Zur Geschichte des Kindergartens in Österreich

Brief an Friedrich Fröbel zum 175. Geburtstag des Kindergartens


Mein lieber Herr Fröbel,


als Sie 1840 in Blankenburg den Kindergarten stifteten, haben Sie eine Institution ins Leben gerufen, die heute weltweit verbreitet ist. Leider verschwindet ihre schöne Titulierung immer mehr und wird im deutschsprachigen Raum von dem nüchternen Begriff Kindertagesstätte (Kita) ersetzt. Dabei sollte ihre Wortschöpfung genau das ausdrücken, was Ziel, Sinn und Zweck des Kindergartens ist, nämlich dass "hier die edelsten Gewächse, Menschen, Kinder... in Übereinstimmung mit sich, mit Gott und der Natur erzogen... werden" (Fröbel o. J., S. 8). Als wichtigste Aufgabe der Kindergärtnerin (heute sprechen wir von Erzieherin oder Kindheits- und Elementarpädagogin) sahen Sie es an, über die Pflege des kindlichen Spiels und verbunden mit Ihren Spielgaben und Beschäftigungsmitteln, das gesunde Wachstum des Kindes zu fördern - gleichsam einer Pflanze in einem Garten, die unter der "Sorgfalt erfahrener einsichtiger Gärtner im Einklang mit der Natur" (ebd.) gepflegt wird. Schon  am 28. Jänner 1831 hatte sich das "K. K. Landesgubernium für Tirol und Voralberg" für einen verstärkten Ausbauvon "Kinderwart-Anstalten" eingesetzt, wie nachstehendes Dokument belegt. 
Österrich 002

Ihr Kindergarten erfuhr nicht nur hohe Anerkennung, sondern auch massivste Ablehnung. So wurde er am 23. August 1851 im Königreich Preußen verboten und als „Teil des sozialistischen Systems, das auf Heranbildung der Jugend zum Atheismus berechnet ist " (vgl. Berger 2015, S. 15 ff.) desavouiert. Das Verbot hatte zur Folge, dass sich ihre Idee auch äußerst langsam im Kaiserreich Österreich verbreiten konnte. 1863 wurde der erste Privatkindergarten in der Wiener Landstraße von Georg Hendel ins Leben gerufen. Weitere Kindergärten folgten:

1864 in Prag durch Jose Heinrich,
1866 in Bielitz-Biala von Heinrich Otto,
1866 in Graz, durch Elisabeth Kopper, einer Schülerin von August Köhler in Gotha,
1866 in Reichenberg (heute Liberec), gegründet von einem Herrn Wessel,
1868 in Wien, in Leben gerufen von Hermine Schuh und Dirktor Stein,
1869 wiederum in Graz, von Fräulein Barthel, die ihre Ausbildung bei der Fröbelepigonin Angelika Hartmann in Köthen absolviert hatte sowie
1870 in Triest, errichtet von Vittore Castinglioni (vgl. Fischer 1911, S. 324; Gary 2003, S. 53 ff.).

Pfarrer Matthias (a. O. auch Matthäus) Hörfarter, der mit Bertha von Marenholtz-Bülow (eine Ihrer Epigoninen schlechthin!), in Verbindung stand, hatte bereits seit 1860 in Kufstein die Errichtung von sog. Kleinkinderbewahranstalten angeregt. Der Geistliche hatte mit Begeisterung Ihr Werk "Die Menschenerziehung" gelesen und kam zu dem Entschluss, dass eine eigene Förderung der Kleinkinder nach Ihrer Pädagogik notwendig sei. Er nahm mutig "den Kampf mit den Vorurteilen [auf], die durch das preußische Verbot der Kindergärten auch in Österreich Platz gegriffen hatten" (Schwarz 1938, S. 182) auf. Schließlich gründete er 1869 in Kufstein den ersten Kindergarten Tirols, dem drei Jahre später ein Kindergärtnerinnenseminar folgte.

