Sprachentwicklung und Sprachbildung im Kindergarten

Inhaltsverzeichnis

  1. Sprachentwicklung und Sprachbildung im Kindergarten
  2. Geborgenheit und Resonanz
  3. Empathie und Sprache
  4. Sprachentwicklungsphasen
  5. Haltung der Erzieherin
  6. Dialogrunden und Erlebnisse der Kinder
  7. Nachdenken über das eigene sprachliche Handeln
  8. Literatur

Gesamten Beitrag zeigen

 

I. Kinder lernen das Sprechen in Interaktionen

Sprachbildung im Elementarbereich wurde in den letzten Jahren in vielen Einrichtungen gleichgesetzt mit Sprachförderung. Oft war diese an bestimmte Personen und Programme gebunden. Es hat sich gezeigt, dass Sprachförderung als isolierte Maßnahme nicht sehr effektiv ist. (vgl. Haug-Schnabel / Bensel 2012, S. 56 und Albers 2011, S.81).  Kinder lernen das Sprechen in sozialen Interaktionen und nicht in Trainingssituationen. Intensivkurse des Sprechens finden in den unterschiedlichsten  Situationen des Alltags statt: beim Wickeln, Anziehen, Essen, Bilderbuch anschauen und Spielen. Beim handlungsbegleitenden Sprechen werden mehr Informationen gespeichert als in neutralen Sprachkontexten. Die verbalen Interaktionen zwischen Erzieherin und Kind werden als die entscheidenden Faktoren  für einen gelingenden Entwicklungs- und Bildungsverlauf angesehen (Haug-Schnabel / Bensel 2012, S. 54). Timm Albers fasst die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit so zusammen: „Die Gestaltung einer sprachförderlichen Umwelt durch dialogisches Bilderbuchlesen und Situationen des lang andauernden gemeinsamen Denkens im Kindergartenalltag ist dabei der einseitigen Unterstützung durch Trainingsprogramme vorzuziehen.“ (2011, S. 121)

 

II. Konzept einer modernen Sprachbildung

Erfreulicherweise sind in einigen Bundesländern die Weichen für ein modernes Sprachbildungskonzept bereits gestellt. So enthält der Hessische Bildungsplan die zentrale Aussage: „Sprachkompetenz erwerben Kinder am erfolgreichsten im Zusammenhang mit Handlungen, die für sie selbst Sinn ergeben.“ Die Niedersächsischen Handlungsempfehlungen zu Sprachbildung und – förderung  konkretisieren diesen Ansatz. Ganz deutlich hebt der Orientierungsplan zur Sprachbildung und Sprachförderung hervor, dass es im Elementarbereich primär darum gehen müsse, das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken. (Sprachbildung und Sprachförderung – Handlungsempfehlungen zum Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Tageseinsrichtungen für Kinder, S. 13).

 

Bedingungen für einen erfolgreichen Spracherwerb

  • ein wertschätzendes Erziehungsklima,
  • sichere und belastbare Beziehungen,
  • Zuwendungsformen, die Lernbegeisterung entfachen.
  • Feinfühliges und wertschätzendes Kommunikationsverhalten.
  • Kinder müssen oft zu Wort kommen, denn auch der Erwerb sprachlichen Wissens muss vom eigenen Handeln des Kindes ausgehen.
  • Das Gefühl von Erfolg und Selbstwirksamkeit ist wichtig.


 

Als Facetten eines neuen Sprachbildungskonzeptes können daher angesehen werden:

  • Reden über die Dinge des Alltags;
  • Vorlesen in den Familien und in der KITA;
  • über Bilderbücher und Geschichten sprechen;
  • Erzählen, Erfinden, und Aufschreiben von Geschichten;
  • Laut- und Sprachspiele, Gedichte, Reime und Lieder;
  • Spiele aller Art;
  • über Konflikte  reden;
  • Gespräche beim gemeinsamen Essen.
  • Vor allem sollten die Erwachsenen für die Kinder ein sprachliches Vorbild sein.


 

Empathische Beziehungen sind wichtig

Die neuen Orientierungspläne und Empfehlungen berücksichtigen  Erkenntnisse aus relevanten Forschungsbereichen.  Aus wissenschaftlicher Sicht hat die Beziehungsgestaltung eine revolutionäre Neubewertung erfahren. Die über Interaktionen entstehenden  Muster der neuronalen Verbindungen sind ein Spiegelbild der Gefühlsreaktionen der Bindungspersonen (Eltern, Erzieherinnen). Die Qualität der frühkindlichen Bindung und die in der weiteren Entwicklung  darauf aufbauenden Beziehungen mit anderen Personen bestimmen den Aufbau neuronaler Strukturen. Erlebt ein Kind Empathie, so ist  dies die beste Voraussetzung für die Entwicklung eines eigenen empathischen Handlungsmusters. Mehr und mehr kristallisiert sich heraus, dass Empathie (sich einfühlen und mitfühlen können) eine entscheidende Quelle für eine gut verlaufende Entwicklung darstellt.

Beachtung, Anerkennung und Zuwendung aktivieren das Motivationssystem. (Bauer 2005) Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass vor allem eine empathische Beziehung zwischen Erzieherinnen und Kindern eine positive Auswirkung auf die Sprachentwicklung hat. Es gilt daher, allen interaktiven Prozessen eine große Aufmerksamkeit zu schenken. Eine aktuelle Untersuchung scheint diese Annahme zu bestätigen.  „Trotz gleicher sprachlicher Ausgangslagen der Kinder und ähnlich struktureller Ausstattung wiesen die Kinder in einigen Einrichtungen nach einem Jahr deutlich größere sprachliche Fortschritte auf als in anderen Einrichtungen.“ (Jüttner / Koch, 2012)

 



Verwandte Themen und Schlagworte