warb das Friedberger Seminar in seinem Schulprospekt:

ausbildung19Schulprospekt des Friedberger NSV-Seminars; Quelle: Ida-Seele-Archiv„Wenn früher der junge Mensch seine Schulzeit beendet hatte, fragte man sich: ‚Was soll nun der Junge oder das Mädel anfangen, um möglichst viel zu verdienen und ein möglichst gesichertes und sorgenloses Leben zu haben?‘
Heute fragen sich verantwortungsvolle Eltern: ‚An welchem Platz kann mein Junge, mein Mädel seine Fähigkeiten am besten verwerten und seinem Volke mit seiner Arbeit am meisten nützen?‘
Darauf kommt es an - Jeder am rechten Platz! Jeder soll dort seine Arbeit und seine Pflicht erfüllen, wo er nach Anlage und Neigung hingehört. Denn nur die Freude an seiner Arbeit befähigt den Menschen zu einer vollwertigen Leistung.
Was wäre da für unsere frischen, lebenstüchtigen Mädel gegebener als einer jener Berufe, die ihrem fraulichen und mütterlichen Empfinden am meisten zusagen. Ein solches echt frauliches Wirkungsfeld ist der Beruf der Kindergärtnerin...
Kluge Eltern werden dem Wunsche ihrer Tochter, Kindergärtnerin zu werden, nicht entgegenstehen und sagen: ‚Das Mädel wird ja doch einmal heiraten. Wozu erst diese ganze Ausbildung?‘
Gerade diese Ausbildung und die praktische Arbeit im Kindergarten geben dem Mädel die besten Voraussetzungen für seinen schönsten und vornehmsten Beruf als Hausfrau und Mutter. Die Führung des eigenen Haushalts, die Erziehung der eigenen Kinder werden für die Kindergärtnerin einmal keine Probleme sein, wie sie es für die meisten Mädel sind, die aus anderen Berufen kommen“.

Die Ausbildung dauerte zwei Jahre. Sie gliederte sich in „Praktische Arbeit“ und „Theoretischen Unterricht“ Die praktische Arbeit erfolgte „in Land- und Stadtkindergärten, in Hort und Kinderheim, Säuglingsheim, Krippe oder Krabbelstube, in Küche, Haus und Garten“. Der theoretische Unterricht gliederte sich in folgende Fächer:

„Nationalpolitische Schulung, Reichskunde, Volkskunde, Deutsch, Erb- und Rassenpflege, Gesundheitspflege und Ernährungslehre, Volkstumspflege und Heimatkunde, Erziehungslehre und Menschenkunde, Berufskunde, Jugendschrifttum, Naturkunde, Leibeserziehung und Körperpflege, Kinderlied und Kinderspiel, Musik, Gestalten und Werkarbeit, Nadelarbeit, Hauswirtschaftskunde.“

ausbildung20Praktische Lehrstunde im Seminarkindergarten des Friedberger NSV-Seminars; Quelle: Ida-Seele-ArchivAm Beispiel der Erziehungslehre soll die „nationalpolitische Durchdringung aller Fächer“ verdeutlicht werden. Genanntes Fach gliederte sich in folgende Bereiche:

„I. Das germanische Erziehungsideal
II. Die Auffassung des Menschen im Mittelalter und die entsprechend gesehenen Erziehungsaufgaben
III. Der Weg der arteigenen Pädagogik
Pestalozzi, Fichte, Arndt, Jahn, Fröbel als arteigener Volkspädagoge
IV. Die Erziehungsformen des Nationalsozialismus
Erziehungsgrundsätze des Führers
Die Hitlerjugend, Idee und Gestalt
Hans Schemm, Usadel, Krieck“

Im Februar 1945 wurden die letzten 44 Seminaristinnen geprüft und sofort in die Praxis entlassen. Das ehemalige Schulgebäude wurde 1976 abgerissen. So erinnert heute in Friedberg nichts mehr an die einstige Nazi-Bildungsstätte (vgl. Berger 1985; 1986).


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