Bedingt durch das Engagement von Agnes Klerr sowie Henriette Auegg, die für ihr karitatives Engagement mit dem Elisabeth Orden, dem einzigen Damenverdienstorden Österrich-Ungarns, augezeichnet wurde, entwickelte sich Graz zu einer Hochburg Ihrer Kindergartenidee. Den genannten Frauen gelang es, "mit Hilfe der deutschen Fachkräfte in kurzer Zeit die Fröbel-Sache in Graz auf ungeahnte Höhe zu bringen. Einige Jahre später wird von 7, dann von 9 und 11 Kindergärten berichtet, in denen bereits das Entgelt nach dem Einkommen der Eltern abgestuft wurde. Eine umfangreiche Vereinsbibliothek und gute Vorträge, sowie vierteljährliche fachliche Versammlungen sorgten für Weiterbildung der Kindergärtnerinnen und Anregung der Vereinsmitglieder. Für das materielle Wohl der Angestellten wurden eine Unterstützungskasse, der Agnes-Klerr-Fond und später das Asyl für Erzieherinnen... errichtet. Die Kinderpflegerinnenschule bot gründliche, den Forderungen der Pflege und Erziehung gesunder und kranker Säuglinge und Kleinkinder gut angepaßte Ausbildung. Hermine (richtig: Henriette; M. B.) Auegg, als Schriftstellerin, homöopathische Ärztin, Vorstandsmitglied der Krippen- und des deutschen Schulvereins unterrichtete im Kindergärtnerinnenseminar und wirkte unermüdlich für die Fröbelsache" (Schwarz 1938, S. 181).

Der 1868 gegründete ''Verein für Kindergärten in Graz" teilte in seinem 31. Jahresbericht mit, dass die neun ihm unterstehenden Kindergärten zwischen 14 und 189 Zöglinge betreuten, "im ganzen 1041, von denen nur 137 die 'Besuchsgebühr' von 2 fl. bezahlten. Sommerferien wurden, wie früher, nicht gegeben; doch erhalten die Kindergärtnerinnen 4-6 Wochen Ferien. Der Gesundheitszustand der Kinder war günstig... Die Zahl der angestellten Kindergärtnerinnen war 17; außerdem waren 3 staatlich geprüfte thätig. Von den 11 Hospitantinnen bildeten sich 9 durch 10monatlichen Besuch für die häusliche Erziehung aus... Die Gesamteinnahmen betrugen 10 546, 18 fl.; darunter Unterstützungen von der Stadt Graz 2860 fl., vom Landes-Ausschuss 400 fl., von der Steiermärkischen Sparkasse 600 fl., der Kronprinzessin-Witwe Erzherzogin Stephanie 30 fl., Mitglieder-Beiträge 562, 50 fl.... Der Verein zählt 19 Ehren-, 196 ordentliche Mitglieder (Jahresbeitrag 2-5 fl.) und 98 ausserordentliche Mitglieder (1 fl. Beitrag). - Der Vorstand besteht aus Herren und Damen, Vorsteherin ist Fräulein Henriette Auegg" (Kindergarten, Bewahr-Anstalt und Elementarklasse 1900, S. 72 f).

DSCN2386 3Die seit 1878 erscheinende Zeitschrift "Der österreichische Kinderfreund" war vermutlich das erste österreichische Fachperiodikum für die öffentliche Kleinkindererziehung, gefolgt von "Zeitschrift für das Kindergartenwesen", die 1881 vom "Wiener Verein für Kindergärten und Kinderbewahranstalten" herausgegeben wurde. Herr Fröbel, an dieser Stelle ist auf eine historische Inkorrektheit hinzuweisen. In der einschlägigen Literatur zur Geschichte des Kindergartens in Österreich wird/wurde immer wieder kolportiert, dass Ida Wieder (manchen Orts auch Weider ) 1846 (manchen Orts auch 1848) in Graz einen Kindergarten ins Leben gerufen hat/hatte (z. B. Engelbrecht 1986, S. 101 u. Gray 1995, S 60). Dies ist schlichtweg eine Unwahrheit, der ich, mea culpa, leider auch aufgesessen bin (vgl. Berger 2004, S. 4). Wie konnte diese Fehlinformation entstehen? 1848 haben Sie sich brieflich an Robert Felsberg in Neidschütz b. Naumburg gewandt und ihm mitgeteilt, dass Ida Weiler in Graz einen Kindergarten gründete. Die Herausgeber Ihrer Briefe korrigierten den vermutlich schwer zu entziffernden Namen Weiler zu Wieder und den Ort Quetz einfach zu Graz . Wie aus der Historiographie zum Kindergarten bekannt, wurde 1846 in Quetz eine Einrichtung für noch nicht schulpflichtige Kinder durch Pastor Ludwig Hildenhagen, ein großer Förderer Ihrer Idde des Kindergartens, ins Leben gerufen. In dieser kleinen Einrichtung wirkte Ihre Schülerin Ida Weiler als Kindergärtnerin. Ihr Brief mit der etwas undeutlichen Schreibweise stammt aber aus dem Jahr 1848. Und somit steht fest, dass, hervorgerufen durch Ihre schwer leserliche Schrift, Graz fälschlicherweise seinen ersten Kindergarten für das Jahr 1846 (bzw. 1848) zugewiesen bekam. Wie weiter oben ersichtlich, bekam erst 20 (bzw. 18) Jahre später nach dem irrtümlichen Datum Graz seine erste vorschulische Einrichtung, nämlich durch Elisabeth Kopper.

