Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung

- Ein inklusives Praxiskonzept für die KiTa -

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung
  2. Inklusion in der Praxis: Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung
  3. Herabwürdigungen und Diskriminierung (1) als Lernbehinderung
  4. Soziale Identitäten und normierende Botschaften
  5. Verantwortung der Bildungseinrichtungen
  6. Herausforderungen an pädagogische Fachkräfte
  7. Schlussfolgerungen
  8. Anmerkungen
  9. Literatur
  10. Anhang 1: Das Konzept in Kürze und Hintergrund KINDERWELTEN
  11. Anhang 2: Achtung Pseudovielfalt: Der touristische Ansatz
  12. Anhang 3: Achtung Pseudogleichheit: Der farbenblinde Ansatz

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Soziale Identitäten und normierende Botschaften


Das Selbstbild von Kindern setzt sich zusammen aus individuellen Eigenheiten und aus ihren Identifikationen zu sozialen Bezugsgruppen, zunächst ihrer Familie als primäre Bezugsgruppe. Bezugsgruppen fühlt man sich zugehörig oder man wird als dieser Gruppe zugehörig betrachtet. Soziale Identitäten sind Teil der Ich-Identität. Kinder oder Erwachsene auf nur einen Aspekt ihrer Identität zu reduzieren, wird von ihnen meist als schmerzlich oder unangemessen empfunden. Gleichzeitig nehmen Kinder von Anfang an Unterschiede zwischen Menschen wahr und verarbeiten Informationen über die gesellschaftliche Bewertung der einzelnen Identitätsaspekte:

„Kinder entwickeln ihre sozialen Identitäten als Gesamtheit. Im Kindergartengartenalter begin-nen Kinder, ihre Ideen und Gefühle über ihre eigene Identität als auch die Identitäten anderer auszubilden, in Bezug auf Hautfarbe, Ethnizität, körperliche und geistige Fähigkeiten, Ge-schlecht, sozio-ökonomischen Status und Familienstrukturen.“ (Derman-Sparks in Wagner 2013, 280)

Dass Informationen über die unterschiedliche Bewertung von sozialen Gruppen bereits früh das Selbstbild von Kindern beeinflussen, zeigten bereits in den 1940er Jahren Untersuchungen von Kenneth und Mamie Clark mit Schwarzen Kindern zu deren Präferenzen für hellhäutige und dunkelhäutige Puppen. Die meisten Kinder fanden die hellhäutige Puppe schöner, wollten lieber mit ihr spielen, fanden ihre Hautfarbe schöner. Eine Wiederholung der Untersuchung in 2005 bestätigte das Ergebnis (2). Eine Schlussfolgerung ist, dass rassistische Segregation die Entwicklung eines positiven Selbstbildes bei Schwarzen Kindern insofern behindert, als die Kinder früh negative Zuschreibungen erleben und diese verinnerlichen.

Diesen Zuschreibungen entnehmen Kinder Botschaften über sich selbst, über andere Menschen und darüber, wie die Welt funktioniert, was wünschenswert, „normal“, „schön“ ist. Die Quellen dieser Botschaften sind vielfältig und allgegenwärtig:

  • Es ist die Darstellung von Menschen in der Werbung, in den Medien, in Kinderbüchern, in Spielmaterialien, Puppen, Spielfiguren: Welche Hautfarbe, welche Haarfarbe, welche Körperform, welche Familienkonstellation dominiert? Wer ist ProtagonistIn der Handlung, wer ist Nebenfigur? Welche Geschlechter sind welchen Tätigkeiten zugeordnet?
  • Die Ausstattung und die Abläufe in den Bildungseinrichtungen: Welche Kleidungsstücke finden sich in der Verkleidungsecke? Wer spricht im Morgenkreis? Welche Sprachen sind zu hören und welche Schriften sind zu lesen, wer übersetzt wem – und umgekehrt? Welche Gruppen von Menschen zeigen Faschingskostüme, worum geht es in den Liedern, welche Feste werden gefeiert, welche religiösen Setzungen gibt es dabei, ohne dass sie als solche erläutert werden?
  • Die Art und Weise, wie mit Kindern gesprochen wird: Werden sie etikettiert? Werden sie in adultistischer3 Sprache angesprochen, die ihre Perspektive abwertet und entwichtigt?
  • Der öffentliche DiskursDiskurs|||||Der Begriff Diskurs kann verschiedene Bedeutungen haben, wurde ursprünglich jedoch als  „hin und her gehendes Gespräch“ verwendet. Weitere Bedeutungen sind: theoretische Erörterung, systematische, methodische Abhandlung, gesellschaftliche Auseinandersetzung, Erörterung. Sinnverwandt sind auch Debatte, Diskussion, Disput. , der auch Kinder erreicht: Wie wird über Menschen gesprochen? Wer ist „Ausländer“? Bei welcher Gruppe ist die Rede von „Sprachproblem“? Was soll das heißen: „Dönermorde“4? Taucht der Islam in Verbindung mit „Islamismus“ auf?
  • Die Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Menschen: Wer nicht vorkommt, ist nicht bedeutsam. Was unsichtbar bleibt, bekommt keinen Namen und kann also nicht besprochen werden: Armut, Arbeitslosigkeit...
  • Diskursive Muster der Polarisierung und Schuldzuschreibungen: ist die Rede von „bildungs-fernen Familien“, so sind die „bildungsnahen“ implizit mitgenannt. Familien, die sich und ihre Kinder „von der Bildung fernhalten“, haben es selbst zu verantworten, dass ihre Kinder keinen Bildungserfolg haben.
  • Diskurselemente, die das Positive hervorheben und damit gleichzeitig das als abweichend abwerten, was sich davon unterscheidet: Bilderbuchfamilien, „intakte“ Familien, „vollständige“ Familien...
  • Gutgemeinte pädagogische Aktivitäten, die Zugehörigkeit eher in Frage stellen oder entziehen anstatt sie zuzusichern: die Landkarte zu den „Herkunftsländern“, obwohl die Kinder hier geboren sind; die Aufforderung an Kinder, ein Wort in ihrer „Muttersprache“ vorzusagen, wobei sich das Kind vorgeführt und auf unangenehme Weise hervorgehoben fühlt – und beschämt ist, weil es das nicht kann, da es mit Deutsch aufgewachsen ist; Nationalfähnchen als Dekoration oder zur Kennzeichnung der „Nationalspeisen“ auf dem Sommerfestbuffet mit der Unterstellung, dass sie für die Kinder bedeutsam seien...
  • Zusammensetzung des Personals: Wer ist wofür zuständig? Was kennzeichnet die, die Bestimmerin oder Bestimmer sind? Welches Merkmal scheint für bestimmte Tätigkeiten zu prädestinieren? Mädchen bei der Feuerwehr, ein dunkelhäutiger Junge als Busfahrer – kommt das vor?