Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung

- Ein inklusives Praxiskonzept für die KiTa -

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung
  2. Inklusion in der Praxis: Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung
  3. Herabwürdigungen und Diskriminierung (1) als Lernbehinderung
  4. Soziale Identitäten und normierende Botschaften
  5. Verantwortung der Bildungseinrichtungen
  6. Herausforderungen an pädagogische Fachkräfte
  7. Schlussfolgerungen
  8. Anmerkungen
  9. Literatur
  10. Anhang 1: Das Konzept in Kürze und Hintergrund KINDERWELTEN
  11. Anhang 2: Achtung Pseudovielfalt: Der touristische Ansatz
  12. Anhang 3: Achtung Pseudogleichheit: Der farbenblinde Ansatz

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Herabwürdigungen und Diskriminierung (1) als Lernbehinderung


Kinder bekommen früh mit, wer in der Gesellschaft als „normal“ und wer als „unnormal“ gilt – und zu welcher Kategorie sie selbst und ihre Familien gehören. Kitas oder Schulen wirken als Spiegel: Sie sagen dem Kind nicht nur etwas über sich selbst, sondern auch über seine Familie. Da sich junge Kinder stark mit ihrer Familie identifizieren, haben sie feine Sensoren für Abwertungen oder Herabwürdigungen, die ihrer Familie gelten. Nehmen sie solche wahr, so müssen sie die Botschaft verarbeiten, mit Merkmalen ihrer Identität oder als Teil der Familie selbst abgelehnt zu werden.

Während einer Radiosendung über Kinder und Vorurteile gibt es die Möglichkeit, im Studio anzurufen. Maria aus Düsseldorf, 10 Jahre alt, ruft an und klagt ihr Leid:

„Immer wenn in meiner Klasse etwas wegkommt, geben sie mir die Schuld. Weil ich Polin bin. Das finde ich so gemein! Dass ich Polin bin, heißt doch nicht, dass ich klaue!“ Ihre Lehrerin bemerke das nicht und als sie es ihr einmal gesagt hat, habe die geantwortet, sie solle nicht petzen. Ihre Mutter sei einmal in die Schule gekommen und habe mit den anderen Kindern gesprochen. Aber nichts habe sich seither geändert. Maria wolle aber auch nicht, dass die Mutter immer wieder komme, das sei ihr peinlich vor den Klassenkameraden. „Was soll ich denn machen?“ fragt sie.

Maria hat schon Einiges ausprobiert, aber es ändert sich nichts. Das stereotype Vorurteil „Polen klauen“ gehört in ihrer Klasse zum Fundus „sozialen Wissens“. Es dient als „Erklärung“, wenn in der Klasse etwas abhandenkommt und richtet sich dann gegen diejenigen, die das Merkmal „polnisch“ tragen. Maria ist das Ziel der Zuschreibung, jedes Mal, ganz egal, wie sie sich verhält und ganz egal, wie gut ihre Beziehungen in der Klasse gerade sind.

Auf diese Weise immer wieder abgestempelt zu werden, ist mit Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht verbunden. Die erlebte Stigmatisierung ist umso schmerzhafter, je eher die stereotypen Vorurteile einem allgemeinen Konsens entsprechen und einer sozialen Gruppe gelten, die gesellschaftlich benachteiligt ist, wie hier der polnischen Bevölkerungsminderheit in Deutschland. Das Stigma dient der Rechtfertigung ihrer Benachteiligung, indem es negative Zuschreibungen über die Gruppe in den öffentlichen DiskursDiskurs|||||Der Begriff Diskurs kann verschiedene Bedeutungen haben, wurde ursprünglich jedoch als  „hin und her gehendes Gespräch“ verwendet. Weitere Bedeutungen sind: theoretische Erörterung, systematische, methodische Abhandlung, gesellschaftliche Auseinandersetzung, Erörterung. Sinnverwandt sind auch Debatte, Diskussion, Disput.  einspeist, die den Anschein erwecken, als sei diese durch ihr Verhalten selbst „schuld“ an ihrer Randstellung.

Die damit verbundene „Exklusion“ ist äußerst leidvoll: Sie besteht nicht nur im Ausgeschlossensein von gesellschaftlicher Teilhabe und in den unüberwindbaren Zugangshürden zu gesellschaftlichen Ressourcen, sondern auch in der fortgesetzten Erfahrung, als Repräsentantin einer Gruppe betrachtet zu werden, der Geringschätzung und Herabwürdigung gilt.