Ihre Idee des Kindergarten, lieber Herr Fröbel, fand neben Graz aber auch in Wien ein weiteres wichtiges Zentrum. Dort gab es ja schon länger eine Reihe von Bewahranstalten für Kinder aus Arbeiterkreisen, die vordergründig, wie der Name schon sagt, der Bewahrung und nicht der Förderung und Erziehung der Kinder dienten. Oberlehrer Georg Ernst lernte 1869 in Berlin auf der "Allgemeine Lehrerversammlung" Ihre Pädagogik näher kennen und war von ihr sofort begeistert. Er gründete mit Unterstützung des Landtagsabgeordneten Ferdinand Schrank im Januar 1870 in der Wiener Kommunalvolksschule in der Lerchenfeldstraße einen Kindergarten. Kurz vor dessen Eröffnung konstituierte sich ein Verein, bestehend aus 42 Mitgliedern. Mitte der 1920er Jahre wurden die vom Wiener Kindergartenverein unterhaltenen Einrichtungen von der Stadt Wien übernommen, „wodurch die Zahl der städtischen Kindergärten besonders vergrößert wurde“ (Goldbaum 1926, S. 133). Im Zuge der Reformbestrebungen des Kindergartenwesens, wurden in den Kindergärten der Stadt Wien, „viele Kindergartenzimmer... mit Montessoribehelfen ausgestattet, die nicht bloß zu einer Betätigung der Sinne anregen, sondern auch die Selbständigkeit fördern helfen“ (ebd., S. 134).

In diesem Brief an Sie, lieber Herr Fröbel, ist es mir aus Platzgründen natürlich nicht möglich, das gesamte Kindergartenwesen im ganzen früheren österreichischen Kaiserreich darzustellen. Doch am Beispiel von Siebenbürgen möchte ich exemplarisch aufzeigen, wie deutsche Kindergärten in den Kronländern Ihre Idee des Kindergartens pflegten und somit auch weit in das Kaiserreich hineinwirkten. Zum Beispiel hatte Friedericke Schiel, Tochter eines Kronstädter Stadtpfarrerstochter, nachdem sie das Gothaer Kindergärtnerinnenseminar von 1873-1874 absolvierte hatte, sogleich ihre Schwester und Cousine zur Ausbildung nach Gotha geschickt. Dies war der Anfang einer erfreulichen Entwicklung Ihrer Kindergartenidee in Siebenbürgen (vgl. Mieskes 1986, S. 83 ff.). In Kronstadt wurde 1879 der erste Kindergarten Siebenbürgens ins Leben gerufen, dem 1884 ein Seminar zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen angeschlossen wurde:

„Dessen Direktor Karl Thomas hatte in seinen Studienjahren in Berlin Ida Seele, die Lieblingsschülerin Fröbels, in ihrem Kindergarten kennengelernt... Diese Frau hatte auf Karl Thomas in ihrem Umgang mit Kindern einen tiefen Eindruck gemacht. Er sagte von ihr: ‚Ihr Name ist die Verkörperung ihres Wesens.‘ In seinen Anstalten versuchte er dieser Erinnerung getreu zu arbeiten.“ (Schwarz 1938, S. 183).

Adele ZayAdele Zay (Quelle: Ida-Seele-Archiv)Großen Einfluss auf Theorie und Praxis des Kindergartens in Siebenbürgen hatte Adele Zay (1848-1928). Die in Hermannstadt geborene Lehrerin folgte Ihren "Erziehungsgrundsätzen; der siebenbürgisch-sächsische Kindergarten sollte, nein, mußte ganz einfach ein Fröbelkindergarten sein. Eine 'bloße' Bewahranstalt wurde nach Zay erst dann eine Fröbel'sche Einrichtung, wenn sie die Spiele und Beschäftigungen des Meisters in seinem Sinne anwandte und dadurch zu einer kindgemäßen erziehenden und bildenden Stätte wurde. Für den Kindergarten verstand sich das von selbst" (ebd., S. 169 f). Zay betrachtete den Kindergarten, wie auch Sie Herr Fröbel, als eine die Familie unterstützende sowie ergänzende Erziehungs- und Bildungsanstalt für Kinder vom dritten Lebensjahr an bis zu ihrem Schuleintritt. Keinesfalls sollte er "den Eltern die Rechte und Pflichten der Erziehung abnehmen" (Zay 1916, S. 6). Der Kindergarten, so schrieb sie, "bietet im Verein mit dem Elternhaus dem Geist des Kindes die entsprechende Nahrung. Besonders lenkt er durch seine leichten, der Kinderkraft entsprechenden Beschäftigungen den Tätigkeitstrieb des Kindes von der Zerstörung nützlicher Dinge ab und flößt ihm Freude am schaffenden Tun ein. Er erhält durch fröhliche Lieder, Spiele und Erzählungen die kindliche Heiterkeit und befriedigt durch den Verkehr mit altersgleichen Gefährten den Spieltrieb des Kindes und sein Verlangen nach körperlicher Bewegung... Der Name Kindergarten... weist darauf hin, daß gleichwie die Blumen im Garten in ihrer natürlichen Entwicklung gefördert, vor Unkraut und anderen schädigenden Einflüssen möglichst bewahrt werden, der Kindergarten seine Aufgabe in der Befriedigung der leiblichen wie geistigen Bedürfnisse der Kinder und in der Behütung vor jedem schädigenden Einfluß sieht" (ebd.).


Haus der Kinder"Haus Der Kinder" Wien I, Rudolfsplatz (Quelle:Ida-Seele-Archiv)Im Jahre 1902/03 bestanden in der Donaumonarchie Österreich-Ungarn "936 Kindergärten und 14 Bildungskurse zur Heranbildung von Kindergärtnerinnen (der erste im Jahre 1868 von Albert Fischer gegründet)" (Fischer 1911, S. 325). Ihr Kindergarten, lieber Herr Fröbel, bekam in Österreich dann in den 1920er Jahren allerdings massive Konkurrenz durch die erstarkende Montessoripädagogik. Diesbezüglich war vor allem Lili Roubiczek, später Peller-Roubiczek, tonangebend. Sie IMG 20171013 0001Kindergarten in Groß-Enzersdorf um 1930 (Niederösterreich) errichtete 1923 im 10. Bezirk von Wien, Troststrasse 98, das erste "Haus der Kinder", das nach der Methode von Maria Montessori arbeitete. 1930 wurden Montessori-Kindergärten der Stadt Wien im Goethehof und am Rudolfsplatz ins Leben gerufen. Interessant ist, dass Roubiczek versuchte die Montessoripädagogik mit der psychoanalytischen Pädagogik zu verbinden, ein Unterfangen, das Maria Montessori jedoch nach anfänglicher Zustimmung verbot. Doch bereits schon 1920 hatte sich die "Berufsvereinigung der Kindergärtnerinnen Österreichs" (BVKÖ) gegen die Montessori-Methode ausgesprochen, trotzdem gab es 1928 immerhin "20 Montessori-Lehrerinnen in Wien. Fast alle städtischen Kindergärtnerinnen hatten in Montessori-Gruppen hospitiert" (Gary 2003, S. 138).


DSCN2364Besuch eines Soldaten im Kindergarten von Mieders (Insbrucker-Land) (Quelle: Ursula Primus)Nun, lieber Herr Fröbel, kommen wir zu einem der düsteren Kapitel in der Geschichte Ihres Kindergartens. Als Österreich im März 1938 von Nazi-Deutschland okkupiert wurde, begann die Gleichschaltung des Kindergartenwesens im Sinne der neuen Machthaber. Bald wurde die einzige katholische österreichische Fachzeitschrift für Kindergartenpädagogik "Unsere Kinder. Zeitschrift für Kindergärten, Horte und Heime " eingestellt, obwohl sich das Fachperiodikum mit der aktuellen politischen Lage und den dadurch veränderten Arbeitsbedingungen befasste und Beiträge veröffentlichte, "wie zum Beispiel: 'Schafft Erntekindergärten für die Landgemeinden'. Ab 1938 / Ausgabe Juli-August finden sich Einschaltungen der NSV, die zur Mitgliedschaft aufrufen, wie zum Beispiel folgende: Reichtum verpflichtet! 'Es hat der Reichtum nicht nur höhere Genußmöglichkeiten, sondern vor allem höhere Pflichten'. Werde Mitglied der NSV! '"(Primus 2005, S. 89). "Unsere Kinder" wurde durch die in Deutschland erscheinende Zeitschrift "Kindergarten. Zeitschrift für die nationalpädagogischen Aufgaben in Familie und Volksgemeinschaft unter besonderer Berücksichtigung der Kleinkinder- und Schulkinderpflege" ersetzt (vgl. Berger 2015). Die Kindergärtnerinnen der „Ostmark“ begrüßte man mit „vollem Herzen“, „nicht nur als Deutsche, sondern auch als Mitarbeiter am Deutschtum durch die Arbeit an Fröbels Werk“ (Schwarz 1938, S. 180). Mit der „Rückkehr Österreichs zum Reiche“ (ebd.) stand vor allem die Erziehung zu körperlichen Ertüchtigung im Vordergrund, um die Forderung des Führers zu erfüllen, „ein hartes Geschlecht heranzuziehen, das stark ist, zuverlässig, treu, gehorsam und anständig“ (Kindergarten 1941, S. 4). Die katholischen Kindergärten gingen, wie sich Clara Dederichs, seinerzeit Schriftleiterin von "Unsere Kinder" erinnerte, "durch einen Erlaß Hitlers [an die; M. B.] NS-Volkswohlfahrt [über; M. B.]. Zu gleicher Zeit setzte der Diözesan-Caritasverband ein, suchte zu schützen und zu halten, was möglich war und gewährte stillen aber sicheren Schutz in den gefahrvollen sieben Jahren der national-sozialistischen Zeit" (Dederichs 1962, S. 63).

Marta SchörlMater Margarete Schörl (Quelle: Ida-Seele-Archiv)Nach dem Zusammenbruch der NS-Gewaltherrschaft lag zunächst das Kindergartenwesen zerstört am Boden. Man musste neu aufbauen und knüpfte dabei an die traditionelle Kindergartenarbeit vor 1938 an, ohne innovativen Ideen oder kritischen Überlegungen Raum zu geben - von wenigen Ausnahmen abgesehen. So gingen bspw. „von der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychologie des Instituts für Psychologie an der Universität Wien unter Leitung von Sylvia Bayr-Klimpfinger wichtige Impulse für die Gestaltung der pädagogischen Arbeit im Kindergarten aus, die Sie sicherlich auch begrüßt hätten: das Raumteilverfahren, die Entwicklung einer Spiel- und Buchpädagogik und die Förderung der sprachlichen Entwicklung des Kindes“ (Burtscher 2002, S. 91). Margarete Schörl (1912 – 1991) hatte die Kindergartenpädagogik nach den Zweiten Weltkrieg maßgebend beeinflusst, nicht nur in Österreich, auch in Deutschland. Die Klosterfrau, die dem Orden der Englischen Fräulein (heute: Congregatio Jesu) angehörte, begann nach 1945 mit dem Aufbau eines Kindergartens in den Räumen des Kremser Instituts. Dieser wurde 1948 zum "Versuchskindergarten für Erziehungsreform" erklärt und erfreute sich bald eines guten Rufs. Die Klosterfrau stellte in ihrer täglichen Arbeit fest, wie wichtig u.a. ein "guter Spielplatz" für die Kinder ist. Ihre Beobachtungen und Erfahrungen trugen zur Entwicklung ihrer "sozialpädagogischen indirekten Methode", dem "Raumteilverfahren", bei. Darunter verstand Schörl die Teilung des Gesamtraumes in mehrere kleinere Spielräume (z.B. Bauplatz, Küche, Bilderbuchecke, Puppenstube), denen die jeweils entsprechenden Materialien zugeordnet werden. Im Mittelpunkt des Kindergartenalltags, so Schörl, steht das Spiel als die elementare Aktivitäts-, Lern- und Bildungsform. Die Klosterfrau machte schon seinerzeit darauf aufmerksam, dass der Kindergarten keine Lernfabrik ist, sondern in erster Linie ein Lebensort ist. Das bedeutet, viel Aufmerksamkeit neben der Organisation von Raum und Zeit auf all die Lernmomente zu richten, die sich aus den Beziehungen der Kinder untereinander und zu den Erwachsenen, aus ihren Spielen, Interaktionen und Gesprächen ergeben. Der Vorteil des Kindergartens ist, so Schörl, dass Wissen und Fähigkeiten in hohem Maße von Kind zu Kind gemeinsam erworben oder weitergegeben werden- und das in offenen und nicht vom Erwachsenen rigide vorgegeben Lernsituationen. Ich glaube, lieber Herr Fröbel, Sie hätten Gefallen an den Ideen und dem Engagement dieser Margarete Schörl gefunden!


Schörls Idee der immobilen Raumteile wurde in Österreich schließlich von der Architektin Grete Schütte-Lihotzky aufgegriffen. Letztgenannte hatte das Raumteilverfahren Anfang der 1950er Jahre für den neuerbauten „Friedrich Wilhelm Fröbel Kindergarten" (XX. Stadtbezirk, Kapaunplatz), der zum Vorbild für weiter Kindergartenbauten avancierte, auf eine architektonisch innovative Weise umgesetzt. Die einzelnen Gruppenräume (Spielzimmer) wurden mit drei festen und niedrig gehaltenen „Beschäftigungsnischen" (Ruhe-, Hauswirtschafts- und Lesenischen) ausgestattet, „in denen sich auch einzelne Kinder absondern können, denn auch diese Kleinen haben zeitweise ungestörte Konzentration nötig" (Stadtbauamt der Stadt Wien 1952, S. 14). Eine originäre Idee (Oder, Herr Fröbel?), die allerdings nur auf Österreich beschränkt blieb.

Nische PanoramaBeschäftigungsnischen im Friedrich Wilhelm Fröbel Kindergarten, Wien (Quelle: Ida-Seele-Archiv)


Ende der 1960er/Anfang der 1970er-Jahre kam dann noch einmal richtig Bewegung in die "Kindergartenlandschaft" und ich stelle mir gerne vor, wie Sie, lieber Herr Fröbel, in diese Debatten eingegriffen hätten. Der vorschulischen Einrichtung wurde nämlich vorgeworfen, sie würde zu wenig professionell arbeiten und zu sehr auf die kognitive Förderung der Kinder setzen. Der 1975 erschienene Rahmenplan "Bildung und Erziehung im Kindergarten" bemängelte so auch die Überbetonung des kognitiven Bildungsbereiches. Sozial-emotionales Lernen, die Förderung kooperativer Verhaltensformen und sozialer Kompetenzen rückten in den Vordergrund und Spielen und Lernen wurden gleichberechtigt in den Kindergartenalltag integriert. Die leitende Idee des Rahmenplans war der "mündige Mensch, der autonom und mit kritischem Bewußtsein zur persönlichen Verantwortung für die gesamtgesellschaftlichen Aufgaben befähigt und bereit ist" (Niederle/Michelic/Lenzeder 1975, o. S.). Die dem Plan zugrundeliegenden elf Bildungs- und Erziehungsbereiche gliederten sich in: Emotionale Erziehung, Sozialverhalten, Sexualerziehung, Wertverhalten, Religiös-christliche Erziehung, Kreativität, Denkförderung, Sprachbildung, Bewegungserziehung, Lern- und Leistungsverhalten und Umweltbewältigung“ (ebd., S. 16 ff.).

Da sich die Lebensbedingungen der Kinder rasch veränderten, genügte der Rahmenplan “Bildung und Erziehung im Kindergarten“ bald auch nicht mehr. Viele neue pädagogische Konzepte entstanden, wobei sich der so genannte "Situationsansatz" in den meisten Regelkindergärten Österreichs durchsetzte. Ich fasse Ihnen hier kurz seine Hauptmerkmale zusammen:

  • der Bezug zur Lebenssituation der Kinder,
  • das Lernen in Erfahrungszusammenhängen und in altersgemischten Gruppen,
  • die Mitwirkung der Eltern an der pädagogischen Arbeit sowie
  • eine enge Verbindung von Kindergarten und Gemeinwesen.

In den 1980er Jahren kam es in Österreich erstmals auch zu einer verstärkt wissenschaftlich fundierten Darstellung von spezifischen Methoden für den Kindergarten. Die Bildungsarbeit in den Kindergärten wurde maßgebend durch den neuen fachdidaktischen Ansatz, der in den Fachbüchern "Methoden des Kindergartens 1", "Methoden des Kindergartens 2", "Methoden des Kindergartens 3" seinen Niederschlag fand, bestimmt.

Im neuen Jahrtausend geriet der Kindergarten in Österreich zusammen mit dem in Deutschland durch die "PISA-StudiePISA-Studie||||| In der PISA- Studie der OECD werden alle drei Jahre seit 2000 in den Mitgliedsstaaten der OECD die alltags- und berufsrelevanten Fähigkeiten von 15- Jährigen durch Testfragen gemessen. Die mittelmäßigen bis schlechten Ergebnisse 2001 in Deutschland führten dazu, dass vielfach von einem PISA-Schock geredet wurde.  " ins Kreuzfeuer der Kritik. Die schlechten Ergebnisse dieser Bildungsstudie führten zu einem bi-nationalen Bildungsschock und vehement wurden vom Kindergarten nun die Vermittlung neuer (!?) "Schlüsselqualifikationen" wie beispielsweise dem frühkindlichen Fremdsprachenerwerb oder mathematischer, naturwissenschaftlicher und technischer Bildung gefordert. Dadurch angeregt entwickelte das "Charlotte Bühler-Institut" in Wien den "Transaktionsansatz". Im Vordergrund steht dabei nicht ausschließlich das Erreichen von bestimmten "Schlüsselqualifikationen", sondern der Blick richtet sich verstärkt auf die Qualität der transaktionalen Lernprozesse, d.h. auf die wechselseitige Beeinflussung der Entwicklungsprozesse von Kindern und ihrer kulturellen sowie sozialen Umwelt innerhalb und außerhalb des Kindergartens. Der "Transaktionsansatz" dient dazu, die Kindergartenpraxis durchschaubarer zu gestalten, indem die Erziehungs- und Bildungsarbeit aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird, wobei nachstehenden Prozessen eine zentrale Bedeutung zukommt:

"Aus psychologischer Sicht werden die transaktionalen Prozesse im Kindergarten transparent gemacht. Weiters gilt es festzustellen, welche Lern- und Entwicklungsprozesse im Bildungsgeschehen ermöglicht werden.
Aus der Sicht der Qualitätsforschung erfolgt eine Analyse der strukturellen Rahmenbedingungen im Kindergarten.
Aus pädagogischer Sicht werden das neue Bild vom Kind, die Funktionen und Aufgaben des Kindergartens, das erweiterte Bildungsverständnis sowie das Rollenverständnis der Kindergartenpädagogik dargestellt.
Aus didaktisch-methodischer Sicht wird die Planung und Reflexion der pädagogischen Arbeit näher beleuchtet" (Hartmann/Stoll/Chisté/Hajszan 2000, S. 74).

Lieber Herr Fröbel, mit dem neuen Jahrtausend kamen auch die Bildungspläne in Mode und der Kindergarten wurde zunehmend als erste Bildungseinrichtung anerkannt. In Österreich gibt es so einen Bundesländer übergreifenden BildungsRahmenPlan für elementare Bildungseinrichtungen, mit einem zusätzlichen Modul für das letzte Jahr in elementaren Bildungseinrichtungen, ferner einen Bildungsplan für Wiener Kindergärten, einen BildungsRahmenPlan Umsetzung Land Salzburg und Leitlinien zum Bildungsauftrag des Kindergartens für Kinder im letzten Jahr vor dem Schuleintritt für Kärnten, einen Bildungsplan für Kindergärten in Niederösterreich mit einer zusätzlichen Broschüre zur Entwicklungsbegleitung im letzten Kindergartenjahr, einen Bildungs- und Erziehungsplan für Vorarlberg. Außerdem wurde von der Arbeitsgemeinschaft "St. Nikolaus-Kindertagesheimstiftung" in der Erzdiözese Wien und der Caritas für Kinder und Jugendliche der Diözese Linz der "Religionspädagogische BildungsRahmenPlan" entwickelt. Alle Pläne beruhen auf freiwilliger Mitwirkung der erzieherisch verantwortlichen Personen.

Zu ihrer Zeit, mein lieber Herr Fröbel, plädierten Sie dafür, dass Kinder nur für ein paar Stunden im Kindergarten verbringen sollten. Er war ja gedacht als Anschauungsstätte für die Mütter (und natürlich auch Väter oder Gouvernanten), wie man mit den Kindern richtig spielt, sie über das Spiel, gebildet und gefördert werden können. Das ist heutzutage ganz anders. So gut wie alle österreichischen Kinder besuchten ab dem dritten Lebensjahr einen Kindergarten und immer mehr Ganztagsangebote werden etabliert, bereits schon für Kinder weit unter drei Jahren.
Heute ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf das beherrschende Thema und immer mehr Mütter möchten oder müssen schon frühzeitig wieder arbeiten gehen. Politik und Wirtschaft unterstreichen dabei auch gerne die volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten. Manchmal scheint es mir, dass dabei die Belange der Kinder etwas aus den Augen verloren gehen.

Schade, dass Sie, lieber Herr Fröbel zu dieser jüngsten Entwicklung nicht mehr Stellung nehmen können. Ich weiß allerdings, dass Sie schon sehr früh die Mutterliebe entbehren mussten und später immer wieder hervorgehoben haben, wie wichtig die Mutter für die Entwicklung des Kindes in seelischer, kognitiver und körperlicher Hinsicht ist. Die Zukunft wird zeigen, ob es der richtige Weg war, Kinder zunehmend früher und länger in einer (idealer-, aber noch längst nicht realerweise qualitativ ausgezeichneten) Kita unterzubringen. Sicher wissen wir zum 200. Geburtstag des Kindergartens mehr!

Fest steht, mein lieber Herr Fröbel, dass Ihre „Stiftung“ ein wichtiger und notwendiger „Teil der gesellschaftlichen und kommunalen Strukturen in Österreich (ist; M. B.). Das weltweite soziale ‚Ungleichgewicht‘ wirkt sich auch auf den Kindergartenalltag und dessen Gestaltung aus. Ein multikulturelles und multireligiöses Zusammenleben ist vielerorts alltäglich geworden“ (Greil 2015, S. 14). Ich bin mir sicher, dass zumindest diese Entwicklung Ihre volle Unterstützung findet!

Ich verbleibe mit freundlichen und hochachtungsvollen Grüßen
Ihr
Manfred Berger


Literaturverzeichnis

  • Berger, M.: von der Kleinkinder-Bewahranstalt zum Kindergarten als Bildungsinstitution. Ausgewählte Aspekte zur Entwicklung des Kindergartens in Österreich, in: Unsere Kinder . Sonderausgabe 2004. Tagesdokumentation
  • Ders.: Der Kindergarten von 1840 bis in die Gegenwart. Ein (fiktiver) Brief an Friedrich Fröbel zur 175-jährigen Geburtstagsfeier seiner vorschulischen Einrichtung, Saarbrücken 2015
  • „Gelobt sei alles, was hart macht!“ Das Kindergartenwesen im nationalsozialistischen Deutschland am Beispiel der Fachzeitschrift „Kindergarten“, Saarbrücken 2015
  • Burtscher, I.: Der Kindergarten – Ein Ort zeitgemässer Bildung?! Ein Beitrag zur ProfessionalisierungProfessionalisierung|||||Eine Professionalisierung findet im weiteren Sinne statt wenn die Entwicklung einer privat oder ehrenamtlich ausgeübten Tätigkeit zu einem  Beruf wird. Im Rahmen der Professionalisierung werden häufig Qualitätsverbesserungen und Standardisierungen erreicht. Professionalisierung bedeutet auch die Entwicklung eines Berufs zu einer Profession, darunter wird meist ein akademischer Beruf mit hohem Prestige und Anerkennung verstanden.   von ElementarpädagogInnen, Innsbruck 2002 (Dissertation)
  • Dederichs, C.: Von der Bewahranstalt zum Kindergarten, Salzburg 1962
  • Engelbrecht, H.: Geschichte des österreichischen Bildungswesens, Bd. 4, Wien 1986
  • Fellner, A.: Bericht über die Kindergärten und die Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt am Neubau in Wien, Wien 1881
  • Fischer, o. V.: Kindergärten, in: Enzyklopädisches Handbuch des Kinderschutzes und der Jugendfürsorge. I. Band: Abhärtung - Kunsterziehung, Leipzig 1911, s. 321-325
  • Fröbel, F.: Entwurf eines Planes zur Begründung und Ausführung eines Kinder-Gartens, Leipzig o. J.
  • Fröbel, F.: Entwurf eines Planes zur Begründung und Ausführung eines Kinder-Gartens, Leipzig o. J.
  • Gray, G..M.: Geschichte der Kindergärtnerin von 1779 bis 1918, Wien 1995
  • Gary, G.: Wir sind keine Tanten! Die Kindergärtnerin: Zur Geschichte eines Frauenberufs in Österreich, Strasshof 2003
  • Greil, M.: Kindergärten sind multikulturelle Schutz- und Lebensräume. Gesellschaftliche Herausforderung und Aufgaben nehmen zu, in: Unsere Kinder 2015/H. 5, S. 14-15
  • Goldbaum, H.: Der Wiener Kindergarten von heute, in: Kindergarten 1926, S. 133-134
  • Hartmann, W./Stoll, M./Chisté, N./Hajszan, M.: Bildungsqualität im Kindergarten. Transaktionale Prozesse Methoden Modelle, Wien 2000
  • Kindergarten, Bewahr-Anstalt und Elementarklasse 1900, S. 72-73
  • Mieskes, H.: Die Kindergartenidee in Siebenbürgen. Beitrag zur Kultur- und Geistesgeschichte der Siebenbürger Sachsen nach 1850, Wiesbaden 1986
  • Niederle, Ch./Michelic, E./Lenzeder, F.: Bildung und Erziehung im Kindergarten. Bildungs- und Erziehungsziele. Methodische Hinweise. Praktische AnregungenWien 1975
  • Primus, U.: Das Kindergartenwesen in der Zeit des Nationalsozialismus in Tirol: Einfluss der nationalsozialistischen Erziehungsideologie auf die Ausbildung zur Kindergärtnerin und die pädagogische Arbeit im Kindergarten, Innsbruck 2005 (Dissertation)
  • Schwarz, E.: Die Beziehungen des Deutschen Fröbel-Verbandes zum Fröbelwerk im früheren Österreich-Ungarn, in: Kindergarten 1938, S. 180-186
  • Stadtbauamt der Stadt Wien (Hrsg.). Der 150 Kindergarten der Stadt Wien „Friedrich Wilhelm Fröbel“XX, Kapaunplatz, Wien 1952
  • Zay, A.: Theorie und Praxis des Kindergartens. Zum Gebrauche an Bildungsanstalten für Kindergärtnerinnen und Kinderbewahranstaltsleiterinnen, Brassó-Kronstadt 1916